Die Pressetextsorten Nachricht und Kommentar. Vergleich von Wortbildung, Textfunktion und Stil


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

20 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Einführung
1. Wortbildungsmuster
2. Textfunktionen

III Die Textsorte Nachricht
1. Benennungsbedarf
2. Sprachökonomie

IV Die Textsorte Kommentar
1. Stilistische Merkmale
2. Funktionen der Komposita

V Zusammenfassung

VI Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„[…] Die vielfach verwendete Bezeichnung Pressesprache [ist] insofern irreführend, als sie eine Homogenität impliziert, die eindeutig nicht gegeben ist.“1

Die Pressesprache, so Hilke Elsen, gebe es nicht. Ihr ist in dieser Hinsicht zuzustimmen, da es - wie sie selbst sagt - eine unüberschaubare Anzahl von „Formen schriftlich journalistischen Sprachgebrauchs“2 gibt. Grob gesagt besteht zum einen eine Zeitung aus verschiedenen Sparten, Rubriken und Textsorten. Zum anderen unterscheiden sich die einzelnen Zeitungen voneinander im Hinblick auf Erscheinungsweise (täglich, wöchentlich et cetera) oder Erscheinungsorten (lokal oder überregional). Des Weiteren weisen gerade periodische Zeitschriften eine thematische Spezialisierung auf (Sport, Computer, Wirtschaft et cetera)3. Eine weitere Unterscheidung könnte nach dem Kriterium der in der Öffentlichkeit wahrgenommenen „Seriosität“ vorgenommen werden, wonach sich beispielsweise eine Abonnement-Tageszeitung wie die FAZ von einer Boulevardzeitung (BILD) unterscheiden ließe.

Aufgrund der Vielfallt journalistischer Texte und Zeitungen scheint es also weiten Raum für eine sprachliche Vergleichsuntersuchung zu geben, wobei sich diese Arbeit auf die Untersuchung von zwei verschiedenen Textsorten aus vorzugsweise einer Zeitung, der FAZ, konzentrieren wird: Nachricht4 und Kommentar. Es wird dabei der Versuch unternommen werden, typische Merkmale und Unterschiede auf der Wort-, Satz- und Textebene beider Textsorten zu bestimmen. Im folgenden Kapitel II sollen zunächst die für die genauere Untersuchung der beiden Textsorten benötigten grammatischen Begriffe einführend beschrieben werden. Darauf aufbauend wird die Analyse der Textsorte Nachricht (Kapitel III) und der Textsorte Kommentar (Kapitel IV) vorgenommen werden. Die sprachlichen Unterschiede der beiden zu untersuchenden Textsorten werden bestätigen, dass von einer einheitlichen „Pressesprache“ in der Tat mitnichten die Rede sein kann5.

II. Einführung

II.1. Wortbildungsmuster

Auffallend an der “Zeitungssprache” im Allgemeinen ist die hohe Frequenz von Wortneuschöpfungen. Die vielfältige Sprache der Medien nutzt dabei alle Möglichkeiten der Wortbildung, die das Deutsche zur Verfügung stellt, allen voran die Wortneubildung durch Derivation, Konversion und (Determinativ)Komposition, wobei letzteres in der „Pressesprache“ deutlich überwiegt6. Indem mindestens zwei verschiedene Inhalte verbunden und Informationen zusammengefasst werden, eignet es sich in besonderer Weise dazu, die von der Presse angestrebte Informationsverdichtung zu unterstützen7 (vgl. Kapitel III.2).

Determinativkomposita (A+B=B) in der Zeitungsprache werden dabei zumeist als „ad hoc-Komposita“ (Okkasionalismen) gebildet, deren Verwendung LÜGER als charakteristische Eigenschaft von Pressetexten ansieht8. Im Unterschied zum Neologismus weißt ein ad hoc-Kompositum (noch) keinen kodifizierten Eintrag im Lexikon auf, was in der seltenen, häufig auch nur einmaligen Verwendung des Neuwortes begründet ist. Erst wenn die Frequenz der Wiederverwendung in den Medien steigt und das Kompositum populär wird, findet die Lexikalisierung statt. Die „Augenblicksbildung“ wird dann zum Neologismus, solange sie noch als neu empfunden wird.

Formal lassen sich die Determinativkomposita hinsichtlich ihrer Glieder in dreigliederige (Ganztagsbetreuung, Luftschutzkind, Kahlschlag-Befürchtung9 ) und vier- oder fünfgliedrige (SPD-Bundestagsfraktion, Volkswagen-Personalnotstand10 ) unterscheiden. Häufig werden auch Komposita mit einem Buchstabenwort als Erstoder Zweitglied gebildet (CDU-Politiker, Ich-AG11 ).

