"Das Menschlichste, was wir haben, ist doch die Sprache,
und wir haben sie, um zu sprechen."
- Theodor Fontane -
Am Anfang des Menschenlebens steht (noch) nicht das Wort, sondern der Schrei, den das neugeborene Kind, kurz nachdem es das Licht der Welt erblickt hat, ausstößt. Von dieser ersten Lautäußerung bis zur Produktion des ersten Wort vergeht in der Regel gerade einmal ein Jahr. Und allein in den nächsten vier Lebensjahren werden nochmal etwa 5000 Wörter hinzukommen. Betrachtet man ein Kind im Kindergartenalter, wie es mit anderen in Kontakt tritt, wie es spricht und kommuniziert, so kann man nur darüber staunen, welch großartige Leistung es offenbar in kürzester Zeit vollbracht hat, um das Menschlichste, wie Fontane es nennt, die Sprache zu erlangen. Es kann nicht nur Laute aussprechen, sinnvolle Wörter und Sätze bilden und in kommunikativer Weise gebrauchen, sondern auch grammatikalische Regeln anwenden. "Wüssten die Kinder über die Komplexität ihrer Erwerbsaufgabe, so würden sie ganz bestimmt gar nicht erst damit anfangen" (Tracy 1991, zit. n. Kannengieser 2009, S. 6), behauptet die Linguistin Rosemarie Tracy scherzhaft. Und doch tun sie es, mitunter früher oder später, im Verlauf der Kindheit, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.
Mit der vorliegenden Arbeit soll ein Überblick zum Verlauf der Sprachentwicklung aus entwicklungspsychologischer Sicht gegeben werden, wobei der Fokus auf das (frühe) Kindesalter als Hauptphase des Spracherwerbs gelegt wird. Um zu verstehen, wie dem Kind diese komplexe Entwicklungsaufgabe gelingt, werden im ersten Gliederungspunkt zunächst einige theoretische Erklärungsversuche der Sprachentwicklung vorgestellt. Anschließend sollen einige wesentliche Voraussetzungen und Bedingungen betrachtet werden, die für eine gelingende Aneignung von Sprache erforderlich erscheinen. Der Hauptteil der Arbeit widmet sich dann dem konkreten Verlauf der kindlichen Sprachentwicklung unter Berücksichtigung einzelner Bereiche der Sprache, die dabei erworben werden müssen. In einem abschließenden Resümee sollen die zentralen Erkenntnisse zusammengefasst und ein kurzer Ausblick auf offene Aspekte der Thematik gegeben werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Theorien zur Sprachentwicklung
1.1 Inside-Out-Theorien
1.2 Outside-In-Theorien
1.3 Rational-konstruktivistische Theorien oder "radikale Mitte"
2 Voraussetzungen der Sprachentwicklung
2.1 Anatomische Voraussetzungen
2.2 Sensorische Voraussetzungen
2.3 Kognitive Voraussetzungen
2.4 Soziale Voraussetzungen
3 Der Verlauf der Sprachentwicklung im Kindesalter
3.1 Entwicklung des Sprachverständnisses
3.2 Phonologische Entwicklung
3.3 Semantisch-lexikalische Entwicklung
3.4 Grammatikerwerb
3.5 Entwicklung kommunikativ-pragmatischer Kompetenz
4 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit gibt einen entwicklungspsychologischen Überblick über den Verlauf der kindlichen Sprachentwicklung, wobei der Schwerpunkt auf der frühen Kindheit liegt. Sie beleuchtet theoretische Erklärungsansätze, notwendige Voraussetzungen sowie die verschiedenen Teilbereiche der Sprache, die ein Kind im Laufe seiner Entwicklung erwirbt.
- Theoretische Erklärungsmodelle zur Sprachentwicklung (Inside-Out, Outside-In, radikale Mitte)
- Anatomische, sensorische, kognitive und soziale Voraussetzungen
- Entwicklung des Sprachverständnisses und der Phonologie
- Semantisch-lexikalische Entwicklung und Benennungsexplosion
- Grammatikerwerb und Entwicklung kommunikativ-pragmatischer Kompetenz
Auszug aus dem Buch
3.2 Phonologische Entwicklung
Schon vor dem eigentlichen Spracherwerb setzen Kinder ihre Sprechwerkzeuge zur motorischen und sensorischen Betätigung ein und produzieren dabei, wenn auch zunächst unwillkürlich, bestimmte Geräusche. Mit der Zeit merkt das Kind dann, dass es selbst Urheber dieser Geräusche ist und seine Umwelt kommunikativ darauf reagiert. Es beginnt, diese willentlich zu wiederholen und entwickelt Freude am Experimentieren mit und Imitieren von Lauten. Aus diesem vorsprachlichen Lautieren entsteht nach und nach die Lautsprache, je mehr das Kind kommunikative Intentionen mit Äußerungen verbindet. Dabei ermöglicht die immer bessere Bewegungsplanung und -steuerung der Sprechwerkzeuge die Erzeugung immer mehr und schwierigerer Laute und Lautverbindungen.
