Kriegsheimkehrerschicksal. Darstellung in Sönke Wortmanns "Wunder von Bern"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Die Darstellung des Kriegsheimkehrerschicksals in Sönke Wortmanns Wunder von Bern

1. Einleitung

Als im Oktober 2003 Sönke Wortmanns Das Wunder von Bern in den deutschen Kinosälen anlief, forderte Cornelia Pieper, zum gegebenen Zeitpunkt Generalsekretärin der FDP, der Film solle in den Geschichtsunterricht eingebunden werden. Thomas Rachel, der damalige bildungspolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion und heutige Staatssekretär im Ministerium für Bildung und Forschung, äußerte sich in ähnlicher Weise und verwies auf die Vorteile, die eine spannungsreiche und anschauliche Narration für die Vermittlung Nachkriegsgeschichte mit sich bringe. Besser als manches Buch sei gerade dieser Film geeignet, Geschichte den Schülern nahe zu bringen und deren historische Bildung zu erweitern.[1] In der Tat lassen Filme im allgemeinen, Spielfilme im Besonderen eine vergangene Welt vermeintlich wiederauferstehen. Die Vergangenheit wird – anders als bei der Vermittlung in Schriftform – vermeintlich sinnlich erfahrbar, der Zuschauer wird vorgeblich zum Augenzeugen des dargestellten Geschehens.[2] Neben der sich seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts rasant fortschreitenden Verlagerung der Informationsgewinnung fort von schriftlichen, hin zu audiovisuellen Medien mag die scheinbare Vergegenwärtigung der Geschichte in der filmischen Darbietung ursächlich dafür sein, dass die breite Masse ihre historischen Vorstellungen heute weit mehr aus Spielfilmen und Fernsehdokumentationen, als aus Literatur und Schule bezieht.[3]

Die scheinbare Präsenz des Geschehenen auf Leinwand und Bildschirm verleitet jedoch nur allzu leicht dazu, das Dargestellte als realistisches Abbild anzusehen und den Konstruktionscharakter jeder Geschichtsschreibung zu missachten.[4] Gerade filmische Geschichtsschreibung unterliegt dabei in Dokumentaristik, wie auch im Spielfilm der Notwendigkeit geschlossener Darstellung und dem Streben nach Eindeutigkeit: „Eine Welt, die sich mit 24 Bildern pro Sekunde bewegt, lässt weder Zeit noch Raum für Reflexion, Verifikation oder Debatte.“[5] Nicht allein das Medium begünstigt Vereinfachungen, auch das Publikum erwartet ein ganzheitliches Bild, dass dem Fragmentarischen einer auf größtmögliche Objektivität zielenden, diskursiven und quellengestützten Geschichtsschreibung entgegensteht. Dabei sind die entstehenden Geschichtsbilder in hohem Maße das Ergebnis von im Produktionsprozess gefällten Entscheidungen. Das subjektive Moment des Historikers kommt zuvorderst durch die Auswahl der Quellen und die Anordnung des Materials zum Tragen. Literaten wählen ihren Stoff und reichern ihn mit fiktionalen Elementen an, bleiben jedoch bei ihrer Darstellung stets an das Medium der Sprache und die Mittel der Rhetorik gebunden. Die Darstellung im Film dahingegen verlangt Entscheidungen hinsichtlich der Stoffauswahl und der Kombination von Bild und Ton. Kameraperspektive, Lichtverhältnisse, Einstellungen und ihre Montage sind prinzipiell ebenso bedeutungstragende Elemente, wie gleichermaßen Geräuschuntermalung und Dialogtexte.[6] Was in der Aura des Abbildhaften daher kommt, ist das Ergebnis einer bewussten Konstruktion aus all diesen Momenten, Ausdruck einer Wirkungsabsicht des Regisseurs und aller an der Produktion des Films beteiligten Personen.[7]

