Die Arbeit untersucht, wie Rudolf Scharping und George Bush den Waffengang im Kosovo und in Afghanistan legitimierten. Sie nutzt dazu zwei methodische Hauptwerkzeuge. Zum einen die Transaktionsanalyse nach Eric Berne und zum anderen die Prinzipien des Überzeugens nach Robert B. Cialdini. Sie zeigt auf, welche Funktionsgesetze in diesen Reden aktiv waren und wie es gelingen kann, einer modernen und aufgeklärten Bevölkerung auch heute noch Kriegseinsätze mittels einfacher psychologischer Hebel sowie raffinierter Spiel- und Skriptstrukturen zu verkaufen. Nach der Lektüre ist nicht nur klar, warum es diesen beiden Politikern und ihren Redenschreibern gelang, die Bevölkerung zu überzeugen; mehr noch als das hat man selbst das Handwerkszeug hocheffizienter Rhetorik und Psychologie mit auf den Weg bekommen. Dieses lässt sich dann wahlweise ebenso für den Angriff wie für die Verteidigung nutzen, denn wer in den Diskursen und Reden der Gegenwart die suggestiven und argumentativen Bausteine klar und deutlich wie ein Drehbuch erkennt, imprägniert sich selber gegen allzu leichte rhetorische Verführbarkeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die theoretischen Grundlagen
2.1. „Skripttheorie“ und „Transaktionsanalyse
2.2 ‚Die Funktionsgesetze sozialen Handelns“ oder
„Vier Prinzipien der Überzeugung“
2.2.1. Das „Konsequenzprinzip“
2.2.2 Die gegenseitige Verpflichtung oder Reziprozität
2.2.3. Das Prinzip der „sozialen Bewährtheit“
2.2.4. Bedürfnis nach Prägnanz
3. ‚Den Nerv getroffen‘ – Anwendung der Theorien
auf die Reden von George Bush und Rudolf
Scharping
3.1. Die Funktionsgesetze sozialen Handelns in Aktion
3.1.1. Mörder und Barbaren – und das „Wir“ der „zivilisierten Welt“
(Soziale Bewährtheit)
3.1.2. Heldenhafte Opfer und die Verpflichtung der Geschichte
(Reziprozität)
3.1.3 Die Forderungen an die Taliban und die ‚kollektive
Entscheidung‘ der Vergangenheit (Konsequenzprinzip)
3.1.4 Das ‚Erschaffen‘ einer bestimmten Wirklichkeit
(Prägnanzbedürfnis)
3.2. Skripts und Spiele in Aktion
3.2.1. Krieg führen, bis Frieden herrscht (Bis-Skript und Nie-Skript)
3.2.2. Das Einlösen der Zorngutscheine (das JEHIDES-Spiel)
4. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie rhetorische Strategien in politischen Reden gezielt psychologische Mechanismen nutzen, um Kriege zu legitimieren und die Wahrnehmung der Zuhörer in Ausnahmesituationen zu steuern. Dabei wird analysiert, wie durch die Erzeugung von Konfusion und die anschließende Bereitstellung einer "Wirklichkeit" die Zustimmung der Bevölkerung zu militärischen Interventionen sichergestellt wird.
- Analyse suggestiver Rhetorik in Krisenzeiten
- Anwendung der Skripttheorie und Transaktionsanalyse nach Eric Berne
- Einsatz von Überzeugungsprinzipien nach Robert Cialdini
- Konstruktion von Wirklichkeit zur Legitimation von Kriegseinsätzen
Auszug aus dem Buch
3.1.4 Das ‚Erschaffen‘ einer bestimmten Wirklichkeit (Prägnanzbedürfnis)
In diesem Sinne ist generell zu sagen, dass alles, was in Momenten großer Konfusion gesagt wird, mit den entsprechenden suggestiven Mitteln zur ‚Erschaffung einer bestimmten Wirklichkeit‘ dienen kann. Wenn also George Bushs inhaltlicher Teil der Rede mit den Worten „On September the 11th, enemies of freedom committed an act of war against our country.“ (Bush 2001: 2) eingeleitet wird, wird mit diesem bereits skizziertem „Reframing“ eine Wirklichkeit erschaffen. Aus einem ‚Geschehen‘ wird eine ‚Geschichte‘, aus einem ‚Terroranschlag‘ ein ‚act of war‘. Was für die einen ein ‚heiliger Krieg‘ ist für die anderen die ‚Barbarei‘ und was für die einen ‚Befreiungskämpfer‘ sind für die anderen ‚Terroristen‘. Sprache gibt Prägnanz nicht zufällig, sondern gezielt nach den Interessen des Sprechenden und sie formt Wirklichkeit in dem Sinne, als dass sie aus dem, was quasi ‚vorsprachlich‘ und ‚intersubjektiv wahr‘ ist (also etwa die Tatsache, dass die Flugzeuge in das World Trade Center gerast sind) Handlungen und Wertungen, Weltbilder und Beurteilungen ableitet.
