Nahrungsmetaphern. Warum können Frauen Torten sein?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

18 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Die Metapher

3) Nahrungsmetaphern

4) Von Sahneschnitten und Torten- Nahrungsmetaphern rund um die Frau
4.1) Formale Analyse
4.2) Nahrungsmetaphern und Konzeptualisierung

5) Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1) Einleitung

Sprache und Essen sind zwei der wohl alltäglichsten Bestandteile des menschlichen Lebens und wie bereits der Titel von Elke Donalies „sprachwissenschaftlichem Kochbuch“ oder „kulinarischem Sprachbuch“, „Sprache ist der beste Koch“, nahelegt, ist eine Verknüpfung dieser beiden Bereiche durch die Untersuchung von Nahrungsmetaphern für die Linguistik durchaus fruchtbar und interessant:

Nahrungsmittel und Metaphern haben eines gemeinsam: Sie sind alltäglich. […] Tatsache ist […], daß solange es Menschen, ja Lebewesen allgemein gibt, die Nahrung, ihre Zubereitung und ihr Verzehr einen ganz wesentlichen Platz nicht nur in der Gestaltung alltäglicher Handlungen, sondern im Denken des Menschen überhaupt einnehmen. Von ähnlichen Prämissen darf für die Metapher ausgegangen werden, die […] im Sprechen, Denken und Kategorisieren ein wichtiges und unverzichtbares Instrument darstellt. (Osthus 2000, 11)

Die beiden potentiell unerschöpflichen Bereiche Sprache und Essen haben dabei für die vorliegende Arbeit somit jeweils eine Beschränkung erfahren: Auf linguistischer Seite ist das Phänomen der Metapher Untersuchungsgegenstand, auf kulinarischer Seite sollen, wie im Titel der Arbeit angedeutet, vor allem Süßspeisen und andere zur Bezeichnung einer Frau oder weiblicher Körperteile genutzte Nahrungsmetaphern genauer betrachtet werden.

Es kann dabei im Rahmen dieser Arbeit nicht darum gehen, anhand umfassender Korpusanalysen eine exhaustive Liste an Nahrungsmetaphern zur Bezeichnung von Frauen zusammenzustellen. Vielmehr sollen daher einige Ausdrücke gezielt unter die Lupe genommen werden, um so einen kleinen Vorgeschmack auf ein durchaus interessantes Untersuchungsgebiet der deutschen Sprache zu geben. Wieso kann eine Frau zum Beispiel eine Torte sein? Welche Bildbereiche werden in dieser Nahrungsmetapher miteinander verknüpft und wo liegt das für die Entschlüsselung einer Metapher häufig herangezogene tertium comparationis ? Und was sagt die Benutzung solcher Metaphern eventuell sogar über den Sprecher oder gar die Sprachgemeinschaft aus?

Vor diesem Fragehorizont bewegt sich die vorliegende Arbeit.

In einem ersten Kapitel soll dafür zunächst anhand einer kurzen Ausführung zur Metapher die theoretische Grundlage für die Untersuchung gelegt werden, die sich aufgrund der großen Vielfalt an Metapherntheorien im Wesentlichen an der sehr übersichtlichen Darstellung von Helge Skirl und Monika Schwarz-Friesel orientiert. Im Anschluss daran sollen in einem zweiten Schritt die beiden großen Themenbereiche der Arbeit, Sprache und Essen, miteinander verbunden werden und der daraus entstehende Untersuchungsbereich der Nahrungsmetaphern vorgestellt werden. Der Fokus liegt dabei auf der Frage, wie Sprache und Essen in Metaphern wie Sahneschnitte oder Torte verbunden, welche Bilder miteinander verknüpft werden. Dabei sollen einerseits die metapherntheoretischen Grundlagen Anwendung finden, um diese sprachlichen Mittel linguistisch zu beleuchten, andererseits aber auch die Frage nach deren Wirkung auf Hörer und mögliche Rückschlüsse in Bezug auf den Sprecher gestellt werden.

