Im Sommer 1986 verfasste Ernst Nolte einen Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung ; dieser Text und die Antwort von Jürgen Habermas lösten in der Folge den sogenannten „Historikerstreit“ aus. Da dieser Konflikt bereits zur Genüge debattiert wurde, wird auf seinen Inhalt nicht weiter eingegangen. Die Aussage der Artikelüberschrift „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ muss vom Kontext losgelöst jedoch als falsch deklariert werden. Vergangenheit, die nicht vergehen will, gibt es nicht – sie ist zwangsläufig vergangen. Vielmehr noch ist sie nicht nur unwiderruflich vergangen, sondern zudem statisch und unwandelbar geworden. Ganz und gar nicht statisch hingegen sind die gegenwärtigen Perspektiven von Historikern und generell allen Menschen, die auf vergangene Ereignisse und Zeitspannen zurückblicken. Die Geschichtswissenschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch Quellenarbeit und mit allen ihr zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln, ein möglichst objektives Bild des Gewesenen zu rekonstruieren und zu interpretieren. Diesem Anspruch müssen Medien und Gesellschaft jedoch nicht entsprechen. Dadurch sind Konflikte aller Art, insbesondere solche, deren Wurzeln in der Vergangenheit liegen, von einem Spannungsfeld unterschiedlicher Ansichten und Absichten geprägt. Dieser Umstand lässt sich auch am Umgang mit dem Konzentrationslager Auschwitz bzw. der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau beobachten.
Der Titel dieser Arbeit verspricht die Darstellung der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau im Spannungsfeld von Selbstverständnis und medialer Repräsentation. Die umfassende Präsentation dieses einen Spannungsfeldes bleibt aber unmöglich, da sowohl das Selbstverständnis auf der einen, als auch die mediale Repräsentation auf der anderen Seite jeweils immense Spannungsfelder in sich bergen. Deshalb werden diese beiden spannungsreichen Thematiken getrennt voneinander vorgestellt. Doch selbst dann sind diese Themenfelder zu umfangreich, als dass eine Darstellung ebendieser jemals den Anspruch auf Vollständigkeit erheben dürfte. Für diese Arbeit bedeutet das eine Zweiteilung der Fragestellung. Auf der einen Seite steht die Frage nach dem Selbstverständnis der betroffenen Personengruppen: Wie verorten sich Anwohner und ehemalige Häftlinge im Spannungsfeld zwischen Gedenkstätte und Lebensraum?[...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Stadt Oświęcim, das Konzentrationslager Auschwitz und die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau
1.1. Oświęcim bis 1939
1.2. Das Konzentrationslager Auschwitz 1941 bis 1945
1.3. Vom Konzentrationslager zur Gedenkstätte
2. Oświęcim und die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau im 21. Jahrhundert
2.1. Die Konflikte zwischen Oświęcim und der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau
2.2. Das Spannungsfeld der Selbstverständnisse rund um die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau
3. Erinnerungstheorien
3.1. Kollektives Gedächtnis und Erinnerungsorte
3.2. Zusammenfassende Erkenntnisse der Erinnerungstheorien für die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau
4. Entwicklung eines Selbstverständnisses der dritten Generation gegenüber der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau
4.1. „Auschwitz“ im polnischen Gedächtnis bzw. das polnische Selbstverständnis
4.2. „Auschwitz“ im deutschen Gedächtnis bzw. das deutsche Selbstverständnis
4.3. „Auschwitz“ im jüdischen Gedächtnis bzw. das jüdische Selbstverständnis
4.4. Universelles Selbstverständnis – eine aktuelle Entwicklung
5. Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau im Spannungsfeld medialer Repräsentation und historischen Wissens
5.1. Die öffentliche Wahrnehmung deutscher Gedenkstätten vom Kriegsende bis zur Wiedervereinigung
5.2. Geschichtskulturelle Entwicklungen in Deutschland
5.3. Tendenzen der Repräsentation der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, des Holocausts und der NS-Zeit in den deutschen Medien
5.4. Mediale und erinnerungskulturelle Omnipräsenz von Auschwitz, Holocaust und NS-Zeit als Grundlage reichhaltigen historischen Wissens der dritten Generation?
6. Geschichtskulturelle Erkundigungen als Ausgangspunkt zum Lernen an Gedenkstätten? – Wege aus der Unwissenheit
6.1. Mediale Darstellungen ohne Substanz – Gedenken ohne Erinnerung?
6.2. Die NS-Zeit im Geschichtsunterricht – Ein Erweiterungsvorschlag
6.3. Der Gedenkstättenbesuch
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau im Spannungsfeld von unterschiedlichen Selbstverständnissen der beteiligten Gruppen sowie der medialen Repräsentation der NS-Vergangenheit. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Diskrepanz zwischen der medialen Omnipräsenz des Themas und dem lückenhaften historischen Wissen der dritten Nachkriegsgeneration, um daraus Potenziale für einen effektiven Gedenkstättenbesuch und Geschichtsunterricht abzuleiten.
- Konfliktlinien zwischen der Stadt Oświęcim und der Gedenkstätte.
- Erinnerungstheoretische Konzepte von kollektivem und kulturellem Gedächtnis.
- Nationale Selbstverständnisse (polnisch, deutsch, jüdisch) gegenüber Auschwitz.
- Der Einfluss der Medialisierung der Zeitgeschichte auf das historische Wissen Jugendlicher.
- Pädagogische Ansätze zur Vermittlung von Geschichte an Gedenkstätten.
