Das „Bündnis für Arbeit“ der rot-grünen Koalition aus dem Jahre 1998 gilt als tiefgreifende Zäsur der deutschen Sozialstaatlichkeit, die mit der Einsetzung der Hartz-Kommission im Frühjahr 2002 für Arbeitsmarktreformen ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe 2005 („Hartz IV“) war hierbei das letzte und wohl wichtigste Element. Sie gilt als Bruch in der Geschichte der deutschen Sozialpolitik. Die Reform geht mit einem deutlichen Paradigmenwechsel einher. Die Arbeitsmarktpolitik steht seitdem im Zeichen der konsequenten Aktivierung der Arbeitssuchenden und hat sich somit von einer aktiven hin zu einer aktivierenden Politik gewandelt.1 In der vorliegenden Arbeit möchte ich die Überlegung anstellen, ob nach den Hartz- Gesetzen Deutschland noch als konservativer Wohlfahrtsstaat angesehen werden kann, oder es vielmehr so ist, dass sich damit die wohlfahrtsstaatlichen Grundvorstellungen so radikal verändert haben, dass man von diesem Typus nicht mehr sprechen kann. Oder ist es eventuell so, dass sich dadurch nur die secondary beliefs, also die Vorstellung über die Instrumente des Policy-Instrumentariums verändert haben, die core beliefs jedoch unangetastet blieben? Diese Arbeit ist somit eine kritische Überprüfung, genauere Analyse und gegebenenfalls eine Modifizierung der „Arbeitspapiere der Arbeitsstelle für Internationale Politische Ökonomie“ der Freien Universität Berlin, welches von Judith Zimmermann unter dem Titel: „Wandel oder Kontinuitätsbruch des konservativen Wohlfahrtsstaats: Wie veränderten die Hartz-Reformen die deutsche Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik?“ verfasst wurde.
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1 Heinelt, S. 126.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Problemstellung/methodisches Vorgehen
2.1. Grundkonzept Esping-Andersen
2.1.1. Liberaler Wohlfahrtsstaat
2.1.2. Konservativer Wohlfahrtsstaat
2.1.3 Sozialdemokratischer Wohlfahrtsstaat
2.2. Sabatiers Advocacy Coalition Framework Ansatz
3. Kritik an Esping-Andersen
4. Unterstützung Esping-Andersens
5. Forschungsmeinungen: Ist Deutschland noch ein konservativer Wohlfahrtsstaat?
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob die Bundesrepublik Deutschland infolge der Hartz-Reformen weiterhin als konservativer Wohlfahrtsstaat klassifiziert werden kann oder ob ein fundamentaler Wandel stattgefunden hat. Dabei wird analysiert, inwieweit wohlfahrtsstaatliche Grundprinzipien durch neue politische Instrumente und veränderte Zielsetzungen ersetzt wurden.
- Klassifizierung von Wohlfahrtsstaatstypen nach Esping-Andersen
- Anwendung des Advocacy Coalition Framework nach Sabatier
- Kritische Analyse der Auswirkungen der Hartz-Reformen
- Diskussion des Wandels von "versorgenden" hin zu "aktivierenden" Politiken
- Bewertung der Stabilität des deutschen Sozialstaatsmodells
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Liberaler Wohlfahrtsstaat
Die wirtschaftsliberalen Wohlfahrtsstaaten verbinden einige gemeinsame Merkmale. So sind ihre Märkte von Seiten des Staates nur marginal reguliert. Durch den „Glauben“ an den Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage sehen diese Länder kaum einen Grund staatlich zu intervenieren. Der Markt gilt somit als bedeutendste „Wohlfahrtsinstitution“. Erst danach folgt die Familie sowie die staatlich organisierte Wohlfahrt. Der Einzelne selbst trägt somit in diesen Staaten den Hauptteil seines sozioökonomischen Risikos. Dies fördert in der Praxis zum einen eine generell wohlhabende Gesellschaft, aber auf der Kehrseite auch die reelle Gefahr einer weit aufklaffenden Schere zwischen Arm und Reich. Der Staat wird hierbei erst aktiv, wenn die entstandene Lücke nicht mehr selbstständig geschlossen werden kann und dies durch „Bedürftigkeitstest“ nachgewiesen wurde. Die Rolle der Gewerkschaften ist in solchen Staaten in der Regel sehr untergeordnet und führt somit natürlich zu weniger durchsetzbaren Arbeitnehmerrechten. Auch im Bereich der Altersvorsorge wird das Hauptaugenmerk auf private und nicht automatisch staatliche Sicherung gelegt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Hartz-Reformen als Zäsur der deutschen Sozialstaatlichkeit und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach dem Fortbestehen des konservativen Wohlfahrtsstaatsmodells.
