Identitätsaushandlungen und Sprache als Kulturträger in kanadischer und deutscher Migrantenliteratur

Hiromi Gotos "Chorus of Mushrooms" und Emine Özdamars "Mutterzunge" und "Großvaterzunge"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sprache und Identitätsfindung in Özdamars Zungenerzählungen
2.1 Verlust der Muttersprache
2.2 Erlernen der Großelternsprache
2.2.1 Türkische Sprachpolitik im historischen Kontext
2.2.2 Arabische Identitäts- und Alteritätserfahrung
2.3 Rückkehr der Muttersprache und Entdeckung der eigenen Hybridität

3 Sprachlich-kulturelle Identitätsarbeit in Hiromi Gotos Chorus of Mushrooms
3.1 Verweigerung der kanadischen Integration
3.2 Verleugnung der japanischen Herkunft
3.2.1 Motive für die Assimilation
3.2.2 Namen als Träger kultureller Zugehörigkeit
3.3 Verlust der mündlichen Ebene der Muttersprache
3.4 Sprache als ein „strange companion“
3.5 Akzeptanz der eigenen Hybridität
3.5.1 Öffnen gegenüber der kanadischen Alterität
3.5.2 Von der Assimilation zur Integration

4 Identitätskonstruktionen, Sprache und Gestaltung bei Goto und Özdamar
4.1 Von getrennten Kulturräumen zu kulturellen Zwischenräumen
4.2 Sprache als Anker von Erinnerung und nationaler Zugehörigkeit
4.2.1 Sprachverlust und Sprachverdrängung
4.2.2 Auswirkung von Traumatisierung auf die Sprache
4.2.3 Vorurteile, sprachliche Stereotype und deren Internalisierung
4.3 Özdamars und Gotos sprachgestalterische Prinzipien
4.3.1 Poetische Sprachsymbiosen
4.3.2 Verfremdungseffekte und Fremdheitserfahrung der Rezipienten

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Muttersprache ist die Wurzel kultureller und persönlicher Identität. So stellte auch der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt fest: „Sprachen sind bei weitem das wichtigste Vehikel kultureller Entfaltung und zugleich das wichtigste Element nationaler - übrigens auch persönlicher - Identität.“ Inwiefern dies auf die beiden zu behandelnden Werke von Emine Sevgi Özdamar und Hiromi Goto zutrifft, wird im Rahmen dieser Arbeit thematisiert. Ähnlichkeiten ergeben sich nicht nur im Hinblick auf die Texte der beiden Autorinnen, son­dern auch, dass beide ihre Werke als teils fiktiv, teils autobiografisch gestalteten. Emine Öz- damar ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der deutsch-türkischen Migrantenliteratur. Geboren ist sie in der ostanatolischen Großstadt Malatya und kam in den 60er Jahren mit 18 Jahren als Gastarbeiterin für zwei Jahre nach Westberlin. In den späten 80er Jahren kehrte sie nach Deutschland zurück, um zunächst als Schauspielerin und Regisseurin sowie später als Schriftstellerin zu bleiben. Das durchgehende Thema ihrer Werke ist der „Prozess des Sprach- und Kulturwechsels“.[1] Im Folgenden werden die zwei inhaltlich verknüpften Erzählungen Mutterzunge und Großvaterzunge aus ihrem vier Kurzgeschichten umfassenden Band hin­sichtlich der Identitätsarbeit und der Bedeutung der Sprache untersucht.

