Die Muttersprache ist die Wurzel kultureller und persönlicher Identität. So stellte auch der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt fest: „Sprachen sind bei weitem das wichtigste Vehikel kultureller Entfaltung und zugleich das wichtigste Element nationaler – übrigens auch persönlicher – Identität.“ Inwiefern dies auf die beiden zu behandelnden Werke von Emine Sevgi Özdamar und Hiromi Goto zutrifft, wird im Rahmen dieser Arbeit thematisiert.
Ähnlichkeiten ergeben sich nicht nur im Hinblick auf die Texte der beiden Autorinnen, sondern auch, dass beide ihre Werke als teils fiktiv, teils autobiografisch gestalteten. Das durchgehende Thema von Özdamars Werken ist der „Prozess des Sprach- und Kulturwechsels“. Im Folgenden werden die zwei inhaltlich verknüpften Erzählungen Mutterzunge und Großvaterzunge aus ihrem vier Kurzgeschichten umfassenden Band hinsichtlich der Identitätsarbeit und der Bedeutung der Sprache untersucht.
Hiromi Goto ist im japanischen Chiba-ken geboren und emigrierte im Alter von drei Jahren nach Kanada. Nach einigen Jahren zog die Familie nach Nanton im südlichen Alberta. Dort findet auch die Handlung um die drei Generationen der Tonkatsus statt, deren Identitätskonstruktionen sowie Sprachpolitik im Mittelpunkt der folgenden Analyse des Romans Chorus of Mushrooms stehen. Nach seiner Veröffentlichung im Jahre 1994 gewann das Buch unter anderem den ‚Commonwealth Writers Prize for Best First Book in the Caribbean and Canada‘.
Um der Identitätsentwicklung deskriptiv begegnen zu können, werden in der Arbeit das Konzept der ‚identity work‘ von Snow und McAdams angewandt, sowie auf Homi K. Bhabhas Konzept der Hybridität und Edward Saids Orientalismus-These rekurriert. In dem ersten Teil der Arbeit wird die Bedeutung von Sprache und Identität zunächst getrennt inhaltlich erfasst. Dabei erfolgt die Behandlung von Özdamars Erzählung Großvaterzunge intensiver als die von Mutterzunge, da die zweite Erzählung inhaltlich sowie quantitativ umfangreicher ist. In dem zweiten Teil der Arbeit finden ein Vergleich der Ergebnisse und eine detaillierte, kontrastierende Analyse der sprachlich-gestalterischen Prinzipien beider Werke statt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Sprache und Identitätsfindung in Özdamars Zungenerzählungen
2.1 Verlust der Muttersprache
2.2 Erlernen der Großelternsprache
2.2.1 Türkische Sprachpolitik im historischen Kontext
2.2.2 Arabische Identitäts- und Alteritätserfahrung
2.3 Rückkehr der Muttersprache und Entdeckung der eigenen Hybridität
3 Sprachlich-kulturelle Identitätsarbeit in Hiromi Gotos Chorus of Mushrooms
3.1 Verweigerung der kanadischen Integration
3.2 Verleugnung der japanischen Herkunft
3.2.1 Motive für die Assimilation
3.2.2 Namen als Träger kultureller Zugehörigkeit
3.3 Verlust der mündlichen Ebene der Muttersprache
3.4 Sprache als ein „strange companion“
3.5 Akzeptanz der eigenen Hybridität
3.5.1 Öffnen gegenüber der kanadischen Alterität
3.5.2 Von der Assimilation zur Integration
4 Identitätskonstruktionen, Sprache und Gestaltung bei Goto und Özdamar
4.1 Von getrennten Kulturräumen zu kulturellen Zwischenräumen
4.2 Sprache als Anker von Erinnerung und nationaler Zugehörigkeit
4.2.1 Sprachverlust und Sprachverdrängung
4.2.2 Auswirkung von Traumatisierung auf die Sprache
4.2.3 Vorurteile, sprachliche Stereotype und deren Internalisierung
4.3 Özdamars und Gotos sprachgestalterische Prinzipien
4.3.1 Poetische Sprachsymbiosen
4.3.2 Verfremdungseffekte und Fremdheitserfahrung der Rezipienten
5 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang von Sprache und Identitätsfindung in den Werken von Emine Sevgi Özdamar (Mutterzunge, Großvaterzunge) und Hiromi Goto (Chorus of Mushrooms). Zentral ist dabei die Forschungsfrage, wie Immigranten in einem von der Mehrheitsgesellschaft geprägten Land durch den Umgang mit ihrer Muttersprache und kulturellen Herkunft ihre Identität aushandeln und welche Rolle sprachliche Hybridität dabei spielt.