Besonders bei den für das kommerzielle Kino produzierten historischen Spielfilmen ist dabei davon auszugehen, dass der inhaltlichen wie ästhetischen Gestaltung die Orientierung am Zuschauer, der Ausformung der Geschichtsbilder eine Antizipation der Vorstellungen des erwarteten Publikums zugrunde liegt. Der Quellenwert von Filmen ist für den Historiker vor allem darin zu sehen, dass sie „einen unmittelbaren Einblick in Geschmack und Gemütslage, Empfindungen und Stimmungen ganzer Völkerschaften“[8] vermitteln. Ist ein geschichtliches Ereignis das Thema des Films, so kann man durch die Analyse Aufschluss erhoffen bezüglich der – das thematisierte Ereignis betreffenden – gängigen Geschichtsbilder.[9]

Kommerzielle Spielfilme sind im Rahmen der kontemporären Geschichtskultur folglich nicht allein als Produzenten, sondern ebenso als Produkte von Geschichtsbildern und Geschichtsbewusstsein zu betrachten. Dies kann als Ausgangspunkt einer Filmanalyse angesehen werden, die weniger nach der historischen Korrektheit der vermittelten Geschichtsbilder fragt, sondern vielmehr diese in ihrer Ausgestaltung zu analysieren und auf ihre Quellen hin zu hinterfragen bemüht ist. Wird Sönke Wortmanns Wunder von Bern offenkundig als Abbild der Nachkriegsgeschichte begriffen, wie die eingangs rekapitulierten Forderungen nach der Einbindung des Filmes in den Schulunterricht suggerieren, so scheint es angebracht zu sein, nach der Ausgestaltung der Geschichtsbilder im Film zu fragen. Diese Annäherung muss notgedrungen aufgrund des vorgegebenen Rahmens einer Hauptseminararbeit aspektorientiert erfolgen. Der Darstellung der Fußballweltmeisterschaft 1954, des Zusammenlebens der deutschen Nationalmannschaft in Spiez und des Gewinns der Trophäe wird im Folgenden keine weitere Beachtung geschenkt. Vielmehr soll im Zentrum der Auseinandersetzung die Darstellung des Kriegsheimkehrerschicksals, die entworfene Geschichte der Heimkehr der fiktiven Figur Richard Lubansky ins Auge gefasst werden. Dabei versuche ich aufzuzeigen, dass sich Wortmann im Wunder von Bern Bildern, Vorstellungen und Denkmustern bedient, die im Diskurs um die Spätheimkehrer im Westdeutschland der frühen fünfziger Jahren gesehen entwickelt worden sind. Dabei ist bemerkenswert, dass für die Auseinandersetzung mit dem Kriegsheimkehrerschicksal in der Öffentlichkeit sozialpsychologische und erinnerungspolitische Faktoren mitbestimmend waren, die das Bild des Kriegsheimkehrers auch in der Folge determinierten. Das Schicksal der Spätheimkehrer wurde mit Bedeutungen aufgeladen, die das sich auf diese beziehende populäre Geschichtsbild bis in unsere Tage prägt. Dies bezeugt, so meine These, die Darstellung des Kriegsheimkehrerschicksals in Wortmanns Wunder von Bern.

2. Viktimisierungsdiskurs und Spätheimkehrer

Nach der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 stellte sich die Frage nach dem kollektiven Selbstverständnis und der nationalen Identität. Damit verbunden war das Problem des Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, der Auseinandersetzung mit den in Vorkriegs- und Kriegszeiten begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sowie die Frage nach individueller und kollektiver Schuld an dem Geschehenen. Es ist davon auszugehen, dass Einzelpersonen wie Gemeinschaften stets das Bemühen auszeichnet, ein positives Selbstbild aufzubauen und zu erhalten. So verlangte die Präsenz der Erinnerung an Krieg und Terror in einer Gesellschaft von Tätern und Tatbeteiligten eine Form der Erinnerung, welche es ermöglichte, sich moralisch auf die Seite der Sieger zu stellen. In der Bundesrepublik gewann eine Sichtweise die Oberhand, die in Abgrenzung von der von außen zugewiesenen Täterrolle das Leiden unter Vertreibung und Bombardements, den Überlebenskampf in der unmittelbaren Nachkriegszeit und die Belastung der Familien durch Tod im Feld und Kriegsgefangenschaft in den Mittelpunkt rückte. Thematisiert wurde nicht der Krieg selbst, sondern einzig die kurz- wie langfristigen Folgeerscheinungen. Die Konfrontation mit kollektiver oder gar individueller Schuld wurden auf diesem Wege ausgeklammert oder mit Verweis auf die Verbrechen des Regimes und seiner Getreuen – gedacht als überschaubare, exklusive Gruppe – marginalisiert. Die bundesrepublikanische Gesellschaft konstituierte sich als Opfergemeinschaft, deren geteilte Erfahrung von Gewalt, Elend und Entbehrungen zum Charakteristikum ihrer nationalen Identität und zur integrativen Klammer werden konnte.[10]