Hiromi Goto ist im japanischen Chiba-ken geboren und emigrierte im Alter von drei Jahren nach Kanada. Nach einigen Jahren zog die Familie nach Nanton im südlichen Alberta. Dort findet auch die Handlung um die drei Generationen der Tonkatsus statt, deren Identitätskon­struktionen sowie Sprachpolitik im Mittelpunkt der folgenden Analyse des Romans Chorus of Mushrooms stehen.[2] Nach seiner Veröffentlichung im Jahre 1994 gewann das Buch unter an­derem den ,Commonwealth Writers Prize for Best First Book in the Caribbean and Canada‘. Um der Identitätsentwicklung deskriptiv begegnen zu können, werden in der Arbeit das Kon­zept der ,identity work‘ von Snow und McAdams angewandt, sowie auf Homi K. Bhabhas Konzept der Hybridität und Edward Saids Orientalismus-These rekurriert. In dem ersten Teil der Arbeit wird die Bedeutung von Sprache und Identität zunächst getrennt inhaltlich erfasst. Dabei erfolgt die Behandlung von Özdamars Erzählung Großvaterzunge intensiver als die von Mutterzunge, da die zweite Erzählung inhaltlich sowie quantitativ umfangreicher ist. In dem zweiten Teil der Arbeit finden ein Vergleich der Ergebnisse und eine detaillierte, kontrastie­rende Analyse der sprachlich-gestalterischen Prinzipien beider Werke statt.

2 Sprache und Identitätsfindung in Özdamars Zungenerzählungen

Die namenlose Protagonistin floh aufgrund ihrer kommunistischen Parteizugehörigkeit nach Ostdeutschland, da sie in der Türkei Repressalien ausgesetzt war. In der ersten Erzählung na­mens Mutterzunge berichtet sie über den schleichenden Verlust ihrer türkischen Mutterspra­che. Die zweite Kurzgeschichte Großvaterzunge handelt von ihrem Entschluss, ihre Großva­tersprache, das Arabische, zu erlernen, um sich ihrer kulturellen Identität wieder anzunähern.

2.1 Verlust der Muttersprache

Mutterzunge beginnt mit der folgenden Feststellung der türkischen Protagonistin: „In meiner Sprache heißt Zunge: Sprache.“ (M7) Dabei ist festzuhalten, dass sie das Türkische noch immer als ,ihre‘ Sprache bezeichnet, obwohl sie ihr nicht mehr auf muttersprachlichem Ni­veau mächtig ist. So spricht sie von ihrer „gedrehten“ Zunge:„Zunge hat keine Knochen, wo­hin man sie dreht, dreht sie sich dorthin.“ (M7).[3] Die Kollokation ,Zunge drehen‘ geht zurück auf die türkische Redensart ,dili dönmek‘, die üblicherweise in der negativen Form ,dilim dönmüyor‘ verwendet wird und so viel bedeutet wie ,Ich kann nicht aussprechen‘. Während die Erzählerin einerseits ihre ,Zungenfertigkeit‘ betont, mit der sie mit Leichtigkeit deutsche Laute artikulieren kann, so betont sie aber auch gleichzeitig deren Schwierigkeit[4] Außerdem wird aufgrund der Übertragung des türkischen Sprachstils auf das Deutsche schon hier auf die sprachliche Hybridität der Erzählerin hingewiesen (vgl. S. 20).

Mit ihrer zunehmenden Beherrschung der deutschen Sprache stellt sich ein Verlust ihrer Mut­tersprache ein. So ergeben sich Kommunikationsprobleme mit ihrer Mutter, die noch in der Türkei wohnt: „Weißt du, du sprichst so, du denkst, daß du alles erzählst, aber plötzlich springst du über nichtgesagte Wörter, dann erzählst du wieder ruhig, ich springe mit dir mit, dann atme ich ruhig.“ (M7) Der Protagonistin kommt Türkisch inzwischen als „eine von mir gut gelernte Fremdsprache“ vor (M7). Sogar in ihrer Erinnerung ersetzt Deutsch die türkische Sprache: Eine Unterhaltung, die sie mit der Mutter eines zum Tod verurteilten angeblichen Anarchisten führte, erscheint ihr, „als ob sie diese Wörter in Deutsch gesagt hätte.“ (M9) Nicht nur die gesprochene Sprache, sondern auch zu der geschriebenen hat sie eine innere Distanz aufgebaut: „Die Schriften kamen auch in meine Augen wie eine von mir gut gelernte Fremdschrift“ (M9). Wiederholt fragt sie sich verzweifelt: „Wenn ich nur wüßte, wann ich meine Mutterzunge verloren habe.“ (M7)

