„Der Eindruck Rimbaudscher Texte ist um so desorientierender, als er von einer Sprache ausgeht, die nicht nur mit brutalen Stößen verletzt, sondern auch der zauberhaftesten Melodien fähig sein kann.“ (Friedrich 1988: 61)
Diese Aussage Hugo Friedrichs in Die Struktur der modernen Lyrik lässt bereits vermuten, warum die Werke Arthur Rimbauds bis heute von Interesse und Relevanz sind, und das nicht nur in der wissenschaftlichen Forschung. Sicherlich mag daran auch die exzentrische Persönlichkeit des Dichters selbst nicht ganz unbeteiligt sein. Charakterisierungen Rimbauds als „Bürgerschreck“ (Thoma 2009: 34) oder „`enfant terrible` der neuen Dichterschule“ (Stackelberg 1990: 217) unterstreichen umso mehr den Mythos des Dichters als `literarischen Rebellen`, dessen Leben und Gesamtwerk sich gleichermaßen mit einem einzigen Wort beschreiben lassen können: „Heftigkeit“ (Friedrich 1988: 59).
Ziel dieser Arbeit ist es nun, das einleitende Zitat Friedrichs, welches von ihm zweifelsohne auf das Gesamtwerk Arthur Rimbauds bezogen wird, an einem konkreten Beispiel, dem Sonett Le dormeur du val aus dem Jahr 1870, zu belegen. Konkret bedeutet dies, dass im Folgenden untersucht werden soll, welche sprachlichen und stilistischen Mitttel in diesem Gedicht dazu führen, dass es im klassischen Sinne `ästhetisch` wirkt. Welche, um es mit Friedrichs Worten zu sagen, „zauberhaftesten Melodien“ (siehe oben) können wir in Le dormeur du val finden? Auf der anderen Seite soll diese Arbeit ebenfalls aufzeigen, inwiefern man bei diesem Sonett gleichermaßen von einem `schrecklichen`, `grausamen` Gedicht sprechen kann. Auch bei der Antwort auf diese Frage soll die formale und sprachliche Analyse des Sonetts die Basis für die Interpretation zu der Fragestellung sein, mit welchen, von Friedrich besagten, „brutalen Stößen“ dieses besondere Gedicht Rimbauds „verletzt“ (siehe oben). Hierzu ist zu sagen, dass, um in dieser Arbeit Ästhetik und Schrecken in Le dormeur du val zu untersuchen, sich in der Analyse und Interpretation hauptsächlich auf jene Aspekte konzentriert wird, die auch relevant für eben diese Zielstellung sind. Darüber hinaus ist es mein Ziel, in der vorliegenden Arbeit am Beispiel von Rimbauds Sonett Le dormeur du val „die bestürzende Faszination [Rimbauds] Sprache“ (Stenzel/ Thoma 1987: 30), welche bis in die heutige Zeit währt, entschlüsseln und bezeugen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Le dormeur du val im biographischen und zeitgenössischen Kontext
II.I. Verortung von Le dormeur du val in Vita und Gesamtwerk Arthur Rimbauds
II.II. Einordnung von Le dormeur du val in die französischen Literaturströmungen des 19. Jahrhunderts
III. Das Sonett Le dormeur du val
III.I. Die Sonettform von Le dormeur du val
III.II. Inhalt des Sonetts
IV. Ästhetik und Schrecken in Le dormeur du val
IV.I. Le dormeur du val als `ästhetisches` Gedicht
IV.II. Le dormeur du val als `grausames`Gedicht
V. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, das Gedicht „Le dormeur du val“ von Arthur Rimbaud im Hinblick auf das Spannungsfeld zwischen ästhetischer Schönheit und dem grausamen Schrecken des Krieges zu analysieren, wobei die formale Gestaltung und die inhaltliche Pointe als zentrale Untersuchungspunkte dienen.
- Biographische und zeitgenössische Einordnung des Gedichts
- Analyse der klassischen Sonettform im 19. Jahrhundert
- Untersuchung der ästhetischen Naturbeschreibung als locus amoenus
- Dekonstruktion des Kriegs- und Todesbildes
- Syntaktische und inhaltliche Kontraste im Gedicht
Auszug aus dem Buch
III.II. Inhalt des Sonetts
Das erste Quartett beschreibt eine üppige und friedvolle Landschaft. Der Rezipient sieht sich sofort an einem Ort, an dem die gesamte Schönheit der Natur versammelt zu sein scheint. Man hat geradezu das Gefühl, das „petit val“ (V.4) sinnlich erfassen zu können: man sieht die satte Farbe des „trou de verdure“ (V.1) und die mächtige Gegenwart „de la montagne fière“ (V.3), man hört „une rivière“ (V.1) singen, man riecht regelrecht die „herbes“ (V.2) und man spürt die Sonne, welche die gesamte Umgebung mit ihren „rayons“ (V.4) umhüllt. Der Rezipient wird in ein lichtdurchflutetes Naturszenario von erhabener Schönheit versetzt.