In der Historiographie hat sich in jüngster Zeit zur Beschreibung dieser Form des selektiven Erinnerns der Terminus der Viktimisierung durchgesetzt. Denn entgegen der vormals häufig anzutreffenden Ansicht, in den fünfziger Jahren seien Krieg und Nachkriegszeit schlicht verdrängt worden, trägt die Identifikation der Viktimisierung als Diskursstrategie der Tatsache Rechnung, dass die Deutschen über ihre eigenen Leiden und Entbehrungen durchaus sprachen.[11] Auch war zumindest der Völkermord an den Juden ein präsentes Thema und durchaus Gegenstand öffentlicher Debatten. Doch geschah dies zumeist im Sinne einer Aufrechnung des Erlittenen, mithin im Bemühen um die Feststellung einer Identität von Juden und Deutschen als mittel- und unmittelbare Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft. In der Schlussdebatte des deutschen Bundestages zum Wiedergutmachungsabkommen der Bundesrepublik mit dem Staat Israel am 18. März 1953 bezeichnete der CSU-Abgeordnete Eugen Gerstenmaier Deutschland in der unmittelbaren Nachkriegszeit als ein Ghetto, in welches die Deutschen sich zur Sühnung der begangenen Taten hätten versetzt gesehen. Diese metaphorische Verbindung und In-Eins-Setzung von Holocaust und deutscher Nachkriegserfahrung mag aus heutiger Sicht grotesk erscheinen, stellte ihrem Geiste nach aber keineswegs eine Ausnahme dar. Bundesjustizminister Thomas Dehler kam in einer Rede vor jüdischen Juristen im Dezember 1951 zu dem Schluss, dass gleich den europäischen Juden auch Deutsche ihre staatsbürgerlichen Rechte, Besitz und Leben verloren hätten. Hans Christoph Seebohm, von 1949 bis 1966 bundesdeutscher Verkehrsminister, Heimatvertriebener und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Partei stellte 1952 fest, dass die Verfolgung der Juden der gleichen Methodik gefolgt wäre, wie sie bei der Vertreibung Deutscher aus den Gebieten jenseits der Oder-Neiße-Linie angewandt worden sei.[12] Die Tendenz exponierter politischer Vertreter der jungen Bundesrepublik, das Geschehene im Stile doppelter Buchführung, in Soll und Haben gegeneinander aufzuwiegen kann mithin in Stellvertretung gängiger Ansichten gesehen werden und ist keineswegs auf Angehörige der Regierungsparteien zu reduzieren.[13]

[...]


[1] Vgl. [Unbekannter] Autor: Fußball-Film: Kommt das Wunder von Bern auf den Lehrplan?. http://www. stern.de/kultur/film/fussball-film-kommt-das-wunder-von-bern-auf-den-lehrplan-514582.html (Artikel

eingestellt am 20. Oktober 2003). Letztmalig aufgerufen am 11.02.2010.

[2] vgl. Buchschwentner, Robert und Tillner, Georg: Geschichte als Film/ Film als Geschichte. Zur Interpretierbarkeit des „historischen Spielfilms“. In: Zeitgeschichte 21 (1994) S.309-323. Hier S.312-314.

