"White-minded Negroes" und "Uncle Tom leaders"

Die Beurteilung der Bürgerrechtsführer und die Verwischung von Grenzlinien der Kategorie "race" bei Malcolm X


Hausarbeit, 2007

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kontextbetrachtungen: Die Bürgerrechtsbewegung und die Nation oflslam

3 Die Bürgerrechtsführer und die Verwischung von Grenzlinien der Kategorie race
3.1 Quellenkritik
3.2 Religiöse Kategorien und biblische Rhetorik
3.3 AuslegungvonKlassenaspekten
3.4 DieDarstellungdesMarschesaufWashington

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Als Martin Luther King am 28. August 1963 seine berühmte "I have a dream"-Rede als Höhepunkt des Marsches auf Washington hielt, schien das Konzept des gewaltlosen Protestes ein Ende der Segregationspolitik und die rechtliche Gleichstellung für African Americans[1] in den Bereich des Möglichen zu rücken. Die Symbolkraft, die von dem perfekt inszenierten Auftritt ausging birgt aber auch Risiken, da alternative Auffassungen dadurch in den Hintergrund treten können.[2]

Diese Arbeit soll deshalb die Argumentation von Malcolm X anhand seiner Rede "God's Judgement of White America"[3] untersuchen, und feststellen, auf welche Weise er die Führer der Bürgerrechtsbewegung darstellt und ihre Beziehung zur weißen Bevölkerung der USA interpretiert. Besondere Aufmerksamkeit gilt hier der rhetorischen Verwischung von Grenzlinien der Kategorie race, die Malcolm durch Einbeziehung von Klassen- und Identitätsaspekten impliziert. Anhand der Rede soll gezeigt werden, dass er versucht seinem Publikum ein differenzierteres Kategoriensystem in Bezug auf die schwarze Gemeinschaft in den USA näher zu bringen. So erkennt er nicht nur die Instanzen Black und White, wie sie in der klassischen Konzeption von race gegenübergestellt werde etwa den "white-mindedNegro".[4]

In der Forschung zur anglo-amerikanischen Kultur- und Sozialgeschichte spielt das Konzept von race eine wichtige Rolle. Race ist keine an biologischen Maßstäben festgelegte Kategorie, sondern vielmehr ein gesellschaftliches Konstrukt und legt innerhalb einer von rassistischen Wertvorstellungen geprägten Gesellschaft bestimmte Grenzlinien fest, die unterschiedliche Gruppen in Abgrenzung zueinander definieren. Je nach Gruppenzugehörigkeit und abhängig von den Hegemonieverhältnissen in einer Gesellschaft wirken verschiedene Ausgrenzungs- und Benachteiligungsmechanismen.[5]

Hierbei ist zu beachten, dass derartige Mechanismen oft nicht allein durch race, sondern darüber hinaus durch Kategorien wie gender und class bedingt werden. Meist lassen sich diese drei zentralen Untersuchungsfelder nur gemeinsam betrachten, was sich auch im Rahmen dieser Arbeit zeigen wird.

Im Folgenden wird zunächst der zeitliche Kontext der Rede betrachtet und die Person Malcolm X in das Umfeld der Bürgerrechtsbewegung eingeordnet werden. Hierbei steht seine Funktion als wichtigster Sprecher der Nation of Islam im Mittelpunkt. Außerdem werde ich noch einmal kurz die Umstände des Marsches auf Washington erläutern, da die Schilderung und Bewertung dieser Protestkundgebung einen der zentralen Punkte in Malcolms Rede darstellt. Nach einer kurzen Quellenkritik folgt die Analyse der Rede. Es werden zuerst einige biblische Topoi vorgestellt, die Malcolm zur Veranschaulichung seiner Ideen heranzieht. Durch Gegenüberstellung von religiösen Weltanschauungen suggeriert er in diesem Kontext eine erste Differenzierung des Kategoriensystems von race. In einem zweiten Abschnitt untersuche ich die in der Rede vorgenommene Einteilung der schwarzen Gemeinschaft in "middle-class Negroes" und "black masses". Abschließend folgt eine Analyse von Malcolms Darstellung des Marsches auf Washington. Im Zentrum steht hier die Frage nach der Verortung dieser Protestkundgebung in Malcolms race- Konzept und die Darstellung der Bürgerrechtsführer und ihrer Beziehung zu den liberalen weißen Führungsschichten.

