Rituelle Kommunikation in Václav Havels ‚Audience‘


Seminararbeit, 2000

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Rituelle Kooperation
2.1. Techniken der Imagepflege
2.1.1. Der Vermeidungsprozeß
2.1.2. Der korrektive Prozeß
2.2. Zeremonielle Regeln

3. ‚Audience‘

4. Zusammenfassung

Verwendete Literatur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit stellt einen Versuch dar, die innerhalb der ‚Soziologie des Alltags‘ entwickelten Kategorien ‚Ritual‘ und ‚Image‘ auf dramatische Texte anzuwenden. Ihr Ziel ist die Etablierung einer selbständigen Analyseebene zur Beschreibung der Beziehungsstruktur zwischen den dramatischen Figuren.

Es wird somit versucht, der Forderung Manfred Pfisters[1] nachzukommen, die Ergebnisse soziologischer Forschung zu einer ‚differenzierteren Analyse dramatischer Kommunikationsabläufe‘[2] heranzuziehen, und somit ein ‚soziologisch und kommunikationstheoretisch vertieftes Verständnis zum Beispiel für das Ineinanderspiel [...] von explizitem Inhalts- und implizitem Beziehungsaspekt‘[3] zu entwickeln.

Mit dem gewählten Ansatz verbindet sich die Kritik an einer rein sprechakttheoretischen Herangehensweise, wie sie z.B Keir Elam in ‚The Semiotics of Theatre and Drama‘[4] vorstellt. Diese trägt meiner Ansicht nach der doppelten Struktur sprachlicher Handlungen, die sich zum Beispiel in dem von Watzlawick et al.[5] verwendeten Begriffspaar ‚content‘ und ‚relationship‘ ausdrückt, nur in geringem Maße Rechnung. Dies sei an einem dem von uns untersuchten Einakter ‚Audience‘ entnommenen Beispiel illustriert:

Wenn wir die wiederholten Sprechhandlungen SLÁDEKs des Typs ‚Dáte si pivo? [...] Proč ne? Jen si vemte!‘[6] und ‚Pijte! Proč nepijete?‘[7] nach der Taxonomie Searles als direktiven Sprechakt ‚Aufforderung‘ klassifizieren, so müßten wir die Erfolgsbedingung dieses Sprechakts als das Eintreten der intendierten Wirkung definieren, also in etwa: ‚VANĚK trinkt das ihm angebotene Bier aus‘. Auf der hier reflektierten ‚content‘-Ebene der Interaktion wäre es somit irrelevant, ob VANĚK das Bier einfach stehen läßt, oder ob er die Aufforderung unter Bezugnahme auf seine mangelnde Trinkfestigkeit höflich zurückweist (‚Děkuji, nejsem na pivo moc zvyklý‘[8] ), und sein Bier in SLÁDEKs Glas zurückfüllt, wenn dieser den Raum verläßt. Die sich in diesen möglichen Reaktionen andeutende unterschiedliche Bereitschaft zur Kooperation wird erst unter Berücksichtigung der doppelten Struktur sprachlicher Handlungen erklärbar, als Kooperation auf der ‚relationship‘-Ebene der Interaktion.

Es wird deutlich, daß die oben angeführte Sprechhandlung ‚Aufforderung zum Biertrinken‘ neben der expliziten Anweisung an VANĚK eine implizite Definition des Selbstbildes SLÁDEKs und des Verhältnisses zwischen ihnen beinhaltet. Watzlawick et al. beschreiben diese doppelte Struktur sprachlicher Interaktion als Nebeneinander von ‚digitaler‘ (expliziter, sprachlicher) ‚content‘-Information und ‚analoger‘ (impliziter, nichtsprachlicher) ‚relationship‘-Information[9]. Auf der zweiten Ebene enthält die Äußerung SLÁDEKs wie jede Analogiekommunikation einen sogenannten ‚Beziehungsappell‘, die ‚Anrufung einer bestimmter Beziehungsform‘ und somit einen ‚Vorschlag über die künftigen Regeln der Beziehung‘[10]. Digitalisiert bedeutet dies: ‚ich werde mich im Verlauf der Interaktion auf die Weise x verhalten, für unsere Beziehung schlage ich die Form y vor, somit sollten wir die entsprechenden Regeln z einhalten‘.

