Dem Thema „Blindheit“ widmet Rainer Maria Rilke insgesamt sechs Gedichte, jedoch ist der Prozess des Erblindens nur in einem 1906 verfassten Gedicht im Fokus.
Die folgende Arbeit widmet sich dem Gedicht „Die Erblindende“, welchem in der bisherigen Rilkeforschung nahezu keine Beachtung geschenkt worden ist.
In der Arbeit soll besagtes Gedicht, anhand Roman Jakobson und Claude Lévi-Strauss strukturalistischem Vorgehen an einem Gedicht von Baudelairs „Le Chat“, analysiert und interpretiert werden. Spannend dabei ist die Frage, ob Rilke in dem Gedicht eine Poetik/Grammatik des Erblindens entwickelt und inwiefern sich die Aussage des Gedichtes in seinem Aufbau wiederspiegelt.
Die aus der Analyse resultierenden Erkenntnisse werden mit der wissenschaftlichen Forschungslage zum Thema verglichen, um letztlich das strukturalistische Prinzip anhand eines Beispiels in seiner Methodik zu stärken oder aber Mängel aufzudecken.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gedichtanalyse „Die Erblindende“
2.1. Exkurs: Strukturalismus
2.2. Aufbau & Inhalt
2.3. Analyse
3. Rilkes Grammatik der Blindheit
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
5.1. Quellentexte
5.2. Forschungsliteratur
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die strukturalistische Untersuchung und Interpretation von Rainer Maria Rilkes Gedicht „Die Erblindende“ unter Anwendung der methodischen Ansätze von Roman Jakobson und Claude Lévi-Strauss. Dabei soll geklärt werden, ob Rilke in diesem Werk eine spezifische Poetik oder Grammatik des Erblindungsprozesses entwickelt und wie sich diese inhaltliche Aussage in der formalen Struktur des Gedichts widerspiegelt.
- Anwendung der strukturalistischen Analysemethode auf lyrische Texte
- Untersuchung der phonologischen, syntaktischen und semantischen Ebenen des Gedichts
- Analyse des Motivs der Blindheit als positiver Wandlungsprozess
- Deutung der formalen Abweichungen in der vierten Strophe
- Vergleich der Analyseergebnisse mit der bestehenden Forschungslage
Auszug aus dem Buch
2.3. Analyse
Kommen wir zu einer Auffälligkeit in der Klangform; dem verwendeten Endreim. Die Enden der Verse sind primär Substantive (5) und Verben (7).
Die Verben (fasse - tat weh – sprach – brachte – lachte- freuten - überstiegen - fliegen) sind alle in der dritten Person gebraucht und mit einer Ausnahme („sie freuten sich“, Vers 11) im Singular verwendet. Das verwendete Tempus ist in allen Anwendungen Präteritum. Der Modus ist durchgängig Indikativ, außer bei den letzten Verben in Vers 14 und 16(„als wäre überstiegen“, „sie würde gehen“), dort ist er Konjunktiv II. Auffallend ist der Wechsel des Modus, denn dadurch, dass am Ende des Gedichtes der Übergang thematisiert wird, kann man besser in realer Welt und dem Jenseits, unterscheiden, das sich auf der anderen Seite befindet. Die Silbenverteilung der Wörter am Ende der Verszeile ist in Strophe 1-3 ebenfalls einheitlich, so sind immer zwei zweisilbige Reime von zwei einsilbigen Reimen umrahmt (x-xx-xx-x). In der letzten Strophe weicht die Silbenzahl des Endreims von diesem Schema komplett ab (x-xxxx-xxx-xx).
Die erste Strophe besteht aus vier Sätzen, die darauf folgenden aus jeweils einem, wobei die dritte Strophe schon im vierten Vers der Zweiten beginnt.
Mit einem Blick auf die Vokalfrequenz, lässt sich feststellen, dass das /e/ am meisten genutzt wird, 81 mal findet es im Text Verwendung, gefolgt vom /a/ welches 41 mal enthalten ist. In den ersten beiden Strophen sind beide Phoneme dominant im Endreim (Tee –weh; Tasse – fasse; Sprach – nach; brachte - lachte).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt Rilkes Gedicht „Die Erblindende“ vor und formuliert das Ziel, es mittels strukturalistischer Methoden zu untersuchen, um eine mögliche Poetik des Erblindens aufzudecken.
