„Es ist für die Regierung der Vereinigten Staaten nicht möglich, die gegenwärtigen Machthaber in Russland als eine Regierung anzuerkennen, mit der Beziehungen wie zu anderen befreundeten Regierungen fortgesetzt werden können. […] Entgegen sei-nem Willen ist die Regierung der Vereinigten Staaten davon überzeugt worden, dass das gegenwärtige Regime in Russland auf der Negation aller Prinzipien von Ehre und gutem Glauben aufbaut.“ (Stöver 2007: 30)
Dieses Zitat, aus einem vom amerikanischen Präsidenten Wilson 1920 unterzeichne-ten Memorandum, stellt die Gründe der Skepsis der USA gegenüber der Sowjetunion dar. Obwohl das Memorandum über 20 Jahre vor der Anti-Hitlerkoalition angefertigt wurde, ist dieses Zitat dennoch sinnbildlich für das Verhältnis der beiden Staaten und ihrer Verbündeten zwischen 1947 und 1991, die Zeit des Kalten Kriegs. Die Bevölkerung der nördlichen Hemisphäre lebte in dieser Zeit zwar ein friedliches Leben, jedoch „im Schatten der drohenden atomaren Weltvernichtung.“ (Greiner/Müller/Walter 2006: 7/8). Auf der einen Seite standen die USA zusammen mit dem westalliierten Militärbündnis NATO, auf der anderen Seite die Sowjetunion in Verbindung mit den verbündeten Staaten des Warschauer Paktes. Es begann ein Rüstungswettlauf, für den in den letzten Jahren des Kalten Kriegs von beiden Nationen jährlich rund 700 Milliarden US-Dollar ausgegeben wurden (Stöver 2007, 145).
Hieraus hätte sich ein an Größe nicht zu überbietender militärischer Konflikt entwi-ckeln können. Letzten Endes blieb die Lage zwischen den Kernmächten der beiden Blöcke aber weitgehend ruhig und stabil. Der Kalte Krieg fand 1991, nach dem Zu-sammenbruch der Sowjetunion, sein Ende. Wie aber lässt sich das Ende dieses Konf-likts erklären? Warum wurde der bestehende Status nach über 40 Jahren geändert und der Konflikt, in den soviel Geld investiert wurde, friedlich beigelegt? Ich möchte in dieser Hausarbeit untersuchen, inwiefern die neorealistische Theorie von Kenneth Waltz einen Erklärungsansatz für die gestellte Problematik liefert. Welche Geschehnisse kann man mit dem Neorealismus erklären, bei welchen Vorgängen scheitert diese Theorie und bringt somit keine verwertbaren Erkenntnisse?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Neorealismus nach Kenneth Waltz
3. Der Kalte Krieg
3.1 Beginn des Ost-West-Konflikts
3.2 Blockbildung und Akteure
3.3 Ende des Kalten Kriegs
4. Neorealismus während des Ost-West-Konflikts
4.1 Neorealismus am Ende des Ost-West-Konflikts
4.2 Schwächen des Neorealismus
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die neorealistische Theorie nach Kenneth Waltz geeignet ist, sowohl die Stabilität während des Kalten Kriegs als auch dessen Ende zu erklären, wobei insbesondere die Grenzen dieser theoretischen Perspektive bei innerstaatlichen Wandlungsprozessen analysiert werden.
- Strukturelle Analyse der neorealistischen Theorie nach Kenneth Waltz
- Entstehung und Charakteristika des bipolaren Systems im Kalten Krieg
- Erklärungsversuche der Blockbildung und der Balance of Power
- Ursachen für das Ende des Ost-West-Konflikts aus neorealistischer Sicht
- Kritische Reflexion der Schwächen des Neorealismus
Auszug aus dem Buch
2. Der Neorealismus nach Kenneth Waltz
Kenneth Waltz hat in seinem Hauptwerk „Theory of International Politics“ von 1979 eine Theorie der internationalen Politik aufgestellt. Seiner Auffassung nach sind Theorien keine „Beschreibungen der realen Welt, sondern Instrumente die entwickelt werden um Teile der realen Welt zu erklären“ (Masala 2005: 37). „Sein Anliegen war es systematische Aussagen über die strukturellen Bedingungen zu formulieren unter denen Staaten in der internationalen Politik agieren und interagieren“ (Masala 2005: 74). Er lehnt seine Theorie des Neorealismus an den Realismus von Hans J. Morgenthau an und versucht diesen auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen (Masala 2005: 73).