Neben der Komposition kann auch die Derivation als „Augenblicksbildung“ in Frage

kommen. Dazu gehören Präfigierungen wie Antiglobalisierung oder Mega-Anleihe, beide mittels Fremdpräfixen gebildet, und Suffigierungen, wie etwa Rechtsstreiterei und Europäertum. Supergünstig und vorpolitisch dagegen sind Beispiele für die adjektivische Derivation. Letztlich zählen auch Kurz- und Buchstabenwörter (Hamburg-Mannheimer [Versicherungen], Private [Krankenversicherungen], KfW) sowie Konversionen (Altbekanntes, Militärisches) zu den in der Zeitungssprache vorkommenden Wortbildungsmustern.12

II.2. Textfunktionen

Die in Pressetexten neu gebildeten Wörter dürfen bei einer Untersuchung über die Sprache der Massenmedien nicht isoliert betrachtet werden, sind sie doch Teil des kommunikativen Gesamtkontextes und werden diesem entsprechend bewusst vom Textproduzenten ausgewählt. Nach HEINZ-HELMUT LÜGERS Beschreibung (1983)13 lassen sich die unterschiedlichen Textsorten der „Pressesprache“ nach ihrer Intentionalität klassifizieren, die entweder in der Faktendarstellung und Tatsachenbericht oder in Stellungnahme oder Wertung besteht14. Die ausgewählte Lexik eines Pressetextes hängt damit wesentlich mit der dem Text zugrundeliegenden Intention zusammen15. LÜGER teilt die unterschiedlichen Textintentionen in fünf Gruppen ein, denen wiederum die wichtigsten Pressetextsorten zuzuordnen sind16. Für die nachfolgende Untersuchung relevant sind:

1. Informationsbetonte Texte. Diese haben das „primäre Ziel“17 der

Tatsachenvermittlung von bestimmten Sachverhalten oder zurückliegenden Ereignissen, wobei eine Bewertung ausfallen sollte. Diesem Muster lassen sich Textsorten wie Nachricht, Meldung oder Wetterbericht zuordnen.

2. Meinungsbetont-persuasive Texte. Diese bewerten die vermittelten Sachverhalte. Die persönliche Meinung, das Urteil oder die Kritik des Autors werden explizit dargestellt. Pressetextsorten wie Kommentar, Leitartikel, Glosse, Kolumne und Kritik lassen sich dieser Kategorie zuordnen.

LÜGERS textintentionale Klassifikation18 wird in der Forschung nicht unproblematisch gesehen. So verweist BURGER darauf, dass Intention ein Begriff der Sprechakttheorie sei und ein Subjekt voraussetze, das die Intention realisieren könne19. Wie JESENSEK zu Recht anmerkte, ist es problematisch, beispielsweise den Pressetextsorten Nachricht oder Meldung, die Produkte von Nachrichtenagenturen sind, ein Subjekt zuzuordnen20. Sinnvoller sei es, für die Unterscheidung von Pressetexten das Prinzip der Text-Funktion anzuwenden. Relevant für die Pressesprache sind demnach Texte entweder mit dominierender Informations- oder mit dominierender Appell-Funktion21. Ersteres entspräche dabei LÜGERS informationsbetonten Texten, letzteres seinen meinungsbetont-persuasiven Texten. Stilistisch lassen sich beide Gruppen von Textsorten dahingehend unterscheiden, dass die Sprache der Texte mit dominierender Informationsfunktion, wie etwa der Nachricht oder Meldung, eher sachlich-neutral geprägt ist; eine Beurteilung des Dargestellten sollte unterlassen und der Text ein Höchstmaß an Objektivität aufweisen. Texte mit dominierender Appell-Funktion (Kommentar, Glosse, Kritik) dagegen sind wertende Texte, also bewusst subjektiv und weisen zumeist eine stilistisch auffallende Sprache auf22.

Bevor im folgenden Kapitel hierauf näher eingegangen wird, ist es vordererst nötig, darauf hinzuweisen, dass ein Pressetext praktisch nie eine Funktion allein erfüllt, denn wie schon PESCHEL (2002) feststellte, sind „ Texte nur in den seltensten, stark konventionalisierten Fällen monofunktional.23 Kommentare auf der einen Seite vermitteln nämlich zwangläufig Informationen und auch die Nachricht, die informiert, kommt selten ohne Wertung aus24. Aus eben diesem Grund wird gerade bei Pressetexten von einer jeweils „dominierenden“, oder auch „primären“25 Textfunktion gesprochen.

III. Die Textsorte Nachricht

Zeitungsartikel, die eine dominierende Informationsfunktion aufweisen, wollen in erster Linie über die sich veränderten Geschehnisse und Verhältnisse in der außersprachlichen Realität, etwa in den Bereichen von Politik, Gesellschaft, und Technik berichten. Der Sprachstil sollte dabei möglichst sachlich und ohne Bewertungen des Autors sein.

