In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte Charles Darwin
Theorien, die weit über die biologischen Grenzen hinweg Beachtung
fanden. Theoretiker nahmen Darwins Selektionstheorien und wendeten
sie auf sozio-kulturelle Zustände an, welches einen Biologismus darstellte.
Sie verkannten dabei Darwins Theorien als Naturgesetze, unterwarfen
das menschliche Leben darunter und erschufen so den Sozialdarwinismus.
Durch die Erfolge in den Naturwissenschaften, bei denen
allgemeingültige Gesetze gefunden und vor allem während der Industrialisierung
erfolgreich eingesetzt wurden, schienen solche Gesetzmäßigkeiten
auch für die Gesellschaft zu gelten. Dadurch entstanden Determinismen,
da man wie bei einem Naturgesetz versuchte zu erklären,
dass gewisse Ereignisse eintreten müssen, wenn gewisse Vorbedingungen
vorhanden waren.
In dieser Zeit, in der sich diese Ideen entwickelten und verfestigten fiel
die Wilhelmnische Epoche, die vor allem durch außenpolitische Entscheidungen
geprägt wurden. Das Deutsche Kaiserreich, in einer nationalen
Hochstimmung 1871, nach drei Einigungskriegen im Spiegelsaal
zu Versailles gegründet und von Bismarck danach konsolidiert, erlebte
mit der Thronbesteigung von Kaiser Wilhelm II. 1888 und der Abdankung
Bismarcks 1890 einen außenpolitischen Kurswechsel hin zum Imperialismus.
Der Kolonialerwerb stand weit oben auf der politischen
Agenda und wurde mit viel Nachdruck verfolgt. Ein weiteres vorherrschendes
politisches Thema war der Aufbau einer großen Flotte, mit
dem Ziel dem Deutschen Reich einen Weltmachtstatus zu verleihen.
Vor allem die zweite Marokkokrise mit der Entsendung des Kanonenbootes
„Panther“ nach Agadir stand sinnbildlich für den Versuch der
Regierung um Kaiser Wilhelm II. deutsche Machtinteressen zu verteidigen,
auch auf Kosten von internationalen Spannungen.
Dem Reichstag fiel die Rolle zu, die Gesetzesvorlagen der Regierung zu
besprechen, zu verabschieden oder abzulehnen. Auf dieser Grundlage
werden in dieser Arbeit anhand der Reichstagsprotokolle ausgewählte
Debatten während der wilhelminischen Epoche unter folgenden Fragestellungen
untersucht: Waren biologistische Determinismen, Sozialdarwinismus
und Ideen der Weltreichslehre in Reden der Abgeordneten
vorhanden? Kann man aus den Protokollen erschließen, dass alle Redner
von diesen Ideen überzeugt waren? Oder gab es Parteien und Abgeordnete,
die sich grundsätzlich diesen Ideen verweigert haben? [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Einführung in die Thematik
1.2 Aufbau der Arbeit
1.3 Überblick über den aktuellen Forschungsstand
2 Das politische System des Deutschen Kaiserreichs
2.1 Das Machtgefüge im deutschen Kaiserreich
2.2 Die Parteien im Deutschen Kaiserreich
3 Ideelle Grundlagen
3.1 Biologismus und Determinismus
3.2 Sozialdarwinismus
3.2.1 Theoretische Grundlagen zum Sozialdarwinismus
3.2.2 Wichtige Sozialdarwinisten aus dem deutschen Kaiserreich
3.3 Weltreichslehre als außenpolitische Erweiterung des Sozialdarwinismus
4 Ausgewählte Reichstagsdebatten in der wilhelminischen Ära
4.1 Reichstagsdebatte vom 30. November 1896 bis zum 2. Dezember 1896
4.1.1 Einleitung
4.1.2 Die Debatte im Reichstag
4.1.3 Zusammenfassung
4.2 Reichstagsdebatte vom 6. Dezember bis zum 9. Dezember 1897
4.2.1 Einleitung
4.2.2 Die Debatte im Reichstag
4.2.3 Zusammenfassung
4.3 Die Reichstagsdebatte vom 12. Dezember bis 15. Dezember 1898
4.3.1 Einleitung
4.3.2 Die Debatte im Reichstag
4.3.3 Zusammenfassung
4.4 Reichstagsdebatte vom 8. Februar bis zum 10. Februar 1900
4.4.1 Einleitung
4.4.2 Die Debatte
4.4.3 Zusammenfassung
4.5 Die Reichstagsdebatte vom 9. November bis 11. November 1911
4.5.1 Einleitung
4.5.2 Die Debatte
4.5.3 Zusammenfassung
5 Schluss
5.1 Schlussbetrachtungen
5.2 Forschungsausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand ausgewählter Reichstagsprotokolle der wilhelminischen Epoche, inwieweit biologistische Determinismen, sozialdarwinistische Denkmuster und die Ideen der Weltreichslehre in den politischen Diskursen der Abgeordneten präsent waren und als Rechtfertigung für außenpolitische Entscheidungen, insbesondere im Kontext von Kolonialpolitik und Flottenaufrüstung, dienten.
