Die Heilung eines Blindgeborenen (Joh 9)


Seminararbeit, 2012

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen
2.1 Der Begriff ‚Wunder‘
2.2 Überlieferung der Wunder Jesu
2.3 Funktion der Wundergeschichten
2.4 Gattungen der Wundergeschichten
2.5 Form der Wundergeschichten

3. Wunder im Johannesevangelium

4. Heilung eines Blindgeborenen
4.1 Die Traditionsgeschichte der Wundererzählung
4.2 Die johanneischen Anteile der Wundererzählung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Wiese ist eine Wunderwelt: Wo sie sich entwickeln darf, bringt sie unzählige Gewächse hervor. Nicht nur Gräser, sondern Blumen, die mit Farben und Düften Insekten anlocken und verführen, auf dass ihr Pollen von den geflügelten Gästen weitergetragen werde. Kein Wunder, dass die Wiese und ihre Bewohner Maler und Dichter inspiriert haben – wie etwa Christian Morgenstern, der in einem Gedicht „butterblumengelbe Wiesen“ besang.“

(Sächsische Zeitung 2012)

In diesem Abschnitt eines Zeitungsartikels über die Wildwiese als Heimat vieler verschiedener Pflanzen und Tiere taucht der Begriff Wunder mehrfach auf. Der Autor bezeichnet die Wiese als Wunderwelt, die das Leben ihrer Bewohner erst ermöglicht und findet es auch nicht verwunderlich, dass dieser Ort, mit seinen vielen Farben und Düften, Maler und Dichter zu ihren Werken inspiriert hat. Die zwei Wunderbegriffe zeigen schon die Ambiguität dieses Wortes auf, das manchmal mit und manchmal gegen naturwissenschaftliche Erkenntnisse genutzt wird. Auch im Neuen Testament spielt der Wunderbegriff eine große Rolle, wenn es um die Wundertaten Jesu geht, die in den vier kanonischen Evangelien vorkommen.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, den Begriff Wunder mit seiner Problematik einzugrenzen und zu definieren und die Überlieferung und Verwendung der Wunder Jesu kurz aufzuzeigen. Dabei sollen auch die Gattungen der ‚Wundergeschichte‘ und ihre Funktionen erläutert, sowie ihr klassischer Aufbau aufgezeigt werden.

In einem zweiten Schritt sollen am Beispiel „Heilung eines Blindgeborenen“ aus dem Johannesevangelium (Kap. 9) die gewonnenen Erkenntnisse aufgezeigt werden. Dazu versuche ich, die ursprüngliche Wundergeschichte, welche der Autor als Grundlage nutzte, herauszuarbeiten, um danach auf die vom Autor eingebrachten Elemente als ‚johanneisch‘ darstellen zu können.

2. Grundlagen

2.1 Der Begriff ‚Wunder‘

Der Begriff ‚Wunder‘ ist in der heutigen Zeit, welche von Wissenschaft und rationalem Denken geprägt ist, durchaus nicht unproblematisch. Als „außerordentliche Ereignisse, die Aufsehen erregen oder unbegreiflich erscheinen“ (Kollmann 2007: 9) und die damit verbundene Vorstellung, dass Gott oder eine höhere Macht damit in Verbindung steht, widerspricht diese Auffassung unserem neuzeitlichen Weltbild.

Kollmann (2007) verweist auf eine heutzutage geläufigere Auffassung, bei der nicht der Widerspruch zu den Naturwissenschaften, sondern das Überraschungsmoment, das zum Staunen führen kann, ausschlaggebend ist.

Bei den Wundern des Neuen Testaments kommen diese beiden Auffassungen zusammen, da im antiken Denken Wunder sowohl „ein Aufsehen erregendes Geschehen dar[stellen], das außerhalb des Gewohnten liegt“ (Kollmann 2007: 10), als auch auf Gott als höhere Macht hinweist.

In der griechischen Sprache und damit auch in den Evangelien gibt es zahlreiche Begriffe für den Begriff ‚Wunder‘. Fachbegriffe wie thauma, arete, thaumasion oder paradoxon werden in den Evangelien aber gar nicht oder kaum genutzt; dort verwenden die Evangelisten Begriffe, die dem ‚Profangriechischen‘ zuzuordnen sind aber durch die Evangelien mit besonderen Sinnfüllungen versehen werden (vgl. Kollmann 2007: 11).