Oder anders gesagt: sie gibt unserer Erfahrung eine Struktur, wie schon Halliday im Rahmen seiner funktionalen Grammatik konstatierte. (vgl. Halliday 1970). Sie beschreibt keine ‚an sich‘ vorhandene ‚Realität‘, sondern ist vielmehr eine „social practice, a ‚practice‘ [...]: an intervention in the social and economic order, and one which in this case works by the reproduction of (socially originating) ideology. (Kress and Hodge 1979, zitiert nach Fowler 1996:3)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit stellt die These auf, dass der Mensch durch rhetorisch genutzte "verborgene Kräfte" manipulierbar ist und untersucht dies anhand der Kriegslegitimationsreden von Bush und Scharping.
2. Die theoretischen Grundlagen: Es werden die Skripttheorie von Eric Berne sowie die Überzeugungsprinzipien von Cialdini und Pawlowski/Riebensahm als theoretisches Fundament für die Analyse menschlicher Beeinflussbarkeit dargelegt.
3. ‚Den Nerv getroffen‘ – Anwendung der Theorien auf die Reden von George Bush und Rudolf Scharping: In diesem Hauptteil wird praktisch angewandt, wie die Funktionsgesetze sozialen Handelns und die Skripttheorie in den konkreten Reden genutzt werden, um politische Ziele zu erreichen.
4. Schlusswort: Das Fazit zieht die Bilanz aus den Untersuchungen und betont die Schwierigkeit, sich aus den determinierenden Mustern der eigenen Programmierung zu lösen, um ein wirklich freies Individuum zu werden.
Schlüsselwörter
Suggestive Rhetorik, Kriegsvorbereitung, Skripttheorie, Transaktionsanalyse, Konsequenzprinzip, Soziale Bewährtheit, Reziprozität, Prägnanzbedürfnis, Wirklichkeitskonstruktion, Politische Legitimation, Manipulation, Automatismen, Strukturhunger, Diskursanalyse, Ideodynamik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert kritisch, wie rhetorische Suggestivtechniken in Reden von Politikern eingesetzt werden, um die Zustimmung der Bevölkerung zu militärischen Konflikten zu sichern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themenfelder umfassen psychologische Beeinflussung, soziologische Aspekte der Gruppenidentität, sprachwissenschaftliche Diskursanalyse und die Anwendung der Transaktionsanalyse auf politische Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es zu widerlegen, dass der Mensch ein vollkommen autonomes Individuum ist. Die Forschungsfrage untersucht, wie rhetorische Strategien "verborgene Kräfte" und Automatismen in uns nutzen, um eine bestimmte Wirklichkeit zu erzeugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Der Autor verwendet eine interdisziplinäre Methode, die Konzepte aus der Psychologie (Skripttheorie, Transaktionsanalyse), der Soziologie (soziale Bewährtheit, Reziprozität) und der kritischen Diskursanalyse kombiniert.
Welche Inhalte werden schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Funktionsgesetze sozialen Handelns und deren Anwendung in den Reden von George W. Bush und Rudolf Scharping, unterteilt in Abschnitte wie soziale Bewährtheit, Reziprozität und die Konstruktion von Wirklichkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Suggestive Rhetorik, Skripttheorie, Manipulation, Wirklichkeitskonstruktion und Konsequenzprinzip.
Wie unterscheidet sich die Vorgehensweise von Bush und Scharping laut der Analyse?
Während Bush auf bereits vorhandene Konfusion durch den 11. September aufbaut, muss Scharping die nötige Konfusion für die Akzeptanz seines Kriegseinsatzes erst rhetorisch herstellen, unter anderem durch den Vergleich mit der NS-Vergangenheit.
Welche Rolle spielen die "Zorngutscheine" im Kontext der untersuchten Reden?
Die "Zorngutscheine" sind ein Begriff aus der Transaktionsanalyse. Die Redner fungieren als Auslöser, die es dem Publikum ermöglichen, lange aufgestauten Zorn unter einem scheinbar moralischen Vorwand legitimiert abzubauen.
- Quote paper
- Oliver Uschmann (Author), 2001, Struktur, wenn die Welt aus den Fugen gerät... Suggestive Strategien der verbalen Kriegsvorbereitung , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24893