Alle an einem Strang? Whistleblowing aus gesellschaftlicher, unternehmerischer und individueller Perspektive.


Hausarbeit, 2011

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung.

1. Fragestellung.

2. Theoretische Grundlagen.
2.1 Einführung in Konzepte und Begriffe.
2.1.1 Zivilcourage.
2.1.2 Whistleblowing.
2.1.3 Zusammenhang von Whistleblowing und Zivilcourage.
2.1.4 Corporate Governance, Compliance und Risikokommunikation.

3. Wirkungsebenen von Whistleblowing.
3.1 Staatliche/gesellschaftliche Perspektive.
3.2 Organisationale/unternehmerische Perspektive.
3.2.1 Spannungsfeld wirtschaftlicher Erfolg und ethische Prinzipien.
3.2.2 Institutionalisierung von Whistleblowing im Unternehmen.
3.3 Individuelle Perspektive.
3.3.1 Eigenschaften und Motive von Whistleblowern.

4. Chancen für Organisationen.

5. Fazit und Ausblick.

Literaturverzeichnis.

Anhang.

Einleitung

Brisante Informationen enthüllen, selbstlosen Motiven folgen, Alarm schlagen, um auf Missstände in ihren Organisationen hinzuweisen, und dabei ihre (berufliche) Existenz aufs Spiel setzen[1]. Die drei folgenden Personen taten genau dies: Daniel Ellsberg gab 1971 die geheimen Pentagon-Papiere an die Presse weiter und informierte so die Öffentlichkeit über die wahren Beweggründe der US-Regierung zum Vietnamkrieg (vgl. Whistleblowers.dk 2005: 1). Per-Yngve Monsen, Siemens-Mitarbeiter in Norwegen, wurde 2003 entlassen, weil er intern auf einen Korruptionsskandal hingewiesen hatte: Sein Arbeitgeber hatte dem norwegischen Militär überhöhte Rechnungen ausgestellt und Beamte bestochen (vgl. Herrmann 2006: 21). Brigitte Heinisch machte 2004 die mangelhafte Betreuung in einem Berliner Altenpflegeheim öffentlich – auch sie verlor ihren Arbeitsplatz (vgl. Whistleblower Netzwerk e. V. 2008: 1f.). Kürzlich erklärte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass diese Kündigung gegen das Recht auf Meinungsfreiheit verstößt (vgl. Whistleblower Netzwerk e. V. 2011b: 1). Ein später Trost für Brigitte Heinisch? Ein hoffnungsvolles Zeichen für all diejenigen, die angesichts illegalen oder unmoralischen Verhaltens in ihren Organisationen nicht einfach wie die drei Affen „nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“, sondern zivilcouragiert die Stimme erheben wollen?

Werfen wir einen Blick in die Geschichte, so finden sich zahlreiche weitere, „große“ Beispiele für Zivilcourage, allen voran in der Politik: die deutsche Widerstandsbewegung im Dritten Reich, Gandhis friedlicher Weg zur indischen Unabhängigkeit, der 17. Juni 1953 in der DDR bis hin zu den aktuellen Protesten gegen die politischen Führungen in der arabischen Welt, in Chile oder in Indien. Nicht anders in der Wirtschaft: In den letzten Jahrzehnten kamen immer wieder Unternehmensskandale ans Licht, die für Diskussionen und schwindendes Vertrauen sorgten, scheint doch in der heutigen Gesellschaft eine verstärkte Suche nach alten und neuen Werten stattzufinden. Ferner kann eine „Exit-Strategie“, also dem Arbeitgeber resigniert den Rücken zu kehren, in Zeiten angespannter Jobmärkte für Mitarbeiter oft keine Alternative mehr sein. Nicht zuletzt dies mag sie dazu veranlassen, sich immer öfter zu Wort zu melden: Sie werden zu Whistleblowern.

Auf welchen verschiedenen gesellschaftlichen Betrachtungsebenen sich dieses Phänomen äußert und wie diese zusammenhängen, wird die im ersten Abschnitt formulierte Fragestellung skizzieren. Kapitel 2 stellt den theoretischen Hintergrund der Konzepte Zivilcourage und Whistleblowing vor und klärt weitere zen-trale Begriffe. Eingeleitet durch ein selbstgewähltes Modell, beschäftigt sich der Hauptteil dieser Arbeit mit der kritischen Betrachtung der drei Wirkungsebenen von Whistleblowing: Kapitel 3.1 stellt die staatliche bzw. gesamtgesellschaftliche Perspektive vor, Abschnitt 3.2 widmet sich der Unternehmensperspektive. Dabei werden das Spannungsfeld Wirtschaftlichkeit und Unternehmensethik betrachtet und Möglichkeiten vorgestellt, wie Whistleblowing in Unternehmen institutionalisiert werden kann. Kapitel 3.3 beleuchtet schließlich die individuelle Ebene mit Eigenschaften und Handlungsmotiven von Hinweisgebern und den negativen Folgen, die sie zu befürchten haben. Abschnitt 4 verknüpft die individuelle mit der organisatorischen Ebene, indem Chancen für Unternehmen aufgezeigt werden. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und wagt einen kritischen Ausblick auf mögliche künftige Entwicklungen und Erfordernisse.

