Apokalyptische Motivik in Kleists "Das Erdbeben in Chili". Rettung oder Katastrophe?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Apokalypse
2.1 Die Apokalypse in Kleist Werk: „Das Erdbeben in Chili“

3. Klaus Vondung: „Die kupierte Apokalypse“

4. Narration der Apokalypse in Kleists Novelle

5. Kann die Novelle „Das Erdbeben von Chili“ als kupierte Apokalypse gedeutet werden?

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Naturkatastrophen, Weltuntergangsstimmung, atomare Bedrohung, dies sind Assozia­tionen des 21. Jahrhunderts, welche mit dem Begriff Apokalypse in Verbindung gebracht werden. Diese Gedankengänge sind zentral für das Modell der „kupierten Apokalypse“ nach Klaus Vondung. Aber widerspiegelt dies auch die Grundsätze der klassischen Apokalypse, wie sie in der Johannes-Offenbarung geschildert wird?

Während nach Richter in der klassischen Apokalypse noch die Hoffnung und die Freude auf das neue vollkommene Reich kennzeichnet, scheint diese Hoffnung in der Moderne verloren zu sein.

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich damit, wie Heinrich von Kleist in seiner Novelle den Gegenstand der Apokalypse handhabt. Wird in seinem Werk die klassische Apokalypse oder doch die kupierte Apokalypse dargestellt? Aus diesen Gedanken entwickelt sich die zentrale Fragestellung dieser Hausarbeit: Ist die Apokalypse in Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“ eine Rettung oder doch eine Katastrophe?

Als Einstieg in die Thematik wird zunächst der Begriff Apokalypse definiert und in ihrer Entwicklung reflektiert, nachfolgend wird die Apokalypse in Kleists Novelle beschrie­ben.

Da auch die Reinform der Apokalypse dem stetigen Wandel unterliegt, hat diese verschiedene Varianten. Eine Variation der klassischen Apokalypsevision ist das Modell der „kupierten Apokalypse“ nach Klaus Vondung. Aber auch bei dieser Vision, lassen sich Merkmale erkennen, die sowohl für die klassische Apokalypse als auch die „kupierte Apokalypse“ prägend sind. Eines dieser Merkmale ist die bildliche Beschreibung der Untergangsvisionen.

Ein weiterer Teil der Hausarbeit besteht darin, die Narration in der Apokalypse der Novelle zu analysieren. Wie wird die Apokalypse von Kleist dargestellt? Welches sind die prägenden Merkmale des Kleistschen Erzählens in diesem Werk? Es wird unter anderem über die Narrationskette von Glück und Unglück referiert.

Abschließend wird diskutiert, ob die Apokalypse in Kleists Werk als kupierte Apokalypse interpretiert werden kann oder ob diese doch eher dem klassischen Schema der Apokalypse folgt. Abschließend werden die wichtigsten Ergebnisse der Hausarbeit in einem Fazit zusammengefasst und es wird versucht, eine Antwort auf die Eingangsfrage zu finden.

2. Die Apokalypse

Ist im heutigem Zeitalter die Rede von Apokalypse, wird dieser Begriff häufig negativ assoziiert. Automatisch wird das Wort Apokalypse mit Zerstörung, Weltuntergang oder Naturkatastrophen in Verbindung gebracht. Aber entspricht unsere heutige Vorstellung auch dem ursprünglichen, theologischen Sinn der Apokalypse?

Das Wort Apokalypse stammt aus dem griechischen und ist ein Verbund aus dem Wort „kalýptein“ (=verbergen) und dem Präfix „apo“ (=von,weg,-ent). Zusammengefügt ergibt sich somit die Bedeutung: Entbehrung, Enthüllung oder auch Offenbarung (vgl. Kaiser, S.ll).