2. Gedichtanalyse „Die Erblindende“: In diesem Kapitel erfolgt die methodische Einführung in den Strukturalismus, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Struktur, der Form, der Klangmuster und der syntaktischen Gestaltung des Gedichts.
2.1. Exkurs: Strukturalismus: Hier werden die theoretischen Grundlagen der strukturalistischen Gedichtanalyse nach Jakobson und Lévi-Strauss erläutert, insbesondere der Fokus auf systemische Relationen und Dichotomien.
2.2. Aufbau & Inhalt: Dieser Abschnitt beschreibt die formale Struktur des Gedichts in vier Strophen sowie den inhaltlichen Verlauf des lyrischen Beobachtungsprozesses.
2.3. Analyse: Dieses Kapitel vertieft die Untersuchung des Textes durch die Analyse von Reimschemata, Vokalfrequenzen, grammatikalischen Modi und rhetorischen Mitteln wie Vergleichen.
3. Rilkes Grammatik der Blindheit: Die Ergebnisse der vorherigen Analysen werden hier zusammengeführt, um aufzuzeigen, dass Rilke den Prozess des Erblindens als positive Transformation darstellt.
4. Fazit: Das Fazit resümiert, dass die strukturalistische Methode wertvolle Einblicke in Rilkes Werk lieferte und betont die Bedeutung des inneren Rückzugs als Bereicherung.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung aller verwendeten Quellen und Forschungsliteratur zur Arbeit.
5.1. Quellentexte: Verzeichnis der Primärtexte, insbesondere die Gedichte von Rilke und Baudelaire.
5.2. Forschungsliteratur: Verzeichnis der herangezogenen wissenschaftlichen Sekundärliteratur zu den Themen Strukturalismus und Rilke-Rezeption.
Schlüsselwörter
Rainer Maria Rilke, Die Erblindende, Strukturalismus, Roman Jakobson, Claude Lévi-Strauss, Gedichtanalyse, Poetik des Erblindens, Blindheitsmotiv, Literaturwissenschaft, Lyrikanalyse, Sprachstruktur, Hermeneutik, Metaphorik, Prosodie, Syntaxanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert das Gedicht „Die Erblindende“ von Rainer Maria Rilke, um eine tiefere Bedeutungsebene mittels sprachwissenschaftlicher Methoden freizulegen.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Publikation?
Im Zentrum stehen die literaturwissenschaftliche Gedichtanalyse, das Motiv der Blindheit bei Rilke und die Anwendung des Strukturalismus als methodischer Zugang.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, ob Rilke in dem Gedicht eine eigene „Grammatik des Erblindens“ entwickelt und wie sich diese inhaltliche Intention formal in der Struktur des Gedichts niederschlägt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine strukturalistische Analyse nach Roman Jakobson und Claude Lévi-Strauss angewandt, die verschiedene Sprachebenen wie Phonologie, Syntax und Semantik untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Strukturalismus, die Analyse von Inhalt und Aufbau sowie eine detaillierte Untersuchung der sprachlichen und formalen Besonderheiten des Gedichts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Strukturalismus, Rilke, Gedichtanalyse, Blindheitsmotiv, sowie die Anwendung linguistischer Methoden auf poetische Texte.
Warum spielt die vierte Strophe des Gedichts für die Analyse eine besondere Rolle?
Die vierte Strophe bricht aus dem bisherigen formalen und rhythmischen Rahmen des Gedichts aus, was laut Autorin den inhaltlichen Wandel hin zur Transzendenz des Erblindungsprozesses markiert.
Wie bewertet der Autor den Prozess des Erblindens in Rilkes Gedicht im Vergleich zur üblichen Wahrnehmung?
Im Gegensatz zur gesellschaftlichen Auffassung, die Erblindung primär als negativen Verlust betrachtet, interpretiert Rilke diesen Prozess im Gedicht als eine positive, befreiende Transformation.
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- Judith Hohmann (Author), 2011, „Leben heißt blinden Dingen Gesicht sein“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262797