2. Problemstellung/methodisches Vorgehen: Dieses Kapitel stellt die theoretischen Grundlagen durch Gosta Esping-Andersens Typologie der Wohlfahrtsstaaten sowie das Advocacy Coalition Framework von Sabatier vor.
3. Kritik an Esping-Andersen: Es werden verschiedene wissenschaftliche Kritikpunkte an Esping-Andersens Modell aufgezeigt, insbesondere die Vernachlässigung von Geschlechterdimensionen und die Vereinfachung komplexer Sozialsysteme.
4. Unterstützung Esping-Andersens: Dieser Abschnitt betont die Bedeutung und Nützlichkeit des Modells trotz berechtigter Kritik als unverzichtbare Grundlage für die vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung.
5. Forschungsmeinungen: Ist Deutschland noch ein konservativer Wohlfahrtsstaat?: In diesem Kapitel werden unterschiedliche Positionen aus der Forschung diskutiert, die beleuchten, ob Deutschland durch die Hartz-Reformen seinen konservativen Charakter verloren hat oder ob Kontinuitäten überwiegen.
6. Fazit: Das Fazit stellt eine Abkehr von tradierten Grundprinzipien im Bereich der Arbeitsmarktpolitik fest, lässt jedoch offen, ob dies bereits eine vollständige Transformation des gesamten Sozialstaatsmodells darstellt.
Schlüsselwörter
Wohlfahrtsstaat, Esping-Andersen, Hartz-Reformen, Arbeitsmarktpolitik, Aktivierender Sozialstaat, Advocacy Coalition Framework, Sozialstaat, Konservativer Typus, Beschäftigungspolitik, Sozialversicherung, Statusreproduktion, Politikwandel, Deutschland, Reformpolitik, Soziale Sicherung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie sich die deutsche Sozialstaatlichkeit durch die Hartz-Reformen verändert hat und ob das Land weiterhin als konservativer Wohlfahrtsstaat gelten kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Typologie der Wohlfahrtsstaaten nach Esping-Andersen, die deutsche Arbeitsmarktpolitik vor und nach den Hartz-Reformen sowie die theoretische Einordnung dieses Wandels.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu prüfen, ob die Hartz-Reformen lediglich Anpassungen von Instrumenten waren oder ob sie eine grundlegende Transformation des deutschen Sozialstaatsmodells in Richtung eines liberalen Typs einleiteten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt als methodische Basis das theoretische Modell der "drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus" von Esping-Andersen sowie das Advocacy Coalition Framework von Sabatier zur Analyse politischer Überzeugungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine theoretische Fundierung, eine Auseinandersetzung mit der Kritik am Esping-Andersen-Modell und eine detaillierte Diskussion der Forschungsmeinungen zum aktuellen Status des deutschen Sozialstaats.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Wohlfahrtsstaat, Hartz-Reformen, Arbeitsmarktpolitik, aktivierender Sozialstaat und der konservative Typus des Sozialstaates.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der SPD bei den Hartz-Reformen?
Die Arbeit stellt fest, dass die SPD nach ihrem Eintritt in die Bundesregierung ihre oppositionelle Haltung als Verteidigerin traditioneller Wohlfahrt zugunsten der Reformen revidiert hat.
Gibt es einen Konsens in der Forschung über den Wandel des deutschen Sozialstaats?
Nein, die Arbeit zeigt, dass Forscher den Wandel unterschiedlich bewerten: Während einige einen tiefgreifenden Kontinuitätsbruch sehen, betonen andere die Stabilität des Systems durch die weiterhin existierende beitragsfinanzierte Sozialversicherung.
Welche Rolle spielt das "male-breadwinner model" in der Argumentation?
Das Modell des männlichen Alleinverdiener-Modells dient als Indikator dafür, dass trotz der Arbeitsmarktreformen weiterhin konservative, statuskonservierende Strukturen in Deutschland bestehen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich der Zukunft?
Der Autor schließt, dass Deutschland in Teilbereichen von konservativen Prinzipien abgerückt ist, eine vollständige Transformation jedoch noch nicht abschließend als vollzogen bewertet werden kann.
- Citation du texte
- Andreas Seibel (Auteur), 2013, Wohlfahrt im Wandel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266344