Im Dezember des Jahres 2012 feierte die Märchensammlung „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm ihr 200. Jubiläum. Das 2005 zum Weltkulturerbe ernannte Werk mit pädagogischen Lehrinhalten erfreut sich bei Erwachsenen und Kindern immernoch großer Beliebtheit. Auch in der Politik ist die Debatte um Kinder- und Jugendliteratur höchst aktuell, zumal Familienministerin Christina Schröder diverse Kinderbücher auf Grund einzelner herabwürdigender Worte anprangerte. Im Fokus des Interesses stand unter anderem die Begrifflichkeit des Wortes „Neger“ und ob Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur zensiert bzw. die diskriminierenden Bezeichnungen ersetzt werden sollten.
In diesem Zusammenhang möchte ich in der folgenden Arbeit zunächst klären, was heutzutage unter dem Begriff Kinder- und Jugendliteratur verstanden wird und ob die hier vorgestellte Gattung Märchen für Kinder und Jugendliche geeignet ist. Des Weiteren möchte ich einen Überblick über die Gattung der Märchen, insbesondere die Volks- und Kunstmärchen, geben, da sich Letzteres aus dem Volksmärchen herausbildete und erst später absonderte. Anschließend stelle ich das von Hans Christian Andersen verfasste Kunstmärchen „Die Schneekönigin“ vor. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts griff der russische Dramatiker Švarc das Märchen basierend auf den Motiven Andersens als Theaterstück auf. Um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Märchen herauszukristallisieren, bediene ich mich zunächst Lotmans Strukturtheorie, die die strukturellen Ähnlichkeiten betonen soll. Im Anschluss gehe ich explizit auf die inhaltlichen Differenzen ein. In einem anschließenden Fazit sollen die Ergebnisse resümiert werden und einen Ausblick auf die Rolle der Märchen in der Kinder- und Jugendliteratur gewähren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kinder- und Jugendliteratur
3. Märchen
3.1. Volksmärchen
3.2. Kunstmärchen
4. Die Schneekönigin
4.1. Die Schneekönigin von H.C. Andersen
4.2. Die Schneekönigin von J. Švarc
4.3. Andersen und Švarc – ein Vergleich
4.3.1. Strukturelle Gemeinsamkeiten
4.3.2. Inhaltliche Unterschiede
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Kunstmärchen „Die Schneekönigin“ im intertextuellen Vergleich zwischen der ursprünglichen Fassung von Hans Christian Andersen (1844) und der dramatisierten Theaterfassung des russischen Autors Jevgenij Švarc (1938), um strukturelle Gemeinsamkeiten und inhaltliche Differenzen vor dem Hintergrund der Kinder- und Jugendliteratur herauszuarbeiten.
- Grundlagen der Kinder- und Jugendliteratur und des Genres Märchen.
- Strukturanalyse mittels Lotmans semiotischem Modell.
- Vergleich der Motive und Charaktere zwischen Andersen und Švarc.
- Bedeutung der Märchen für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung.
- Rezeption und Aktualität der Stoffe in unterschiedlichen Epochen.
Auszug aus dem Buch
4.1. Die Schneekönigin von H.C. Andersen
Im Jahr 1844 veröffentlichte der dänische Dichter Andersen das Kunstmärchen „Die Schneekönigin“ auf 105 Seiten, das sich in sieben Geschichten aufteilen lässt. Es ist eines der längsten und vielschichtigsten Märchen des Dänen. Die dramatische Prosaerzählung handelt von einem Mädchen, das sich auf die Suche nach ihrem verschollenen Freund begibt, der von der bösen Schneekönigin entführt wurde.
Der böse Teufel kreiert einen Spiegel, der alles Schöne und Gute zerstören will, indem er alles verunstaltet. „Die herrlichsten Landschaften sahen wie gekochter Spinat darin aus, und die besten Menschen wurden widerlich [...]“. Wer in den Spiegel sah, nahm sich nicht mehr so wahr wie vorher, die Gesichter und Körper der Menschen schienen verdreht, ihre Seelen düster. Die Kobolde beschließen, nicht nur auf der Erde Unruhe zu stiften, sondern auch im Himmel, wo Engel und Gott wohnen. Während sie gen Himmel fliegen, zerbricht der Spiegel in Millionen Einzelteile. Die Bruchstücke des Spiegels fallen zur Erde und verletzen die dort lebenden Menschen in unterschiedlichster Weise. Einige von ihnen bekommen die Splitter in ihre Augen, sodass sie ihre Umwelt nur noch negativ wahrnehmen. Andere ereilt das Unglück, als die Splitter sie in ihren Herzen treffen, die prompt in Eisbrocken verwandelt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung der Märchen als Weltkulturerbe ein und formuliert das Ziel, die strukturellen und inhaltlichen Unterschiede zwischen Andersen und Švarc zu untersuchen.