Im zweiten Quartett wird nun ein „soldat jeune“ (V.5) in dieses Szenario eingeführt. Es wird gesagt, dass der Soldat schläft, weshalb es sich hierbei also um den „dormeur“ handeln muss, der in die Erwartungshaltung des Rezipienten bereits durch den Titel des Sonetts eingebunden ist. Sein vermeintlicher Schlaf scheint tief, was durch die Erwähnung des „bouche ouverte“ (V.5) impliziert wird. Er liegt in den Gräsern, „le frais cresson bleu“ (V.6) ist sein Kissen. Es muss wohl ein friedlicher Schlaf in diesem „lit“ (V.8) der Natur sein, der Soldat scheint völlig in sie eingehüllt zu sein.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in das Werk Rimbauds ein und stellt die Fragestellung auf, wie in „Le dormeur du val“ ästhetische Naturschönheit und der grausame Schrecken des Krieges formal und inhaltlich miteinander verknüpft sind.
II. Le dormeur du val im biographischen und zeitgenössischen Kontext: Dieses Kapitel verortet das Gedicht in der frühen Schaffensphase Rimbauds sowie im Kontext des Preußisch-Französischen Krieges von 1870/71.
III. Das Sonett Le dormeur du val: Hier erfolgt eine formale Analyse des Sonetts hinsichtlich Metrik und Reimschema sowie eine inhaltliche Zusammenfassung der Strophenstruktur.
IV. Ästhetik und Schrecken in Le dormeur du val: Dieses Kernkapitel untersucht die ästhetischen Mittel der Idylle und kontrastiert diese mit der brutalen, im Gedicht verborgenen Thematik des soldatischen Todes.
V. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass „Le dormeur du val“ durch die Ambivalenz von Schönheit und Tod ein zeitloses und kontrastreiches Werk darstellt, das den Schrecken des Krieges auf eindrucksvolle Weise vermittelt.
Schlüsselwörter
Arthur Rimbaud, Le dormeur du val, Literaturwissenschaft, Sonett, Ästhetik, Schrecken, Naturlyrik, Krieg, Symbolismus, Moderne, Tod, Lyrik, Frankreich, 19. Jahrhundert, Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse von Arthur Rimbauds Sonett „Le dormeur du val“ und untersucht, wie der Autor die Schönheit der Natur mit der Grausamkeit des Kriegstodes verbindet.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind die Gattung des Sonetts im 19. Jahrhundert, die literarische Darstellung von Naturidyllen sowie die Verarbeitung von Kriegserfahrungen in der Lyrik.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Forschungsfrage lautet, mit welchen sprachlichen und stilistischen Mitteln Rimbaud das Gedicht „ästhetisch“ gestaltet, während es gleichzeitig ein „schreckliches“ und „grausames“ Ereignis thematisiert.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine formale und sprachliche Analyse des Sonetts, eine Untersuchung der Syntax und Interpunktion sowie eine Deutung der inhaltlichen Oppositionen (Semantische Isotopie).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl die Entstehungsgeschichte des Gedichts und seine Einordnung in literarische Strömungen als auch die detaillierte Untersuchung der formalen Struktur und der inhaltlichen Dynamik vom „Hellen ins Dunkle“ erörtert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Ästhetik, Schrecken, Sonett, Natur, Krieg, Rimbaud und die Analyse von Kontrasten in der Lyrik.
Warum wählte der Autor für ein Kriegsthema die traditionelle Form des Sonetts?
Laut der Autorin liegt dies einerseits an der Wiederentdeckung des Sonetts im 19. Jahrhundert und andererseits am Wunsch Rimbauds, seine technischen Fertigkeiten in einer strengen Form unter Beweis zu stellen.
Wie deutet die Arbeit die „deux trous rouges“ am Ende des Gedichts?
Die zwei roten Löcher in der Seite des Soldaten werden als Schussverletzungen interpretiert, die zum Tod des „Schläfers“ geführt haben, womit das idyllische Naturumfeld als dessen Totenbett entlarvt wird.
- Citation du texte
- Wiebke Pietzonka (Auteur), 2012, Ästhetik und Schrecken in Arthur Rimbauds "Le dormeur du val". Eine Analyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232045