Alles, was in Deutschland zur Zeit der Nationalsozialisten gedruckt wurde, war parteilich genormt. Unterschiede im Schreiben verschwanden, und am Ende stand die LTI. Von jedem gelesen, wurde sie dank der ihr eigenen Aufdringlichkeit irgendwann auch zum Wortschatz des normalen sprechenden Bürgers. Dass selbst verschiedene Juden nationalsozialistisch geprägte Wörter verwendeten, lässt erahnen, was für ein Ansteckungspotential diese Sprache durch ihre markanten Wörter und hunderttausendfache Wiederholungen besaß. Die Gleichheit der Redeform lässt sich also zum großen Teil als eine Folge der parteilichen Normung der Schriftsprache verstehen.
Klemperer schreibt in seinem LTI: “Nein, die stärkste Wirkung wurde nicht durch Einzelreden ausgeübt, auch nicht durch Artikel oder Flugblätter, durch Plakate oder Fahnen, sie wurde durch nichts erzielt, was man mit bewußtem Denken oder bewußtem Fühlen in sich aufnehmen musste. Sondern der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang und die mechanisch und unbewußt übernommen wurden.” (S.26)
Die Artikel, Einzelreden und Flugblätter waren dabei wohl die Kraft, die die Lawine ins Rollen brachte - aber erst durch die Einzelworte, Redewendungen und Wiederholungen glitt die Sprache ins Fleisch, also ins Unbewusste hinüber.
Klemperer kommt zu dem Schluss, dass die Sprache die Gefühle und das ganze seelische Wesen des Einzelnen steuern kann, und zwar umso mehr, je mehr sich dieser ihr überlässt und sie unbewusst benutzt. Die Nationalsozialisten versuchten also durch die Sprache die Menschen zu manipulieren und in ihre Gefühlswelten einzugreifen, was ihnen durchaus mit Erfolg gelang.
Es gibt dabei einige besonders hervorstechende Merkmale der Sprache des Nationalsozialismus. So waren zum Beispiel die tausendfachen Wiederholungen und verschiedene stark beanspruchte Wortschatzfelder - Sport, Religion usw. - aus dem alltäglichen Sprachgebrauch im Nationalsozialismus nicht mehr wegzudenken.
Inhaltsverzeichnis
1) Sport
2) Religion
3) Eintönigkeit der Sprache
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die sprachliche Manipulation im Nationalsozialismus in Anlehnung an Victor Klemperers "LTI - Notizbuch eines Philologen". Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch gezielte Wortwahl, die Besetzung spezifischer Wortschatzfelder und die bewusste Vereinfachung der Sprache das kritische Denken der Bevölkerung ausgeschaltet und ein blinder Massenfanatismus erzeugt wurde.
- Die Instrumentalisierung des Sports zur körperlichen Ertüchtigung und Heldeninszenierung.
- Die Umdeutung politischer Inhalte in religiöse Sphären ("Glaubensgemeinschaft").
- Die systematische Geringschätzung des Intellekts zugunsten emotionaler Appelle.
- Die Funktion der sprachlichen Eintönigkeit als Mittel zur Indoktrination.
Auszug aus dem Buch
1) Sport
Da nach dem Versailler Vertrag Wehrpflicht verboten war, musste die Parteiführung versuchen, andere Möglichkeiten zu finden, um die jungen Männer zu kräftigen und gesunde, sportliche, kriegsfähige Soldaten auszubilden.
Da man diese Ausbildung nun nach dem ersten Weltkrieg natürlich nicht mehr auf der ernsten Ebene der Armee anbieten konnte respektive durfte, versuchte man, die Betreibung von Sport (die noch erlaubt war) allgemein zu fördern und die Sicht des Volkes auf den Sport positiver zu gestalten, indem man ihm einen immer größeren Stellenwert im Leben einräumte.
So wurden zum Beispiel berühmte deutsche Sportler (Autofahrer,…) über alle Maßen gelobt und bewundert und wie Helden behandelt. Sport wurde zu einer Form des nazistischen Heldentums, und es kam durch geschickte politische Manipulation zu einer allgemeinen Sportbegeisterung in Deutschland.
