Die in der Entwicklung befindlichen Fahrerassistenzsysteme (FAS) verfolgen - neben der Erhöhung der Verkehrssicherheit - zunehmend das Ziel, Fahrkomfort und Fahrspaß im Kraftfahrzeug zu unterstützen. Obwohl ein zunehmendes Interesse an der Problematik besteht, fehlt bisher ein Konzept, das Fahrkomfort und Fahrspaß abzubilden vermag und auch Wissen darüber, welche Faktoren dazu beitragen, Fahrkomfort und Spaß der Autofahrer zu erhöhen. Zufriedenstellende Methoden zur systematischen Evaluation dieser subjektiven Erlebniskomponenten gewinnen zwar an Bedeutung, liegen bislang jedoch nicht vor.
Das Ziel der hier vorgestellten Untersuchungen ist die Konstruktion und Überprüfung eines Fragebogens zur Erfassung und Messung von Fahrkomfort und Fahrspaß, der dazu beitragen soll, die zuverlässige Bewertung von FAS bezüglich ihrer Wirkung auf Fahrkomfort und Fahrspaß zu ermitteln. Als Basis für die Entwicklung dieses Fragebogens dient das motivationspsychologisches Modell „Joy and Convenience in Activities“ (Engeln, Engelbrecht & Kieninger, 2008), das die vier Konstrukte „Spaß“, „Komfort“, „Diskomfort“ und „Spaßmangel“ sowie deren Beziehungen zueinander darstellt.
In dieser Arbeit werden die Entwicklungsschritte eines Messinstrumentes für Fahrkomfort und Fahrspaß vorgestellt. Diese Entwicklungsschritte basieren auf einer explorativen Expertenbefragung, zwei Face-to-Face-Autofahrerbefragungen sowie auf einer bundesweiten Onlinebefragung mit 1800 nach bestimmten Repräsentativitätskriterien einbezogenen Autofahrern. Die Entwicklung des Fragebogens findet in mehreren Schritten als iterativer Prozess statt, indem mittels Itemanalysen die Items hinsichtlich ihrer Passung und ihrer Formulierung überarbeitet und die Skalen zur Erfassung von Fahrkomfort und Fahrspaß überprüft werden. Zur Überprüfung der Fragebogenstruktur und zur Selektion der Items wird ein mehrstufiges faktorenanalytisches Vorgehen gewählt. Zunächst wird eine explorative Faktorenanalyse (EFA) und im Anschluss eine konfirmatorische Faktorenanalyse (CFA) durchgeführt, in deren Rahmen auch die schrittweise Itemselektion erfolgt. Das abschließende CFA-Modell zeigt einen guten Modell-Fit und bedeutsame Faktorladungen der Indikatoren.
Der endgültige Fragebogen zur Erfassung von Fahrkomfort und Fahrspaß besteht aus insgesamt 32 Items und vier Skalen, die jeweils eine gute Faktorreliabilität aufweisen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Ausgangslage
1.2 Ziel und Aufbau der Arbeit
2 FAS: Begriffsbestimmung
3 Forschungsstand zu Komfort und Spaß
3.1 Definitionen von Komfort
3.1.1 Begriffsklärung von Komfort
3.1.2 Belastung und Beanspruchung
3.1.3 Zusammenhang zwischen Komfort und Diskomfort
3.1.3.1 Komfort als die Abwesenheit von Diskomfort
3.1.3.2 Die Komforthierarchie-Pyramide
3.1.3.3 Komfort und Diskomfort als unabhängige Dimensionen
3.1.3.4 Komfort und Diskomfort als ein zusammenhängendes Konstrukt
3.2 Definitionen von Spaß
3.2.1 Begriffsklärung von Spaß
3.2.2 Freude beim Umgang mit einem Produkt
3.2.3 Pragmatische und hedonische Qualität des Produktes
3.2.4 Das Kano-Modell der Kundenzufriedenheit
3.2.5 Intrinsische Motivation
3.2.6 Flow-Erleben nach Csikszentmihalyi
3.2.7 The task–capability interface model
