Altes Deutschland. Der demografische Wandel und die Zukunft des Wohlfahrtsstaats


Fachbuch, 2013
63 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Demografischer Wandel – Ein Überblick von Jörg Geuting und Carina Pelz
Einleitung
Begriffsdefinitionen
Die verschiedenen Modelle des demografischen Übergangs
Der demografische Wandel heute
Der demografische Wandel in Deutschland
Fazit
Literatur

Demografischer Wandel in Deutschland bis 2020 von Antje Minde
Einleitung
Was ist der demografische Wandel?
Konstitutive Merkmale einer Bevölkerung
Die Bevölkerungsentwicklung bis 2050
Die Auswirkungen des demografischen Wandels auf das Arbeitskräfteangebot
Politische Optionen beim demografischen Wandel
Fazit
Literaturverzeichnis

Der demografische Wandel und der daraus entstehende Fachkräftemangel von Markus Fix
Einleitung
Demografischer Wandel
Gegenmaßnahmen
Neue Anforderungen an die Arbeitnehmer
Lösungsansätze und Fazit
Literaturverzeichnis

Demografischer Wandel – Ein Überblick von Jörg Geuting und Carina Pelz 2005

Einleitung

„Greisenrepublik – Können wir uns das Altern leisten?“, „Birne statt Tannenbaum!“, „Wer zahlt unsere Renten?“ „Krippen sind nicht alles“, „Angst vor dem Kinderkriegen“, „Mythos Kinderwunsch“, „Mit Volldampf rückwärts“, „Frauen leben länger – aber wovon?“ „1,4 Kinder sind zuwenig“, „Das alte Europa“, „Die Baby-Boomer sind die Gekniffenen“, „Die Demografische Zeitbombe“ „Wir haben uns das Kinderkriegen abgewöhnt“, „Deutschland allein zuhaus“, „Akademikerinnen verzichten auf Kinder“, „Rentnern gehört die Zukunft“.

Diese Schlagzeilen sind alle renommierten deutschen Zeitungen entnommen. Was sollen sie verdeutlichen? Sie beziehen sich alle auf den demografischen Wandel. Der demografische Wandel ist immer noch ein großes Thema in fast allen Lebensbereichen. Ziel dieser Arbeit soll es sein, einen Überblick über den demografischen Wandel in Industrieländern zu geben. Welche Bedeutung er in der Wissenschaft hatte und hat, aber auch welche Bedeutung er in der heutigen Politik hat. Um die Bevölkerungsentwicklung, wie sie sich in den meisten europäischen Ländern anzeichnet, zu verdeutlichen, soll exemplarisch der demografische Wandel in Deutschland betrachtet werden. Der Focus ist hierbei auf die Aspekte der Alterung, der Schrumpfung und der Wanderung gerichtet, welche den demografischen Wandel in Deutschland am deutlichsten kennzeichnen.

Begriffsdefinitionen

Der Begriff „Demografie“ kommt aus dem Griechischen und setzt sich aus den Wörtern „démos“ (= Volk) und graphé (= Schrift oder Beschreibung) zusammen. Also kann der Begriff „Demografie“ als eine Art „Volksbeschreibung“ verstanden werden. Das heißt, dass die Demografie mit Zahlen und Kennziffern beschreibt, wie sich die Bevölkerungszahl und ihre Strukturen durch demografische Verhaltensmuster und Ereignisse verändern. Zu den Strukturen einer Gesellschaft gehören beispielsweise das Alter, das Geschlecht, die Familienzugehörigkeit, die Lebensform, die Nationalität, die Kinderzahl, die Region und der Gesundheitszustand, die durch Ereignisse wie zum Beispiel Kinder haben, heiraten, sich scheiden lassen, umziehen, sich gesund erhalten und sterben beeinflusst werden (vgl. BIB 2004, S. 11).

