Im Briefwechsel über das Trauerspiel und später in der Hamburgischen Dramaturgie unternimmt Lessing den Versuch, Aristoteles neu zu interpretieren und konzipiert in diesem Zusammenhang Schritt für Schritt seine eigene Wirkungslehre. Für seine Argumentation bemächtigt er sich dazu der aristotelischen Werke Poetik und Rhetorik.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Briefwechsel über das Trauerspiel
II.1 Der Mitleidsbegriff
II.2 Schrecken oder Furcht?
III. Exkurs: Pierre Corneille
IV. Hamburgische Dramaturgie
IV.1 Vom Schrecken zur Furcht
IV.2 Die Katharsis: Der Zusammenhang von eleos und phobos
IV.3 Der tragische Held
V. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung von Gotthold Ephraim Lessings Wirkungslehre im Kontext des Trauerspiels, wobei der Fokus auf der Interpretation der aristotelischen Begriffe Mitleid (eleos) und Furcht (phobos) sowie deren systematischem Zusammenhang liegt. Ziel ist es, Lessings Verständnis dieser tragischen Affekte durch eine Analyse des Briefwechsels über das Trauerspiel und der Hamburgischen Dramaturgie nachzuzeichnen und seine Abgrenzung zu Pierre Corneille herauszuarbeiten.
- Lessings Mitleidsästhetik und die Rolle des Mitleids als zentraler tragischer Affekt.
- Die begriffliche Entwicklung und Transformation von "Schrecken" zu "Furcht".
- Kontrastanalyse: Lessings Wirkungslehre im Vergleich zur Tragödientheorie von Pierre Corneille.
- Die Funktion der Katharsis als affektives Gleichgewichtssystem.
- Die Anforderungen an den tragischen Helden und die Affektgemeinschaft zwischen Zuschauer und Bühne.
Auszug aus dem Buch
II.1 Der Mitleidsbegriff
In den Jahren 1755-1757 setzte sich Lessing in der Kontroverse mit seinen beiden Berliner Freunden Friedrich Nicolai und Moses Mendelssohn intensiv mit dem aristotelischen Begriff eleos auseinander, den er mit „Mitleid“ übersetzte. Die zentrale Frage, worüber sich Lessing mit Mendelssohn und Nicolai im Briefwechsel über das Trauerspiel austauschte, war, ob das Trauerspiel Bewunderung oder Mitleid hervorrufen sollte. Der Konsens bestand zumindest darin, dass man die Auffassung vertrat, dass das Trauerspiel das Ziel haben sollte, eine Besserung der Sitten der Zuschauer zu erreichen. Der Briefwechsel war zu Lessings Zeit kein öffentlicher Diskurs, sondern eine Erörterung im engen privaten Kreis. Zusammen mit den Stücken 74-83 der Hamburgischen Dramaturgie bildet der Briefwechsel über das Trauerspiel das Kernstück von Lessings Mitleidsästhetik. Der zweite bei Aristoteles genannte Begriff phobos wird zu dieser Zeit noch nicht von Lessing ausführlich erörtert, wie es später in der Hamburgischen Dramaturgie dann der Fall sein wird. Er spielte in den Jahren 1775-1757 offensichtlich noch keine bedeutende Rolle in Lessings Wirkungslehre.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in Lessings Bemühungen ein, Aristoteles' Wirkungslehre neu zu interpretieren und seine eigene Theorie der tragischen Affekte, insbesondere des Mitleids, zu begründen.
II. Briefwechsel über das Trauerspiel: Dieses Kapitel beleuchtet Lessings frühe Auseinandersetzung mit Mendelssohn und Nicolai über das Mitleid als zentralen Affekt und die problematische Einordnung des "Schreckens" in sein System.
III. Exkurs: Pierre Corneille: Es wird die gegensätzliche Tragödientheorie Corneilles dargestellt, die als Kontrastfolie für Lessings Kritik an einer reinen Bewunderungsästhetik dient.
IV. Hamburgische Dramaturgie: Das Kapitel analysiert Lessings gereifte Theorie, in der er "Furcht" als das auf den Zuschauer bezogene Mitleid definiert und die notwendige Verknüpfung beider Begriffe für die Katharsis etabliert.
V. Zusammenfassung: Die gewonnenen Erkenntnisse über die Entwicklung der Mitleidsästhetik und die systematische Verknüpfung von Mitleid und Furcht werden abschließend resümiert.
Schlüsselwörter
Gotthold Ephraim Lessing, Trauerspiel, Mitleid, Furcht, Katharsis, Hamburgische Dramaturgie, Aristoteles, Pierre Corneille, Wirkungslehre, tragischer Held, Schrecken, Sittenverbesserung, Affekt, Eleos, Phobos.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretische Entwicklung von Lessings Trauerspielkonzept, insbesondere seinen Umgang mit den aristotelischen Affekten Mitleid und Furcht.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Felder sind Lessings Mitleidsästhetik, die wissenschaftliche Korrektur seiner Übersetzung von "Schrecken" zu "Furcht" und der Vergleich mit Corneilles Tragödientheorie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuvollziehen, wie Lessing schrittweise seine Wirkungslehre konzipierte und wie er das Verhältnis von Mitleid und Furcht innerhalb der Katharsis systematisch bestimmte.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse, indem sie Lessings private Korrespondenz (Briefwechsel über das Trauerspiel) und seine publizistischen Theaterkritiken (Hamburgische Dramaturgie) vergleichend auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die begriffliche Entwicklung im Briefwechsel, die kritische Gegenüberstellung mit Corneille und die detaillierte Ausarbeitung der "Furcht"-Definition in der Hamburger Dramaturgie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Mitleidsästhetik, Katharsis-Prinzip, aristotelische Affektlehre und Identifikation beschreiben.
Warum lehnt Lessing die Bewunderung als tragischen Affekt im Vergleich zum Mitleid ab?
Lessing lehnt die Bewunderung ab, da sie nach seiner Ansicht den Verstand voraussetzt, während das Mitleid unmittelbar wirkt und somit eine universellere Sittenverbesserung ermöglicht.
Wie definiert Lessing den Begriff "Furcht" in seiner reifen Theorie?
In der Hamburgischen Dramaturgie definiert Lessing die Furcht als das "auf uns bezogene Mitleid", das entsteht, wenn wir das Schicksal des Helden auf uns selbst projizieren.
- Citation du texte
- Bastian Keller (Auteur), 2012, Schrecken und Mitleid oder Furcht und Mitleid? Das Trauerspielkonzept von Gotthold Ephraim Lessing, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214104