3.3 Zusammenfassung aus den bestehenden Theorien zu Komfort und Spaß
3.4 Zusammenführung von Komfort und Spaß
3.4.1 Die Reversal Theory nach Apter
3.4.2 Modellvorstellung „Joy and convenience in activities“
4 Methoden zur Messung von Komfort und Spaß
4.1 Erfassung des subjektiven Erlebens durch psychologische Erhebungsinstrumente
4.1.1 Das PANAVA-Modell
4.1.2 Das Self-Assessment-Manikin (SAM)
4.1.3 Flow Skala
4.1.4 NASA-TLX und Eilers Anstrengungsskala
4.2 Physiologische Messungen: Herzschlagfrequenz
4.3 Erfassung der Ausdruckskomponente
4.4 Einfluss von Motivation und Emotion auf Zeiterleben
4.5 Zusammenfassung
5 Untersuchungen zur Entwicklung des Fragebogens
5.1 Statistische Kriterien und Anforderungen an das Messinstrument
5.2 Methodisches Vorgehen bei der Entwicklung des Fragebogens
5.3 Konzeption des Fragebogens zur Erfassung von Komfort und Spaß
5.3.1 Expertenbefragung
5.3.1.1 Ziel und Vorgehensweise
5.3.1.2 Ergebnisse: Itemvorauswahl
5.3.1.3 Diskussion der Expertenbefragung
5.3.2 Expertenworkshop
5.3.2.1 Ziel und Vorgehensweise
5.3.2.2 Ergebnisse: Itemauswahl
5.3.2.3 Diskussion des Expertenworkshops
5.3.3 Exkurs: systematische Entwicklung von Fahrszenarien
5.3.4 Face-to-face-Autofahrerbefragungen
5.3.4.1 Ziel und Vorgehensweise
5.3.4.2 Ergebnisse: Itemvorprüfung
5.3.4.3 Diskussion der Face-to-Face-Autofahrerbefragungen
5.4 Statistische Prüfung des Fragebogens
5.4.1 Onlinebefragung als Methode
5.4.2 Stichprobe
5.4.3 Aufbau der Befragung
5.4.4 Genutzte statistische Verfahren
5.4.4.1 Datenaufbereitung
5.4.4.2 Güteprüfung der einzelnen Skalen. Itemanalyse
5.4.4.3 Explorative Faktorenanalyse zur Analyse der Skalenstruktur
5.4.4.4 Konfirmatorische Faktorenanalyse
5.4.5 Statistische Auswertung der Daten
5.4.5.1 Datenaufbereitung und -prüfung
5.4.5.2 Darstellung der Ergebnisse zu den einzelnen Skalen
5.4.5.3 Faktorielle Struktur des Fragebogens
5.4.5.4 Stabilität der Struktur des Fragebogens: Fahrszenarien
5.4.5.5 Ergebnisse der Konfirmatorischen Faktorenanalyse
5.4.5.6 Einfluss der Personenvariablen Geschlecht und Alter auf Stabilität des Fragebogens
5.4.6 Zusammenfassung und Diskussion der Online-Autofahrerbefragung
5.4.6.1 Diskussion der Stichprobe und des Vorgehens
5.4.6.2 Diskussion der Güteprüfung der einzelnen Skalen und Items
5.4.6.3 Diskussion der EFA zur Analyse der Skalenstruktur
5.4.6.4 Diskussion der CFA
5.5 Prüfung der Struktur des Modells „Joy and convenience in activities“
5.6 Evaluation des Fragebogens
5.6.1 Evaluation im Simulatorversuch
5.6.1.1 Fragestellungen und Hypothesen
5.6.1.2 Versuchsaufbau und Durchführung
5.6.1.3 Ergebnisse
5.6.2 Evaluation im Feldversuch
5.6.2.1 Ziel und Vorgehensweise
5.6.2.2 Ergebnisse
5.6.3 Diskussion der Ergebnisse zur Evaluation des Fragebogens
5.6.3.1 Diskussion des methodischen Vorgehens
5.6.3.2 Diskussion der Ergebnisse zur Evaluation des Fragebogens
5.7 Diskussion der Ergebnisse zur empirischen Prüfung des Modells „Joy and convenience in activities“
6 Untersuchungen zur systematischen Beschreibung emotionaler Potenziale von Fahrhandlungen
6.1 Methodisches Vorgehen zur systematischen Beschreibung emotionaler Potenziale von Fahrhandlungen
6.2 Expertenbefragung zur Definition von Fahrhandlungen
6.2.1 Ziel und Vorgehensweise