„Unter dem demografischen Wandel versteht man alle Veränderungen in der Struktur der Bevölkerung eines Landes, die grundlegender Natur sind, d.h. über einen längeren Zeitraum hinweg ihre Zusammensetzung nachhaltig und nicht nur vorübergehend ändern. Dazu zählen beispielsweise sinkende Geburtenraten oder aber auch die Steigerung der Lebensdauer in den meisten Industrieländern.“ (Wirtschaft und Schule 2004). Besonders wichtig ist bei dieser Begriffsdefinition das Wort nachhaltig. Der demografische Wandel ist ein Prozess der sich durch verändernde wirtschaftliche und soziale Bedingungen, über einen langen Zeitraum entwickelt. Ebenso nachhaltig sind die Auswirkungen des demografischen Wandels, die nicht ohne weiteres wieder umgekehrt werden können. Der demografische Wandel ist natürlich nichts Neues. Er wird schon seit rund einem Jahrhundert in der Wissenschaft thematisiert und diskutiert. Doch die sogenannten fortschrittlichen Industrieländer des Westens haben die Schwelle der „zweiten demografischen Transformation“ bereits überschritten. Zur Erklärung dieses Phänomens soll im nächsten Kapitel die Bedeutung der verschiedenen Modelle des demografischen Wandels, in ihrem historisch wissenschaftlichen Kontext, geklärt werden.

Die verschiedenen Modelle des demografischen Übergangs

Die Entwicklung der Weltbevölkerung lässt sich grob in zwei Abschnitte gliedern. Zum einen gab es eine lange Periode langsamen Wachstums und andererseits eine kurze Phase mit stark beschleunigtem Wachstum. Als idealtypisches Ablaufschema dieser Entwicklung der Fertilität und Mortalität, entwickelten Wissenschaftler seit den 1920er Jahren das „Modell des demografischen Übergangs“. Die frühesten Benennungen gehen auf THOMPSON (1929) zurück und in den 1940er Jahren sprach NOTESTEIN erstmals von einer „demographic transition“. Bis heute sind drei verschiedene Modelle des demografischen Übergangs publiziert geworden. Sie basieren auf den beobachteten Bevölkerungsentwicklungen der letzten beiden Jahrhunderte in Europa und später auch Nordamerika und Australien, wo sich die Entwicklung der Fertilität und der Mortalität sehr regelhaft entwickelt hat. (vgl. Bähr, J. 1997, S. 248)

Das „Vier – Phasenmodell“

Als Ursprungsmodell gilt das „Vier – Phasenmodell“, welches je nach Darstellung auch in drei Phasen dargestellt wird. Die erste Phase (Ausgangsphase oder Vortransformative Phase) kennzeichnet sich durch hohe Geburten- und Sterbeziffern mit einer starken Fluktuation. In den Phasen zwei und drei (Phase des demografischen Wandels) vollzieht sich der demografische Wandel. In der zweiten Phase sinkt die Sterberate aufgrund wirtschaftlicher, sozialer und medizinischer Fortschritte enorm ab, während die Geburtenrate weiterhin auf einem hohen Niveau beharrt. In dieser Phase haben wir die höchsten Wachstumsraten. In der dritten Phase stagniert die Sterberate auf einem niedrigen Niveau und die Geburtenrate sinkt stark, so dass die Bevölkerung zwar weiterhin wächst, aber nicht mehr solche enormen Wachstumsraten erreicht wie in der vorigen Phase. In der vierten Phase bewegen sich die Sterbe- und Geburtenrate fast parallel auf einem niedrigen Niveau und es ist kaum noch Bevölkerungswachstum zu verzeichnen (vgl. www.wikipedia.de – Demografischer Übergang).