2) Die Metapher

Metaphern sind aus dem menschlichen Sprachgebrauch nicht wegzudenken, sind in der menschlichen Kommunikation omnipräsent: „Wer auch immer kommuniziert, verwendet Metaphern, meistens unbemerkt, stillschweigend und ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken.“(Lakoff/Johnson 2011, 7). Darüber hinaus geben diese sprachlichen Bilder auch Aufschluss über die Organisation des menschlichen Denkens, können somit auch als „allgegenwärtiges Prinzip des Denkens“ (Kohl 2007, 23) angesehen werden.

Der aus dem Griechischen stammende Begriff metaphor á bedeutet Übertragung, ist somit also selbst metaphorisch und bereits hier wird, wie Gerhard Kurz anmerkt, deutlich, dass zur Beschreibung des metaphorischen Prozesses selbst wiederum Metaphern nötig sind (Kurz 2009, 7). In der Sprachwissenschaft bezeichnet der Begriff den uneigentlichen, also nicht-wörtlichen Gebrauch eines sprachlichen Ausdrucks in einem bestimmten kommunikativen Kontext, womit die beiden wichtigen Kriterien der Uneigentlichkeit (oder des nicht-wörtlichen Charakters) sowie der Kontextabhängigkeit festgelegt wären: „Metaphern sind ein spezieller Fall von nicht-wörtlichem Sprachgebrauch. Einen sprachlichen Ausdruck nicht-wörtlich gebrauchen heißt ganz allgemein: Er wird in einer Weise verwendet, die nicht seiner im Sprachsystem festgelegten Bedeutung entspricht.“ (Skirl/Schwarz-Friesel 2007, 1)

Grundlegend für das Verständnis dieser nicht-wörtlich gebrauchten, metaphorischen Ausdrücke sind dabei spezifische Ähnlichkeits- oder Analogiebeziehungen zwischen dem Gegenstand, der durch die eigentliche im Sprachsystem festgelegte, sprich lexikalische Bedeutung bezeichnet wird und dem durch die Metapher designierten Gegenstand. Hier findet sich also der in der Bedeutung des Wortes „Metapher“ definierte Übertragungszusammenhang, wobei festgehalten werden muss, dass diese Ähnlichkeitsbeziehung in manchen Fällen auch erst durch die Metapher hergestellt wird (Skirl/Schwarz-Friesel 2007, 4-5).

Wie auch für das Verständnis von wörtlich gebrauchten Ausdrücken muss für die Erschließung einer Metapher zusätzliches Wissen herangezogen und der Kontext berücksichtigt werden. Der Hörer muss erkennen, dass das Gesagte uneigentlich, nicht- wörtlich gemeint ist und die Bedeutung der Metapher anhand der erwähnten Ähnlichkeiten oder Analogien entschlüsseln (Skirl/Schwarz-Friesel 2007, 4). Dabei kann im Sinne der Interaktionstheorie, welche die Kontextgebundenheit und den kreativen Mehrwert der Metapher betont, davon ausgegangen werden, dass eine Metapher keinesfalls ohne Verluste durch einen wörtlichen, eigentlichen Ausdruck ersetzt werden kann, da sie stets einen bildlichen Mehrwert zur Kommunikation beiträgt, durch das In-Beziehung-Setzen zweier Konzepte Ähnlichkeits- oder Analogiebeziehungen schafft, die die Äußerung auf eine andere als die wörtliche Ebene heben (Osthus 2000, 84f.).

Zum genaueren Verständnis des Metaphorisierungsvorganges ist es an dieser Stelle notwendig, kurz auf zwei wichtige Begriffe aus der Kognitiven Linguistik einzugehen: Referenz und Konzept. Unter Referenz ist der Vorgang zu verstehen, mit dem wir durch sprachliche Ausdrücke auf konkrete oder abstrakte Gegenstände der außersprachlichen Wirklichkeit, genannt Referenten, verweisen (Skirl/Schwarz-Friesel 2007, 7). Neben den Referenten spielen für die Untersuchung der Metapher die „Konzept“ genannten mentalen Repräsentationen, die wir von den Gegenständen der außersprachlichen Welt erstellen, eine wichtige Rolle:

Konzepte sind […], ganz allgemein gesprochen, mentale Organisationseinheiten, in denen wir Wissen speichern. Mithilfe von Kategorienkonzepten werden Informationen nach Klassen mit bestimmten Eigenschaften eingeteilt. Diese Einteilung gestattet uns, die riesigen Informationsmengen, mit denen wir ständig zu tun haben, ökonomisch zu speichern und zu verarbeiten. Der grundlegende Prozess der Bildung von geistigen, intern gespeicherten Repräsentationen wird allgemein als Konzeptualisierung bezeichnet. Das Resultat einer Konzeptualisierung ist somit die geistige Vorstellung, die wir uns von etwas gemacht haben. (Skirl/Schwarz-Friesel 2007, 7-8)

So könnte ein Klassenkonzept beispielsweise die wesentlichen Eigenschaften der Kategorie HUND umfassen [TIER, VIERBEINIG, BELLT], während ein dazugehöriges Individuenkonzept die mentale Repräsentation des eigenen Hundes wie ein Bild abspeichert.

Im Falle von metaphorischem Sprachgebrauch nun erfolgt die Charakterisierung eines Konzeptes mithilfe eines anderen Konzeptes durch die Übertragung von Eigenschaften des „Herkunfts-“ auf den „Zielbereich“ (Kohl 2007, 35). Es besteht dabei eine Präferenz für die Wahl eines konkreten Konzeptes, wie in unserem Fall zum Beispiel Nahrungsmittel, als Herkunftsbereich der Metapher, anhand dessen Eigenschaften ein zweites, häufig abstraktes Konzept charakterisiert wird (Skirl/Schwarz-Friesel 2007, 8). Diese Präferenz erklärt sich durch die Organisation des menschlichen Denkens, in dem bestimmte konkrete Konzepte präsenter sind und somit zur Metaphernerzeugung sowie auch deren Verständnis geeigneter sind, wie auch Herrmann Paul bereits 1880 in den Prinzipien der Sprachgeschichte erklärt:

Es ist selbstverständlich, dass zur Erzeugung der Metapher, soweit sie natürlich und volkstümlich ist, in der Regel diejenigen Vorstellungskreise herangezogen werden, die in der Seele am mächtigsten sind. Das dem Verständnis und Interesse ferner liegende wird dabei durch etwas Näherliegendes anschaulicher und vertrauter gemacht. (Paul 1880: 95)

Des Weiteren sind Synästhesien, Kombinationen unterschiedlicher Sinneswahrnehmungen, ein beliebtes Verfahren metaphorischen Sprachgebrauches (Skirl/Schwarz-Friesel 2007, 9). Dieser Punkt spielt auch bei der genaueren Untersuchung der Nahrungsmetaphern eine Rolle.

Anhand des folgenden Beispiels sei schließlich die grundlegende Struktur metaphorischen Sprachgebrauchs und seines Verständnisses zusammenfassend erläutert:

(1) Der Tag ist Sahne. (Internetquelle 8)