6.2.2 Ergebnisse der Expertenbefragung
6.3 Autofahrerstudien zur Bewertung der Fahrhandlungen
6.3.1 Ziel und Vorgehensweise
6.3.2 Ergebnisse zum Erleben von Fahrhandlungen
6.3.3 Ergebnisse zum Erleben von Teilhandlungen und situativen Bedingungen
6.4 Diskussion der Ergebnisse
7 Zusammenführung der Ergebnisse und Schlussfolgerungen
7.1 Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse
7.2 Weiterführende Forschungsfragen
7.3 Implikationen für die Praxis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, ein standardisiertes Messinstrument zur systematischen Evaluation der subjektiven Erlebniskomponenten Fahrkomfort und Fahrspaß bei der Nutzung von Fahrerassistenzsystemen (FAS) zu konstruieren und empirisch zu überprüfen. Die Forschungsarbeit geht dabei der Frage nach, wie sich Fahrkomfort und Fahrspaß operationalisieren lassen, welche Einflussfaktoren (insbesondere motivationale Aspekte und Fahrhandlungen) dabei eine Rolle spielen und wie sich diese Erkenntnisse in der nutzerzentrierten Produktentwicklung von FAS anwenden lassen.
- Entwicklung eines psychologischen Fragebogens zur Messung von Fahrkomfort und Fahrspaß.
- Überprüfung des motivationspsychologischen Modells „Joy and convenience in activities“.
- Analyse der Relevanz verschiedener Fahrhandlungen für das subjektive Fahrerleben.
- Validierung des Messinstruments mittels Fahrsimulatorstudien und Feldversuchen.
- Ableitung von Implikationen für die nutzergerechte Gestaltung zukünftiger Fahrerassistenzsysteme.
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Belastung und Beanspruchung
Basierend auf der früheren Überlegung, dass Komfort und Diskomfort für diese Arbeit gleichzeitig berücksichtigt werden sollen, werden die noch nicht eingeführten Begriffe Belastung und Beanspruchung betrachtet. Die Belastung und Beanspruchung sind zusätzlich zur Erklärung des Diskomfortbegriffs relevant und werden damit als mögliche Ergänzung für die Definition von Komfort betrachtet.
Das Entstehen und Empfinden von Komfort und Diskomfort ist von unterschiedlichen Faktoren abhängig. Externe Faktoren werden oft als Belastung bezeichnet, wohingegen die interne Verarbeitung und Auswirkung der Faktoren als Beanspruchung verstanden wird.
Hammer (1997, S. 55) definiert Belastung als: „Die Gesamtheit der erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und auf ihn […] einwirken.“ Dabei bezieht Hammer diese Definition auf physische und psychische Belastungen.
In der Alltagssprache wird der Begriff der Belastung häufig mit einer negativen Bedeutung benutzt. So wird Belastung oft mit Stress oder einer Gefährdung assoziiert. Der wissenschaftliche Begriff der Belastung hat schon mehr neutrale Bedeutung und lässt sich besser mit Einwirkung oder Anforderung beschreiben (Bamberg, 2002).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung motiviert die Relevanz von Fahrkomfort und Fahrspaß als zentrale Faktoren für den Erfolg moderner Fahrerassistenzsysteme und definiert das Ziel der Arbeit, ein Messinstrument für diese Erlebniskomponenten zu entwickeln.
2 FAS: Begriffsbestimmung: Dieses Kapitel diskutiert den Begriff der Fahrerassistenz und ordnet verschiedene Assistenzsysteme anhand einer handlungstheoretischen Klassifikation ein.