Diese Manipulation geschah, wie so vieles im Dritten Reich, zum Teil über den Weg der Sprache. So lässt sich auch heute noch feststellen, welch große Bedeutung dem Wortschatzfeld des Sports damals zukam.
Hitler liebte den Ausdruck “körperliche Ertüchtigung” (den er im Lexikon der Weimarer Konservativen gefunden hatte) und er stellte eine Rangordnung der zu fördernden Fähigkeiten auf.
Das Körperliche stand dabei klar im Vordergrund: zuerst sollte für die körperliche Ertüchtigung gesorgt werden, an zweiter Stelle kam die Ausbildung des Charakters, und erst an dritter Stelle, nur widerwillig zugelassen und verdächtigt, geschmäht und als “niedrig“ angesehen, stand die Ausbildung des Intellekt. Diese Zurückstellung des Denkens zeigt die Angst der Nationalsozialisten vor dem selbständig denkenden Menschen.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Sport: Dieses Kapitel analysiert, wie Sport als politisches Instrument genutzt wurde, um junge Männer kriegsfähig zu machen und durch die Verherrlichung sportlicher Leistungen eine ideologische Heldentums-Kultur zu etablieren.
2) Religion: Hier wird untersucht, wie die Nationalsozialisten religiöse Konzepte und Vokabular (z.B. "Erlöser", "Glaube") übernahmen, um den Führer und die Ideologie in eine gottähnliche, unhinterfragbare Sphäre zu heben.
3) Eintönigkeit der Sprache: Das Kapitel beschreibt, wie die bewusste Reduktion der Sprachvielfalt und die ständige Wiederholung einfacher, agitatorischer Begriffe dazu dienten, kritisches Denken zu unterdrücken und die Bevölkerung zu steuern.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Klemperer, LTI, Sprachkritik, Manipulation, Sport, Religion, Körperlichkeit, Intellekt, Propaganda, Ideologie, Massenfanatismus, Führerprinzip, Agitation, Spracharmut
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die spezifischen sprachlichen Mechanismen des Nationalsozialismus und wie diese dazu dienten, das Denken und Fühlen der Menschen gezielt zu manipulieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit konzentriert sich primär auf die Umdeutung und Instrumentalisierung der Bereiche Sport und Religion sowie auf das Phänomen der sprachlichen Eintönigkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das NS-Regime Sprache nutzte, um das kritische Urteilsvermögen des Volkes auszuschalten und eine bedingungslose Gefolgschaft zu erreichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Analyse basiert auf einer literarischen und sprachkritischen Untersuchung, primär gestützt auf die theoretischen Ausführungen von Victor Klemperers Werk "LTI".
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden konkrete Wortschatzfelder, die Abwertung intellektueller Fähigkeiten zugunsten körperlicher "Ertüchtigung" und die religiöse Überhöhung des Führerkultes detailliert erläutert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Manipulation, Ideologie, Agitation, Glaube und die von Klemperer geprägte "LTI" (Lingua Tertii Imperii).
Warum wurde der Sport im Dritten Reich sprachlich derart stark besetzt?
Der Sport diente als idealer Ersatz für die militärische Ausbildung nach dem Versailler Vertrag; die Sprache des Sports ermöglichte es, soldatische Tugenden wie Kampf und Durchhaltevermögen positiv in den Alltag zu integrieren.
Welche Rolle spielte der Begriff "fanatisch" im NS-Jargon?
Der Begriff wurde von den Nationalsozialisten positiv umgedeutet und bezeichnete eine blinde, kritiklose Befolgung von Befehlen, was ihn zum Leitmotiv für das gewünschte Verhalten der Volksmassen machte.
Inwiefern trug die Sprache zur "Entintellektualisierung" bei?
Durch die Sentimentalität und die ständige Wiederholung von Parolen wurde die Vernunft abgewertet, um das Volk leichter über Emotionen und Glaubenssätze steuern zu können.
- Citar trabajo
- MA Paul Diederich (Autor), 2009, Zur Sprache des Nationalsozialismus in Anlehnung an Victor Klemperers "LTI", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232062