Selbsthilfegruppen gehören heute fast schon zu unserer Kultur.
Nehmen wir mal ein Beispiel an: Wenn immer mehr Menschen aus dem Erwerbsleben ausscheiden, hat das erhebliche Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben. Denn Erwerbsarbeit hat nicht nur die Aufgabe die Existenz zu sichern, sie hat auch eine hohe soziale Funktion. Sie schafft soziale Zusammenhänge, Möglichkeiten des Austauschs und der Begegnung. Wer nicht mehr erwerbstätig ist, ist sozial auf andere Zusammenhänge und Netzwerke angewiesen. Je älter Menschen werden, desto mehr dünnen auch die ursprünglichen sozialen Bezüge wie Familie und Freunde aus. Deshalb werden diverse Arten von Selbsthilfegruppen, wie Nachbarschaftsinitiativen immer wichtiger. Sie sind Teil einer lebendigen demokratischen Stadtgesellschaft, die der Selbstorganisation ihrer BewohnerInnen Raum eröffnet und Teilhabe für alle schafft, unabhängig von Alter und Gesundheitszustand. Das betrifft aber nicht, wie hier an einem Beispiel festgemacht, nur das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben mit seinen Folgen, sondern auch andere Bereiche des Lebens, wie andere seelische oder körperliche Belange, die die Notwendigkeit aufweisen Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Aus diesem Beispiel kam ein bedeutender Aspekt hervor, wieso Selbsthilfegruppen in unserer Zeit bedeutsam geworden sind. In einer Mischform von Gesellschaften, wie zum Beispiel der Risikogesellschaft oder der Wissensgesellschaft, ist es oft schwer sich als Individuum zu behaupten und funktionsfähig nach den Anforderungen der Gesellschaft zu agieren. Durch diverse Defizite ist nicht gerade eine Minderzahl der Bevölkerung gehandicapt. Defizite meinen in diesem Zusammenhang, nicht produktiv für die Gesellschaft sein zu können, ob durch körperliche oder seelische Beschwerden. Diese Zielgruppe, so vielfältig sie auch sein mag, benötigt Hilfe, Hilfe um sich selbst zu helfen, also Selbsthilfe. Durch Zusammenschluss mehrerer Betroffenen des gleichen Leidens, entsteht die Etablierung einer Selbsthilfegruppe.
Genau damit möchte ich mich in dieser Arbeit befassen, den Selbsthilfegruppen. Nach dem Aufzeigen der Bedeutung der Selbsthilfe(-gruppe) möchte ich vorerst deskriptiv einen geschichtlichen Abriss der Selbsthilfegruppe darstellen. Darauf aufbauend sollen sieben unterschiedliche Kategorien nach M.L. Moeller dargestellt werden. Merkmale einer Gesprächsselbsthilfegruppe wird als weiterer Punkt behandelt. Nach der Darstellung von Selbsthilfegruppen möchte ich mit Hilfe von
Gliederung
1. Einleitung
2. Begriffsdefinition
3. Zur Geschichte der Selbsthilfegruppenbewegung
3.1 Selbsthilfegruppen in historischer Sicht
3.2 Verbreitung psychologisch-therapeutischer Selbsthilfegruppen in den USA
Exkurs: Empowerment-Konzept
3.2.1 Entstehung der Anonymen Alkoholiker (AA)
3.3 Geschichte der Selbsthilfe in Deutschland
4. Kategorien von Selbsthilfegruppen
4.1 Psychologisch-therapeutische Selbsthilfegruppen
4.2 Medizinische Selbsthilfegruppen
4.3 Bewusstseinsverändernde Selbsthilfegruppen
4.4 Lebensgestaltende Selbsthilfegruppen
4.5 Arbeitsorientierte Selbsthilfegruppen
4.6 Lern -bzw. ausbildungsorientierte Selbsthilfegruppen
4.7 Bürgerinitiativen
5. Merkmale und Geschehen in einer typischen psychologisch-therapeutischen Gesprächs-Selbsthilfegruppe
6. Wirkung von Selbsthilfegruppen insbesondere der psychologisch-therapeutischen Gesprächs-Selbsthilfegruppe
7. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Selbsthilfegruppen als Bewältigungsstrategie für aktuelle Problemlagen und Krisen. Ziel ist es, einen deskriptiven Abriss der geschichtlichen Entwicklung zu geben, verschiedene Kategorien von Selbsthilfegruppen nach M.L. Moeller einzuordnen und die zentralen Wirkmechanismen sowie Merkmale einer typischen psychologisch-therapeutischen Gesprächs-Selbsthilfegruppe zu analysieren.
- Historische Genese der Selbsthilfebewegung
- Empowerment-Konzept im Kontext der Selbsthilfe
- Klassifizierung von Selbsthilfegruppen in sieben Kategorien
- Merkmale und Gruppenprozesse in der therapeutischen Gesprächsselbsthilfe
- Empirische Wirkungsforschung von Selbsthilfegruppen
Auszug aus dem Buch
3.2 Verbreitung psychologisch-therapeutischer Selbsthilfegruppen in den USA
Sechs große soziale Bewegungen der 1960er Jahre bereiteten die Selbsthilfegruppenbewegung vor. Die Bürgerrechtsbewegung rückte die Ungleichheiten in Bewusstsein und forderte die tatsächliche Gleichheit aller. Die Wohlfahrtsbewegung prangerte die teilweise entwürdigende Praxis der sozialen Institutionen an, die abhängig machten, statt die Selbstständigkeit zu fördern. Die Antikriegsbewegung kämpfte gegen den Vietnam-Krieg beziehungsweise die militärische Außenpolitik und forderte andere politische Prioritäten. Die Frauenbewegung stellte die Familienstruktur, Mann-Frau-Beziehung und die männliche Dominanz in Frage. Die Verbraucherschutzbewegung gipfelte unter anderem im Feldzug gegen den VW-Käfer und ärztliche Fehlbehandlungen. Die Umweltschutzbewegung wurde so mächtig, dass sie selbst die ersten Raumfahrtunternehmen in den Schatten stellte (vgl. Einsele 1977 in Peteresen 1977, S. 427ff).
