Ein verwahrter Gefangener, ich nenne ihn Herr M., wurde im Jahr 2009 vom Hochsicherheitstrakt in unsere Abteilung versetzt. Während seiner mittlerweile acht Jahre dauernden Haftstrafe war er schon zweimal in unserer Abteilung, wo er durch renitentes Verhalten und stete Arbeitsverweigerung negativ auffiel. Vom Personal war niemand erfreut, dass er erneut zu uns versetzt wurde. Wegen seiner Vorgeschichte, er war schon einmal in dieser Abteilung, war es mir wichtig, seine Versetzung gut vorzubereiten, und ich war gespannt, inwieweit sich die Anwendung des personenzentrierten Ansatzes auf Herrn M.s Sozialverhalten auswirken würde.
Mit dieser Diplomarbeit werde ich dem Leser und der Leserin einen Einblick in ein spezielles Arbeitsfeld im Strafvollzug bieten. Meine Motivation besteht darin, einen Weg aufzuzeigen, wie eine Einflussnahme auf Menschen mit schwierigen Verhaltensmustern möglich ist. Als handlungsleitendes Konzept wende ich den personenzentrierten Ansatz an, wobei ich den Fokus auf die Beziehungsgestaltung im Strafvollzug lege.
Ich wünsche mir, dass ich mit dieser Diplomarbeit dem Leser und der Leserin einen Gedankenanstoss geben kann, sich mit dem Thema Humanismus im Strafvollzug auseinanderzusetzen.
Im Strafvollzug stellt sich immer wieder die Frage der Regulation von Nähe und Distanz. Nähe und eine professionelle Beziehungsgestaltung ist meines Erachtens im Strafvollzug möglich und bedeutet keinesfalls „Kuscheljustiz“. Im Gegenteil, der Gefangene wird in Interaktionsprozessen auf sein Missverhalten und / oder Auffälligkeiten angesprochen. Durch die Konfrontation rege ich den Gefangenen an, sich mit seinem Verhalten auseinanderzusetzen. Es gibt Menschen die mit wenig Steuerung vom Personal umgehen können. Andere wiederum brauchen klare, enge Strukturen. Besteht eine tragfähige, professionelle Beziehung zu dem Gefangenen, kann er mit solchen Konfrontationen besser umgehen. Unser Auftrag ist den Gefangenen zu fördern, ihn vor Haftschäden zu schützen und auf die bevorstehende Entlassung vorzubereiten. Es liegt auf der Hand, dass wir als Bezugspersonen gefühlsmäßig nahe beim Gefangenen sind. Wir erkennen durch Beobachtungen, in täglichen Interaktionen und Gesprächen, seinen emotionalen Zustand, seine Ressourcen und seinen Entwicklungsbedarf und nutzen bzw. fördern diese gezielt.