2. Kinder- und Jugendliteratur: Dieses Kapitel definiert die Gattung der Kinder- und Jugendliteratur und unterscheidet dabei zwischen intentionaler, nicht-intendierter und spezifischer Literatur.
3. Märchen: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Gattung Märchen sowie die Abgrenzung zwischen Volksmärchen und Kunstmärchen erläutert.
3.1. Volksmärchen: Dieses Unterkapitel beschreibt die Charakteristika der mündlich tradierten Volksmärchen und ihre typischen formelhaften Strukturen.
3.2. Kunstmärchen: Dieser Abschnitt behandelt die Merkmale des Kunstmärchens als individuelle Schöpfung eines Autors und dessen komplexere erzählerische Struktur.
4. Die Schneekönigin: Dieses Hauptkapitel bildet den Rahmen für die konkrete Analyse des gewählten Märchens im Kontext der Kinder- und Jugendliteratur.
4.1. Die Schneekönigin von H.C. Andersen: Eine detaillierte Inhaltsangabe der sieben Geschichten von Andersens Originalwerk mit Vorstellung der zentralen Figuren.
4.2. Die Schneekönigin von J. Švarc: Die Vorstellung der Theateradaption des russischen Dramatikers sowie die Analyse seiner inhaltlichen und figurenbezogenen Ergänzungen.
4.3. Andersen und Švarc – ein Vergleich: Eine vergleichende Analyse beider Werke hinsichtlich ihrer narrativen und strukturellen Merkmale.
4.3.1. Strukturelle Gemeinsamkeiten: Anwendung von Lotmans semiotischem Modell zur Analyse der topographischen und semantischen Räume beider Märchen.
4.3.2. Inhaltliche Unterschiede: Eine Gegenüberstellung der moralischen und dramaturgischen Differenzen zwischen dem dänischen Prosamärchen und der sowjetischen Theaterfassung.
5. Fazit: Die abschließende Zusammenfassung betont den Triumph der Freundschaft in den Werken und die Bedeutung von Märchen für die heutige Mediengesellschaft.
Schlüsselwörter
Kinder- und Jugendliteratur, Märchen, Volksmärchen, Kunstmärchen, Hans Christian Andersen, Jevgenij Švarc, Strukturanalyse, Jurij Lotman, Schneekönigin, Rezipienten, Erzählform, Moral, Gut und Böse, Phantasie, Theaterstück.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Märchen „Die Schneekönigin“ und vergleicht das Original des dänischen Dichters Hans Christian Andersen mit der russischen Theateradaption von Jevgenij Švarc.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur, die Gattungsmerkmale von Volks- und Kunstmärchen sowie die motivische Verknüpfung von Illusion und Realität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die strukturellen Ähnlichkeiten und inhaltlichen Unterschiede zwischen den beiden Werken mittels literaturwissenschaftlicher Modelle, wie der Strukturtheorie von Lotman, herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt das semiotische Strukturmodell von Jurij Lotman zur Analyse der Topologie und Semantik, kombiniert mit einer vergleichenden Literaturanalyse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil bietet eine Inhaltsanalyse beider Fassungen, gefolgt von einem detaillierten Vergleich der Erzählweisen, Figurenkonstellationen und der jeweiligen zeitgeschichtlichen Einflüsse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kinder- und Jugendliteratur, Kunstmärchen, Erzählform, moralische Erziehung und den direkten intertextuellen Vergleich definieren.
Warum wird speziell auf Jevgenij Švarc eingegangen?
Švarc ist ein bedeutender russischer Dramatiker, der die Motive Andersens in den 1930er Jahren für die Bühne adaptierte und dabei zeitgenössische politische Kontexte der Sowjetunion einfließen ließ.
Welche Rolle spielen die "Splitter des Spiegels" in den beiden Versionen?
Während der Spiegel bei Andersen ein Instrument des Teufels zur Zerstörung des Guten ist, nutzt Švarc das Motiv, um das menschliche Verhalten im Theaterstück dramatischer zu gestalten und die moralische Entscheidung des Protagonisten Kay hervorzuheben.
Wie unterscheidet sich das Ende der beiden Fassungen?
Bei Andersen liegt der Fokus auf der Erlösung und der Rückkehr in den Sommer, während Švarc das Ende durch zusätzliche Figuren und eine stärkere Betonung des gemeinschaftlichen Zusammenhalts ausbaut.
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- Marita Kriesel (Autor), 2013, „Die Schneekönigin“ in der Kinder- und Jugendliteratur, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215183