Geschichte der deutschen Sprache. Linguistische Tendenzen im 19. Jahrhundert. Entwicklungen im Schulwortschatz


Studienarbeit, 2013

24 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Archaismen und Neologismen

3. Bedeutungswandel

4. Entlehnungen und Fremdwörter

5. Zusammensetzungen

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Der Wortschatz einer natürlichen Sprache ist nicht statisch, sondern er zeigt viele Entwicklungszüge auf. Jede Sprache ist ein durchaus dynamisches System, sie wird ständiger Veränderung unterworfen. Am besten kann man dieser Dynamik auf die Spur kommen, indem man den Wortschatz beobachtet, der die gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen sprachlich widerspiegelt. Die Sprachbenutzer einer bestimmten Generation werden aber der Sprachentwicklung und -veränderung kaum bewusst, und zwar deshalb, weil sie immer den Charakter einer langsamen Evolution trägt.[1]

Diese Evolution lässt sich eben am leichtesten am Wortschatz erkennen. Der Wortschatz ist durchaus empfindlich für alle Veränderungen im gesellschaftlichen Leben. Neue Wörter bereichern den Wortschatz permanent, andere lexikalische Mittel veralten oder kommen ganz aus dem Gebrauch. Dies ist ein sehr bemerkenswerter Vorgang, der manches vom Bau der Sprache und vom Verhältnis der Menschen zu ihrer Sprache verrät.[2]

Die Benennungsbedürfnisse einer Sprachgemeinschaft können auf unterschiedliche Weise befriedigt werden. In der Periode des neuzeitlichen Deutsch setzen sich im lexikalischen Bereich einige Tendenzen fort und die Entwicklung des Wortschatzes des Deutschen nimmt besonders seit dem 19. Jahrhundert rasant zu. Die wichtigsten Veränderungen im Wortschatz sind die Bildung von Neologismen und – damit verbunden – das Veralten und Aussterben von Wortschatzeinheiten (die Archaisierung), darüber hinaus Bedeutungswandel und Wechselbeziehungen mit anderen Sprachen und die Übernahme fremden Wortgutes.[3] Eine ganz bedeutende Rolle können dabei auch Determinativkomposita spielen.

2. Archaismen und Neologismen

So wie unter dem Einfluss der sozialen Veränderungen immer wieder neue Wörter gebraucht werden, können andere infolge des Absterbens der betreffenden Einrichtungen und Erscheinungen überflüssig werden und aus diesem Grunde untergehen. Viele Benennungen kommen auch außer Sprachgebrauch, weil für die von ihnen bezeichneten Sachen noch andere, gleichbedeutende Wörter vorhanden sind. Archaismus ist daher der Oberbegriff für veraltendes und veraltetes Wortgut, das in der Peripherie des Sprachsystems existiert.[4]

Bei den Archaismen handelt es sich also in erster Linie um Wörter, für deren Denotate neue Benennungen vorhanden sind. Das heißt, die Denotate existieren nach wie vor, werden aber anders bezeichnet und der anfängliche Begriff kann als überflüssig empfunden werden und gilt im modernen Sprachgebrauch als „veraltet“.[5]

Einige Beispiele aus der Schulterminologie sind: Lehrknabe bzw. Schulknabe (Schüler), Scholar (Schüler), Gehülfe (Hilfslehrer), Lehrmeister (Ausbilder), Schulmeister (Lehrer), Cötus bzw. Coetus (Schüler- bzw. Lehrerschaft), Rechnen (Mathematik), Realien bzw. Realia (Naturwissenschaften), Seelenlehre (Psychologie), Sittenlehre (Ethik), Fundamental- bzw. Elementarschule (Grundschule), Töchterschule bzw. Lyzeum (Mädchenschule).

Veraltete Wörter können Historismen sein. Die Historismen bezeichnen die Denotate, die es nicht mehr gibt, abgesehen von historischen Überlieferungen. Das sind Wortschatzelemente, die auch dem modernen Sprachbenutzer zwar noch bekannt sind, aber durch den seltenen Einsatz an die Peripherie des Wortschatzes getreten sind und mit denen man lediglich in bestimmten Kontexten über die nicht mehr bestehenden Denotate spricht.[6]

Historismen (auch Begriffsarchaismen genannt) sind also Wörter, die von der gesellschaftlichen Entwicklung überholt wurden und parallel mit dem Begriff aus dem aktiven Sprachgebrauch verschwunden sind.[7] Auch in der Schulterminologie findet man Belege dafür, z. B. unter den Bezeichnungen für die im 19. Jahrhundert bestehenden, heute aber nicht mehr existierenden Lehranstalten: Armen -, Fabrik -, Frei -, Industrie -, Trivial -, Wander - und Winkelschule.