- Identitätskonstruktion und der Prozess des Sprachwechsels bei Migranten.
- Die Muttersprache als zentraler Anker für kulturelle und persönliche Identität.
- Kontrastive Analyse sprachgestalterischer Strategien und deren Wirkung auf Rezipienten.
- Konzeptualisierung von kulturellen Zwischenräumen und Hybridität (nach Homi K. Bhabha).
- Umgang mit Traumatisierung und der Internalisierung sprachlicher Stereotype.
Auszug aus dem Buch
4.3.1 Poetische Sprachsymbiosen
Die Erzählerin von Mutter- und Großvaterzunge sorgt sich über den von ihrer Mutter festgestellten Verlust ihrer türkischen Sprachkompetenz. Dabei geht die Verwestlichung ihrer Muttersprache einher mit einer Orientalisierung ihrer deutschen Sprache, die mit türkischen Denk- und Sprachmustern angereichert wird. Ihre Sprache ist als ein flüssiges Deutsch, das mit geringfügigen grammatikalischen Fehlern und stilistischen Brüchen infiltriert ist, zu beschreiben, wie die folgende Analyse eines Textausschnitts zeigt. Die Erzählerin gibt in direkter Rede den Bericht einer Mutter über ihren zum Tode verurteilten Sohn wieder:
Ich bin in den Garten gegangen, zu dem ersten Polizisten. Warum bist du in meinen Garten reingekommen, hab ich gesagt. Dein Sohn ist geschnappt worden, hat er gesagt. Warum soll mein Sohn geschnappt worden sein, hast du überhaupt Durchsuchungspapier, habe ich gesagt, ich bin Analphabet. Er sagte ja. Also gehe ins Haus, such, hab ich gesagt. Das Haus wurde so voll von ihnen, ich habe auf meinen Beinen gesessen, bin da geblieben, als ich fragte, was ist mit meinem Sohn, haben die gesagt. Dein Sohn ist Anarchist. (M10) [Hervorh. d. Verf.]
Im ersten Satz fällt die Inversion, die Umstellung der normalen Wortfolge, auf. Ferner wird das Verb ‚sagen‘ sechs Mal verwendet, was auf einen begrenzten Wortschatz schließen lässt. Auch die für das Gastarbeiterdeutsch typische Auslassung von Artikeln findet Anwendung, wie die Frage nach einem Durchsuchungspapier zeigt. Dabei kommt aber eine Eigenart des gesprochenen Deutschs zum Ausdruck, indem das unbetonte e-Schwa der letzten Wortsilbe des konjugierten Verbes ‚haben‘ aus sprachökonomischen Gründen elidiert wird: „hab ich gesagt“ (M10). Zu diesem Sprachgemisch trägt die aus dem Türkischen fast wortwörtlich übersetzte Redewendung im vorletzten Satz bei: „Ich habe auf meinen Beinen gesessen“ (M10). Hier wird zugunsten der Worttreue übersetzt, während die Sinnentsprechung zweitrangig ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein, stellt die Autorinnen Emine Sevgi Özdamar und Hiromi Goto vor und erläutert die methodische Herangehensweise sowie die verwendeten Identitätskonzepte.
