„Die Schneekönigin“ in der Kinder- und Jugendliteratur

Ein Vergleich zwischen H. C. Andersen (1844) und J. Švarc (1938)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
22 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kinder- und Jugendliteratur

3. Märchen
3.1. Volksmärchen
3.2. Kunstmärchen

4. Die Schneekönigin
4.1. Die Schneekönigin von H.C. Andersen
4.2. Die Schneekönigin von J. Švarc
4.3. Andersen und Švarc – ein Vergleich
4.3.1. Strukturelle Gemeinsamkeiten
4.3.2. Inhaltliche Unterschiede

5. Fazit

Literatur

Quellen

Internetquellen

1. Einleitung

„Mancher will dem Kinde keine Märchen geben, weil die Märchen ′ lügen ′ , weil sie mit der ′ Wirklichkeit nicht zusammengehen ′ . Aber ist nicht die nackte, nützliche Wirklichkeit, der Sinn für den lebendigen Menschen Lüge und Schein? Was ist wahrer: diese so vorgestellte Wirklichkeit oder das Wunder? Die Naturwissenschaft könnte alle sinnlich erfassbaren Zusammenhänge kennen und doch würde ihr erst dann das volle Gewicht der Tatsache bewusst werden, dass alles Sinnliche wie ein Zauber aus einem Unsinnlichen herausblüht.“

Christian Morgenstern, 1871-1914

Im Dezember des Jahres 2012 feierte die Märchensammlung „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm ihr 200. Jubiläum. Das 2005 zum Weltkulturerbe ernannte Werk mit pädagogischen Lehrinhalten erfreut sich bei Erwachsenen und Kindern immernoch großer Beliebtheit. Auch in der Politik ist die Debatte um Kinder- und Jugendliteratur höchst aktuell, zumal Familienministerin Christina Schröder diverse Kinderbücher auf Grund einzelner herabwürdigender Worte anprangerte. Im Fokus des Interesses stand unter anderem die Begrifflichkeit des Wortes „Neger“ und ob Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur zensiert bzw. die diskriminierenden Bezeichnungen ersetzt werden sollten.

In diesem Zusammenhang möchte ich in der folgenden Arbeit zunächst klären, was heutzutage unter dem Begriff Kinder- und Jugendliteratur verstanden wird und ob die hier vorgestellte Gattung Märchen für Kinder und Jugendliche geeignet ist. Des Weiteren möchte ich einen Überblick über die Gattung der Märchen, insbesondere die Volks- und Kunstmärchen, geben, da sich Letzteres aus dem Volksmärchen herausbildete und erst später absonderte. Anschließend stelle ich das von Hans Christian Andersen verfasste Kunstmärchen „Die Schneekönigin“ vor. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts griff der russische Dramatiker Švarc das Märchen basierend auf den Motiven Andersens als Theaterstück auf. Um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Märchen herauszukristallisieren, bediene ich mich zunächst Lotmans Strukturtheorie, die die strukturellen Ähnlichkeiten betonen soll. Im Anschluss gehe ich explizit auf die inhaltlichen Differenzen ein. In einem anschließenden Fazit sollen die Ergebnisse resümiert werden und einen Ausblick auf die Rolle der Märchen in der Kinder- und Jugendliteratur gewähren.

2. Kinder- und Jugendliteratur

Die Gattung der Kinder- und Jugendliteratur (KJL) identifiziert sich durch fiktionale und nicht-fiktionale Texte, die insbesondere von der ausgewählten Zielgruppe, d.h. von Kindern und Jugendlichen, gelesen werden. Dabei ist es relevant, dass Kinder auch fakultativ Literatur lesen, die nicht zur vorgegebenen Pflichtlektüre in den Bildungsinstitutionen gehört.[1] Zudem existieren diverse Kriterien, die erfüllt werden müssen, um dem Genre der KJL zu entsprechen.