2.2 Erlernen der Großelternsprache

In Großvaterzunge, der zweiten Erzählung, wählt die Protagonistin den Umweg zu ihrer Iden­tität und zu ihrer Muttersprache über die Sprache ihrer Großeltern, dem Arabischen: „Viel­leicht erst zu Großvater zurück, dann kann ich den Weg zu meiner Mutter und Mutterzunge finden. Inschallah.“ (M12)

2.2.1 Türkische Sprachpolitik im historischen Kontext

Zusätzlich zu der Sprachentfremdung auf der ersten Stufe, nämlich dem schleichenden Ver­lust ihrer Muttersprache, wird eine weitere Sprachentfremdung sichtbar. Es „kommt zu der individuellen, lebensgeschichtlichen noch eine kulturelle, zeitgeschichtliche“[5] Dimension hinzu. Zur Lebenszeit des Großvaters fand die Schriftreform der jungen, türkischen Republik statt: Mustafa Kemal Atatürk führte 1928 westernisierende Reformen durch, um die imperia­listischen Spuren des im ersten Weltkrieg zusammengebrochenen Ottomanischen Reiches zu verwischen.[6] Seine Änderungen betrafen die Säkularisierung, die Ausweitung der Frauenrech­te, einen verstärkten Nationalismus und damit das Verdrängen des arabischen Wortschatzes und das Verbot der arabischen Schrift. Seit den 1980er Jahren gibt es ein bewussteres Problembewusstsein gegenüber dieser Entwicklung: „The ideology of reclaiming an ,essen- tial‘ Turkish language stripped of its history and organic development has come under attack, for it entails a practice of denying, forgetting and erasing vital cultural heritages“[7] Die Erzählerin berichtet: „Mein Großvater konnte nur arabische Schrift, ich konnte nur latei­nisches Alphabet, das heißt, wenn mein Großvater und ich stumm wären und uns nur mit Schrift was erzählen könnten, könnten wir uns keine Geschichten erzählen.“ (M12) Es geht ihr in erster Linie nicht um Kommunikationsschwierigkeiten, sondern um das jahrhundertealte Wissen, das in arabischer Schrift enthalten ist. Sie fühlt sich von ihren kulturellen Wurzeln abgetrennt und kritisiert den sogenannten Kemalismus: „Dieses Verbot ist so, wie wenn die Hälfte von meinem Kopf abgeschnitten ist. Alle Namen von meiner Familie sind arabisch: Fatma, Mustafa, Ali, Samra.“ (G27) Ihrem Kopf wieder ,zwei Hälften‘ zu verschaffen, also den Anschluss an die kulturelle Kontinuität wiederzugewinnen, resultiert in ihrer Entschei- dung, Arabisch bei dem Schriftgelehrten Ibni Abdullah in Westberlin zu lernen. Auf diese Weise erhofft sie sich Zugang zu ihrer Muttersprache und Kindheit, da das Arabische die Sprache des Korans und die Wurzel vieler türkischer Wörter ist. Diese Art der Identitätsarbeit bezeichnet David Snow als „identity amplification“: Indem die türkische Teilidentität mithilfe des Arabischen wieder hervorgehoben werden soll, findet eine Identitätsverstärkung statt: „Identity amplification affects a change in an individual’s identity salience hierarchy, such that an existing but lower-order identity becomes sufficiently salient to ensure engagemnet in collective action.“[9] Als „collective action“ sind beispielsweise fließende türkische Unterhal­tungen zu verstehen.