Die Johannes Apokalypse, welche als Buch der Bibel repräsentiert wird, ist eine der wichtigsten Paradebeispiele für die literarische Umsetzung apokalyptischer Visionen. Gleichzeitig ist dieses theologische Werk noch bis heute Leitbild für apokalyptische Texte. Nach Dieter Gutzen sind alle literarischen Schriftstücke apokalyptisch geprägt, die im religiösem Sinn die Hoffnung auf eine vollkommene Welt haben. Diese zukünftig, vollkommene Welt kann nur durch die Zerstörung der gegenwärtigen Welt erfahren werden. Somit wird der Untergang der Welt als göttliche Offenbarung oder als eine Entbehrung der göttlichen Geheimnisse über den Geschichtsverlauf des Planeten angesehen. Dieser Offenbarung entspringen viele Aphorismen für die Gesamtheit der Menschen(vgl. Gutzen, S.40).

Die klassische Apokalypse, wie vergleichsweise die Apokalypse des Johannes, existiert aus zwei grundlegenden Abschnitten. Im ersten Abschnitt der Untergangsvision geht es um das Berichten vom Weltende und von der Zerstörung der gegenwärtigen Welt. Diese Zerstörung geschieht durch göttliches Handeln, meistens in Form von Naturkatastrophen, wie: Erdbeben, Blitzen, Überflutungen, Regenströmen oder heftigen Stürmen. Im folgenden Abschnitt wird das neue Reich illustirert, welches vollkommen ist und mit dem biblischen Reich Gottes gleichzustellen ist (Baumgart, S.65). Es wird deutlich, dass die gegenwärtige Welt, oder im engerem Kontext die gegenwärtige Gesellschaft, erst vollständig eliminiert werden muss, damit das Ideal des Planeten oder der Gesellschaft in Kraft treten kann. „Von jeher liegt den Apokalyptikern die pessimistische Welt­betrachtung am Herzen. Ihr Optimismus, ihre Hoffnung richtet sich nicht, auf das, was die Geschichte gebären wird, sondern auf das, was in ihrem Untergang hochkommt, nun endlich unverstellt frei wird“ (ebd. S. 65). Dieses Zitat von Baumgart verdeutlicht erneut, dass aus apokalyptischer Sicht keine Hoffnung darin besteht, das Heil der Menschheit in der gegenwärtigen Gesellschaft zu erlangen. Es muss ein radikaler Bruch, welcher durch Gott veranlasst wird, eintreten, um das pejorative Diesseits zu überwinden. Die Gemeinschaft der Apokalyptiker empfinden deshalb auch keine Trauer über die Zerstörung des Diesseits, sondern begeistern sich an der kommenden Naherwartung, welche auf tiefgründigen Änderungen der gesellschaftlichen Struktur beruht (ebd. S. 66f.).

Aber was sollen diese Untergangsszenarien dem Leser explizit verdeutlichen? Verallge­meinernd lässt sich konstatieren, dass jede Variation der apokalyptischen Vision nicht zum Ziel hat, den Weltverlauf zu prophezeien, sondern auf elementare Missstände in der Gesellschaft oder auf globaler Ebene hinzuweisen. Weiterhin soll diese Art der Offenbarung durch ihre stark bildliche Darstellung das Verhalten der Menschheit beeinflussen und diese zu einer Umkehr veranlassen (vgl. Baumgart, S.69). Dieses entscheidende Merkmal der Apokalypse gilt sowohl für die klassische, als auch für die modernen Formen der Apokalypse.

Hingegen gibt es auch deutliche Differenzen zwischen klassischer Apokalypsevision und modernen Visionen. In der Geschichte zeigten sich Tendenzen, welche verdeutlicht ha­ben, dass die Utopievorstellung vom Reich Gottes, in ihrer ursprünglichen Form, kaum noch aufzufinden ist. Diese Modifikation kann im Zusammenhang des menschlichen Fortschrittsdenken gesehen werden. Allgemein gesagt, hat dieser eine Art Diskretion gegenüber des Utopieglaubens der klassischen Apokalypse ausgelöst. Diese Diskretion spiegelt sich auch im literarischen Kontext wieder. Die Vorstellung des Reich Gottes, des Neubeginns erhält in der modernen Apokalypse Tendenzen der Inversion, der Umkehr­ung. In diesem Zusammenhang lässt sich erkennen, dass die Vorstellung von der Utopie oft nur noch in temporärer Form auftritt.