Es existieren mehrere Grundsätze die für den Neorealismus von zentraler Bedeutung sind. Alle Staaten sind Akteure der internationalen Politik und nehmen somit Einfluss auf diese. Jeder Staat ist dabei souverän, was bedeutet, dass er selbst entscheiden kann, „ […] wie auf interne und externe Herausforderungen reagiert wird, einschließlich der Entscheidung ob man zur Bewältigung dieser Herausforderungen mit anderen Staaten zusammenarbeitet oder nicht“ (Masala 2005: 41). Waltz bezeichnet in seinem Werk „security“ als „the highest end“ (Waltz 1979: 126). Das oberste Ziel eines Staates ist also das Streben nach Sicherheit beziehungsweise die Sicherung seiner Existenz. Dabei ist zu beachten, dass Staaten als rationale Akteure anzusehen sind, die mit den vorhanden Ressourcen versuchen, ihre Ziele zu erreichen (Masala 2005: 44/73). Des Weiteren ist festzuhalten, dass Staaten in Form einer „black box“ auftreten. Demnach wird in der neorealistischen Theorie nicht die Struktur eines Staates betrachtet und somit keine inneren Angelegenheiten beurteilt. Demzufolge finden Aspekte wie Staatsform, Innenpolitik und handelnde Personen keine Beachtung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die historische Ausgangslage des Kalten Kriegs und stellt die Forschungsfrage nach der Erklärungsfähigkeit des Neorealismus für diesen Konflikt.
2. Der Neorealismus nach Kenneth Waltz: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundpfeiler des Neorealismus, insbesondere das Konzept der Staaten als rationale, souveräne Akteure in einem anarchischen System.
3. Der Kalte Krieg: Hier werden der Beginn, die Blockbildung durch NATO und Warschauer Pakt sowie das Ende des Ost-West-Konflikts historisch nachgezeichnet.
4. Neorealismus während des Ost-West-Konflikts: Das Kapitel verknüpft die theoretischen Annahmen von Waltz mit den historischen Ereignissen des Kalten Kriegs und diskutiert die Grenzen der Theorie bei der Erklärung des Systemwechsels.
5. Fazit: Das Fazit bewertet die Tauglichkeit des Neorealismus und resümiert, dass die Theorie zwar zur Erklärung stabiler Phasen dient, bei internen Transformationsprozessen jedoch an ihre Grenzen stößt.
Schlüsselwörter
Neorealismus, Kenneth Waltz, Kalter Krieg, Ost-West-Konflikt, Internationale Politik, Bipolarität, Sicherheit, Anarchie, Balance of Power, Gorbatschow, Glasnost, Perestroika, Blockbildung, Machtpolitik, Rüstungswettlauf.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die internationale politische Lage während des Kalten Kriegs sowie dessen Ende durch die theoretische Linse des Neorealismus nach Kenneth Waltz.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die neorealistische Theoriebildung, die Dynamiken der Bipolarität, das Sicherheitsdilemma sowie die historische Entwicklung des Ost-West-Konflikts.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu prüfen, inwieweit der Neorealismus historische Ereignisse wie die Stabilität des bipolaren Systems oder den Zusammenbruch der Sowjetunion erklären kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, bei der neorealistische Grundthesen auf historische Fallbeispiele angewendet und kritisch hinterfragt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Theorie von Waltz, einen geschichtlichen Abriss des Kalten Kriegs und die anschließende kritische Gegenüberstellung von Theorie und historischer Realität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Neorealismus, Bipolarität, Sicherheit, Machtbalance und Systemanarchie definieren.
Warum betrachtet der Neorealismus Staaten als „Black Box“?
Da der Fokus ausschließlich auf der Interaktion im internationalen System liegt, werden interne Prozesse wie Innenpolitik oder individuelle Entscheidungen handelnder Personen bewusst ausgeklammert.
Warum scheitert der Neorealismus laut Autor an der Erklärung des Endes des Kalten Kriegs?
Die Theorie ignoriert innenpolitische Faktoren und wirtschaftliche Transformationsprozesse, die jedoch maßgeblich zum Zusammenbruch der Sowjetunion beigetragen haben.
Was bedeutet „Balance of Power“ in diesem Kontext?
Es bezeichnet das Bestreben der Staaten, durch Aufrüstung oder Bündnisbildungen eine Machtkonzentration einzelner Akteure auszugleichen und so ein stabiles Gleichgewicht zu wahren.
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- Manuel Stein (Author), 2012, Neorealismus als Erklärung für das Ende des Ost-West-Konflikts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231581