Vom Entstehen und Vergehen der Kunst. Zeit und Historie bei Johann Joachim Winckelmann


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

38 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Betrachtung der Kunst

2. Johann Joachim Winckelmanns Studium der antiken Kunst
2.1. Voraussetzungen und Grundlagen
2.2. Die altertumsbezogene historische Kunstbetrachtung
2.2.1. Erste Schritte zur Untersuchung antiker Kunst und Geschichte
2.2.1.1. Entstehung antiker (griechischer) Kunst
2.2.1.2. Die Größe der griechischen Kunst
2.2.2. Die Statuenbeschreibungen
2.2.2.1. Winckelmanns Laokoon
2.2.2.2. Die Beschreibung des Herkules- Torsos
2.2.3. Die ‚alte’ und die ‚neue’ Kunst
2.2.3.1. Der ‚Ausdruck’ und die ‚Schönheit’
2.2.3.2. Differenzierung und Beurteilung
2.2.3.3.Die Nachahmung der ‚Alten’
2.2.3.3.1. Die Natur und die Nachahmung
2.2.3.3.2. Die Wurzeln der Nachahmung
2.2.3.3.3. Die innere Aporie
2.3. Die Rezeption der Theorien Johann Joachim Winckelmanns
2.3.1. Johann Gottfried Herder
2.3.2. Karl Philipp Moritz
2.3.3. Friedrich Schlegel
2.3.4. Die literarischen Rezipienten
2.3.5. Architekten und Plastische Künstler

3. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

1. Die Betrachtung der Kunst

Die Zeit um 1760 war durch kunsttheoretische Zerrissenheit in den Reihen der Gelehrten geprägt. So meinte schon Wilhelm Senff in seinen Anmerkungen zur „Geschichte der Kunst des Altertums“ des Jahres 1764, dass in jener Zeit die weltlichen und kirchlichen Obrigkeiten Anschauungen begünstigten, die das Kunstschaffen auf die ‚unwissenschaftliche’ Wirksamkeit transzendentaler Kräfte und nicht auf Zusammenhänge zu der gesellschaftlichen Wirklichkeit zurückführten. Dieser Lehre wurden vor allem in Frankreich und England wissenschaftliche Betrachtungen entgegengesetzt, deren theoretischen Höhepunkt wahrscheinlich der Franzose Jean Baptiste Du Bos mit seinen Schriften bildete. Jener bezog in seine Abhandlungen vor allem die gesellschaftlichen Faktoren in die Kunstbetrachtung mit ein - die „les causes morales“.1 Diesem Ansatz folgte später auch Johann Joachim Winckelmann - der Mann, der bis heute als Begründer der archäologischen Kunstwissenschaft gilt. Jener hatte darüber hinaus Zeit und Geschichte als zentrale Fixpunkte der rückwärtigen Kunstbetrachtung herausgearbeitet. Diesen abstrakten Begriffen in der Kunsttheorie Winckelmanns sei nun die folgende Ausarbeitung gewidmet.

2. Johann Joachim Winckelmanns Studium der antiken Kunst

Um die Zeit- und Geschichtstheorie näher beleuchten zu können, erscheint es jedoch unabdingbar, zuforderst bei den geistigen Grundlagen des Winckelmannschen Denkens - seinem Studium der antiken Kunst und der zeitgenössischen Kunstbetrachtung - zu beginnen.