Das „Fünf-Phasenmodell“

Seit den 1970er Jahren unterscheidet man beim Modell des demografischen Wandels gewöhnlich fünf Phasen. Die prätransformative Phase (1.Phase, Phase der Vorbereitung) sowie die posttransformative Phase (5.Phase, Phase des Ausklingens) gleichen im Bezug auf Fertilität und Mortalität, der ersten und der letzten Phase des zuvor beschriebenen Vier-Phasen-Modells. Der einzige Unterschied ist, dass der demografische Wandel sich bei diesem Modell in drei Phasen vollzieht. Die frühtransformative Phase (2.Phase, Phase der Einleitung) ist gekennzeichnet durch weiterhin hohe Geburtenraten und sinkende Sterberaten, dadurch natürlich von einem Bevölkerungswachstum. In der mitteltransformativen Phase (3.Phase, Phase des Umschwungs) kommt es aufgrund von sozialen Veränderungen in der Gesellschaft zu einem Geburtenrückgang und so entwickeln sich die Sterbe- und Geburtenrate nahezu parallel negativ. Es kommt dadurch zu einer Stagnation des Bevölkerungswachstums. In der spättransformativen Phase (4.Phase, Phase des Einlenkens) hat die Sterberate bereits ein so geringes Niveau erreicht, dass sie nicht mehr weiter sinkt. Doch aufgrund von veränderten gesellschaftlichen Bedingungen und der Entwicklung von anderen Lebensformen und Lebensstilen sinken die Geburtenraten weiter, so dass das Bevölkerungswachstum sinkt, bis sich die Geburten- und Sterberate, in der posttransformativen, auf einem niedrigen Niveau einpendeln (vgl. Bähr, J. 1997, S.250).

Die Beschreibungsfunktion für die Entwicklung, der im zeitlichen Verlauf festgestellten Veränderungen von Mortalität und Fertilität in westlichen Industrieländern erfüllt dieses Modell. Doch auch bei den westlichen Industrieländern zeigen sich deutliche Unterschiede bei der Dauer und dem Zeitpunkt des demografischen Wandels. Die Phasen zwei bis vier vollzogen sich beispielsweise in England zwischen den Jahren 1740 und 1940, wohingegen in Deutschland dieser Prozess zwischen den Jahren 1870 und 1940 ablief. Japan benötigte für den demografischen Wandel nur 40 Jahre (von 1920 bis 1960). Zusammenfassend kann man sagen, dass umso später die Industrialisierung eines Landes einsetzte, desto schneller vollzog sich der demografische Wandel. Bei Entwicklungsländern, in denen die Industrie sich nicht allmählich entwickelt hat, sondern in den meisten Fällen von den Industrieländern „importiert“ wurde, vollzieht sich der demografische Wandel in rasanter Geschwindigkeit. Vor allem die Sterberaten sinken sehr schnell, aufgrund von medizinischer Versorgung aus den Industriestaaten und der Verbesserung der hygienischen Verhältnisse, wobei die Geburtenraten weiterhin auf hohem Niveau beharren (Niger: 8,0; Nigeria: 5,7; Kenia: 5,0; Guatemala: 4,4; Indien: 3,1; Quelle: World Population Data Sheet 2004). Eine Anwendung des Modells auf diese Länder ist nicht möglich. Aber auch die Anwendung auf alle westlichen Industrieländer ist nicht möglich. So entwickelte sich die Mortalität und Fertilität in Frankreich nicht wie sie im Modell des demografischen Wandels dargestellt wird. Die Situation vor und nach dem demografischen Wandel (hohe Umsatzziffern vorher, niedrige Umsatzziffern nachher) sind zwar identisch mit dem Modell, doch der demografische Wandel selbst vollzog sich in Frankreich anders. Es kam zu keiner Zeit zu starken Wachstumsraten, wie wir sie in anderen Ländern zu verzeichnen hatten. Im Falle Frankreichs entwickelten sich die Sterberate und die Geburtenrate fast parallel, bis sie auf einem niedrigen Niveau stagnierten.

Das „Variable Übergangsmodell“ nach WOODS (1982)

Um solche Abweichungen angemessen zu berücksichtigen, entwickelte WOODS in den 1980er Jahren das so genannte „Variable Übergangsmodell“. In diesem Modell werden keine Phasen unterschieden, wie es in den vorherigen Modellen der Fall war. Man sieht verschiedene Geburtenraten (g’,g’’,g’’’) und Sterberaten (s’,s’’,s’’’), welche als Kurve dargestellt werden. Je nachdem wie sich die Geburten- und Sterberate in einem Land entwickelte lässt sich dieses Modell variabel danach abändern. Die dargestellte Variante s’/g’ wäre der Fall Frankreich, mit einer parallelen Entwicklung der Geburten- und Sterberate. Die Variante s’’/g’’ wäre der Fall Deutschland, welcher den meisten westlichen Industrieländern entspricht. Die Variante s’’’/g’’’ wäre anwendbar auf Entwicklungsländer, wo die Öffnung der Bevölkerungsschere deutlich größer ist als in den Industrieländern (vgl. Bähr, J. 1997, S. 252,253).

