Durch das deutsche Grundgesetz wird die Bundesrepublik Deutschland als demokratischer Sozialstaat definiert1. Dieses Staatsprinzip beschreibt das Bestreben, soziale Ungleichheit aufzuheben, sowie Gerechtigkeit zu etablieren. In dem Gleichheitsprinzip von Artikel 3 des Grundgesetzes wird klar formuliert, dass niemand auf Grund seines Geschlechts, seiner Herkunft, Rasse, Sprache oder religiösen Ansicht bevorzugt oder benachteiligt werden darf. Der Gesetzestext beinhaltet dabei lediglich den formalen Grundsatz, die praktische Umsetzung erweist sich in vielen Bereichen als problematisch.
Einer dieser Bereiche ist das Thema Bildung. Ergebnisse der letzten PISA-Studie werfen im internationalen Vergleich ein eher trübes Bild auf das deutsche Bildungssystem. Die Bildungsexpansion, die in den 60er Jahren mit dem Ziel einer Neustrukturierung des Bildungssystems betrieben wurde, sollte insbesondere zu mehr Chancengleichheit führen. Dies ist nur in Teilen gelungen. Mehrere soziologische Texte befassen sich mit den Verlierern und Gewinnern der Bildungsexpansion und zeigen auf, welche Schwachstellen das deutsche Bildungssystem immer noch aufweist.
Mit dem Ausbau der Schulformen wurde zwar ein erhöhtes Bildungsangebot geschaffen, doch Studien zeigen, dass die Chance auf Bildung stets von äußeren Einflüssen wie dem Geschlecht oder der Ethnie abhängig ist. Besonders umstritten ist das Konzept der Hauptschule, in dem viele Soziologen eine erhöhte Gefahr der sozialen Isolation sehen.
In dieser Hausarbeit werden zwei Texte zu dem Thema „Bildungsungleichheiten“ untersucht. Nach einer Darstellung der Aufsätze „Die Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn“ von Rainer Geißler (2008) und „Die Zurückgelassenen – die soziale Verarmung der Lernumwelt von Hauptschülerinnen und Hauptschülern“, verfasst von Heike Solga und Sandra Wagner im Jahr 2010, und ihrer wichtigsten Thesen, werden weiterführende Überlegungen angestellt. Dabei geht es um eine kritische Betrachtung der bisherigen Expansion sowie eigene Einschätzungen, wie dem Problem der ungleichen Bildungschancen begegnet werden kann. Im Zentrum meiner Ansätze steht dabei die Frage nach dem Einfluss der sozialen Klasse auf die Bildungschance und die Bedeutung der familiären Ressourcen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Schicht-, geschlechts- und ethniespezifische Bildungschancen nach Rainer Geißler
2.1 Die Dimension der Schicht
2.2 Die Dimension des Geschlechts
2.3 Die Dimension der Ethnie
2.4 Fazit
3 Darstellung der Hauptthesen von Solga und Wagner
4 Reflexion
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Problem der ungleichen Bildungschancen in Deutschland unter kritischer Betrachtung zweier soziologischer Fachaufsätze. Ziel ist es, den Einfluss der sozialen Schicht sowie familiärer Ressourcen auf den Bildungserfolg zu analysieren und Wege aufzuzeigen, wie Institutionen und Politik den Herausforderungen sozialer Benachteiligung und Isolation im Schulsystem begegnen können.
- Analyse schicht-, geschlechts- und ethniespezifischer Bildungschancen nach Rainer Geißler.
- Untersuchung der sozialen Segregation und Isolation im deutschen Schulsystem.
- Bedeutung von familiären Ressourcen für den Bildungserwerb.
- Kritische Reflexion der institutionellen Rolle bei der Bildungsbenachteiligung.
- Diskussion über Maßnahmen zur sozialen Durchmischung und Attraktivitätssteigerung von Bildung.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Dimension der Schicht
Geißler befasst sich zuerst mit der Dimension der Schicht. Dabei macht er auf den Widerspruch aufmerksam, den die Bildungsexpansion bewirkt hat: trotz verbesserter Bildungsmöglichkeiten kam es nicht zu einem Ausgleich der Chancengleichheit (vgl. ebd. S.74). Nur auf der Schulform der Realschule ist ein Abbau der schichttypischen Unterschiede gelungen, der Zulauf der Gymnasien hat dagegen „die Chancenabstände zwischen privilegierten und benachteiligten Gruppen vergrößert“ (ebd. S.74f). Im internationalen Vergleich auf Grundlage der PISA-Studie erweist sich Deutschland sogar als einer der „‘Weltmeister‘ bei der Benachteiligung der Kinder aus sozial schwachen Schichten“ (ebd. S.76), denn Kinder unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten weisen starke Differenzen in Basisqualifikationen wie Lesen und Mathematik auf.