2.1. Voraussetzungen und Grundlagen

Lange bevor Wickelmann in Dresden die antike Kunst anders als bloß durch Abbildungen kennen lernen konnte oder seine Theorien veröffentlichte, eignete er sich bereits eine außerordentlich gründliche und vielfältige literarische Bildung an. Wie wichtig ihm diese Bildung zur Vorarbeit der Untersuchung antiker Kunst erscheint, erläutert Winckelmann nun wie folgt: „Nachdem ich ferner bald einsah, dass sehr viele Werke alter Kunst entweder nicht bekannt oder nicht verstanden noch erklärt worden, so suchte ich die Gelehrsamkeit mit der Kunst zu verbinden. Die größte Schwierigkeit in Sachen, die auf Gelehrsamkeit bestehen, pflegt zu sein, zu wissen, was andere vorgebracht haben, damit man nicht vergebene Arbeit mache, oder etwas sage, was bereits mehrmal wiederholt ist.“2 Das Wissen der wissenschaftlichen Vorgänger war für ihn demnach unabdingbar mit dem zügigen und ertragreichen Vorankommen bei den Kunstuntersuchungen verbunden. Dem schließen sich direkt die ersten Schritte zur Entschlüsselung der Vergangenheit künstlerischer Artefakte an. Im Text finden sich dahingehend genaue Hinweise. Dort heißt es: „Die Untersuchung der Kunst blieb beständig meine vornehmste Beschäftigung, und diese musste anfangen mit der Kenntnis, das Neue von dem Alten, und das Wahre von den Zusätzen zu unterscheiden.“3 Winckelmanns erste Untersuchungen standen also unter der Prämisse der Unterscheidung der Nachahmungen von den Originalen. Bis zu diesen Ausführungen herrschte dabei vor allem das Antiquarische in der Kunstbetrachtung vor: Eine zeitliche Einordnung der Kunst gab es, wenn überhaupt, nur im Ansatz und auch diese war geprägt von einer falschen Zuordnung der Formen der Kunst durch eine allzu oberflächliche Betrachtungsweise und Unkenntnis. Wie Winckelmann zudem vermerkte, wurde die Geschichte der Kunst bis zu ihm häufig auf abwegigen oder falschen und in jedem Fall eher ideellen als faktenübergreifenden Merkmalen gegründet und führte zusammen mit einem häufig wahrscheinlich ungenügenden zeitgenössischen oder fantastisch gefärbten Geschichts- und Kunstbewußtsein zu einer falschen oder konzeptlosen zeitlichen, räumlichen oder stilistischen Einordnung4. So gibt Winckelmann zu bedenken, dass bei antiken Statuen neu angefügte Arme und Köpfe mit hoher Wahrscheinlichkeit als ebenfalls antik angesehen wurden. Der Autor meint daher: „Die meisten Vergehungen der Gelehrten in Sachen der Altertümer rühren nach Winckelmann aus der Unachtsamkeit der Ergänzungen her; denn man hat die Zusätze anstatt der verstümmelten und verlorenen Stücke von dem wahren Alten nicht zu unterscheiden verstanden.“ So habe „Fabretti aus einer Arbeit, welche eine Jagd des Kaisers Gallienus vorstellt, beweisen wollen, dass damals schon Hufeisen, nach heutiger Art angenagelt, in Gebrauch gekommen seien und er habe nicht erkannt, dass das Bein des Pferdes von einem unerfahrenen Bildhauer ergänzt worden [ist].“5 Daher sollten nach Winckelmanns Bestrebungen „die Ergänzungen in den Kupfern oder in ihren Erklärungen“6 angezeigt werden. Das solche Fehler nicht leicht zu beheben zu sein scheinen, gibt dem Bearbeiter der folgende Satz zu bedenken. Bei Winckelmann heißt es darin: „Gewisse Vergehungen der Skribenten über die Altertümer haben sich durch den Beifall und durch die Länge der Zeit gleichsam sicher vor der Widerlegung gemacht.“7 Hierhin lässt sich erstmals ein Anhaltspunkt für die Gewichtigkeit des Temporären in der Winckelmannschen Kunstbetrachtung erkennen. So lässt sich aus dieser Anmerkung bereits schlussfolgern, dass die Zeit bei dem Autor ein stabilisierendes Element der rückwärtigen Betrachtung ist- ein Grundgerüst, auf welchem sich die Geschichte ausbreitet - ob richtig geordnet oder fehlinterpretiert- und welches hilft, ebenjene unverrückbar in sich zu verankern.