Solche Historismen können aus allen Etappen der historischen Entwicklung stammen und sind unentbehrliche Mittel der Kommunikation über Vergangenes. Nicht nur in den Schulbüchern bzw. wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern auch in der schöngeistigen Literatur kann die veraltete Wortform verwendet werden, z. B. für satirische Zwecke, zur Charakteristik des sozialen Milieus, zur Poetisierung der Ausdrucksweise oder um historisches Kolorit auszudrücken.[8]

Den Archaismen werden sprachliche Neubildungen (Neologismen) gegenübergestellt. Sie betreffen Ausdrücke, die neue, ins Bewusstsein tretende natürliche und gesellschaftliche Erscheinungen benennen. Vom sprachlichen Standpunkt her kann zwischen Neuwörtern und Neuprägungen unterschieden werden. Die erste Gruppe bilden neue Wörter, die Benennungen für neue Erscheinungen sind.[9]

Die überwiegende Zahl der Neologismen sind aber Neuprägungen, also Schöpfungen aus bereits vorhandenem sprachlichen Material und auf diese Weise wird am häufigsten die Reaktion auf Benennungsbedürfnisse ausgedrückt, die – wie schon oben erwähnt – vor allem aus der Entstehung und Entwicklung neuer Bezeichnungsobjekte erwachsen[10], z. B. Fabrikkinder, Freikinder, Armenkinder ; Gesinnungsfächer, Turnkunst, Bürgerkunde ; Altsprachenschule, Eliteschule, Wanderschule, Morgenschule, Abendschule, Industrieschule, Fabrikschule, Freischule, Armenschule, Hilfsschule, Volksschule u. a.

Neologismen kommen also in einem bestimmten Abschnitt der Sprachentwicklung in einer Kommunikationsgemeinschaft auf, breiten sich aus, werden als sprachliche Norm allgemein akzeptiert und in diesem Entwicklungsabschnitt vom überwiegenden Teil der Sprachbenutzer über eine gewisse Zeit hin als neu empfunden. Mit anderen Worten: jeder Neologismus kann nur in einem bestimmten Zeitabschnitt als solcher aufgefasst werden. Falls ein neu entstandenes Wort usualisiert wird und dadurch seinen Neuheitscharakter verliert, ist es kein Neologismus mehr.[11]

Den größten Anteil am Bestand der Neologismen haben Substantive – Tendenzen der Verdeutlichung und Sprachökonomie führen zur Schöpfung von zahlreichen Determinativkomposita und ihre Bildung ist auch nicht selten mit der Übernahme fremden Wortgutes verbunden. Darüber hinaus können diese Komposita zur Verdrängung anderer Wörter beitragen und mit den bereits oben beschriebenen Archaisierungstendenzen in direktem Zusammenhang stehen.[12]

Es sei darauf hingewiesen, dass die Bildung von Neologismen die sozialen Verhältnisse des Sprachträgers wohl am deutlichsten widerspiegelt, weil mit ihnen die historisch-sozial determinierten Bezeichnungs-, Verallgemeinerungs- und Bewertungsbedürfnisse befriedigt werden.[13]

[...]


[1] Vgl. Moskalskaja 1965, S. 2

[2] Vgl. Henzen: Deutsche Wortbildung. In: Iskos et al. 1975, S. 81

[3] Vgl. Schippan 1987, S. 257

[4] Vgl. Schmidt 1978, S. 69

[5] Vgl. Knipf-Komlósi et al. 2006, S. 102

[6] Vgl. Knipf-Komlósi et al. 2006, S. 102

[7] Vgl. Stepanova et al. 2003, S. 51

[8] Vgl. Schippan 1987, S. 260

[9] Vgl. Slotta 2011, S. 40

[10] Vgl. Schippan 1987, S. 257

[11] Vgl. Kühn et al. 1991, S. 94f.

[12] Vgl. Schippan 1987, S. 257

[13] Vgl. Schippan 1987, S. 257

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Details

Titel
Geschichte der deutschen Sprache. Linguistische Tendenzen im 19. Jahrhundert. Entwicklungen im Schulwortschatz
Autor
Jahr
2013
Seiten
24
Katalognummer
V231734
ISBN (eBook)
9783656485018
ISBN (Buch)
9783656486169
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschichte, sprache, linguistische, tendenzen, jahrhundert, entwicklungen, schulwortschatz
Arbeit zitieren
Radoslaw Lis (Autor), 2013, Geschichte der deutschen Sprache. Linguistische Tendenzen im 19. Jahrhundert. Entwicklungen im Schulwortschatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231734

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