3 Forschungsstand zu Komfort und Spaß: Es erfolgt eine theoretische Aufarbeitung der Konstrukte Komfort und Spaß, wobei verschiedene Modelle wie die "Komforthierarchie-Pyramide" oder "Joy and convenience in activities" kritisch beleuchtet werden.
4 Methoden zur Messung von Komfort und Spaß: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über psychologische und physiologische Messinstrumente zur Evaluation von Fahrerleben und prüft deren Eignung für den Einsatz in FAS-Studien.
5 Untersuchungen zur Entwicklung des Fragebogens: Hier werden die empirischen Entwicklungsschritte des Fragebogens detailliert beschrieben – von der Expertenbefragung über den Workshop bis zur statistischen Prüfung mittels Onlinebefragung, Faktorenanalysen und Validierung.
6 Untersuchungen zur systematischen Beschreibung emotionaler Potenziale von Fahrhandlungen: Das Kapitel widmet sich der Identifikation und Kategorisierung erlebensrelevanter Fahrhandlungen sowie deren Einfluss auf Komfort und Spaß.
7 Zusammenführung der Ergebnisse und Schlussfolgerungen: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Diskussion der zentralen Ergebnisse, einem Ausblick auf weiterführende Forschungsfragen und praktischen Implikationen für die Gestaltung von FAS.
Schlüsselwörter
Fahrkomfort, Fahrspaß, Fahrerassistenzsysteme, FAS, Fragebogenentwicklung, Ingenieurpsychologie, psychologische Diagnostik, Handlungsmotivation, Faktorenanalyse, Nutzererleben, Fahrhandlungen, Kognitive Ergonomie, Validierung, Modellentwicklung, Fahrerleben.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Dissertation untersucht das Fahrerleben in Bezug auf Fahrkomfort und Fahrspaß bei der Verwendung von Fahrerassistenzsystemen (FAS). Ziel ist es, ein wissenschaftliches Messinstrument zu entwickeln, um diese subjektiven Erlebniskomponenten reliabel und valide zu erfassen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit verknüpft theoretische Konzepte aus der Motivationspsychologie mit praktischen Anforderungen der Ingenieurpsychologie und Kognitiven Ergonomie im Kontext der Automobilentwicklung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist die Konstruktion eines standardisierten Fragebogens zur Messung von Fahrkomfort und Fahrspaß, der als empirisch geprüftes Messinstrument für die Produktentwicklung und Evaluation innovativer FAS dient.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Die Autorin verwendet ein mehrstufiges, empirisches Vorgehen: Expertenbefragungen und -workshops zur Item-Generierung, Online-Autofahrerbefragungen zur statistischen Prüfung (EFA, CFA) sowie Fahrsimulatorstudien und Feldversuche zur Validierung des Modells und der Skalen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsbestimmung (Komfort, Spaß, FAS), die Vorstellung bestehender Messmethoden, die detaillierte Beschreibung des Entwicklungsprozesses des neuen Fragebogens sowie die systematische Untersuchung emotionaler Potenziale einzelner Fahrhandlungen.
Wie lässt sich die Arbeit durch Schlüsselwörter charakterisieren?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie Fahrerassistenzsysteme, Fahrkomfort, Fahrspaß, psychologische Fragebogenentwicklung, Modellvalidierung und handlungsorientierte Verkehrspsychologie aus.
Warum ist das Modell „Joy and convenience in activities“ für diese Arbeit so wichtig?
Dieses Modell dient als theoretischer Rahmen, der die Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation nutzt, um das Erleben von Komfort und Spaß bei der Interaktion mit technologischen Systemen im Fahrzeug zu erklären.
Welchen Einfluss haben persönliche Merkmale wie Geschlecht oder Alter?
Die Analysen zeigen, dass Frauen Diskomfortszenarien im Allgemeinen negativer bewerten als Männer, während bei Fahrkomfort und Fahrspaß kaum signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern oder Altersgruppen festgestellt wurden, was für die breite Anwendbarkeit des Fragebogens spricht.
- Citation du texte
- Anna Engelbrecht (Auteur), 2013, Fahrkomfort und Fahrspaß bei Einsatz von Fahrerassistenzsystemen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213759