Wenn gemeinhin an die Zeit des Mittelalters erinnert wird, ersteht vor unserem geistigen Auge eine Bühne von stolzen Burgen und Kaiserpfalzen, Kathedralen und Klöstern, Märkten und Städten, auf der sich Edle und Ritter, Bischöfe und Mönche, wohlhabende Handwerker und reiche Händler bewegen. Populärwissenschaftliche Bücher über das Mittelalter tragen Titel wie „Mönche, Krieger, Lehensmänner – Spätantike und frühes Mittelalter“, „Blüte des Mittelalters – Die Welt der Ritter und der Mönche“ oder „Kaiser, Ritter und Scholaren – Hohes und spätes Mittelalter“. Ausgeblendet wird dabei zum einen, dass an die neunzig Prozent der mittelalterlichen Bevölkerung im landwirtschaftlichen Bereich als meist abhängige Bauern eine bescheidene und ärmliche Existenz fristeten, zum anderen, dass es auf dem Lande, aber vor allem in der Stadt eine Unterschicht gab, die zum großen Teil von der Teilnahme am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben mehr oder weniger ausgeschlossen und der Diskriminierung preisgegeben war: die sozialen Randgruppen. Um den Begriff soziale Randgruppe in der mittelalterlichen Gesellschaft besser fassen zu können, wird der Aufbau der mittelalterlichen Gesellschaft hier kurz dargelegt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehung des Berufes des Henkers
3. Unehrliche Berufe
4. Aufgaben und Pflichten
5. Bezahlung
6. Strafvollzug
6.1 Das Enthaupten
6.2 Das Hängen
6.3 Das Vierteilen
6.4 Das Lebendigbegraben
6.5 Das Verbrennen
7. Die gesellschaftliche Stellung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des Henkers als soziale Randgruppe in der mittelalterlichen Stadt. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie dieser Personenkreis einerseits von der Gesellschaft diskriminiert und ausgegrenzt wurde, während er gleichzeitig eine unverzichtbare Funktion für das Rechtssystem und die öffentliche Ordnung innerhalb der Städte erfüllte.
- Historische Entwicklung des Scharfrichterberufs
- Soziale Stigmatisierung und das Konzept der "unehrlichen Berufe"
- Aufgaben, Pflichten und Arbeitsalltag des Henkers
- Die ökonomische Situation und Entlohnung des Scharfrichters
- Strafvollzugsmethoden und deren symbolische Bedeutung
Auszug aus dem Buch
6.2 Das Hängen
Das Hängen ist eine der ältesten und weit verbreitesten Hinrichtungsformen. Diese meist eher im Norden ausgeführte Hinrichtungsart, geht wahrlich auf eine Art heidnische Form des Menschenopfers zurück, bei der der Verurteilte den Elementen ausgesetzt und dem Sturmgott Wotan übergeben wird. So lässt sich auch erklären, warum es vielfach üblich war, den Hingerichteten nicht vom Galgen zu nehmen, sondern zu warten bis dieser herabfiel. Diese alte Vorstellung vom Menschenopfer ist wahrscheinlich auch der Grund, warum Verurteilte beim Reißen des Stricks nicht nochmals gehängt wurden, sondern freigelassen wurden.36 Die Gottheit hatte das ihr dargebotene Menschenopfer nicht gewollt. Auch der Ort der Hinrichtung dürfte mit dem uralten Opfercharakter des Hängens zusammenhängen, so war der Galgen meist auf einem freien Feld, wenn möglich auf einer kahlen Anhöhe. Der Platz wo der Galgen stand sollte sich zudem möglichst im nördlichen Teil der Siedlung befinden. In der magischen Weltsicht der Menschen sei hier der Ort von der die Schicksalsmächte herkamen. Diese unheilanrichtenden Mächten könnten so durch ein Menschenopfer besänftigt werden. Auch andere Zeichen stützen die Annahme, dass es sich bei dem Hängen ursprünglich um eine Opferung für den Sturmgott Wotan handelte. So wurde es als ein gutes Zeichen erachtet, wenn Raben, die Tiere Wotans, an der Leiche rissen.