Der Vorteil dieses Modells liegt darin, dass es nicht so starr festgelegt ist wie die anderen beiden Modelle. Die ersten beiden Modelle beschreiben nur die Entwicklung der Industrieländer und sind auf Entwicklungsländer nicht anwendbar. Mit dem „Variablen Übergangsmodell“ ist ein Modell geschaffen worden, welches flexibler auf bestimmte Entwicklungen eingehen kann und auch die Anwendung auf Entwicklungsländer möglich macht.

Der demografische Wandel heute

Was versteht man heute unter dem demografischen Wandel? Angesichts der Modelle des demografischen Übergangs versteht man darunter eine Gesellschaft, die sich von einer Agrargesellschaft hin zu einer Informationsgesellschaft entwickelt hat. Hauptaugenmerk dabei liegt auf gesunkenen Sterbe- und Geburtenraten. Doch in den Modellen liegt die Geburtenrate immer noch über den Sterberaten, und somit ist ein Bevölkerungswachstum oder zumindest eine Stagnation der Bevölkerung vorhanden. Doch in den meisten Industrieländern ist dies heute nicht mehr der Fall. Die Modelle beschreiben die derzeitige Entwicklung in den meisten Industrieländern nicht mehr ausreichend. In der Wissenschaft spricht man heute von einer „zweiten demografischen Transformation“, die sich vollzogen hat. Sie ist gekennzeichnet durch ein rasches Abfallen der totalen Fruchtbarkeitsrate, unter das Reproduktionsniveau von 2,1 Geburten pro Frau (vgl. Kilper, H 2005, S.1). Die meisten westlichen Industrieländer haben eine Geburtenrate die unter diesem Niveau liegt (siehe Tab. 1). Ausschließlich die USA und die Türkei haben noch eine angemessene Fruchtbarkeitsrate, die dem Reproduktionsniveau nahe kommt. Angesichts dieser Daten kann man sagen, dass der Begriff „demografischer Wandel“ heute die schrumpfende Bevölkerung in den Industrieländern beschreibt. Der heutige „demografische Wandel“ ist gekennzeichnet durch die negative Bevölkerungsentwicklung und steigende durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung. Das hat zur Folge, dass die absolute Bevölkerungszahl in den Ländern schrumpft und dass der Anteil der älteren Menschen an der Bevölkerung wächst (vgl. Gürtler. M, 2004, S. 7). Heutzutage ist der demografische Wandel wieder ein gewichtiges Thema bei Entscheidungen auf allen politischen Ebenen. Auch die Schlagzeilen zu Anfang dieser Arbeit verdeutlichen die Brisanz dieses Themas. Zukünftig wird man sich in sämtlichen Politik- und Planungsbereichen nicht länger mit der Organisation und Koordinierung von Wachstumsprozessen, sondern mit Herausforderungen, die Schrumpfungs-, Alterungs- und Internationalisierungsprozesse mit sich bringen auseinandersetzen müssen.

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Tab. 1: Quelle: World Population Data Sheet, 2004.

Wie es zu dieser Entwicklung kam, wie sich der demografische Wandel heute darstellt, welche Probleme er mit sich bringt, welche Lösungsstrategien entwickelt wurden und wie sich die Bevölkerung in den nächsten fünfzig Jahren entwickelt, soll nun an dem Beispiel Deutschland veranschaulicht werden.