Das Genre der KJL wird meist freiwillig und außerhalb des Unterrichts gelesen. Diese unterscheidet sich von der intentionalen KJL, die aus der Sicht Erwachsener für Kinder als geeignet empfunden wird bzw. von Erwachsenen eigens für Kinder und Jugendliche publiziert wurde. Im Gegensatz zur intentionalen KJL hat sich die nicht-akzeptierte KJL herausgebildet, deren Texte den öffentlichen Konventionen entsprechen, sich jedoch in dieser Gattung noch nicht konkret durchsetzen konnten. Zur intendierten KJL zählt die gesamte tatsächlich gelesene Literatur, die mit den Vorstellungen der Erwachsenen konform geht, demzufolge auch sanktionierte und nicht-sanktionierte Lektüre. Erstere wird von gesellschaftlich berechtigten Obrigkeiten zur geeigneten KJL auserkoren. Nicht-sanktionierte Bücher werden unter Ausschluss der Behörden als kindertauglich empfunden und den Kindern und Jugendlichen gewissermaßen „heimlich“ gewährt, da der Buchmarkt vielen Verlegern und anderen Konkurrenten die Möglichkeit bietet, ein vielfältiges Angebot an Lektüre für Kinder und Jugendliche zu veröffentlichen. Diese gehören ebenso zu intendierter KJL, die gelesen werden soll und auch tatsächlich von der Zielgruppe gelesen wird. Andererseits gibt es auch viele Kinder, die Bücher lesen, die nicht für sie geeignet sind. Sie vertreten somit die Gruppe der Rezipienten nicht-intendierter KJL.

Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich in Deutschland eine spezifische KJL, d.h. Literatur, die eigens für Kinder und Jugendliche verfasst wurde und sich nunmehr mit der intentionalen KJL vermischt. Die spezifische KJL ist für die Gesellschaft von großer Bedeutung, da es vor dem 18. Jahrhundert und speziell in der Epoche der Romantik überhaupt keine Literatur für Kinder und Jugendliche gegeben hat. Lediglich unzensierte Versionen der volksliterarischen Gattung bildeten das Fundament für eine spezifische KJL, die sich aus der intendierten Literatur herauskristallisiert hat.[2]

Die Basis für die Entwicklung der intendierten KJL im heutigen Russland legte die Große Oktoberrevolution.[3] Damals erkannte der sich für Kunstpolitik engagierende Marxist Lunačarskij, dass Kinder unterschiedliche Reife- und Altersprozesse durchlaufen, die eine individuell abgestimmte Literatur für Kinder und Jugendliche erfordern.

Somit galt es eine altersspezifische Kinder- und Jugendliteratur zu kreieren, die sich den Bedürfnissen und Erwartungen der Jungen und Mädchen anpasste. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es zu einer Wiederbelebung der russischen Folklore, insbesondere Volks- und Kunstmärchen erfreuten sich wieder großer Beliebtheit. Überdies weckte auch die klassische russische Literatur, durch Tolstoi, Puschkin u.a. vertreten, das Interesse der jüngeren Rezipienten.[5] Die 30er Jahre sind für die Kinder- und Jugenddramatik epochal, als Autoren wie Švarc oder Kataev den eigentlichen Beginn des zeitgenössischen realistischen Repertoires für das Kinder- und Jugendtheater bilden und Märchen für die Bühneninszenierungen nach vorgegebenen Motiven umschreiben bzw. neu verfassen.[6]

3. Märchen

Märchen sind kurz überlieferte Prosaerzählungen und gehören zur literarischen Gattung der Epik. Diese Erzählungen wurden bereits noch vor der Alphabetisierung von einer Gesellschaftsschicht zur anderen mündlich überliefert. In der Entstehungszeit des Märchens im deutschsprachigen Raum unterhielten meist die literarisch kultivierten jungen Frauen aus der Mittelschicht die Oberschicht mit ihren Geschichten, die erst später in den unteren Klassen des Bürgertums in Umlauf kamen. In der Zeit des Analphabetentums hatte die mündliche Tradierung höchste Priorität und wurde von Generation zu Generation weitergegeben, sodass die folkloristischen Texte den Prozessen der ständigen Veränderung bis zu ihrer Verschriftlichung standhielten. Einerseits wurden im Laufe der Zeit auf Grund der individuellen Wahrnehmungsmöglichkeiten diverse Details hinzugefügt, andererseits fehlten wiederum bei anderen Nacherzählungen Elemente. Somit veränderten sich die Motive stetig, neue Individuen fanden ihren Weg in die modernen Versionen der Prosaerzählung und es bildete sich eine Volksdichtung heraus, die das „ Wirklichkeitsbild “ der jeweiligen „ geschichtlichen Epoche “ repräsentierte.[7]