1. Fragestellung

Nach Ansicht der Autorin äußert sich Whistleblowing auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen, die zwangläufig miteinander verschränkt, wenn nicht gar interdependent sind. Da die Akteure jedoch nicht immer die gleichen Ziele verfolgen, beurteilen sie das Phänomen unterschiedlich. Aber nützt Whistleblowing auf lange Sicht nicht allen Beteiligten?

Dieser Frage versucht die vorliegende Arbeit nachzugehen, indem sie sich mit der Vereinbarkeit der drei Perspektiven beschäftigt. Welche Motive leiten einen Whistleblower, und warum werden ethische und ökonomische Interessen in Organisationen noch allzu oft als widersprüchlich angesehen? Welche übergeordneten, gesamtgesellschaftlichen Vorstellungen haben der Staat bzw. „die Öffentlichkeit“[2] über die Aufdeckung von Missständen in Organisationen, und was muss getan werden, um die Sensibilität für das Phänomen Whistleblowing und seine Akzeptanz im Interesse aller Beteiligten zu fördern?

Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass eine erschöpfende Beschäftigung mit der Vielzahl von Aspekten zum Thema Whistleblowing im Rahmen dieser Arbeit nicht leistbar ist. Gleichwohl wird versucht, dem zwangsläufig breiten Spektrum, das die Arbeit angesichts der Drei-Ebenen-Betrachtung abdecken will, gebührend Raum zu geben. Stellenweise wird der Leser auf Literatur verwiesen, um einzelne Gesichtspunkte zu vertiefen.

2. Theoretische Grundlagen

Wenn auch inzwischen ein nicht geringer Umfang an wissenschaftlicher und nicht-wissenschaftlicher Literatur zu Whistleblowing sowie einige empirische Studien vorliegen, so stellen umfassende, interdisziplinäre Theorien oder Konzepte zum Zeitpunkt dieser Arbeit ein Desiderat dar. Ein Grund dafür mag die bislang zurückhaltende wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema in Deutschland sein[3]. Die meisten akademischen Arbeiten stammen aus den USA; es handelt sich meist um Zusammenstellungen von Fallstudien, empirische Studien, konzeptionelle Analysen von Whistleblowing als Prozess (vgl. dazu Kap. 2.1.3) sowie um (ländervergleichende) Untersuchungen zum juristischen Schutz von Whistleblowern (vgl. Donato 2009: 4; Schwarb 1998: 7).

Vermehrte Unternehmensskandale und die öffentliche Diskussion ihrer Ursachen und negativen Folgen könnten in Zukunft zu einer steigenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Whistleblowing führen und die Resonanz in der Praxis, etwa hinsichtlich der Vereinbarkeit von unternehmensethischen mit wirtschaftlichen Prinzipien, fördern. So hat sich Donato (2009) mit dem Nutzen von Hinweisgebersystemen beschäftigt und gibt Handlungsempfehlungen für eine praktische Umsetzung in Unternehmen (vgl. ebd.: 138-218). An der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bielefeld beschäftigt sich ein DFG-Forschungsprojekt mit dem Titel „Whistleblowing als Alternative bei der Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität“ unter kriminologischen Gesichtspunkten mit dem Thema. In einer qualitativen Analyse werden einerseits der präventive und repressive Charakter von Whistleblowing, andererseits individuelle Hintergründe, Motive und Entscheidungsprozesse betrachtet (vgl. Universität Bielefeld/Fakultät für Rechtswissenschaft 2011: 2).

Eine eingehende Beschäftigung mit politikwissenschaftlichen oder philosophischen Theorien und Konzepten zu staatsbürgerlicher Verantwortung in demokratischen Gesellschaften ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich; die gesamtgesellschaftliche Ebene wird daher lediglich knapp beleuchtet.

2.1 Einführung in Konzepte und Begriffe

Dieser Abschnitt führt in den theoretischen Hintergrund der Phänomene Zivilcourage und Whistleblowing ein und stellt sie in einen Zusammenhang. Weiterhin werden die für die organisationale Perspektive zentralen Begriffe der Corporate Governance, Compliance und Risikokommunikation kurz vorgestellt.