- Analyse des politischen Machtgefüges und der Parteienlandschaft des Kaiserreichs.
- Definition und Herleitung der ideellen Grundlagen (Biologismus, Determinismus, Sozialdarwinismus, Weltreichslehre).
- Untersuchung von fünf zentralen Reichstagsdebatten zwischen 1896 und 1911 auf ideologische Argumentationsmuster.
- Erörterung der Rolle des "Kampfes ums Dasein" in der Außenpolitik und internationalen Beziehungen.
- Kritische Reflexion der politischen Rhetorik hinsichtlich ihrer Bedeutung für Machtanspruch und Existenzsicherung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Biologismus und Determinismus
Der Begriff des Biologismus wird in drei Arten unterschieden, den soziologisch-geschichtsphilosophischen, erkenntnistheoretischen und einem ethischen. In dieser Arbeit wird ausschließlich der soziologisch-geschichtsphilosophischer Biologismus bearbeitet, da er für den Charakter der Ausarbeitungen von Bedeutung ist. Diese biologistische Betrachtungsweise stellt Analogien von historischen und sozialen Begriffen zu einem lebenden Organismus her. Ein Beispiel hierfür ist ein Redebeitrag von Theodor Leutwein, Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika, im Reichstag am 12. Februar 1898 zur Lage der Kolonien. Darin stellte er eine Analogie zwischen einem Kind und den Kolonien her: „Einem heranwachsenden Kinde muß [sic] man Zeit lassen, sich zu entwickeln; thut [sic] man das nicht, stört man diese Entwicklung“.
Ein Grund für das Aufkommen des Biologismus war die Industrialisierung, welche durch die treibende Kraft der Ingenieurwissenschaft auch soziale Umwälzungen zur Folge hatte. Durch den technischen Fortschritt entstand der Glaube alles naturwissenschaftlich erklären zu können. Genährt wurde dieser Glaube durch ein Gefühl technischer Omnipotenz, da die Bevölkerung wuchs, Seuchen besiegt wurden und die Lebenserwartung stieg. Auf der anderen Seite standen die Leittragenden dieser Entwicklung, die Kolonien und ihre Bewohner. Die militärische Überlegenheit gegenüber diesen wurde mit einem sozial-kulturellen Defizit erklärt. Diese als naturgegebene betrachtete Vormachtstellung in der kolonialen Politik vermischte sich mit der Evolutionstheorie Darwins zu einem sozial-biologistischen Programm in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Darwins Evolutionstheorien ermöglichten die Vielfalt des Lebens nicht mit teleologischen Zwängen, sondern mechanisch zu beschreiben. Dabei wurden diese Theorien ideologisch überhöht und die Abstammungslehre als Naturgesetz missverstanden. In der Tradition von Gelehrten wie Newton, Kepler oder Galileo, die ihre Beobachtungen der Natur in Gesetzmäßigkeiten und Regeln gefasst hatten, sollte der Biologismus genauso funktionieren, einschließlich deterministischer Faktoren. Der Determinismus entstammt der klassischen Mechanik und bezeichnet einen naturphilosophischen Standpunkt, bei dem die Zeitentwicklung für physikalische Systeme bei eindeutigen Vorbedingungen voraussagbar ist. Überträgt man dies in einen biologistischen Determinismus, bedeutet es, dass biologistisch gedeutete historische Prozesse voraussagbar sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Themen Biologismus, Sozialdarwinismus und Weltreichslehre ein und erläutert die methodische Vorgehensweise sowie den Forschungsstand.