„[…] Althaus war am Neujahrstag bei einem Skiunfall mit einer Frau zusammengestoßen. Die Frau war bei dem Zusammenprall gestorben. Dem Ehemann der Frau sprach das Gericht vorbehaltlich weiterer Ansprüche ein Schmerzensgeld von 5000 Euro zu. Der Prozess gegen den CDU-Politiker war schon am Dienstagnachmittag eröffnet worden […]“ (FAZ, 4.4.09, S.1)

Der sachliche, wertfreie Stil des hier zitierten Nachrichtentextes wird zum einen durch die geringen formalen Verknüpfungen im Themenaufbau erzielt. Zum anderen ist die Sprache deutlich und einfach, ohne Brüche und rhetorische Figuren. Auch die durchweg vorhandene Parataxe mit einfachen Aussagesätzen mit Verbzweitstellung (vgl. Tendenz zur Satzverkürzung, Kapitel III.2) lässt den Textausschnitt syntaktisch unauffällig erscheinen; eben dies trägt weiterhin zum sachlichen Stil bei und ist typisch für primär informierende Textsorten.

III.1. Benennungsbedarf

Auch auf lexikalischer Ebene sollte ein sachlicher Stil vorherrschend sein, indem nämlich möglichst unauffällige und wertneutrale Wortneubildungen gebildet werden. Dies sei mitunter im Folgenden dargestellt.

Aufgrund der Notwendigkeit, das häufig Neue, bisher Unbekannte zu benennen, kommt es innerhalb der entsprechenden Textsorten verstärkt zu Wortneubildungen26.

[...]


1 Zit. nach Elsen: Neologismen. Formen und Funktionen neuer Wörter in verschiedenen Varietäten des Deutschen, S. 102.

2 Zit. nach ebd.

3 Ebd.

4 Im Sinne von „hard-news“ (faktenbetonte Informationsvermittlung); dagegen die „soft-news“, die häufig bewusst auf wertende Elemente zurückgreifen und mit einem Bericht oder einer Reportage zu vergleichen sind.

5 Der Einfachheit halber wird der Begriff „Pressesprache“ in Anführungszeichen als Oberbegriff für sämtliche Textprodukte der Presse dennoch verwendet.

6 In dem von Elsen untersuchten Korpus machte die Komposition unter allen Wortbildungstypen 80% aus; Vgl. Elsen: Neologismen. Formen und Funktionen neuer Wörter in verschiedenen Varietäten des Deutschen.

7 Ebd., S. 108.

8 Ebd..

9 Ebd..

10 Vgl. Elsen: Neologismen, S. 105.

11 Ebd..

12 Ebd..

13 Vgl. Lüger: Pressesprache, S. 54ff.

14 Vgl. Jesensek: Medienwirksame Neologismen in der deutschen Gegenwartssprache, S. 193.

15 Ebd..

16 Vgl. Lüger: Pressesprache, S. S.58ff.

17 Zit. nach Lüger, Pressesprache, S.58.

18 Für diese Arbeit unwesentlich ist die weitere Unterscheidung Lügers in instruierend-anweisende Texte, bizentrierte Texte und kontaktherstellende Texte. Vgl. Lüger: Pressesprache, S.58ff.

19 Vgl. Jesensek: Medienwirksame Neologismen in der deutschen Gegenwartssprache, S. 193.

20 Ebd..

21 Ebd., S. 194.

22 Dies zumeist auch bewusst angestrebt.

23 Zit. nach Peschel: Zum Zusammenhang von Wortneubildung und Textkonstitution, S. 287.

24 Vgl. Elsen: Neologismen in der Zeitungssprache, S. 51.

25 Vgl. Elsen: Neologismen. Formen und Funktionen neuer Wörter in verschiedenen Varietäten des Deutschen, S. 103.

26 Vgl. Lüger: Pressesprache, S. 30; Nicht zwangsläufig müssen neugebildete Nomen, die auf Veränderungen oder Neuerungen in der Welt referieren, im Rahmen der Zeitungssprache entstanden sein. Vielmehr wird sich der Fachsprache bedient, sofern diese entsprechende Begriffe zur Verfügung stellt und diese gleichsam für den entsprechenden Zeitungsleser zumutbar sind.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Pressetextsorten Nachricht und Kommentar. Vergleich von Wortbildung, Textfunktion und Stil
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Wortbildung des Deutschen
Note
1,2
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V231469
ISBN (eBook)
9783656472780
ISBN (Buch)
9783656472858
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
pressetextsorten, nachricht, kommentar, eine, untersuchung, wortbildung, textfunktion, stil
Arbeit zitieren
Stefan Engelbert Heller (Autor), 2009, Die Pressetextsorten Nachricht und Kommentar. Vergleich von Wortbildung, Textfunktion und Stil, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231469

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