2 Sprache und Identitätsfindung in Özdamars Zungenerzählungen: Dieses Kapitel analysiert den schleichenden Verlust der Muttersprache der Protagonistin und den Versuch der Wiederannäherung an ihre Identität durch das Erlernen der Großelternsprache Arabisch.
3 Sprachlich-kulturelle Identitätsarbeit in Hiromi Gotos Chorus of Mushrooms: Hier wird der Identitätsfindungsprozess einer japanisch-kanadischen Familie beleuchtet, wobei besonders die Verweigerung der kanadischen Integration und die Bedeutung von Namen als Träger kultureller Zugehörigkeit untersucht werden.
4 Identitätskonstruktionen, Sprache und Gestaltung bei Goto und Özdamar: Dieses Kapitel führt die Ergebnisse zusammen, diskutiert das Konzept der kulturellen Zwischenräume und vergleicht die sprachlich-gestalterischen Prinzipien beider Werke hinsichtlich Hybridität und Fremdheitserfahrung.
5 Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert die Übereinstimmungen beider Werke trotz unterschiedlicher Kontexte und unterstreicht die Bedeutung der Muttersprache für die „Seelenruhe“ und psychische Integrität von Migranten.
Schlüsselwörter
Identitätsfindung, Migrantenliteratur, Muttersprache, Sprachverlust, Hybridität, kulturelle Zwischenräume, Assimilation, Özdamar, Goto, Transgenerationale Weitergabe, Identitätsarbeit, Sprachgestaltung, Orientalismus, Sprachliche Stereotype, Akkulturation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht den engen Zusammenhang zwischen Sprache, kultureller Herkunft und der Identitätsbildung von Immigranten am Beispiel von Werken der Autorinnen Emine Sevgi Özdamar und Hiromi Goto.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Kernbereichen gehören der Verlust und die Wiederentdeckung der Muttersprache, die Bedeutung von kulturellen Wurzeln, die Auswirkungen von Assimilationsdruck sowie die Gestaltung hybrider Identitäten in der Literatur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu ergründen, wie Migranten ihre Identität zwischen den Polen der Herkunftskultur und der neuen Heimat aushandeln und warum die aktive Auseinandersetzung mit der eigenen (Mutter-)Sprache dabei von entscheidender Bedeutung für das psychische Wohlbefinden ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Es handelt sich um eine komparatistische Textanalyse, die durch theoretische Konzepte wie Snow/McAdams ‚identity work‘, Homi K. Bhabhas Hybriditäts-Modell sowie Edward Saids Orientalismus-These ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Erfassung der Sprach- und Identitätsprozesse bei Özdamar und Goto sowie eine kontrastive Analyse ihrer spezifischen sprachlichen Gestaltungsmittel und Strategien zur Erzeugung von Alterität.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit maßgeblich?
Die Arbeit wird besonders durch Begriffe wie hybride Identität, Sprachverlust, kultureller Zwischenraum, Assimilation vs. Integration und Transgenerationale Weitergabe geprägt.
Wie unterscheidet sich die Sprachstrategie von Emine Sevgi Özdamar von der von Hiromi Goto?
Während Özdamar eine „hybride Zweisprachigkeit“ nutzt, bei der türkische Denkstrukturen das Deutsche durchdringen, arbeitet Goto mit einer „metonymic gap“, indem sie japanische Wörter oder Passagen unübersetzt stehen lässt, um die Fremdheit des Textes für den Leser zu betonen.
Warum ist laut der Autorin der Erhalt der Muttersprache für Immigranten so wichtig?
Die Arbeit argumentiert, dass eine vollständige Verdrängung der Muttersprache oft mit traumatischen Folgen und einer Verletzung der Seele einhergeht, während die bewusste Auslebung von Hybridität und die Verbindung beider Kulturen zu einer inneren „Seelenruhe“ führt.
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- B.A. Saskia Guckenburg (Author), 2013, Identitätsaushandlungen und Sprache als Kulturträger in kanadischer und deutscher Migrantenliteratur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215554