Da die beiden Erzählungen vor der Wiedervereinigung spielen, muss die im Osten lebende Protagonistin über die Grenze nach Westberlin, da dort der arabische Schriftgelehrte wohnt. Was zunächst paradox erscheint, erweist sich als nachvollziehbar, da es die Situation der Tür­kin symbolisch verdeutlicht: Erst nachdem sie schon einige Zeit in Deutschland und damit in Westeuropa verbracht hat, ist sie dazu bereit, sich ihren arabischen Wurzeln zu stellen und Arabisch zu lernen. Bevor sie den kulturellen Wurzeln ihrer Großeltern näher kommen konn­te, musste sie also zuerst Südosteuropa verlassen und Distanz gewinnen.

Die Beschäftigung mit der arabischen Schrift ruft emotionale und halluzinatorische Reaktio­nen hervor. So hat sie einen surrealen Traum, der sie auf eine Reise zu ihrer Identität mit­nimmt und sie mit den Wurzeln ihrer Muttersprache konfrontiert:

Die Schriften sprachen miteinander ohne Pause mit verschiedenen Stimmen, weckten die eingeschlafenen Tiere in meinem Körper, ich schließe Augen, die Stimmen der Liebe wird mich blind machen, sie sprechen weiter, mein Körper geht auf wie ein in der Mitte aufgeschnittener Granatapfel, in Blut und Schmutz kam ein Tier raus. Ich schaue auf meinen offenen Körper, das Tier faßt meinen offenen Körper, leckt meine Wunden mit seiner Spucke. (G24)

Hier lässt sich ihre vorherige Behauptung, dass Atatürks Verbot so sei, „wie wenn die Hälfte von meinem Kopf abgeschnitten [wäre]“ (G27), angliedern. Die „eingeschlafenen Tiere“ sind als das verdrängtes, türkische Sprachwissen zu verstehen, das sich wieder an die Oberfläche ihres Bewusstseins vorgearbeitet hat. Dabei ist das Arabische als das Tier anzusehen, das ihre Wunden heilt. Die Beschäftigung mit den arabischen Schriften hilft ihr nicht nur in linguistischer Hinsicht, sondern auch in Anbetracht ihrer Identitätssuche. So fühlt sie sich, als sie von diesem Traum erwacht, wie „ein neugeborener nasser Vogel.“ (G25)

2.2.2 Arabische Identitäts- und Alteritätserfahrung

Bertold Brecht motivierte die türkische Protagonistin nach Berlin zu kommen: „Brecht war der erste Mensch, warum ich hierher gekommen bin.“ (M11) Auch Özdamar, die unter dem Militärputsch von 1971 litt, fühlt sich ihm verbunden: „Mir haben damals in Istanbul Brechts Wörter geholfen und eine Utopie versprochen: Großes bleibt nicht groß, Kleines bleibt nicht klein. Brecht hatte vor uns eine körperliche Erfahrung mit dem Faschismus gemacht.“[10] So führt auch der Weg der Erzählerin mehrmals in den Berliner Ensemblepark, wo sie neben der Statue von Brecht arabische Buchstaben lernt. Sie rechtfertigt die Verbindung zwischen dem Arabischen und dem Türkischen, indem sie den Wortschatz miteinander vergleicht:

„Was heißt Musalla in Arabisch“

„Das ist ein Ort für Gebete. Zum Beispiel der Stein, auf dem man Tote hinlegt, ist der Stein der Musalla.“

„Bei uns auch. Was bedeutet Muska?“

„Zauberspruch.“

„Bei uns auch. Was heißt Esrar?“ [...] (G39)