[3] Vgl. Meyers, Peter: Film im Geschichtsunterricht. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 52 (2001) S.246-259. Hier S.247; Mettele, Gisela: Geschichte in bewgten Bildern. Historisches Arbeiten mit Dokumentar- und Spielfilmen. In: Hein, Dieter, Hillebrand, Klaus, Schulz, Andreas (Hrsg.): Historie und Leben. Der Historiker als Wissenschaftler und Zeitgenosse. Festschrift für Lothar Gall zum 70. Geburtstag. München 2006. S.287-299. Hier S.287.

[4] vgl. Buschwenter, Tillner: Geschichte als Film. S.311.

[5] Mettele, Gisela: Geschichte in bewegten Bildern. S.295.

[6] Wie aus diesem Grunde die theoretische Unterscheidung von Dokumentar- und Spielfilm unter Zugrundelegung des Objektivitätsgrades gehörig ins Wanken geraten ist. Vgl. Meyers: Film im Geschichtsunterricht, S.249; Mettele: Geschichte in bewegten Bildern, S.291.

[7] Vgl. Mettele: Geschichte in bewegten Bildern, S.291-292; S.294-295.

[8] Paschen, Joachim: Film und Geschichte. In: Geschichte lernen 42 (1994) S.13-19. Hier S.15-16.

[9] Vgl. Meyers: Filme im Geschichtsunterricht, S.252; Baumann, Heidrun: Der Film. In: Schreiber, Waltraud (Hrsg.): Erste Begegnungen mit Geschichte. Grundlagen historischen Lernens. Bd.1. Neuried 1999 (= Bayrische Studien zur Geschichtsdidaktik) S.526-543. Hier S.528.

[10] Vgl Wolfrum, Edgar: Die Suche nach dem „Ende der Nachkriegszeit“. Krieg und NS-Diktatur in öffentlichen Geschichtsbildern der „alten“ Bundesrepublik. In: Cornelißen, Christoph, Klinkhammer, Lutz und Schwentker, Wolfgang (Hrsg.): Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien, Japan seit 1945. Frankfurt a. M. 2003 (= Die Zeit des Nationalsozialismus) S.183-197. Hier S.190-193; Moeller, Robert G.: Deutsche Opfer, Opfer der Deutschen. Kriegsgefangene, Vertriebene, NS-Verfolgte: Opferausgleich als Identitätspolitik. Aus dem Amerikanischen übers. von Heidrun Homburg. In: Naumann, Klaus (Hrsg.): Nachkrieg in Deutschland. Hamburg 2001 (= Hamburger Edition) S.29-58. Hier S.31-35; Biess, Frank: Männer des Wiederaufbaus – Wiederaufbau der Männer. Kriegsheimkehrer in West- und Ostdeutschland, 1945-1955. In: Hagemann, Karen und Schüler-Springorum, Stefanie (Hrsg.): Heimat – Front. Militär und Geschlechterverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege. Frankfurt a. M. u.a. 2002 (= Geschichte und Geschlechter) S.345-365. Hier S.352; Biess, Frank: Homecomings. Returning POWs and the Legacies of Defeat in Postwar Germany. Princeton 2006. S.68-69.

[11] vgl. Goltermann, Svenja: Kriegsheimkehrer in der westdeutschen Gesellschaft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (2009) Heft 36/37. S.34-39. Hier S.35.

[12] Vgl. zu den angeführten Beispielen Moeller: Opfer. S.43-45.

[13] Vgl. ergänzend Biess: Homecomings. S.52-63 mit weiteren Beispielen.

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Details

Titel
Kriegsheimkehrerschicksal. Darstellung in Sönke Wortmanns "Wunder von Bern"
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V229765
ISBN (eBook)
9783656455349
ISBN (Buch)
9783656455691
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
kriegsheimkehrerschicksals, ihre, darstellung, sönke, wortmanns, wunder, bern
Arbeit zitieren
André Schnücke (Autor), 2010, Kriegsheimkehrerschicksal. Darstellung in Sönke Wortmanns "Wunder von Bern", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229765

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