Der demografische Wandel in Deutschland

Auch in Deutschland macht sich der demografische Wandel bemerkbar. So ist unsere heutige Gesellschaft nicht mehr durch Wachstum gekennzeichnet, wie sie es noch vor 35 Jahren war. Die heutigen Schlagworte in Bezug auf den demografischen Wandel in Deutschland sind: Alterung, Schrumpfung, Wanderung. Diese drei Aspekte sollen im nächsten Kapitel genauer unter dem Aspekt, was sie für zukünftige Entwicklung in Deutschland bedeuten, untersucht werden.

Die demografische Alterung der Gesellschaft in Deutschland

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Abb. 1 Quelle: Statistisches Bundesamt.

Das Problem der Alterung einer Gesellschaft macht sich dadurch bemerkbar, dass der Anteil der älteren Menschen immer größer wird. Doch wieso kommt es zu diesem Phänomen? Einerseits ist der Geburtenrückgang, der in den 1970er Jahren in Deutschland begann, andererseits die Alterung der geburtenstarken Jahrgänge der „Baby-Boom-Phase“ (1960er Jahre) dafür verantwortlich. Durch diese beiden Faktoren ergibt sich ein immer höherer Anteil von alten Menschen in der deutschen Gesellschaft. Die Veränderungen der Bevölkerungspyramiden verdeutlichen diese Entwicklung (siehe Abb. 1). Das Deutsche Reich hatte im Jahr 1910 noch einen Bevölkerungsaufbau in Form einer Pyramide, bei der die Kinder die größte Altersgruppe stellen, und, aufgrund der Sterblichkeit, die späteren Jahrgänge sich allmählich verringern (vgl. Pötsch, O.; Sommer, B. 2003, S. 28). Bereits im Jahre 1950 sieht man deutliche Einkerbungen in der Pyramide, welche auf die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise zurückzuführen sind. Doch diese beiden Pyramiden geben noch keinen Hinweis auf die Alterung der Gesellschaft. Lediglich die Pyramide aus dem Jahre 1950 lässt erste Anfänge des Schrumpfungsprozesses der „jungen Basis“ erkennen. An der Bevölkerungspyramide aus dem Jahr 2001 kann man schon deutlichere Folgen ablesen. Man sieht dass die 35-45jährigen den Bevölkerungsschwerpunkt bilden. Der angesprochene Geburtenrückgang in den 1970er Jahren wird deutlich wenn man die Anzahl der Jahrgänge unter 35 Jahren betrachtet. Ein weiterer starker Geburtenrückgang war in den neuen deutschen Bundesländern nach der Wiedervereinigung zu verzeichnen. Auch dieser zeigt sich in der Bevölkerungspyramide bei den Altersgruppen unter zehn Jahren. Die prognostizierte Bevölkerungspyramide für das Jahr 2050 zeigt deutlich den Prozess der Alterung. Die Bevölkerungspyramide hat keine Pyramidenform mehr sondern gleicht einer Urne. Die Basis (die jüngeren Jahrgänge) wird immer schmaler, und der Bevölkerungsschwerpunkt verlagert sich immer weiter nach oben. Außerdem gibt es einen immer höheren Anteil von „sehr Alten“. Das ist auf die gestiegene Lebenserwartung zurückzuführen. In verschiedenen Annahmen berechnete das statistische Bundesamt eine Zunahme des Durchschnittsalters, bis 2050, von vier bis acht Jahren. Frauen werden im Jahr 2050 dann durchschnittlich 86-89 Jahre alt (2003: 81 Jahre) und Männer 79-83 Jahre alt (2003: Männer: 75 Jahre, Frauen: 81 Jahre; Quelle: Statistisches Bundesamt). In Tabelle 3 sehen wir die Entwicklungen der einzelnen Altersklassen bis zum Jahr 2050. Daran kann man sehr gut Alterungseffekt in Deutschland verdeutlichen.