Die Auseinandersetzung mit der arabischen Kultur wird für sie jedoch im Hinblick auf ihre emanzipierte Weltsicht bald zum Konfliktbereich. Während sie die arabische Schrift lernt, kommt sie mit der ihr fremd erscheinenden, arabischen Kultur in Kontakt: Gelernt wird aus­schließlich von den heiligen Schriften. Die Koranschriften repräsentieren das patriarchische Gesetz des Islams, das nicht der Sehnsucht und Begierde der Protagonistin entspricht, die westliche Vorstellungen verinnerlicht hat.[11] Es entwickelt sich eine traurige Liebesbeziehung zu ihrem Schriftgelehrten: Während die Erzählerin eine sexuelle Begierde zu Abdullah entwi­ckelt, so ist dieser der spirituellen Devotion ergeben: Seine Mutter behauptet von ihm, dass er „so sauber wie ein Koranblatt“ (G35) sei, während die Erzählerin davon träumt, ihm in einer Moschee sexuell näher zu kommen. Sie findet keine angemessenen Worte für ihre tiefen Ge­fühle: „Ich habe kein Wörterbuch gefunden für die Sprache meiner Liebe.“ (G30) Sie stellt den Koranversen inbrünstige Liebeslyrik im Divanstil türkischer Volkslieder gegenüber, während im Nebenzimmer Abdullah seine Schüler Korantexte rezitieren lässt:[12]

Koran: Wenn jener Tag kommt, dann wird keine Seele sprechen.

Türkisches Lied: Mein Leben lang will ich deine reine Liebe in meinem Herzen lassen.

Koran: Es sei denn, mit seiner Erlaubnis­Türkisches Lied: Ich werde sie nie beschmutzen, wenn ich mich auch ins Feuer werfe.

Koran: Was die Elenden anlangt, so sollen sie ins Feuer kommen.

Türkisches Lied: Ich werde nie satt werden, wenn ich auch tausend Jahre an diesem Bu­sen läge.

Koran: Ewig sollen sie darinnen verbleiben, solange Himmel und Erde dauern. (G31)

Nachdem er sich dazu hinreißen ließ, sich von ihr verführen zu lassen, bereut er dies zutiefst, „daß er seine Hände über seinen Mund schlug“ (G37).

Um sich nicht nur der Sprache, sondern der Kultur auch mental und spirituell zu nähern, lässt sie sich 40 rituelle Tage in Abdullahs Schriftzimmer einschließen. Ihre verzweifelte Suche nach ihren arabischen Wurzeln stellt sie ein, als sie feststellt, dass ihr die Koranschriften Angst einflößen und sie sich mit den Vorschriften des Korans nicht identifizieren kann. Somit ist paradoxerweise ihre freiwillige Subordination ihr Weg zur Befreiung und zum Neuanfang. Sie verlässt das Zimmer, wirft „die Schriften auf die Autobahn“ (G42) und erklärt ihre Aufar­beitung der arabischen Wurzeln als beendet: „Ich ging zum Kudamm, zählte die arabischen Menschen nicht mehr von vorn, eins, zwei, drei ... ich fange bei 66 an, gehe rückwärts, 65, 64, 63, 62, 61 ... bis Null.“ (G43)

2.3 Rückkehr der Muttersprache und Entdeckung der eigenen Hybridität

Obwohl sie aufgegeben hat, Arabisch zu lernen, resümiert die Erzählerin zufrieden: „Als ich zum ersten Mal vor Ibni Abdullahs Tür stand, hatte ich drei Wörter aus meiner Mutterzunge. Sehen, Lebensunfälle erleben, Arbeiter“ (G43f.). Im Laufe ihres Schriftunterrichts und im Anschluss daran erinnert sie sich zunehmend an ihre türkische Sprache, wie beispielsweise an das Sprichwort „dedesi koruk yer, torunun disi kamasir.“ (G43) Wörtlich heißt dies auf Deutsch: „Die nachfolgende Generation wird auch von den Fehlern geschädigt, die die Vor­fahren machten.“ Ihre deutsche Sprachkompetenz und das Wissen über die christliche Religi­on beweist sie, indem sie es in Anlehnung an die Bibel übersetzt: „Großvater ißt unreife Trauben, die Zähne vom Enkel werden stumpf.“ (G43) Im Alten Testament heißt es: „Unsere Väter haben saure Trauben gegessen und den Kindern werden die Zähne stumpf.“ (Hesekiel 18,21-23) Dabei verstärkt das Sprichwort die These, dass Atatürks gewaltsame Reformen nicht nur auf ihre Großeltern, sondern auch auf sie eine nachfolgende, traumatisierende Wir­kung hatten. Solch eine Ausstrahlung von schmerzlichen Erfahrungen auf die nachfolgende Generation wird in der Psychologie als ,transgenerationale Weitergabe‘ bezeichnet. Als[13]