Somit lässt sich folgende neue Gliederung der literarischen Apokalypsevision ermitteln: Der erste Teil bleibt nach wie vor die Apokalypse, gefolgt von dem zweiten Teil, der die Utopie darstellt, weil diese jedoch nur temporär erfahrbar ist, folgt ein dritter Teil, die erneute Apokalypse (vgl. Baumgart, S.72).

Diese Gedankengänge bauen sich bis zur Epoche der Aufklärung aus, bis der Utopieentwurf komplett dekonstruiert ist. Auslöser für diesen Werdegang ist die Gesellschaft selbst (ebd., S.73f.). Denn:,,Die Apokalypse der Moderne lebt davon, Pro­zesse des Aufbaus Zug für Zug abzubauen“(vgl. ebd., S.74). Mit anderen Worten: Die moderne Gesellschaft zerstört die erworbene Utopie, die empfange vollkommene Welt

Schritt für Schritt selbst und ist somit für das endgültige verderben der Welt verantwortlich zu machen. In diesem Zusammenhang wird oft das Motiv der Stadt gewählt, welche durch die anstehende Apokalypse komplett niedergerissen wird. Im übertragenem Sinne steht die Stadt für die Zivilisation, der durch ihr Verhalten ein Untergang bevorsteht (vgl. ebd., S.77).

Formal gesehen, teilt die moderne Apokalypse formal, mit der biblischen Vorstellung nur die Vision der Zerstörung, der (ersten) Apokalypse. Da durch die gesellschaftlichen Konventionen keine Aussicht auf eine ideale Welt gibt, herrscht das uns heute stark präsentierte Bild der zerstörenden, vernichtenden Apokalypse. Diese Vorstellung von Apokalypse und Dekonstruktion der Utopie wird im Modell der „kupierten Apokalypse“, welches von Klaus Vondung beschrieben wurde, illustriert. Wichtig anzuführen ist, dass die Apokalypse der Modernen aus der Menschheit und ihrem Fortschrittsbewusstsein selbst entspringt und unter anderem von geschichtsphilosophischer, ökologischer, kulturkritischer oder atomaren Problemen, beziehungsweise Bedrohungen ausgeht (vgl. Kaiser, S.ll).

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass in der heutigen Moderne zwei Interpretations­möglichkeiten zum Konstrukt der Apokalypse gewählt werden können. Zum einen kann die Apokalypse im klassischen Sinn interpretiert werden. Diese Interpretation ist theologisch fundiert und beinhaltet die Ermahnung Gottes an die Menschheit und zielt auf Umkehr ab. Andererseits kann die Apokalypsevision säkularisiert betrachtet werden. In diesem Fall werden Bilder und Metaphern genutzt, um die Missstände der Gesell­schaft aufzudecken und Kritik an dieser auszuüben (vgl. Gutzen, S.34). Da das heutige gesellschaftliche Denken durch apokalyptische Ängste, die vom Menschen selbst ausgehen, geprägt ist, liegt es nahe, dass ein Großteil der neueren Literatur die zweite Interpretationsmöglichkeit nutzt, die sogar so kritisch dargestellt werden kann, dass das Modell der „kupierten Apokalypse“ illustriert wird. Dennoch ist die klassische Apokalypse nicht überholt, denn sie lebt durch ihre gestalterischen Möglichkeiten und metaphorischen Bildern in allen modernen Apokalypsen fort.

2.1 Die Apokalypse in Kleist Werk: „Das Erdbeben in Chili“

Die Novelle „Das Erdbeben in Chili“ wurde vermutlich im Jahr 1806 von Heinrich von Kleist verfasst und zunächst unter dem Namen „Jeronimo und Josephe“ veröffentlicht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Apokalyptische Motivik in Kleists "Das Erdbeben in Chili". Rettung oder Katastrophe?
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V229696
ISBN (eBook)
9783656455264
ISBN (Buch)
9783656455837
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rettung, Katastrophe, Apokalypse, Heinrich von Kleist, Das Erdbeben von Chili, Klaus Vondung, kupierte Apokalypse, Narration der Apokalypse, Narration "Erdbeben von Chili", Kleist, Apokalypsenentwicklung
Arbeit zitieren
Janine Tyzak (Autor), 2013, Apokalyptische Motivik in Kleists "Das Erdbeben in Chili". Rettung oder Katastrophe?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229696

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