Auszug aus dem Buch
Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau im Spannungsfeld medialer Repräsentation und historischen Wissens
In diesem Kapitel wird nun das zweite Spannungsfeld dargestellt: Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau bzw. das KL Auschwitz werden eingebettet in den historischen Kontext der NS-Zeit und das Spannungsfeld von medialer und geschichtskultureller Omnipräsenz und fehlendem historischen Wissen der dritten Generation aufgezeigt. Da die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau bis zur Wiedervereinigung hinter dem sogenannten ‚Eisernen Vorhang‘ lag, rückte sie erst in den letzten zwei Jahrzehnten wieder vermehrt ins deutsche Blickfeld. Um aber die vollständige Entwicklung des Umgangs der Deutschen mit den Relikten der NS-Zeit wiederzugeben, wird zunächst, in Ermangelung eines Umgangs mit Auschwitz, die gesellschaftliche Wahrnehmung deutscher Gedenkstätten vom Kriegsende bis zur Wiedervereinigung dargestellt. Der Annäherung an das zweite Spannungsfeld wegen werden anschließend die Tendenzen der geschichtskulturellen bzw. medialen Repräsentation der NS-Zeit und insbesondere des Holocausts und der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau aufgezeigt. In der anschließenden Vorstellung der Ergebnisse der Studie von Silbermann und Stoffers offenbart sich infolgedessen das Spannungsfeld medialer, geschichtskultureller Allgegenwart und abstinentem historischen Wissens offenkundig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Stadt Oświęcim, das Konzentrationslager Auschwitz und die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau: Das Kapitel bietet einen historischen Überblick über die Entwicklung von der Stadt Oświęcim bis zum Konzentrationslager und dessen Transformation zur Gedenkstätte.
2. Oświęcim und die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau im 21. Jahrhundert: Hier werden die aktuellen sozio-ökonomischen Konflikte zwischen den Bewohnern der Stadt Oświęcim und den Betreibern der Gedenkstätte analysiert.
3. Erinnerungstheorien: Dieses Kapitel führt theoretische Konzepte zum kollektiven und kulturellen Gedächtnis ein, um den Umgang mit nicht selbst erlebter Vergangenheit zu verstehen.
4. Entwicklung eines Selbstverständnisses der dritten Generation gegenüber der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau: Die Untersuchung der unterschiedlichen nationalen und religiösen Perspektiven von jungen Polen, Deutschen und Juden steht hier im Mittelpunkt.
5. Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau im Spannungsfeld medialer Repräsentation und historischen Wissens: Dieses Kapitel beleuchtet die Kluft zwischen der massiven medialen Präsenz des Holocausts und den tatsächlichen historischen Kenntnissen der Nachkriegsgenerationen.
6. Geschichtskulturelle Erkundigungen als Ausgangspunkt zum Lernen an Gedenkstätten? – Wege aus der Unwissenheit: Das Kapitel diskutiert, wie durch reflektierten Geschichtsunterricht und Gedenkstättenbesuche die Lücke zwischen medialer Wahrnehmung und fundiertem historischen Wissen geschlossen werden kann.
Schlüsselwörter
Auschwitz, Gedenkstätte, Holocaust, NS-Zeit, Erinnerungskultur, Kollektives Gedächtnis, Geschichtskultur, Dritte Generation, Geschichtsunterricht, Medialisierung, Zeitzeugen, Selbstverständnis, Oświęcim, NS-Verbrechen, Gedenkstättenpädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld, in dem sich die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau befindet, geprägt durch unterschiedliche nationale Selbstverständnisse und die mediale Aufbereitung der NS-Vergangenheit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Geschichte des Ortes, den erinnerungstheoretischen Grundlagen, der Differenz zwischen polnischer, deutscher und jüdischer Erinnerung sowie der Rolle der Medien bei der Vermittlung von historischem Wissen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Hauptziel ist es zu analysieren, warum trotz der massiven medialen Allgegenwart des Themas "Auschwitz" bei der dritten Nachkriegsgeneration erhebliche Wissenslücken bestehen und wie Gedenkstätten und Schule dazu beitragen können, dieses Spannungsfeld zu überwinden.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine Analyse soziologischer Studien (insbesondere Silbermann/Stoffers) sowie auf eine Auswertung von Erinnerungstheorien und historisch-kulturellen Diskursen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung des Ortes, die Darstellung von Erinnerungstheorien, die Erörterung nationaler Perspektiven auf Auschwitz sowie eine tiefgehende Analyse der medialen Repräsentation und deren Auswirkungen auf das historische Bewusstsein.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Auschwitz, Holocaust, Erinnerungskultur, Geschichtskultur, kollektives Gedächtnis und Gedenkstättenpädagogik.
Welche Rolle spielt die Stadt Oświęcim in dieser Analyse?
Die Stadt Oświęcim ist integraler Bestandteil der Arbeit, da sie in unmittelbarer Nähe zur Gedenkstätte liegt und in sozialen Konflikten mit dieser steht, was für das lokale Selbstverständnis von großer Bedeutung ist.
Warum ist der Gedenkstättenbesuch für die dritte Generation so relevant?
Der Besuch dient dazu, Theorie in Praxis zu überführen. Er bietet die Möglichkeit, die Distanz zwischen der medial vermittelten Geschichte und der realen Vergangenheit durch "Lernen mit allen Sinnen" zu überbrücken und ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein zu entwickeln.
- Arbeit zitieren
- Daniela Klein (Autor:in), 2012, Die Gedenkstätte Auschwitz im Spannungsfeld von Selbstverständnis und medialer Repräsentation., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265313