2 Das politische System des Deutschen Kaiserreichs: Dieses Kapitel betrachtet das Machtgefüge des Kaiserreiches und charakterisiert die politischen Parteien hinsichtlich ihrer Grundhaltungen.
3 Ideelle Grundlagen: Hier werden die zentralen Begriffe Biologismus, Determinismus, Sozialdarwinismus und Weltreichslehre detailliert definiert sowie wichtige Exponenten dieser Lehren vorgestellt.
4 Ausgewählte Reichstagsdebatten in der wilhelminischen Ära: Das Hauptkapitel untersucht fünf spezifische Reichstagsdebatten zwischen 1896 und 1911 auf das Vorkommen sozialdarwinistischer Argumentationsmuster.
5 Schluss: Das Kapitel bietet eine zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und einen Ausblick auf weiteren Forschungsbedarf im Kontext deterministischen Denkens.
Schlüsselwörter
Sozialdarwinismus, Biologismus, Determinismus, Weltreichslehre, Wilhelminisches Kaiserreich, Reichstagsdebatten, Imperialismus, Außenpolitik, Flottenbau, Existenzkampf, Marokkokrise, Nationalismus, Rassenhygiene, Machtpolitik, Politische Ideengeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die Verbreitung und den Einfluss von biologistischen und sozialdarwinistischen Denkweisen in den politischen Debatten des Deutschen Kaiserreichs, insbesondere im Hinblick auf imperialistische Außenpolitik.
Welche Themenfelder stehen dabei besonders im Fokus?
Zentrale Felder sind die Flottenpolitik, die koloniale Expansion sowie die Art und Weise, wie nationale Interessen und Machtansprüche durch biologische Metaphern legitimiert wurden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die zentrale Frage ist, inwieweit biologistische Determinismen und die Weltreichslehre in den Protokollen des Reichstags als Argumentationsmuster präsent waren und ob Abgeordnete diese Ideen gezielt zur Durchsetzung politischer Ziele nutzten.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse von Reichstagsprotokollen als Primärquellen, um die in den Reden verwendeten ideologischen Konzepte zu identifizieren und in den Kontext des sozialdarwinistischen Denkens der Zeit zu setzen.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Im Hauptteil werden fünf spezifische Reichstagsdebatten zwischen 1896 und 1911 analysiert, die unter anderem die Flottenaufrüstung und die Auswirkungen der Marokkokrisen auf die deutsche Außenpolitik thematisierten.
Welche Begriffe sind charakteristisch für diese Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Sozialdarwinismus, Weltreichslehre, biologistischer Determinismus, Imperialismus, Flottenpolitik, Machtgefüge und "Kampf ums Dasein".
Wie argumentierten Regierungsmitglieder im Vergleich zu Oppositionellen in den Debatten?
Regierungsmitglieder wie Tirpitz und Bülow nutzten die Weltreichslehre oft zur Rechtfertigung einer offensiven Machtpolitik, während Teile der Opposition, vor allem die Sozialdemokraten, diese Rhetorik als "Utopie" oder "Sumpf" kritisierten.
Welche Rolle spielten die beiden Marokkokrisen in den Debatten?
Die Marokkokrisen dienten als Katalysatoren, in denen die Bedrohung der deutschen Existenz und die Notwendigkeit einer starken, expansiven Außenpolitik von konservativen Abgeordneten besonders drastisch beschworen wurden.
- Citar trabajo
- Johannes Kircher (Autor), 2013, Sozialdarwinismus und biologistischer Determinismus in Reichstagsdebatten des wilhelminischen Kaiserreichs, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265015