Folge dieser, aber auch aufgrund der gewalttätigen Erfahrungen in der Türkei, verliert die türkische Protagonistin den Bezug zum Türkischen, da sie sich der Sprache seelisch entfrem­det fühlt. Indem sie sich dem Verbot Atatürks widersetzt und als Türkin die arabische Schrift lernt, gelingt es ihr, die psychische Blockade zu überwinden, die sie gegenüber dem Türki­schen unbewusst aufgebaut hat.

Während ihrer Zeit bei Abdullah wird sie sich bewusst, dass sie mit dem Arabischen zwar sprachliche Wurzeln teilt, aber auch, dass sie westliche Werte verinnerlicht hat, die sie bevor­zugt auslebt. Somit hat die Erzählerin nicht nur den Anschluss an ihre Muttersprache wieder­gefunden, sondern ist sich aufgrund der Beschäftigung mit der Sprache in einem Selbstfin­dungsprozess über die Hierarchie ihrer Teilidentitäten bewusst geworden. Während sich Snow/ McAdam im Rahmen ihrer Theorie der Identitätskonstruktion nur auf die Verbindung zweier Identitäten beziehen, so muss die Protagonistin zwischen drei Teilidentitäten, nämlich der arabischen, der türkischen und der deutschen, verhandeln: „The process of identity consolidation refers to the adoption of an identity that combines two prior identities that appear to be incompatible because they are typically associated with strikingly different subcultures or traditions, be they political or religious.“[14]

Zum Schluss von Großvaterzunge fragt eine junge Passantin die Protagonistin, was sie in Deutschland mache. Sie antwortet, dass sie eine „Wörtersammlerin“ (G46) sei. Dabei ist an­zunehmen, dass sie sich als Sammlerin von Wörtern ihrer drei Teilidentitäten sieht. Als sie nochmals an Abdullah denkt und ihn als „Seele in meiner Seele“ (G46) erkennt, fällt ihr in diesem Zusammenhang erneut ein türkisches Wort ein: „,Ruh‘ heißt Seele“ (G46). Während die Protagonistin die korrekte Übersetzung angibt, so missversteht das deutsche Mädchen sie, indem sie auf die semantische Ähnlichkeit rekurriert. Sie antwortet: „Seele heißt Ruh“. Im Vordergrund soll hier weniger die inkorrekte Übersetzung stehen, sondern die Seelenruhe, die die Protagonistin hinsichtlich ihrer kulturellen und sprachlichen Identität gefunden hat.

3 Sprachlich-kulturelle Identitätsarbeit in Hiromi Gotos Chorus of Mushrooms

Während in Emine Özdamars Zungengeschichten der Fokus auf dem Identitätsfindungspro­zess einer Immigrantin der ersten Generation liegt, so werden in Hiromi Gotos Roman Chorus of Mushrooms verschiedene Positionen gegenüber dem Immigrantendasein dargestellt. Im Folgenden wird der Umgang einer japanisch-kanadischen Dreigenerationenfamilie mit ihrer kulturellen Alterität analysiert.

[...]


[1] Löffler, Sigrid: Einstand Emine Sevgi Özdamar. In: EMMA Online vom 2. Januar 2002. http://www.emma.de/ressorts/artikel/literatur/emine-oezdamar (15. Februar 2013).