Gemeinsamer Nenner dieser Bewegungen war der Aufstand der Bevölkerung gegen ein als ungerecht, unzumutbar und unmenschlich empfundenes Regiert- Verwaltet- und Versorgt werden.
Die Frage, welche sich anschließt, ist ja; Inwieweit dieses Vorkommen mit der Selbsthilfegruppenbewegung zusammenhängt? Die Forderung nach Gleichstellung, Selbstständigkeit, Selbstverantwortlichkeit der Bürger ist daraus wohl erkennbar, ebenso der Zweck der Mitbestimmung und Partizipation. Die daraus resultierende Expansion aller Arten von Selbsthilfegruppen zu Beginn der 1970er Jahre war begründet auf die Ereignisse der sechs genannten Bewegungen in der 1960er Jahren in den USA (vgl. Moeller 1978, S. 59). und demnach ein revolutionärer Startschuss der psychologisch-therapeutischen Selbsthilfegruppenbewegung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel verortet Selbsthilfegruppen in der aktuellen Gesellschaft und definiert das Ziel der Arbeit, einen Überblick über deren Bedeutung, Kategorisierung und Wirkung zu geben.
2. Begriffsdefinition: Hier werden verschiedene Definitionen der Selbsthilfe diskutiert sowie theoretische Ansätze wie "neue Subsidiarität" und "Konturierung des Alltags" vorgestellt.
3. Zur Geschichte der Selbsthilfegruppenbewegung: Das Kapitel zeichnet die historische Entwicklung nach, von frühen Formen des Schamanentums über Gilden bis hin zu den psychologisch-therapeutischen Bewegungen in den USA und Deutschland.
4. Kategorien von Selbsthilfegruppen: Basierend auf M.L. Moeller werden sieben Kategorien definiert, die von psychologisch-therapeutischen bis hin zu lebensgestaltenden Gruppen reichen.
5. Merkmale und Geschehen in einer typischen psychologisch-therapeutischen Gesprächs-Selbsthilfegruppe: Dieser Abschnitt beschreibt die strukturellen Merkmale, das Selbsthilfeprinzip und die gruppeninternen Prozesse.
6. Wirkung von Selbsthilfegruppen insbesondere der psychologisch-therapeutischen Gesprächs-Selbsthilfegruppe: Hier werden empirische Untersuchungsergebnisse zu den positiven Effekten wie Depressivitätsminderung und Stärkung der sozialen Kompetenz referiert.
7. Schlussbemerkung: Ein Resümee zur Rolle der Selbsthilfe als ergänzende Säule neben dem professionellen Hilfesystem sowie Ausblicke auf zukünftige Anforderungen, etwa durch kulturelle Vielfalt.
Schlüsselwörter
Selbsthilfegruppen, Selbsthilfe, Empowerment-Konzept, Krisenbewältigung, psychologisch-therapeutische Selbsthilfegruppe, Gesprächsselbsthilfe, Sozialpädagogik, Gruppenprinzip, Selbstbetroffenheit, Teilnehmende Resonanz, Soziale Isolation, Subsidiarität, Gesundheitswesen, Gesellschaftlicher Wandel, Gruppensozialisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit Selbsthilfegruppen als eine Form der Bewältigungsstrategie für Menschen in krisenhaften Lebenssituationen und untersucht deren Geschichte, Kategorisierung und therapeutische Wirkung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die historische Einbettung der Selbsthilfe, das theoretische Fundament (insb. das Empowerment-Konzept), die Abgrenzung verschiedener Gruppentypen sowie der Nachweis der Wirksamkeit durch empirische Studien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, einen fundierten Überblick über das Phänomen "Selbsthilfegruppe" zu geben, die theoretische Relevanz aufzuzeigen und die therapeutischen Wirkmechanismen des Gesprächs in Gruppen zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und der Auswertung bestehender empirischer Untersuchungen und Fachliteratur zur Selbsthilfegruppenforschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Begriffsdefinitionen und der geschichtliche Abriss dargelegt, gefolgt von einer Klassifizierung in sieben Kategorien nach Moeller und einer detaillierten Analyse der Merkmale und Wirkungsweisen von Gesprächsselbsthilfegruppen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Selbsthilfe, Empowerment, Krisenbewältigung, Identitätsstabilisierung, soziale Netzwerke und psychologisch-therapeutische Gesprächsführung.
Warum ist das Empowerment-Konzept für Selbsthilfegruppen so wichtig?
Es dient als theoretische Grundlage, die betont, dass Menschen in Situationen des Mangels ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen können, um durch Selbstbemächtigung ihre Lebensumstände aktiv zu gestalten.
Inwiefern hat die Wiedervereinigung die deutsche Selbsthilfegruppenbewegung beeinflusst?
Nach 1989 war ein Aufschwung durch ein gestiegenes Bedürfnis nach Beratung und Partizipation zu verzeichnen, wobei die Entwicklung in den neuen Bundesländern stark mit staatlichen Modellprogrammen zur Selbsthilfeförderung verknüpft war.
- Citar trabajo
- Sabrina Werber (Autor), 2011, Selbsthilfegruppen als Bewältigungsstrategie in Problemlagen und Krisen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264304