Als Wegbereiter der literarischen Gattung Märchen gelten die in Deutschland bedeutsamen Märchensammler und Vertreter der Epoche der Romantik, Jacob und Wilhelm Grimm, die sich im 19. Jahrhundert durch die Sammlung der „ Kinder- und Hausmärchen “ profilierten und den Begriff der Gattung Grimm prägten. Heutzutage gehören die fantastischen Erzählungen zum kulturellen und geistigen Weltkulturerbe Europas. Die Gebrüder Grimm waren überzeugt, dass Wirklichkeit und Traum im Märchen vermischt werden sollten, um den Kindern die Welt des Wunderbaren näher zu bringen.[8]

Im Mittelpunkt des Märchens steht somit nicht das rationale Denken der Menschen, sondern die Irrationalität, die sinnlichen Erfahrungen. Insbesondere Kinder sind für diese Art der Poesie empfänglich, da sie die Nähe zum Unendlichen verspüren und der Entfaltung ihrer Phantasie somit keine Grenzen gesetzt sind. Das Moment des Wunderbaren erscheint ihnen als Selbstverständlichkeit, wodurch sich die fantastischen Varianten der Geschichten klar von den in der Realität vollziehenden Geschehnissen abgrenzen. Nach Grimm’schem Vorbild veröffentlichte Aleksandr Nikolaevič Afanas‘ev in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine erste Sammlung mit dem Titel „ Narodnye russkie skazki “ – „ Russische Volksmärchen “. Dieses Werk revolutionierte die intentionale, intendierte und durchaus auch spezifische Kinder- und Jugendliteratur durch seine rasche Verbreitung im damaligen russischen Kaiserreich und ebnete diversen Schriftstellern den Weg zur Gattung Grimm.

Etymologisch ist der Begriff Märchen dem mittelhochdeutschen m ā ri entlehnt, der sich etwa ab dem neunten Jahrhundert herausbildete. Dieser bedeutet so viel wie Nachricht, Erzählung, Kunde, Gerücht uvm. und etablierte sich zunehmend bis ins 19. Jahrhundert im Sprachgebrauch unter den Bezeichnungen Mär und Märe.[9]

Doch gibt es eine allgemeingültige Definition des Märchens? Neuhaus bedient sich eines Universaldudens, um die Abgrenzung der Gattung Märchen darlegen zu können. In diesem heißt es, dass Märchen über die Wirklichkeitsebene hinausgehen, da es sich bei ihnen um Phantasietexte handele, die sich durch ihre Übersinnlichkeit identifizieren und das Wunderbare hervorbringen. Dabei würden die natürlichen Gesetzmäßigkeiten modifiziert bzw. annulliert, indem die übernatürlichen Kräfte an ihre Stelle treten. Anhand der Entwicklung der poetischen und historisch überlieferten Stoffe und Motive vervollständigte das Genre Märchen die epischen Geschichten um diverse Elemente.[10] Durch ihre schlichte Struktur eignen sich Märchen für jedes Lesealter und manifestieren sich als altersunabhängige Gattung. Die Prosa zeichnet sich durch ihre schematische und einfache Sprachform aus, die ebenso als Inbegriff der volkstümlichen Erzählungen gilt und unter diesen Umständen auch für Kinder leicht verständlich ist. Neben dem stereotypen Handlungsablauf, tragen ebenfalls zahlreiche Wiederholungen zu einer Memorierung der epischen Kurztexte bei.[11]

3.1. Volksmärchen

Bei „Es war einmal…“ und „Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Handelt es sich um formelhafte Anfangs- und Schlussphrasen die zu einem der traditionellsten Märchentypen gehören und sich insbesondere in den von den Gebrüdern Grimm gesammelten „ Kinder-und Hausmärchen “ manifestieren – die Volksmärchen. Seit Jahrhunderten wird das Gemeineigentum des Volksmärchens mündlich tradiert.[12] Die Verschriftlichung der epischen Kurzgeschichten begab sich im 18. Jahrhundert als Jacob und Wilhelm Grimm erstmalig verschiedene Versionen von Märchen in ihren Werken festhielten. Zuvor wurden sie selten schriftlich fixiert, sondern im Laufe der Zeit zerredet.[13]