[2] Vgl. Pich Ponce, Eva: Memory and language in Hiromi Goto’s Chorus of Mushrooms. In: Langauge Value 4 (2012). S. 70-88. S. 71.

[3] Özdamar, Emine Sevgi: Mutterzunge. In: dies.: Mutterzunge. Erzählungen. Berlin: Rotbuch Verlag 2006. S. 7­12, im Folgenden zitiert mit der Sigle M.

[4] Vgl. Seyhan, Azade: Writing Outside the Nation. Princeton: Princeton University Press 2001. S. 204-205.

[5] Mecklenburg, Norbert: Leben und Erzählen als Migration. Intertextuelle Komik in Mutterzunge von Emine Sevgi Özdamar. In: Literatur und Migration. Edition Text + Kritik 9 (2006) S. 84-96. S. 93.

[6] Vgl. Littler, Margaret: Diasporic Identity in Emine Sevgi Özdamar’s Mutterzunge. In: Recasting German Iden­tity. Culture, Politics, and Literature in the Berlin Republic. Hg. v. Stuart Taberner u. Frank Finlay. Rochester: Camden House 2002. S. 219-234. S. 223.

[7] Seyhan 2001, S. 120.

[8] Özdamar, Emine Sevgi: Großvaterzunge. In: dies.: Mutterzunge. Erzählungen. Berlin: Rotbuch Verlag 2006. S. 13-25, im Folgenden zitiert mit der Sigle G.

[9] Snow, A. David and Doug McAdam: Identity Work Processes in the Context of Social Movement. Clarifying the Identity/ Movement Nexus. In: Self, Identity, and Social Movements. Hg. v. Sheldon Stryker, Timothy Jo­seph Owens u. Robert William White. Minneapolis: University of Minnesota Press 2000. S. 41-67. S. 49 sowie Dayioglu, Yasemin: Von der Gastarbeit zur Identitätsarbeit. Der Kampf um Integrität in der Migrationsliteratur. In: Die andere Deutsche Literatur. Istanbuler Vorträge. Würzburg: Königshausen & Neumann 2004. S. 104-110.

[9] 106.

[10] Dernbach, Andrea u. Katja Reimann: Emine Sevgi Özdamar über 50 deutsch-türkische Jahre. „Gute Arbeit, zwei Freunde, dann kannst du überall leben.“ In: Tagesspiegel Online vom 30. Oktober 2011. http://www.tagesspiegel.de/kultur/emine-sevgi-oezdamar-ueber-50-deutsch-tuerkische-jahre-gute-arbeit-zwei- freunde-dann-kannst-du-ueberall-leben-seite-3/5769496-3 (15. Februar 2013).

[11] Vgl. Littler 2002, S. 223.

[12] Mecklenburg 2006. S. 94.

[13] Vgl. Hirsch, Matthias: Psychoanalytische Traumatologie. Das Trauma in der Familie. Psychoanalytische The­orie und Therapie schwerer Persönlichkeitsstörungen. Stuttgart: Schattauer 2004. S. 60.

[14] Snow, A. David and Doug McAdam 2000, S. 50.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Identitätsaushandlungen und Sprache als Kulturträger in kanadischer und deutscher Migrantenliteratur
Untertitel
Hiromi Gotos "Chorus of Mushrooms" und Emine Özdamars "Mutterzunge" und "Großvaterzunge"
Hochschule
Universität Mannheim  (Neuere Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
30
Katalognummer
V215554
ISBN (eBook)
9783656439219
ISBN (Buch)
9783656439509
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migrantenliteratur, Vergleichende Literaturwissenschaft, Özdamar, Türkisch, Japan, Auswandern
Arbeit zitieren
B.A. Saskia Guckenburg (Autor:in), 2013, Identitätsaushandlungen und Sprache als Kulturträger in kanadischer und deutscher Migrantenliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215554

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