Anschließend räumt Geißler mit dem Ansatz auf, dass Chancengleichheit nur auf Kosten des Leistungsniveaus möglich sei (vgl. ebd. S.76) und betont die Bedeutung von sozialen Kriterien bei der Wahl der Schulform. Er ruft dazu auf, das Leistungspotenzial der Kinder aus sozial schwachen Schichten besser auszunutzen. Er spricht von einem „leistungsunabhängigen sozialen Filter“ (ebd. S.77), der familiären und schulischen Ursprungs ist, und hält Folgendes fest: „Sowohl die Bildungsentscheidungen in den Familien als auch die Lehrerurteile in der Schule sind bei gleicher Leistung der Kinder von deren Schichtzugehörigkeit anhängig“ (ebd. S.77). Als Beispiel wird der familiäre Bildungswille sowie die soziale Auslese der Schule genannt (vgl. ebd. S.77). Diese beiden Einflüsse gleichen sich nicht aus, sondern addieren sich vielmehr, so dass die „Auslese nach Leistung“ (ebd. S.78) bei Kindern unterer Schichten stärker ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ungleicher Bildungschancen in Deutschland ein, unterstreicht die Relevanz des Grundgesetzes sowie der PISA-Studien und stellt die zu untersuchenden Fachaufsätze vor.
2 Schicht-, geschlechts- und ethniespezifische Bildungschancen nach Rainer Geißler: Das Kapitel analysiert die drei zentralen Einflussfaktoren Schicht, Geschlecht und Ethnie, wobei soziale Schichtzugehörigkeit als primäre Ursache für Bildungsbenachteiligung identifiziert wird.
3 Darstellung der Hauptthesen von Solga und Wagner: Die Autoren kritisieren institutionelle "Gatekeeping-Prozesse" im Schulsystem, die zu sozialer Segregation und einer Isolation von Hauptschülerinnen und Hauptschülern führen.
4 Reflexion: In der Reflexion werden die theoretischen Erkenntnisse kritisch bewertet und eigene Lösungsansätze, wie die Bedeutung elterlicher Unterstützung und staatlicher Förderung, diskutiert.
Schlüsselwörter
Bildungschancen, Soziale Schicht, Bildungsexpansion, PISA-Studie, Hauptschule, Chancengleichheit, Familiäre Ressourcen, Bildungssystem, Institutionelle Diskriminierung, Migrationshintergrund, Soziale Isolation, Bildungsbenachteiligung, Schulentwicklung, Leistungsniveau, Bildungsgerechtigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Problem der ungleichen Bildungschancen im deutschen Schulsystem und analysiert, wie soziale Herkunft und familiäre Ressourcen den schulischen Erfolg beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Auswirkungen von Schichtzugehörigkeit, Geschlecht und ethnischer Herkunft auf den Bildungserfolg sowie die kritische Rolle der institutionellen Schultyp-Aufteilung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist eine kritische Auseinandersetzung mit der bisherigen Bildungsexpansion sowie die Entwicklung von Ansätzen, wie der ungleichen Verteilung von Bildungschancen durch staatliche und institutionelle Reformen begegnet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und Diskussion der Aufsätze von Rainer Geißler (2008) sowie Heike Solga und Sandra Wagner (2010), ergänzt durch eine eigene Reflexion und Einschätzung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Konzepte von Geißler zur Chancenungleichheit sowie die Thesen von Solga und Wagner zur sozialen Segregation und Isolation an der Hauptschule detailliert dargestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie Bildungschancen, soziale Schicht, Chancengleichheit, Bildungsbenachteiligung und institutionelle Diskriminierung charakterisieren.
Welche Bedeutung kommt laut der Arbeit der „sozialen Isolation“ an der Hauptschule zu?
Die soziale Isolation an der Hauptschule wird als problematisch eingestuft, da sie durch die Homogenität der Schülerschaft kaum externe Anreize durch stärkere Mitschüler bietet und somit ein schulisches Entwicklungsmilieu schafft, das eher benachteiligt als fördert.
Welchen Stellenwert nimmt die Rolle der Familie ein?
Die Autoren und der Verfasser der Hausarbeit sind sich einig, dass familiäre Ressourcen eine entscheidende Determinante für den Bildungserfolg darstellen, wobei die Arbeit fordert, Bildung im gesellschaftlichen Bewusstsein stärker zu verankern, um auch bildungsferne Schichten besser zu erreichen.
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- Christopher Schwing (Autor), 2013, Das Problem der ungleichen Bildungschancen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212808