Dies wurde als Zeichen für die gutwillige Annahme des Opfers seitens Wotans gesehen.37 Das Hängen war eine der einfachsten Hinrichtungsformen. Der Henker brauchte eigentlich nichts weiter als einen Strick und Baum dazu, wobei das erhängen dann doch meist an einem Galgen stattfand. Hierzu wurden zwei Leitern an den Galgen gestellt. Der Henker stieg mit dem Verurteilten hinauf, legte ihm die Schlinge um den Hals und befestigte das Seil an dem Galgen. Dann stieg der Henker von der Leiter und stieß diese um, sodass am Galgen hing. Der Verurteilte starb daran, dass die Schlinge ihm beim Sturz das Genick brach oder die Schlinge Luftrühre und Blutgefäße verschloss und das Opfer langsam baumelnd erstickte.38
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der sozialen Randgruppen im Mittelalter ein und erläutert die besondere gesellschaftliche Position des Henkers.
2. Entstehung des Berufes des Henkers: Das Kapitel zeichnet die historische Entwicklung und den Wandel der Wahrnehmung des Scharfrichterberufs von der Antike bis zum Mittelalter nach.
3. Unehrliche Berufe: Hier wird der Begriff der "Unehrlichkeit" als sozialrechtliche Kategorie erläutert und deren Auswirkungen auf die Rechtsstellung der Betroffenen verdeutlicht.
4. Aufgaben und Pflichten: Dieses Kapitel beschreibt das vielfältige Tätigkeitsfeld des Henkers, das neben Hinrichtungen auch den Wasendienst und weitere geächtete Arbeiten umfasste.
5. Bezahlung: Es wird die wirtschaftliche Situation des Henkers beleuchtet, die durch ein komplexes Mischsystem aus Geldleistungen, Unterkunft und Nutzungsrechten geprägt war.
6. Strafvollzug: Dieses Kapitel analysiert verschiedene Hinrichtungsmethoden wie Enthaupten, Hängen, Vierteilen, Lebendigbegraben und Verbrennen in ihrer symbolischen Bedeutung.
7. Die gesellschaftliche Stellung: Das Fazit der sozialen Analyse zeigt auf, wie durch räumliche Isolierung und soziale Stigmatisierung eine weitgehende Ausgrenzung des Henkers aus der städtischen Gemeinschaft erzwungen wurde.
Schlüsselwörter
Henker, Scharfrichter, Mittelalter, soziale Randgruppen, unehrliche Berufe, Strafvollzug, soziale Ausgrenzung, Stigmatisierung, Stadtgeschichte, Hinrichtung, Wasendienst, Hexenverfolgung, soziale Identität, Mittelalterliche Gesellschaft, Rechtsprechung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle und Stellung des Henkers als soziale Randgruppe in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die soziale Ausgrenzung aufgrund des Status als "unehrlicher" Beruf, die spezifischen Aufgaben des Henkers, seine Entlohnung und die symbolische Bedeutung der verschiedenen Strafvollzugsmethoden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Gesellschaft den Henker einerseits als notwendiges Instrument der Justiz akzeptierte, ihn andererseits aber als "unehrlich" stigmatisierte und aus der Gemeinschaft isolierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Analyse unter Verwendung von Fachliteratur sowie zeitgenössischen Quellen, wie Scharfrichterordnungen und städtischen Protokollen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Berufsentstehung, die Einordnung als unehrlicher Beruf, das detaillierte Aufgabenspektrum, die ökonomischen Rahmenbedingungen und eine ausführliche Darstellung verschiedener Hinrichtungsarten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Henker, soziale Randgruppe, unehrliche Berufe, Stigmatisierung und Straffvollzug charakterisiert.
Wie unterschieden sich die Hinrichtungsmethoden nach Geschlecht?
Laut Text galt das Hängen eher als Männerstrafe, während das Lebendigbegraben vorwiegend als Frauenstrafe bei Delikten wie Kindsmord oder Unzucht angewandt wurde.
Warum war der Henker trotz seiner Tätigkeit oft wirtschaftlich gesichert?
Obwohl er sozial isoliert war, wurde dem Henker für seine meist unbeliebten Tätigkeiten wie den Wasendienst oft ein regelmäßiges Einkommen, Unterkunft und Nutzungsrechte gewährt, was ihn in großen Städten teils auf ein Niveau mit der Mittelschicht brachte.
- Citar trabajo
- Niels Mertens (Autor), 2012, Randgruppen des Mittelalters am Beispiel des Henkers, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230727