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
Motivation und Begründung der Themenwahl
1.1 Eingrenzung des Themas und Begründung
1.2 Fragestellungen und Begründung
1.3 Ziele und Begründung der Ziele
1.4 Wahl des Vorgehens
1.5 Aufbau der Arbeit
1.6 Deklaration bezüglich des Umgangs mit der beruflichen Schweigepflicht und Schreibweise
2 Vorstellung der Institution
2.1 Die Strafanstalt
2.2 Die Abteilung und meine Funktion
2.3 Unser Leitbild und Auftrag
2.4 Der Begriff „Totale Institution“ nach E. Goffman
2.4.1 Die Welt des Personals
2.4.2 Das „Doppelte Mandat“ im Strafvollzug
2.5 Das neue Schweizerische Strafgesetzbuch (StGB)
2.6 Vollzugsaufgaben: Die Förderung des sozialen und straffreien Verhaltens steht im Zentrum
2.7 Die Umsetzung der Vorgaben des Gesetzgebers im sozialpädagogischen Kontext
3 Sozialpädagogisches Verständnis
3.1 Was verstehe ich unter Sozialpädagogik im Strafvollzug
3.2 Nähe und Distanz, Professionelle Beziehung
3.3 Motivation des Menschen
4 Grundlagen der Persönlichkeitsentwicklung
4.1 Die Sozialisation
4.1.1 Definition
4.1.2 Die Bedeutung der Sozialisation für die Persönlichkeitsentwicklung
4.2 Psychodynamik dissozialer Menschen
4.3 Persönlichkeitsentwicklung: Einflüsse von Umweltfaktoren
4.4 Humanistisches Menschenbild
4.5 Die humanistische Persönlichkeitstheorie von C. R. Rogers
4.6 Bedeutung der Theorie zur Persönlichkeitsentwicklung für den Kontext der totalen Institution
5 Die Grundlagen des personenzentrierten Ansatzes
5.1 Theoretische Grundlagen des personenzentrierten Ansatzes: Ursprung und Entstehung
5.2 Die klientenzentrierte Gesprächsführung
5.3 Grundlegende Prinzipien der Beziehungsgestaltung
5.4 Überschaubare Wahlmöglichkeiten geben
5.4.1 Beziehungsgestaltung im Zwangskontext
5.4.2 Beziehungsguthaben erarbeiten
6 Theorie-Praxis-Transfer
6.1 Definition Persönlichkeitsstörung
6.2 Umsetzung des personenzentrierten Ansatzes mit Herrn M.
6.3 Umsetzung des personenzentrierten Ansatzes mit Herrn S.
7 Fachliche Auswertung
7.1 Beantwortung der Fragen
7.2 Überprüfung der Zielsetzungen
7.3 Sozialpädagogisch bedeutsame Konsequenzen und Perspektiven
7.4 Für mich wichtige Schlüsse in Bezug auf sozialpädagogisches Arbeiten im Strafvollzug
7.5 Persönliches Fazit
7.6 Danksagungen
8 Literaturverzeichnis
9 Abbildungsverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie der personenzentrierte Ansatz nach Carl R. Rogers im Strafvollzug zur Gestaltung professioneller Arbeitsbeziehungen eingesetzt werden kann, um delinquente Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und sozialen Kompetenz zu fördern. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, wie durch eine wertschätzende, empathische und kongruente Haltung des Personals ein tragfähiges Vertrauensverhältnis aufgebaut werden kann, das als Grundlage für eine nachhaltige Resozialisierung und deliktfreie Lebensführung dient.
- Anwendung des personenzentrierten Ansatzes in einem Zwangskontext
- Die Rolle der Bezugsperson bei der Motivation und Verhaltensänderung
- Umgang mit Nähe, Distanz und dem "doppelten Mandat" im Strafvollzug
- Praxisnahe Umsetzung durch Fallbeispiele (Theorie-Praxis-Transfer)
- Bedeutung der Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation von inhaftierten Menschen
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Die Welt des Personals
Menschen, die in eine Institution eingewiesen werden, haben ein Delikt begangen und sind nicht freiwillig dort, sondern aufgrund ihrer Straftat. Sie rebellieren und beschweren sich mündlich oder schriftlich, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. Ihr Attributionsstil ist meistens external und global, d. h. bei Sanktionen suchen sie die Schuld vielfach bei anderen Personen und nicht bei sich. Dem Personal stehen sie oftmals nicht wohlgesonnen gegenüber. Das macht die Arbeit mit den Gefangenen anspruchsvoll (vgl. Goffman, 1973, S. 78).
Mit Drohungen, Belohnungen und Überredungen kann das Verhalten von Menschen beeinflusst oder gar gesteuert werden (extrinsische Motivation). Sie können somit bewusst zu bestimmten - aus Sicht der Institution erwünschten - Handlungen motiviert oder von unerwünschten Handlungen abgehalten werden (vgl. ebd. S. 84).
Ein wesentlicher Aspekt ist die tägliche Interaktion zwischen Personal und Gefangenen. Je nach Haltung der Personen entsteht eine positive oder negative Beziehung. Solche Beziehungen sind von Gefühlen geleitet. Gefühle können verletzt werden und bergen dadurch Gefahren. Es ist nicht einfach, eine Beziehung und damit auch eine bestimmte Nähe zu den Gefangenen zuzulassen, und trotzdem die nötige Distanz zu wahren, um in jeder Situation neutral und professionell entscheiden zu können (vgl. ebd. S. 85).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung motiviert die Themenwahl und begründet das Vorgehen sowie die Fragestellungen unter Berücksichtigung der personenzentrierten Arbeitsweise.
2 Vorstellung der Institution: In diesem Kapitel wird der Kontext der Strafanstalt sowie das "doppelte Mandat" des Personals im Rahmen der institutionellen Vorgaben detailliert dargestellt.