Die Ausformulierung dieser Grundstruktur analoger Kommunikation soll hier anhand der Arbeiten Techniken der Imagepflege und Über Ehrerbietung und Benehmen des kanadischen Soziologen Erving Goffman (1922-1982)[11] versucht werden. Diese beiden komplementären Ansätze sollen in den folgenden Kapiteln vorgestellt werden.

2. Rituelle Kooperation

Der Begriff des Rituals ist grundlegend für Goffmans Überlegungen zur direkten Kommunikation. Ausgehend von den Thesen Emile Durkheims über primitive Religionen beschreibt Goffman direkte Kommunikation als eine rituelle Handlung, deren Objekt die teilnehmenden Individuen selbst sind.

‘Interaction is a process of exchange between ritually enacted selves. Each person defers to the other´s demeanour self, and in return receives deference which helps them to uphold their own demeanour. One´s personal self is partly based on other´s reactions via deference to one´s demeanour. Each individual relies on others to complete one´s picture of one´s self. [...]

The polite aspects of everyday interaction are rituals in the same sense as the religious ceremonies of the community, only on a smaller scale. Instead of worshipping the whole society or group, as symbolized by its gods and other public sacred objects, however, these everyday rituals express regard for each person´s self as a sacred object.’[12]

Die wechselseitige Beziehung von Ehrerbietung (deference) und Benehmen (demeanour) können wir als rituellen Kodex definieren, dessen Ziel die Herstellung eines rituellen Gleichgewichts ist. Innerhalb dieses Gleichgewichts kann jeder der Teilnehmer den Teil seines Selbst darstellen, der ihm in der konkreten Interaktion verehrungswürdig erscheint. Diese interaktiv ausgehandelten Selbstbilder, die es den Teilnehmern ermöglichen, Ehrerbietung für ihr Selbst zu erhalten, sind ihr Image (face).

‘Der Terminus Image kann als der positive soziale Wert definiert werden, den man für sich durch die Verhaltensstrategie erwirbt, von der die anderen annehmen, man verfolge sie in einer bestimmten Interaktion. Image ist ein in Termini sozial anerkannter Eigenschaften umschriebenes Selbstbild- ein Bild, das die anderen übernehmen können.’[13]

Die oben angedeutete rituelle Kooperation läßt sich also in Verbindung mit dem Begriff des Images als gegenseitige Rücksichtnahme der Interaktionsteilnehmer aufeinander in Bezug auf den Aufbau und die Aufrechterhaltung ihrer Images beschreiben.

‘Die doppelte Wirkung der Regeln von Selbstachtung und Rücksichtnahme besteht darin, daß jemand sich bei einer Begegnung tendenziell so verhält, daß er beides wahrt: sein eigenes Image und das der anderen Interaktionspartner. D.h., daß die von jedem Teilnehmer eingeschlagene Strategie sich meist durchsetzen und jeder Interaktionsteilnehmer die Rolle übernehmen darf, die er für sich selbst gewählt zu haben scheint. Ein Zustand, wo jeder temporär die Verhaltensstrategie jedes anderen akzeptiert, ist erreicht. Diese Art gegenseitiger Anerkennung scheint ein grundlegendes strukturelles Merkmal von Interaktion zu sein, besonders der Interaktion von direkten Gesprächen.’[14]

Eine wichtige Feststellung ist, daß soziale Begegnungen sowohl eine Möglichkeit zur Bestätigung des eigenen Image, als auch eine potentielle Gefährdung des Selbstbildes darstellen. Um dieser Gefährdung entgegenzuwirken, versuchen die Teilnehmer ein rituelles Gleichgewicht herzustellen: sie achten das Image des jeweils anderen Teilnehmers und erwarten die gleiche Achtung für ihr eigenes Image.

Die entsprechenden Strategien, die Imagebeschädigungen entgegenwirken sollen, beschreibt Goffman in ‚ Techniken der Imagepflege‘. Ihnen widmet sich das folgende Unterkapitel.