Um den Begriff des Volksmärchens näher zu erläutern, bediene ich mich der Erklärung Max Lüthis, dem Märcheninterpreten des 20. Jahrhunderts. Er geht davon aus, dass ein Volksmärchen, das in früheren Kulturen traditionell durch auswendig lernen im Gedächtnis blieb, stets mündlich überliefert wurde und seinen Reifeprozess durch die Zugabe unterschiedlicher Urheber und ihrer eigenwilligen Abwandlungen erhielt. Diese „ Individualliteratur “ wurde im Laufe der Zeit gesammelt und fixiert, sodass der Erhalt des Kulturguts bestehen blieb.[14] Obendrein charakterisieren sich Volksmärchen durch ihre Ortlosigkeit, die aus der Aufhebung der Naturgesetze in der Realität folgt. Außerdem halten sich die epischen Geschichten nie an Zeitangaben, dahingehend sind der Phantasie des Rezipienten keine Grenzen gesetzt. Es ist zu ergänzen, dass Märchen sich der einfachen Sprache bedienen und sich gleichzeitige eine Simplifizierung von Syntax und Morphologie abzeichnet, bei der beispielsweise Verben und Adjektive stark vereinfacht werden. Die Handlung verläuft meist einsträngig und stereotyp, die handelnden Charaktere sind eindimensional. Hinzu kommen die Figuren, denen die Psychologisierung fehlt, da ihnen vorwiegend die Merkmale Gut und Böse zugeschrieben werden. Eingebettet ist das Märchen in ein simples Weltbild, dass das Wunderbare und Zauberhafte fokussiert. Letztendlich wird in der für die Gebrüder Grimm spezifischen Gattung ein Happy End forciert, d.h. der Held triumphiert über den Widersacher.[15]

[...]


[1] Vgl.: Ewers, Hans-Heino: Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine Einführung in grundlegende Aspekte des Handlungs- und Symbolsystems Kinder- und Jugendliteratur. Mit einer Auswahlbibliographie Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft. München 2000. S. 15f.

[2] Vgl.: Ebd. S. 15ff.

[3] Vgl.: Ludwig, Nadeshda: Die sowjetische Kinder- und Jugendliteratur von den Anfängen bis in die Gegenwart, in: ders., Sowjetische Kinder- und Jugendliteratur, hrsg. von Nadeshda Ludwig und Wolfgang Bussewitz, Berlin 1981, S. 10.

[4] Zitiert in: Ebd. S. 31.

[5] Vgl.: Ebd. S. 46.

[7] Vgl.: Röhrich, Lutz: Märchen und Wirklichkeit. Wiesbaden 1956. S. 54.

[8] Vgl.: Schikorsky, Isa: Kinder- und Jugendliteratur. Köln 2003. S. 50.

[9] Vgl.: Pöge-Alder, Kathrin: Märchenforschung : Theorien, Methoden, Interpretationen. Tübingen 2011. S. 24.

[10] Vgl.: Neuhaus, Stefan: Märchen. Tübingen 2005. S. 17.

[11] Vgl.: Schikorsky: Kinder- und Jugendliteratur. Köln 2003. S. 50f.

[12] Vgl.: Neuhaus: Märchen. Tübingen 2005. S. 7f.

[13] Vgl.: Mayer, Mathias / Tismar, Jens: Kunstmärchen. Stuttgart u.a. 2003. S. 1.

[14] Vgl.: Lüthi, Max: Märchen, Stuttgart 1996. S. 5.

[15] Vgl.: Neuhaus: Märchen. Tübingen 2005. S. 7f.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
„Die Schneekönigin“ in der Kinder- und Jugendliteratur
Untertitel
Ein Vergleich zwischen H. C. Andersen (1844) und J. Švarc (1938)
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Slawistik)
Veranstaltung
Russische Kinder- und Jugendliteratur
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V215183
ISBN (eBook)
9783656431947
ISBN (Buch)
9783656433101
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schneekönigin, andersen, schwarz, buchvergleich, märchen, kunstmärchen, volksmärchen, unterschiede, gemeinsamkeiten, inhaltsangabe
Arbeit zitieren
Marita Kriesel (Autor), 2013, „Die Schneekönigin“ in der Kinder- und Jugendliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215183

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