2.1.1 Zivilcourage

Aus sozialwissenschaftlicher Sicht machen zivilgesellschaftliche Werte und individueller Mut zivilcouragiertes Handeln aus. Es geht über bloße Hilfeleistung insofern hinaus, als dass sich der zivilcouragiert Handelnde „trotz persönlicher Risiken aktiv für die Durchsetzung humanitärer und demokratischer Werte“ (Jonas/Boos/Brandstätter 2007: 11, zit. n. Nunner-Winkler 2007: 29) einsetzt. Hierbei ist es zumeist notwendig, soziale Normen zu brechen, um sie im Kontext eben jener übergeordneten Werte zu verteidigen (vgl. Trainernetzwerk Zivilcourage e. V. 2008: 1). Besonders evident wird dies aus einer Minderheitenposition heraus, die es erfordert, gegen den Strom zu schwimmen (vgl. Moscovici/Lage 1976: 159, 162 und 172, zit. n. Jonas/Boos/Brandstätter 2007: 11).

2.1.2 Whistleblowing

Abgeleitet aus dem Englischen von “to blow the whistle on”, steht Whistleblowing umgangssprachlich für „jemanden verpfeifen“ oder „etwas stoppen“ (vgl. Collins 1991: 1750, zit. n. Schwarb 1998: 1), ähnlich der Funktion, die die Trillerpfeife eines Schiedsrichters in verschiedenen Mannschaftssportarten hat. Whistleblowing ist definiert als:

das Offenlegen von illegalen, unmoralischen oder unrechtmässigen [sic][4] Praktiken, die innerhalb der Kontrollmöglichkeiten des Arbeitgebers liegen. Offengelegt werden diese Praktiken von Organisationsmitgliedern oder ehemaligen Organisationsmitgliedern gegenüber Personen oder Organisationen, die diese Praktiken möglicherweise beeinflussen können (Near/Dworkin/Miceli 1993: 394, übers. v. Schwarb 1998: 2).

Weitere Definitionsversuche betonen zudem ein öffentliches Interesse an dem zu offenbarenden Missstand sowie die Wahrscheinlichkeit negativer Reaktionen seitens der Umwelt (vgl. Whistleblower Netzwerk e. V. 2011c: 1).

[...]


[1] Diese vier Kriterien sieht der internationale Whistleblowerpreis des deutschen Whistleblower Netzwerk e. V. vor, der alle zwei Jahre verliehen wird (vgl. Whistleblower Netzwerk e. V. 2011a: 1). Vgl. auch Kap. 3.3.

[2] Auf eine nähere kommunikationswissenschaftliche Beschäftigung mit dem Begriff der Öffentlichkeit muss an dieser Stelle verzichtet werden. „Öffentlichkeit“ wird in dieser Arbeit daher synonym mit dem Begriff der „Gesamtgesellschaft“ und in engem Zusammenhang mit der Institution „Staat“ verwendet.

[3] Auf die Gründe dafür, die wohl teilweise wissenschaftshistorischer und kultureller Art sind (vgl. Schwarb 1998: 8), kann aus Gründen der Schwerpunktsetzung hier nicht näher eingegangen werden. Verwiesen sei auch an Rauhofer (2007), die ein mögliches Unbehagen gegenüber Whistle-blowing in Deutschland in den deutschen Erfahrungen mit Denunziationen während des Dritten Reichs und der DDR begründet sieht.

[4] Im Schweizerdeutsch wird kein „ß“ verwendet.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Alle an einem Strang? Whistleblowing aus gesellschaftlicher, unternehmerischer und individueller Perspektive.
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Seminar Öffentliche Kommunikation
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
28
Katalognummer
V262678
ISBN (eBook)
9783656510420
ISBN (Buch)
9783656510796
Dateigröße
719 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Whistleblowing, Zivilcourage, Wirtschaftsethik, Unternehmensethik, Whistleblower, Hinweisgeber, Corporate Governance, Compliance, Risikikommunikation, Risikomanagement, Missstände, Skandale, Ethik, Individualethik, Denunziant, Denunziation, Denunzieren, Loyalität, Verantwortlichkeit, Verantwortung, Frühwarnsystem, Fehlerkultur, Organisationskultur, Datenschutz, nachhaltige Unternehmensführung, Schutzgesetze, SOX-Gesetz, KonTraG, TransPuG, BilEG, BilKoG
Arbeit zitieren
Dorothea Gruß (Autor), 2011, Alle an einem Strang? Whistleblowing aus gesellschaftlicher, unternehmerischer und individueller Perspektive., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262678

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