2.1. Techniken der Imagepflege

Techniken der Imagepflege sind die Grundlage der rituellen Kooperation. Sie stellen eine verbindliche Grundlage sozialer Gruppen dar, soziale Begegnungen mit möglichst wenig Schaden für die Images der Beteiligten über die Bühne gehen zu lassen:

‘Mit Techniken der Imagepflege möchte ich Handlungen bezeichnen, die vorgenommen werden, um all das, was man tut, in Übereinstimmung mit seinem Image zu bringen. Techniken der Imagepflege dienen dazu, „Zwischenfällen” entgegenzuarbeiten- das sind Ereignisse, deren effektive, symbolische Implikationen das Image bedrohen. [...]

Von Mitgliedern jeder sozialen Gruppe wird erwartet, Kenntnis über Techniken der Imagepflege zu besitzen und Erfahrung in ihrem Gebrauch zu haben. In unserer Gesellschaft werden solche Fähigkeiten manchmal Takt, savoir-faire, Diplomatie oder soziale Geschicklichkeit genannt.’[15]

Wie im vorigen Kapitel angedeutet, unterscheidet Goffman zwei Einstellungen, die im Normalfall gleichzeitig vorhanden sind: eine defensive Orientierung (die Wahrung des eigenen Images) und eine protektive Orientierung (die Wahrung des Images anderer).

Beide Einstellungen realisieren sich nach Goffman in zwei grundlegenden Techniken der Imagepflege: dem Vermeidungs-prozeß, d.h. dem Bewahren des rituellen Gleichgewichts, und dem korrektiven Prozeß, d.h. dem Wiederherstellen des rituellen Gleichgewichts nach Zwischenfällen.

Mögliche Zwischenfälle kategorisiert Goffman nach der Art von Verantwortung, die dem Handelnden für die von ihm ausgelöste Imagebedrohung zugeschrieben wird, in drei Gruppen: arglose Imagebedrohungen (nichtintendierte Zwischenfälle, sogenannte faux-pas oder Schnitzer), boshafte Imagebedrohungen (intendierte Zwischenfälle mit dem Ziel, den Gegenüber zu beleidigen) sowie zufällige Imagebedrohungen (Zwischenfälle die als Nebenprodukte von Handlungen entstehen, als solche aber von den Handelnden in Kauf genommen werden).

In den folgenden Unterkapiteln sollen die genannten Techniken der Imagepflege näher erläutert werden.

[...]


[1] Pfister, Manfred: Das Drama. Theorie und Analyse. München 1997

[2] ibd. S. 259

[3] ibd. S. 258 f.

[4] Elam, Keir: The Semiotics of Theatre and Drama. London and New York 1994

[5] vgl.: Watzlawick, Paul/ Beavin, Janet H./ Jackson, Don D.: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern/ Stuttgart/ Toronto 1990

§ 2.3

[6] Havel, Václav: Hry. Soubor her z let 1963-1988. Praha 1991. S. 209

[7] ibd. 210

[8] ibd. 210

[9] vgl.: Watzlawick, Paul/ Beavin, Janet H./ Jackson, Don D.: op. cit. § 2.5

[10] ibd. § 3.52

[11] Goffman, Erving: Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. Frankfurt a. M. 1996. Hier besonders Techniken der Imagepflege (S. 10-53) sowie Über Ehrerbietung und Benehmen (S. 54-105)

[12] Collins, Randall: Theoretical Continuities in Goffman´s Work. In: Drew,P./ Wootton, A. (Ed.): Erving Goffman. Exploring the Interaction Order. Oxford 1988. S. 49 f.

[13] Goffman, Erving: op.cit. S. 10

[14] ibd. S. 17

[15] ibd. S. 18 f.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Rituelle Kommunikation in Václav Havels ‚Audience‘
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Autor
Jahr
2000
Seiten
22
Katalognummer
V264689
ISBN (eBook)
9783656540144
ISBN (Buch)
9783656541912
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rituelle, kommunikation, václav, havels
Arbeit zitieren
Heinz Rosenau (Autor), 2000, Rituelle Kommunikation in Václav Havels ‚Audience‘, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264689

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