Halten sich im Jahr 1990 die Altersklassen „Unter 20“ (21,7%) und „Über 60“ (20,4%) noch fast die Waage, entwickelt sich bis 2050 ein deutliches Übergewicht zugunsten der Altersklasse „Über 60“. Sie hat einen Anteil, der mehr als doppelt so hoch ist wie die der Altersklasse „Unter 20“. Die Altersklasse „Über 80“ ist sogar fast so stark vertreten wie die Altersklasse „Unter 20“. Das heißt, dass sich der Anteil der über 80jährigen in den nächsten 45 Jahren verdreifachen wird und der Anteil der unter 20jährigen um 25 Prozent reduzieren wird. Also werden im Jahr 2050 rund 9,1 Millionen Menschen, die älter als 80 Jahre sind in Deutschland leben. Es wird rund 28 Millionen Rentner geben, deren Renten von 35 Millionen Personen im Erwerbsalter gezahlt werden. Die Zahl der unter 20jährigen beträgt zu diesem Zeitpunkt nur noch 12 Millionen Personen von insgesamt 75 Millionen Einwohnern in Deutschland (vgl. Pötzsch, O.; Sommer, B. 2003, S. 31). So wird sich auch das mittlere Alter der Bevölkerung in Deutschland, welches die Bevölkerung in zwei gleich große Teile aufgliedert nach oben verschieben. Im Jahr 2001 lag dieser Median bei 40,6 Jahren und wird sich bis zum Jahr 2050 bis zum 48 Lebensjahr verschieben (vgl. Pötzsch, O.; Sommer, B. 2003, S. 31).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2: Quelle: Statistisches Bundesamt.

Folgen der Alterung für die sozialen Sicherungssysteme

Mit welchen Folgen ist aufgrund dieses Alterungsprozess der Gesellschaft zu rechnen? Ein wichtiger Aspekt bei dieser Problemlage in Deutschland sind die sozialen Sicherungssysteme (Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung). Häufige Schlagworte in diesem Zusammenhang sind der „Generationenvertrag“ und der „Altenquotient“. Der Generationenvertrag bezeichnet einen gesellschaftlichen Konsens, der die Finanzierung der Rentenversicherung sichern soll. Bei diesem Umlageverfahren zahlen die gegenwärtig Erwerbstätigen mit ihren Rentenbeiträgen, die Renten der aus dem Erwerbsleben ausgeschiedenen Generation. Neben den Beiträgen der Erwerbstätigen und der Arbeitgeber zahlt der Bund weitere Zuschüsse. Ein Problem der derzeitigen Situation in Deutschland ist die hohe Arbeitslosigkeit, weil dadurch weniger Rentenbeiträge gezahlt werden und es zu Engpässen in der Rentenkasse kommt. Die Alterung der Gesellschaft hat einen erheblichen Einfluss auf den Generationenvertrag. Für das Funktionieren dieses Rentensystems ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beitragszahlern und -empfängern eine wesentliche Vorraussetzung. Doch durch den Anstieg des Altenquotienten kommt diese umlagefinanzierte Rente in Schwierigkeiten (vgl. Zandonella, B. 2003, S. 5).

Ein weit verbreitetes Missverständnis bei der staatlichen Rentenversicherung ist, dass man meint, dass man mit seinen Beiträgen seine eigene Rente finanziert. Doch wenn die heutigen Beitragszahlenden das Rentenalter erreicht haben, sind ihre eingezahlten Beiträge längst ausgegeben. Ihre Rente wird dann durch die Beitragszahlenden, die sich zu dieser Zeit im Erwerbsalter befinden, gezahlt (vgl. Birg, H. 2004; S. 38). Der Altenquotient, auf den die Geburtenrate einen sehr großen Einfluss hat, misst das Verhältnis der Bevölkerung im Rentenalter zu Menschen im Erwerbsalter. Im Jahr 2001 lag er bei 44, d.h. dass 100 Personen im Erwerbsalter 44 Personen im Rentenalter gegenüberstehen. Im Jahre 1995 lag dieser Quotient noch bei 37 (vgl. Pötsch, O.; Sommer, B. 2003, S. 31).