Semeion bedeutet übersetzt ‚Zeichen‘ und wird im Johannesevangelium für die Wunderhandlungen Jesu genutzt. Der Begriff semeion ist aber nicht unproblematisch, da er bei den Synoptikern durch die Zeichenforderung und die Ablehnung dieser von Jesus negativ konnotiert ist, was Mk 8,12 aufzeigt: „Da seufzte er tief auf und sagte: Amen, das sage ich euch: Dieser Generation wird niemals ein Zeichen gegeben werden.“ Der Autor des Johannesevangeliums nutzt diesen Begriff aber, um zum Ausdruck zu bringen, „dass die Wunder Zeichen für etwas Größeres, noch Ausstehendes sind“ (Kollmann 2007: 11) und nicht, um Jesus als großen Wundertäter zu etablieren. Auf die Intention des Autors des Johannesevangeliums wird in Kapitel 3 noch einmal gesondert eingegangen.

2.2 Überlieferung der Wunder Jesu

Die Wundererzählungen, wie sie in den Evangelien stehen, haben bis zu ihrer Aufnahme in diese eine jahrzehntelange mündliche Überlieferungsgeschichte hinter sich, durch welche sie vielen verändernden Einflüssen unterworfen waren. Gerade in dem volkstümlichen Überlieferungsmileu, welches sich nicht nur auf Christen beschränkte, sieht Kollmann das Potential für Veränderungen (vgl. Kollmann 2007: 58).

Somit konnten einerseits Wundergeschichten von Jesus auf andere Wundertäter oder von diesen auf Jesus übertragen werden, was trotz des „unkontrollierten Überlieferungsprozess[es]“ (Kollmann 2007: 58) zu gewissen Gesetzmäßigkeiten führte.

Ausgestaltung, Erweiterung und Neubildung sind somit oftmals in die mündliche Weitergabe der Wundergeschichten eingeflossen, was am Beispiel der Blindenheilung deutlich wird:

Im Neuen Testament gibt es sechs Wundergeschichten, die eine Blindenheilung thematisieren. Im Evangelium nach Matthäus (Mt 9, 27-31; 20, 29-34) heilt Jesus jeweils zwei Blinde, bei Markus erfährt man von zwei Blindenheilungen einzelner Personen (Mk 8, 22-26; 10, 46-52), während man bei Lukas (Lk 18,35-43) und Johannes (Joh 9,1-7) lediglich eine Blindenheilung einer einzelnen Person hat. Keine der Blindenheilungen sind wirklich identisch, aber viele einzelne Motive, wie z. B. der Ort Jericho, das wiederholte Rufen um Aufmerksamkeit und Hilfe, sowie der Ärger der sonstigen Anwesenden, lassen auf gemeinsame Quellen schließen, welche durch verschiedenartige Weitergabe letztlich zu unterschiedlichen Wundererzählungen im Neuen Testament wurden und somit als Dubletten oder Varianten gelten. (vgl. Kollmann 2007: 59)

2.3 Funktion der Wundergeschichten

Kollmann schreibt den Wundergeschichten einen „Sitz im Leben“ (Kollmann 2007: 65) zu, was die damalige Situation der urchristlichen Gemeinden bezeichnet, in welchen die Wundergeschichten eine große Rolle spielten. Gerade die sozial niedrigeren Schichten, in denen es oftmals zu Situationen wie Hunger oder Bedarf ärztlicher Hilfe kam, waren daher Träger der Wundergeschichten.

„Wunder dienten, daran kann kein Zweifel bestehen, im Rahmen der urchristlichen Missionstätigkeit dazu, die Hoheit Jesu zu erweisen und die Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen. Sie wollen den Glauben an Jesus animieren und bedienen sich einer in der antiken Welt üblichen Form der Werbung.“ (Kollmann 2007: 66)

Hiermit wird die Wirkung nach außen beschrieben, wie sie bei Missionstätigkeiten beabsichtigt war. Innerhalb der Gemeinden hatten Wunder aber auch durchaus die Funktion, wenn es um Lehrentscheidungen ging, „legitimationsbedürftige Ansprüche autorativ [zu entscheiden]“ (Kollmann 2007: 67) oder Kranken und Bedürftigen Mut zu machen und Zuversicht zu vermitteln.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Heilung eines Blindgeborenen (Joh 9)
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Katholische Theologie)
Veranstaltung
Biblische Wundergeschichten
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V215550
ISBN (eBook)
9783656439264
ISBN (Buch)
9783656440284
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heilung, blindgeborenen
Arbeit zitieren
Philipp Schaan (Autor), 2012, Die Heilung eines Blindgeborenen (Joh 9), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215550

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Heilung eines Blindgeborenen (Joh 9)



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden