In der vormodernen Ästhetik eines Rosenkranz, Weiße, Solger und Hegel spielt das Hässliche die Rolle eines Kontrastprinzips, das im Rahmen einer positiven Dialektik zur Synthese herausfordert. An Friedrich Schlegel und seiner werkgeschichtlichen Wende vom 'Studium'-Aufsatz zu den 'Athenäum'-Fragmenten wird aber ersichtlich, dass eine 'Ästhetik des Hässlichen', die auf dem kritischen Niveau einer Transzendentalphilosophie Bestand haben soll, diese Synthese in Gestalt einer negativen Dialektik in der Schwebe lassen muss. Damit ist die Tendenz zur Verflüchtigung des Gegenstandsbezugs, seine Sublimierung zur Selbstreferentialität gegeben: Der ursprünglich fixe Eigengehalt des Hässlichen emanzipiert sich von seiner Stofflichkeit. Von hier aus ergibt sich ein Ausblick auf das Hässliche in Adornos 'Ästhetischer Theorie'.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
1. Kategorien des ‘Häßlichen’
2. Zum Stellenwert der ‘Ästhetik des Häßlichen’ im ‘Streit der Klassiker und Romantiker’
II. HAUPTTEIL
1. Die Dialektik des klassisch Schönen
1.1 Hegel und die positive Dialektik
1.1. Solger: ‘Erwin’ (1815)
1.2 Hegel-Schule: Positive Dialektik des Häßlichen
1.2.1 Weiße: ‘System der Ästhetik als Wissenschaft von der Idee des Schönen’ (1830)
1.2.2 Rosenkranz: ‘Ästhetik des Häßlichen’ (1853)
1.2.2.1 Das ‘Ekelhafte’ als ‘ästhetische Unidee’
1.2.2.1.1 Depravation des ästhetischen Urteils
1.2.2.2 Das ‘Abgeschmackte’ als ‘Geisthäßliches’
1.2.2.3 ‘Hölle des Schönen’ - ‘Hölle des Bösen’
EXKURS: Helena vs. Phorkyas: Die Dialektik des Schönen in der ‘Klassisch-romantischen Phantasmagorie’ von Goethes Faust (1827)
2. Die negative Dialektik des romantisch Häßlichen (Friedrich Schlegel)
2.1 Das Häßliche als das ‘Interessante’ (Studium-Aufsatz, 1797/99)
2.1.1 Wirkungsästhetik des ‘Interessanten’ vs. Werkästhetik des ‘interesselosen Wohlgefallens’
2.1.2 Das ästhetisch Interessante
2.1.3 Das moralisch Interessante
2.1.3.1 Streitpunkt Kunst-Autonomie
2.1.3.2 Streitpunkt Synkretismus
2.1.4 Das systematisch Interessante
2.1.5 Das philosophisch Interessante
2.1.6 Das Originale als das ‘Interessante’
2.1.7 Das Ideal der ‘Objektivität’
2.1.8 Bildungsprinzip ‘Perfektibilität’
2.2 Das ‘Interessante’ in romantischer Umwertung: Athenäum-Fragmente (1798); ‘Gespräch über die Poesie’ (1800)
2.2.1 Das romantisch Häßliche
2.2.2 Romantische Immoralität
2.2.2.1 Romantische Kunst-Autonomie
2.2.3 Das romantische Fragment als systematisches Unsystem
2.3 Der Begriff der ‘progressiven Universalpoesie’
2.3.1 Erste Analyse
2.3.1.1 Individualität des Dargestellten (gegenstandsrealistisch)
2.3.1.2 Allgemeinheit des Dargestellten (gegenstandsrealistisch)
2.3.1.3 Progressivität der Darstellung (strukturidealistisch)
2.3.1.4 Progressivität des Darstellenden (idealidealistisch)
2.3.2 Synthese
2.3.2.1 Das romantisch Universale
2.3.2.1.1. Gattungssynkretismus
2.3.2.1.2 Naturwahres - Kunstschönes
2.3.2.2 Das romantisch Progressive
2.3.2.2.1 ‘Transzendentalpoesie’ als idealreale Darstellungskritik
2.3.3 Zweite Analyse: ‘Kritik’ und ‘Idee’ der romantischen Poesie
2.3.4 Zusammenschau
III. AUSBLICK
Das Häßliche in Adornos ‘Ästhetischer Theorie’ (1970)
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretische Entwicklung und den Stellenwert einer „Ästhetik des Häßlichen“ im Übergang von der Weimarer Klassik zur Jenenser Frühromantik. Ziel ist es aufzuzeigen, wie das Häßliche von einer bloßen Kategorie der Negativität in der klassischen Ästhetik zu einem „transzendentalpoetischen“ Instrument der romantischen Moderne wird, wobei die Selbstthematisierung der Literatur als moderne Methode zentral in den Fokus rückt.
- Dialektische Betrachtung des Häßlichen bei Hegel, Solger und Rosenkranz
- Analyse von Friedrich Schlegels Konzept des „Interessanten“ als modernes ästhetisches Kriterium
- Untersuchung der „progressiven Universalpoesie“ und ihrer negativen Reflexionsdialektik
- Kritik der Kunstautonomie und das Verhältnis von Moral und Ästhetik
- Die Rolle der „Kritik“ als Mittel zur Bewusstseinssteigerung des Kunstwerks
Auszug aus dem Buch
Die Dialektik des klassisch Schönen
Die Briefpassage ist beispielhaft für die Verfahrensweise des klassischen Geistes überhaupt, insbesondere aber in bezug auf seine Behandlung des Häßlichen.
Was oben ‘normative Ästhetik’ genannt wurde und in bezug auf Goethe als ‘normative Werkästhetik’ zu spezifizieren wäre, folgt der Leitmaxime „alles zu veredeln und zu erhöhen.“ Um willen dieser Maxime, nicht um willen des Häßlichen kommt auch und gerade das „Widerwärtige“, das „Abscheuliche“ als Gegenstand solcher Veredelung in Betracht. Nicht eigentlich dieser soll also erhöht werden, sondern die Methode, die noch gegenüber dem ihr Widerwärtigen, dem ihr durchaus Fremden ihr Majestätsrecht geltend zu machen vermag, die auch das Häßliche zu meistern versteht, sein „Herr“ ist. Dem Häßlichen wird also keinerlei ästhetischer Eigenwert zugestanden, vielmehr wird es ‘instrumentalisiert’. Instrumentalisiert, um der Künstler Eitelkeit dessen zu schmeicheln, dem der „Geniestreich“ gelingt, „zwischen das Schöne und Erhabene ein Fratzenhaftes“ hereinzubilden, und dieses Andere des Schönen doch im Griff zu behalten.
Zusammenfassung der Kapitel
Kategorien des ‘Häßlichen’: Einführung in die Thematik durch das Athenäum-Fragment 216 und Skizzierung des notwendigen Übergangs von einer rein phänomenologischen zu einer kritischen Theorie des Häßlichen.
Die Dialektik des klassisch Schönen: Darstellung der klassischen Werkästhetik, die das Häßliche primär als zu instrumentalisierendes oder zu eliminierendes „Widerwärtiges“ begreift, das sich der Majestät des Schönen unterzuordnen hat.
Die negative Dialektik des romantisch Häßlichen (Friedrich Schlegel): Untersuchung des Schlegelschen Konzepts des „Interessanten“, das die moderne Literatur von festen normativen Idealen löst und in eine reflexive Schwebe überführt.
Das Häßliche in Adornos ‘Ästhetischer Theorie’ (1970): Reflexion über die Adornosche Dialektik, die das Häßliche nicht mehr integriert, sondern als notwendigen Protest gegen eine harmonisierende, unterdrückerische Ideologie begreift.
Schlüsselwörter
Ästhetik des Häßlichen, Romantik, Klassik, Friedrich Schlegel, progressive Universalpoesie, Dialektik, Kunstautonomie, Reflexion, Transzendentalpoesie, interessantes Schönes, Negativität, Epochenwandel, Subjektivität, ästhetische Theorie, Adorno
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die philosophische und literarische Bedeutung des Häßlichen im Übergang von der Klassik zur Frühromantik und dessen Funktion innerhalb moderner ästhetischer Theorien.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Themen sind die Dialektik zwischen Schönem und Häßlichem, die Entwicklung der romantischen Poetik sowie die Rolle von Reflexion und Kritik im literarischen Schaffensprozess.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Häßliche als Gegenstand der theoretischen Erfassung die Literatur in die Lage versetzt, ihre eigene Künstlichkeit und moderne Identität zu thematisieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit verwendet eine philosophisch-ästhetische Analyse, die stark auf der Reflexionsdialektik und der kritischen Theorie basiert, um die Begriffe der Klassik und Romantik zu hinterfragen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der positiven Dialektik bei Hegel und dessen Nachfolgern sowie der negativen Dialektik bei Friedrich Schlegel und deren Ausblick in Adornos Ästhetik.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind „progressive Universalpoesie“, „Interessantes“, „Transzendentalpoesie“ und „Dialektik“.
Inwiefern unterscheidet sich das Häßliche bei Hegel von der romantischen Sicht?
Bei Hegel wird das Häßliche in der positiven Dialektik methodisch eliminiert oder integriert, während es in der romantischen Sicht bei Schlegel zum „Interessanten“ wird, das die feste Ordnung der Kunst aufbricht.
Warum ist das „Interessante“ für Schlegel so bedeutend?
Das Interessante fungiert bei Schlegel als das Signum der Moderne, da es das „Ausdifferenzierte“ und „Reflektierte“ abbildet und somit eine Alternative zum „naiven“ Schönen darstellt.
- Quote paper
- Sandra Kluwe (Author), 1998, Das verschwundene Thema. Ästhetik des Häßlichen und transzendentalpoetische Selbstthematisierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22746