Diese Entwicklung sollte in der Regel spätestens bis zum Schuleintritt weitgehend abgeschlossen sein und alle Laute der jeweiligen Sprache fehlerfrei gesprochen und gebraucht werden. Auf dem Weg dahin durchläuft ein Kind bestimmte Etappen, die nachfolgend kurz dargestellt werden sollen.
Bereits um den zweiten Lebensmonat beginnt das Kind konsonantenähnliche Gurr-Laute zu produzieren. Dies geschieht jedoch ganz unwillkürlich und nicht-intentional. Man bezeichnet diese sprachlichen Entwicklungsaktivitäten auch als sogenannte erste Lallphase. Eine zweite Lallphase folgt etwa ab dem siebten Monat. Diese ist gekennzeichnet durch willentlich-gesteuerte, regelmäßige Vokal-Konsonanten-Verbindungen mit satzähnlicher Intonation wie zum Beispiel "dada" oder "wauwau".
Zusammenfassung der Kapitel
1 Theorien zur Sprachentwicklung: Das Kapitel stellt verschiedene Ansätze vor, um den komplexen Spracherwerb zu erklären, und unterteilt diese in Inside-Out-, Outside-In-Theorien sowie die rational-konstruktivistische "radikale Mitte".
2 Voraussetzungen der Sprachentwicklung: Hier werden die anatomischen, sensorischen, kognitiven und sozialen Bedingungen analysiert, die für eine gelingende Aneignung von Sprache erforderlich sind.
3 Der Verlauf der Sprachentwicklung im Kindesalter: Das Kapitel beschreibt den prozesshaften Erwerb von Sprachverständnis, Lauten, Wortschatz, Grammatik sowie der kommunikativ-pragmatischen Kompetenz im Laufe der Kindheit.
4 Zusammenfassung: Die zentralen Erkenntnisse zu Theorien, Voraussetzungen und Verläufen der Sprachentwicklung werden resümiert und die Bedeutung dieses Wissens für sozialarbeiterische Arbeitsfelder hervorgehoben.
Schlüsselwörter
Sprachentwicklung, Spracherwerb, Kindesalter, Entwicklungspsychologie, Phonologie, Wortschatz, Grammatik, Kommunikation, Sozialarbeit, Spracherwerbsvorrichtung, Benennungsexplosion, Fast Mapping, Erstspracherwerb, Sprachstörung, Psycholinguistik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet einen umfassenden Überblick über den Prozess der Sprachentwicklung bei Kindern aus entwicklungspsychologischer Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen des Spracherwerbs, biologische und soziale Voraussetzungen sowie die Meilensteine in den verschiedenen Sprachbereichen wie Phonologie, Lexik und Grammatik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kinder die komplexe Aufgabe des Spracherwerbs bewältigen und welche Faktoren dabei eine entscheidende Rolle spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung und Zusammenführung bestehender entwicklungspsychologischer Fachliteratur und linguistischer Forschungsergebnisse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich dem konkreten Verlauf der kindlichen Sprachentwicklung, unterteilt in Teilbereiche wie Sprachverständnis, Phonologie, semantisch-lexikalische Entwicklung, Grammatikerwerb und pragmatische Kompetenz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Sprachentwicklung, Spracherwerb, Kindesalter, Entwicklungspsychologie, Phonologie, Grammatikerwerb und Benennungsexplosion.
Was unterscheidet die "Ammensprache" von der "lehrreichen Sprache"?
Die Ammensprache dient vor allem im ersten Lebensjahr durch hohe Tonlage und Vereinfachungen der Aufmerksamkeitslenkung, während die lehrende Sprache ab dem dritten Lebensjahr gezielt durch Reformulierung und Korrektur beim Grammatikerwerb unterstützt.
Warum ist das Wissen über Sprachentwicklung für die Sozialarbeit relevant?
Für Sozialarbeiter ist dieses Wissen essenziell, um den Sprachentwicklungsstand bei Kindern diagnostisch einzuschätzen und bei Auffälligkeiten eine fachgerechte Weitervermittlung an therapeutische Fachkräfte zu initiieren.
- Arbeit zitieren
- Denise Krüger (Autor:in), 2012, Sprachentwicklung im Kindesalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230153