2 Kontextbetrachtungen: Die Bürgerrechtsbewegung und die Nation of Islam

Ab Mitte der 1950er Jahre wurde das Konzept des gewaltlosen Protestes von Organisationen wie der Southern Christian Leadership Conference (SCLC) und dem Congress of Racial Equality (CORE) als "direct action protests"[6] vor allem im Süden der USA realisiert. Hierbei wurde der Gegner direkt, aber gewaltlos mit Protesttaktiken verschiedener Art konfrontiert. Berühmt wurden Aktionen wie der Montgomery Bus Boycott in den Jahren 1955 und 1956, sowie die Freedom Rides Anfang der 1960er Jahre. Den Höhepunkt der Bewegung markierte der Marsch auf Washington im Sommer 1963, in dessen Umfeld schwarze und weiße Bürgerrechtler gemeinsam für eine integrierte Gesellschaft eintraten. An der Spitze dieser Demonstration standen die sogenannten "Big Six", auf die auch Malcolm X in der zu untersuchenden Rede eingeht. Zu ihnen gehörten unter anderem Martin Luther King, A. Philip Randolph und Roy Wilkins, der Vorsitzende der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP).

Neben dieser am Vorbild Mahatma Gandhis orientierten und auf die pazifistische christliche Tradition gegründete Form des Protestes gegen die Diskriminierung und die rechtliche Ungleichheit von African Americans, wurden radikale Einflüße innerhalb der Bürgerrechtsbewegung immer wichtiger. Herbert Haines bezeichnet das Jahr 1964 als "birthyear of the 'new' black radicalism"[7], doch lässt sich diese Entwicklung sehr viel weiter zurückverfolgen. Besonders in den größeren Städten kann man schon früher Anzeichen für eine teilweise Radikalisierung der schwarzen Bevölkerung erkennen, denn nicht alle African Americans erkannten Integration als die Lösung ihrer Probleme.[8] Schon im Kontext des Marsches auf Washington hatte das Student Nonviolent Coordinating Comitee (SNCC) die zurückhaltende und gemäßigte Form des Protestes kritisiert. Die radikalsten Passagen der Reden wurden zensiert und Worte wie "Revolution", die dem Gedanken einer uneingeschränkten Integration widersprachen, gestrichen.[9]

Als einflussreichste radikale Organisation etablierte sich die Nation of Islam unter der Führung Elijah Muhammads, die vor allem unter der afroamerikanischen Arbeiterklasse in den Städten des Nordens Anhänger fand. Bereits I960 unterhielt die Nation of Islam knapp 200 Tempel in allen Landesteilen der USA, zählte über 50.000 Mitglieder und war eine ernstzunehmende Macht in den meisten schwarzen Gemeinschaften.[10]

Als wichtigster Sprecher der Nation tat sich bald der ehemalige Sträfling Malcolm Little hervor, der, im Gefängnis zum Islam und zur Lehre des Elijah Muhammad bekehrt, der Organisation 1952 beigetreten war. Seine Bedeutung für die Gruppierung lässt sich auch an dem Umstand ermessen, dass die Nation zu seinem Eintrittszeitpunkt nur etwa 400 Mitglieder zählte, in der Folgezeit aber rasch wuchs.[11] Malcolm X, wie er sich seit seinem Beitritt zur Nation oflslam nannte, predigte ab 1954 in seiner Funktion als Minister des New York City Tempels und ab 1957 als "National Representative"[12] von Elijah Muhammad schwarzes Selbstbewusstsein, schwarze Kultur und das Recht der bewaffneten Selbstverteidigung.[13] Anders als viele Bürgerrechtsführer war Malcolm nicht an Integration interessiert, sondern vertrat den Standpunkt eines an den Ideen Marcus Garveys orientierten "black nationalism".[14] Demnach sollten Schwarze die Kontrolle über ihre eigenen Organisationen und Gemeinschaften übernehmen, und in Form eines eigenen Staates auch wirtschaftliche Unabhängigkeit von den Weißen erringen. Mattias Gardell fasst die Argumentation der Nation in seinen Betrachtungen treffend zusammen: "Separation - 'either on this continent or elsewhere' - would enable African Americans to escape the 'mental poisoning' of their '400-year-old enemies'."[15]