Durch diese metaphorische Äußerung wird auf zwei Konzepte referiert; der TAG (Konzept1) und die SAHNE (Konzept2) und diese zueinander in Beziehung gesetzt, wobei vom Hörer im Verstehensprozess folgender Schritt zur Deutung erfolgen muss: „[…] KONZEPT1 IST WIE KONZEPT2 BEZÜGLICH DER MERKMALE Z. Metaphorischer Sprachgebrauch dient also immer dazu, ein bestimmtes Konzept durch das In-Beziehung-Setzen zu einem anderen Konzept näher zu charakterisieren, wobei das Wesentliche dieser Beziehung durch die Merkmale Zerfasst wird […].“ Um den TAG anhand des Konzeptes der SAHNE näher zu charakterisieren, muss der Rezipient, nachdem er erkannt hat, dass es sich um nicht-wörtlichen, also metaphorischen Sprachgebrauch handelt, die beiden Konzepte zueinander in Beziehung setzen um eine für den konkreten Kommunikationskontext sinnvolle Ähnlichkeitsbeziehung herzustellen. Die Merkmale Z des metaphorischen Herkunftsbereiches SAHNE, die er auf das Konzept des TAGES übertragen könnte, wären hier zum Beispiel LUFTIG, LOCKER oder SÜSS sowie die damit verbundenen positiven Assoziationen.

Bei der nun folgenden Untersuchung ausgewählter Nahrungsmetaphern sollen diese Ausführungen bezüglich der Metapher als Arbeitsgrundlage dienen.

3) Nahrungsmetaphern

Nahrungsmetaphern begegnen uns im täglichen Sprachgebrauch überall: An der Tankstelle erwarten uns gesalzene Preise, der März bietet Sonne satt, der Chef wird sauer weil wir auf der Arbeit nichts gebacken kriegen und am Abend in der Diskothek ist nur junges Gemüse. Die Alltäglichkeit von Essen und Sprache legt eine verknüpfende Untersuchung nahe und begründet gleichzeitig auch die Häufigkeit und vor allem Produktivität von Nahrungsmetaphern im täglichen, oft umgangssprachlichen Sprachgebrauch:

Nahrung gehört […] zu den traditionellen und vielseitigsten Bildspendern natürlicher Sprachen. Sie ist durch kognitive Prinzipien der Metaphernbildung, hier vor allem die Projektion konkreter körperlicher Erfahrungen auf abstrakte Wahrnehmungen, fest in das konzeptuell- metaphorische System des Menschen integriert. Innerhalb der Metaphorologie besteht […] Konsens darüber, daß das weite semantische Feld von 'Essen und Trinken' einer der wichtigen Bildspenderbereiche ist. (Osthus 2000, 176)

Im Falle der Nahrungsmetaphern manifestiert sich die bereits erwähnte Präferenz der Sprecher bei der Auswahl der Konzepte, die als Herkunftsbereich für Metaphern dienen. Dabei bieten sich Nahrungsmittel nicht nur durch ihre Alltäglichkeit in unserem Leben und der damit verbundenen starken Präsenz in unserem Denken als Bildspender für Metaphern an, sondern auch durch ihre Sinnlichkeit, ihre Verbindung zu Sinneswahrnehmungen und Gefühlen, die ständiger Begleiter unseres Handelns sind. Dies macht es dem Rezipienten in der konkreten Kommunikationssituation somit möglich, die metaphorische Äußerung im wahrsten Sinne des Wortes nachzuempfinden, zu schmecken, was der Sprecher durch seine Äußerung zum Ausdruck bringen möchte und worin der Mehrwert der metaphorischen, also nicht-wörtlichen Äußerung gegenüber der wörtlichen Äußerung liegt:

Die Bedeutung der Metapher erschließt sich erst aus dem Zusammenspiel von Bild und Wort; indem wir sie interpretieren, lassen wir die Metapher rational und emotional wirken. Gefordert ist ein Abstraktionsvermögen, das die Bedeutung von Wort und Bild produktiv verknüpft und die Botschaft als kognitiven Mehrwert erfährt. Dieser Prozess der Abstraktion ist für die Metapher typisch. (Kohl 2007, 15)

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Nahrungsmetaphern. Warum können Frauen Torten sein?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V215866
ISBN (eBook)
9783656447320
ISBN (Buch)
9783656447825
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
nahrungsmetaphern, warum, frauen, torten
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Nahrungsmetaphern. Warum können Frauen Torten sein?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215866

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