Durch die Alterung der deutschen Gesellschaft, wie sie vom Statistischen Bundesamt prognostiziert wird, entwickelt sich der Altenquotient, bei einem Rentenalter von 60 Jahren, bis zum Jahr 2050 auf knapp 78. Durch diese Ziffer wird deutlich, dass ein immer geringer werdender Anteil von Erwerbstätigen, einem immer größer werdenden Anteil Älterer gegenübersteht, und damit das derzeitige Rentensystem vor große Probleme gestellt wird. Der erste große „Sprung“ des Altenquotienten wird sich zwischen den Jahren 2020 und 2030 vollziehen. In diesem Zeitraum werden die „Baby-Boomer“ in den Ruhestand gehen und den Altenquotienten negativ beeinflussen. Wenn wir uns den Anstieg des Altenquotienten im Zeitraum zwischen 2001 und 2010 betrachten, ist dieser mit einer Zunahme von 2,1 Punkten relativ gering. Im selben Zeitraum, von 10 Jahren, wird der Altenquotient von 2020 nach 2030 um 16,1 Punkte ansteigen. Als Folge, des sich nahezu verdoppelnden Altenquotienten bis zum Jahr 2050, müsste der Rentenbeitrag, der zurzeit bei 20 Prozent liegt stark erhöht werden. Alternativ dazu kann auch das Rentenniveau, das heißt die Durchschnittsrente in Prozent des Durchschnittseinkommens, gesenkt werden. (vgl. Birg, H. 2004; S. 40). Also müssen in Zukunft irgendwo Abstriche gemacht werden. Entweder man bezahlt mehr Beiträge und hat nicht mehr soviel Geld in der Lohntüte, dafür aber im Rentenalter vielleicht mehr Geld zur Verfügung oder man hat mehr Geld in der Lohntüte, dafür aber weniger im Rentenalter. Um das Rentensystem im Deutschland zu reformieren, stehen neben den gerade genannten Optionen noch weitere Möglichkeiten zur Verfügung. Das eigentliche Problem besteht darin, dass zu wenige Beitragszahler in Deutschland vorhanden sind. Die Anhebung der Geburtenrate ist eher eine langfristige Alternative, denn auch bei hohen Geburtenraten machen sich die Auswirkungen erst in ungefähr 20 Jahren bemerkbar.

Eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen wäre denkbar. Doch wenn Frauen verstärkt ins Arbeitsleben eintreten, haben sie keine Zeit sich um den Nachwuchs zu kümmern. Es sei denn der Mann kümmert sich um die Kinderbetreuung. Doch dadurch wird wieder ein anderer Beitragszahler aus der Erwerbswelt abgezogen. Um Eltern in Deutschland das Kinderkriegen und die gleichzeitige Erwerbstätigkeit beider Elternteile zu ermöglichen, müsste die Kinderbetreuung deutlich verbessert werden. Dass dies auch funktionieren kann sieht man zum Beispiel in Frankreich, wo die Familienpolitik unterstützend auf Familien ausgerichtet ist und somit sogar 70 Prozent der Mütter mit zwei Kindern, unter sechs Jahren, berufstätig sind (vgl. Birg, H. 2004, S.23). Die Anhebung der Einwanderung von Erwerbstätigen wird häufig als Option genannt. Doch auch hierbei bestehen Probleme. Denn bei den Bevölkerungsprognosen des Statistischen Bundesamt sind schon verschieden hohe Einwanderungsraten mit eingerechnet. Selbst bei einer Zuwanderung von 200.000 Personen pro Jahr wird die Bevölkerung in Deutschland bis zum Jahr 2050 auf knapp 75 Millionen Menschen schrumpfen. Außerdem zeigen auch Programme wie die „Greencard“ dass Einwanderungsprogramme nicht immer den erhofften Erfolg einbringen. Eine Anhebung des Rentenalters würde sich zwar positiv auf den Altenquotienten auswirken, da dann wieder mehr Beitragszahler vorhanden wären. Doch an dem eigentlichen Problem der Alterung der Gesellschaft ändert es nichts.