3 Sozialpädagogisches Verständnis: Hier wird das professionelle Verständnis von Sozialpädagogik, die Regulation von Nähe und Distanz sowie die Motivationsgrundlagen von Menschen im Vollzug erörtert.
4 Grundlagen der Persönlichkeitsentwicklung: Dieses Kapitel widmet sich der Sozialisationstheorie, der Psychodynamik dissozialer Menschen und dem humanistischen Menschenbild als Grundlage für die Arbeit mit Inhaftierten.
5 Die Grundlagen des personenzentrierten Ansatzes: Die zentralen Prinzipien des Ansatzes – Kongruenz, Wertschätzung und Empathie – sowie deren Bedeutung für die Beziehungsgestaltung werden praxisorientiert erklärt.
6 Theorie-Praxis-Transfer: Anhand der konkreten Fallbeispiele von Herrn M. und Herrn S. wird illustriert, wie der personenzentrierte Ansatz im Arbeitsalltag wirksam umgesetzt wird.
7 Fachliche Auswertung: Das letzte Kapitel schließt mit einer Beantwortung der Ausgangsfragen, einer Überprüfung der Zielsetzungen und einer kritischen Reflexion der gewonnenen Erkenntnisse ab.
Schlüsselwörter
Strafvollzug, Personenzentrierter Ansatz, Carl R. Rogers, Beziehungsgestaltung, Sozialpädagogik, Resozialisierung, Persönlichkeitsentwicklung, Motivation, Arbeitsbeziehung, Zwangskontext, Delinquenz, Kongruenz, Wertschätzung, Empathie, Haftvollzug
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sozialpädagogische Fachkräfte im Strafvollzug durch den personenzentrierten Ansatz nach Carl R. Rogers professionelle und förderliche Arbeitsbeziehungen zu inhaftierten Menschen aufbauen können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Beziehungsgestaltung im Zwangskontext, die Rolle der Empathie und Wertschätzung, die Motivation von Gefangenen sowie der Umgang mit den Rahmenbedingungen einer totalen Institution.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie eine tragfähige Arbeitsbeziehung unter Anwendung des personenzentrierten Ansatzes zur Förderung sozialer Kompetenzen und zur Motivation für ein straffreies Leben nach der Haft beitragen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor verknüpft theoretische Konzepte (wie die Theorie von C. R. Rogers, Sozialisationstheorien und das Konzept des "doppelten Mandats") mit seinen eigenen praktischen Erfahrungen im Vollzugsalltag und reflektiert diese anhand von Fallbeispielen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen der Persönlichkeitsentwicklung, die Einführung in den personenzentrierten Ansatz und einen umfangreichen Theorie-Praxis-Transfer, der die Anwendung bei konkreten Gefangenen illustriert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Strafvollzug, Personenzentrierter Ansatz, Beziehungsgestaltung, Resozialisierung, Sozialpädagogik, Motivation und professionelle Distanz.
Wie geht der Autor mit dem sogenannten „doppelten Mandat“ im Strafvollzug um?
Der Autor erkennt das Spannungsfeld zwischen Helfen (Sozialpädagogik) und Kontrollieren (Sicherheitsauftrag) an und betont, dass auch in sanktionierenden Situationen eine respektvolle und transparente Beziehungsgestaltung gewahrt werden muss.
Warum ist laut der Arbeit das Konzept des „Beziehungsguthabens“ wichtig?
Das Beziehungsguthaben fungiert als eine Art Bankkonto: Durch konsequent positives und respektvolles Verhalten in der täglichen Arbeit baut die Fachkraft Vertrauen auf, welches es ermöglicht, auch notwendige belastende oder sanktionierende Interventionen erfolgreich durchzuführen, ohne die Arbeitsbeziehung zu zerstören.
Welche Rolle spielt die Reflexion bei der Arbeit?
Der Autor unterstreicht, dass eine ständige Reflexion des eigenen Handelns und der Nähe zum Gefangenen unerlässlich ist, um eine Instrumentalisierung zu vermeiden und professionell handlungsfähig zu bleiben.
- Citar trabajo
- Roland Siegenthaler (Autor), 2011, Beziehungsgestaltung im Strafvollzug mit Hilfe des personenzentrierten Ansatzes, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264048