Seine zunehmende Bedeutung für die Nation of Islam und der Umstand, dass er von den Medien als Ikone der Gruppierung stilisiert wurde, weckten innerhalb der Organisation Misstrauen und Neid. Viele Mitglieder befürchteten, er könnte die Führung der Nation übernehmen, wenn der alternde Führer einmal starb. Auch die persönliche Beziehung zu Elijah Muhammad litt, als Malcolm von den unehelichen Kindern des selbst ernannten Propheten erfuhr. Er verlor den Glauben in dessen moralische und spirituelle Führerrolle und verkündete als Konsequenz am achten März 1964 seinen Rückzug aus der Nation oflslam.[16]

3 Die Bürgerrechtsführer und die Verwischung von Grenzlinien der Kategorie race

3.1 Quellenkritik

Behandelt man eine Rede als historische Quelle, gilt es eine Vielzahl von Faktoren bei seinen Untersuchungen zu berücksichtigen. Zunächst muss man sich darüber im Klaren sein, dass Reden eine äußerst subjektive Weltsicht widerspiegeln und Verallgemeinerungen auf der Basis einer Rede deshalb wohl überlegt sein sollten.

[...]


[1] In dieser Arbeit wird meist der Begriff African Americans verwendet, da er am wenigsten diskriminierend erscheint und ein deutsches Synonym in diesem Zusammenhang nicht die gleichen semantischen Inhalte transportieren könnte. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass dieser Begriff eine starke kulturelle Anbindung der seit mehreren Jahrhunderten in den USA lebenden schwarzen Bevölkerung an den afrikanischen Kontinent suggeriert. Ob dieser Bezug überhaupt herzustellen ist, erscheint äußerst fraglich. Außerdem werden die Bezeichnungen "Schwarz" und "Weiß" benutzt.

[2] Vgl. Jacquelyn Dowd Hall, The Long Civil Rights Movement and the Political Uses of the Past, in: The Journal of American History, vol. 91 no. 4 (2005), S. 1233 - 1263, hier S. 1234.

[3] Benjamin Goodman, The End of White World Supremacy: Four Speeches by Malcolm X. New York: MerlinHouse 1971.

[4] Goodman, The End of White World Supremacy, S. 135.

[5] Vgl. Bart Landry, Race, Gender and Class. Theory and Methods of Analysis. Upper Sadle River: Pearson Education, Inc. 2007, S. 2ff.

[6] Herbert H. Haines, Black Radicals and the Civil Rights Mainstream 1954 - 1970. Knoxville: Universityof Tennessee Press 1988, S. 30.

[7] Haines, Black Radicals and the Civil Rights Mainstream, S. 47.

[8] Vgl. Rod Bush, We are not what we seem: Black Nationalism and Class Struggle in the American Century. New York/London: New YorkUniversityPress 2005, S. 171.

[9] Vgl. Norbert Finzsch (et al.), Von Benin nach Baltimore: Die Geschichte der African Americans. Hamburg: Hamburger Edition 1999, S. 493.

[10] Vgl. Bush, BlackNationalism and Class Struggle, S. 188.

[11] Vgl. Bush, BlackNationalism and Class Struggle, S. 172.

[12] Bruce Perry, Malcolm: The life of a man who changed Black America. Barry Town: Statior Hill Press 1991, S. 167.

[13] Vgl. Haines, Black Radicals and the Civil Rights Mainstream, S. 55.

[14] Vgl. Bush, BlackNationalism and Class Struggle, S. 173f.

[15] Mattias Gardell, Countdown to Armageddon: Louis Farrakhan and the Nation of Islam. Hurst and Company, London 1996, S. 13.

[16] Vgl. Bush, BlackNationalism and Class Struggle, S. 174.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
"White-minded Negroes" und "Uncle Tom leaders"
Untertitel
Die Beurteilung der Bürgerrechtsführer und die Verwischung von Grenzlinien der Kategorie "race" bei Malcolm X
Hochschule
Universität zu Köln  (Abteilung für Anglo-Amerikanische Geschichte des Historischen Seminars)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V232283
ISBN (eBook)
9783656488279
ISBN (Buch)
9783656491781
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
white-minded, negroes, uncle, beurteilung, bürgerrechtsführer, verwischung, grenzlinien, kategorie, malcolm
Arbeit zitieren
Christoph Schmetz (Autor), 2007, "White-minded Negroes" und "Uncle Tom leaders", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232283

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