Auch die gesetzliche Krankenversicherung ist wie die gesetzliche Rentenversicherung nach dem Umlageverfahren organisiert. Das heißt dass bei der Krankenversicherung ebenso wie bei der Rentenversicherung keine Rücklagen gebildet werden, und somit nicht auf demografisch bedingte gestiegene Ausgaben reagiert werden kann. (vgl. Birg, H. 2004, S.40). Die Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheit sind im hohen Alter um den Faktor acht höher als im Alter von 20 Jahren. Das ist auf die häufigeren Erkrankungen bei älteren Menschen zurückzuführen. Das Profil der „Pro-Kopf-Kosten-Kurve“ wird mit steigendem Alter immer steiler ansteigend. Durch die Verlagerung des Bevölkerungsschwerpunkts hin zum höheren Alter kann man von immer höher werdenden Gesundheitskosten sprechen. Um den näheren Zeitpunkt des Todes steigen die Gesundheitskosten nochmals sprunghaft an. Bei einer Zunahme der jährlichen Todesfälle um 50 Prozent (2000: 0,8 Mio. Todesfälle; 2050: 1,2Mio. Todesfälle; Quelle: Statistisches Bundesamt) bis zum Jahr 2050 werden noch enorme Gesundheitskosten auf Deutschland zukommen. Diese sich öffnende Schere zwischen den Ausgaben und den Einnahmen erfordert eine Erhöhung des Beitragssatzes der gesetzlichen Krankenversicherung von rund 14 Prozent auf etwa 21 Prozent, damit die Kosten gedeckt werden könnten (vgl. Birg, H. 2004, S.41).

Die demografische Alterung hat auch auf die gesetzliche Pflegeversicherung einnahmensenkende und ausgabenerhöhende Auswirkungen. Verschiedene demografische Simulationsberechnungen ergaben, dass der Beitragsatz zur gesetzlichen Pflegeversicherung von heute 1,7 Prozent bis zum Jahr 2040 auf rund drei bis sechs Prozent erhöht werden müsste. Angesichts des ansteigenden Anteils von kinderlosen Lebensgemeinschaften stellt sich die Frage der Beitragsgerechtigkeit. Der überwiegende Teil der Pflegeleistungen wird von Familienmitgliedern der Pflegebedürftigen und von deren Kindern erbracht. Die Zahl der kinderlosen Pflegebedürftigen, welche fast ausschließlich außerfamiliale Pflegeleistungen in Anspruch nehmen müssen wird in Zukunft ansteigen. Dies führt zu dem Problem, dass die Beitragsgerechtigkeit verletzt wird, wenn die Zahl der Nachkommen und deren Pflegeleistungen bei der Tarifgestaltung nicht berücksichtigt werden (vgl. Birg, H. 2004, S.41). Diese hier dargestellten Probleme sind nur ein kleiner Teil der möglichen Folgen des demografischen Wandels, und zeigen wie oben angedeutet die Brisanz des Themas und die Nachhaltigkeit des demografischen Wandels.

Die Schrumpfung der Bevölkerung in Deutschland

Der Begriff Schrumpfung wird grundsätzlich als „negative Veränderung einer Variablen begriffen und dem Begriff des Wachstums als positive Veränderung dieser Variablen gegenübergestellt“ (Müller, B. 2003, S.30).

Die demografische Schrumpfung der Bevölkerung ist ein Fakt in Deutschland. Jedoch beschränkt sich dieses Problem nicht nur auf die BRD, sondern ist heute ein europäisches Phänomen. Nach Angaben des Zweiten Kohäsionsberichts der Europäischen Kommission nimmt die Bevölkerung von 2000 bis 2010 in vielen Regionen Deutschlands, Italien, Frankreichs, Großbritannien und Österreichs stark ab (vgl. Müller, B. 2003, S.29).

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Details

Titel
Altes Deutschland. Der demografische Wandel und die Zukunft des Wohlfahrtsstaats
Autoren
Jahr
2013
Seiten
63
Katalognummer
V232522
ISBN (eBook)
9783656485308
ISBN (Buch)
9783956870569
Dateigröße
1146 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demografischer Wandel, Familinepolitik, Wohlfahrtsstaat, Rente, Generationenvertrag
Arbeit zitieren
Joerg Geuting (Autor)Carina Pelz (Autor)Antje Minde (Autor)Markus Fix (Autor), 2013, Altes Deutschland. Der demografische Wandel und die Zukunft des Wohlfahrtsstaats, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232522

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