2.2. Die altertumsbezogene historische Kunstbetrachtung

Winckelmann nun, blieb bei den, von ihm zumeist angezweifelten „Ergebnissen seiner Lehrer und Vorgänger“8 jedoch nicht stehen und begründete dies mit seiner inneren Affinität zur Antike. So konstatiert er: „Ich kann nicht umhin, ein Verlangen zu eröffnen, welches die Erweiterung unserer Kenntnisse in der griechischen Kunst sowohl als in der Gelehrsamkeit und in der Geschichte dieser Nation betrifft.“9

2.2.1. Erste Schritte zur Untersuchung antiker Kunst und Geschichte

Winckelmann studierte also den, ihm zugänglichen Teil der Kunst der antiken mediterranen Nationen, denn: „Die Art zu denken, sowohl der Morgenländer und mittägigen Völker als auch der Griechen, offenbart sich in den Werken der Kunst.“ Dabei trennte er nun zuvorderst die wahrhaft antiken Teile von denen, die ihm neu erschienen. Die Frage nach dem Erkennen altertümlicher Kunst wird dabei beispielhaft beantwortet. So konstatiert Winckelmann:“ Es wird in der Kunst des Altertums eine Gestalt nach der Bildung der Menschen angenommen, beweist ein gleiches Verhältnis einer zu der andern in neuern Zeiten. Deutsche, Holländer und Franzosen, wenn sie nicht aus ihrem Lande und aus ihrer Natur gehen, sind wie Chinesen und Tataren in ihren Gemälden kenntlich.“10 Die antiken Elemente untersuchte er nun auf ihre Merkmale und verglich sie unter anderem mit der Kunst anderer Gebiete. Dadurch erschienen manche Völker älter als andere11, verliefen in den Ausführungen ihrer Künste parallel und beeinflussten sich häufig gegenseitig12. So konnte Winckelmann in der Entwicklung der Künste die Veränderungen der Formen ausmachen und jene in verschiedene Stile13 (und Zeiten) unterteilen. Diese wurden nun zuerst nach ihrem Entstehen und Vergehen geordnet und anschließend in einer zeitlichen Abfolge zu einer Geschichte der Kunst aneinander gereiht14. Dadurch wurde nicht nur die Zeit selbst, sondern auch ihr Verlauf in der Kunst vergegenwärtigt. Denn „die Wissenschaften hängen von der Zeit und ihren Veränderungen ab, noch mehr aber die Kunst.“15 Die Kunst kann also nicht aus der Zeit herausgenommen oder unabhängig von ihr betrachtet werden. Wichtig für die Beeinflussung der Kunst im Sinne Winckelmanns und des Humanismus ist daneben aber auch die, der Zeit zugeordnete, jeweilige nationale Politik und die Wechselwirkung von Gesellschaft und Kunst. Begründet werden kann dies dadurch, dass die Kunst von Künstlern als sozialen Lebewesen geschaffen wurde und dadurch von deren Lebensumständen und äußeren und persönlichen Einflüssen abhängig war und ist.16 Das Zeitgeschehen und die Politik als Zeichen der Geschichte hinterlassen dabei Spuren der Zeitlichkeit in den individuellen und allgemeinen Merkmalen der Werke des Altertums, welche auch dem heutigen Betrachter ermöglichen, sie -vorausgesetzt, er hat Kenntnisse von den Geschehnissen der mediterranen Antike- zeitlich und örtlich einzuordnen17. Wie die antike Kunst nun aber entstand und als vollkommenstes Beispiel, nach Winckelmann, in den griechischen Werken gipfelte, sei im Folgenden nun näher zu beleuchten.

2.2.1.1. Entstehung antiker (griechischer) Kunst

Die Kunst und ihre Epochen werden im Ganzen von Winckelmann auf sukzessive (geographisch-klimatische) Naturprozesse und - Entwicklungen zurückgeführt und ähnlich jenen sich entwickelt gesehen.18 Dass die Kunst und andere Erfindungen dabei grundsätzlich einem Vergleich zur vegetativen Umwelt unterliegen, zeigen folgende Anmerkungen des Theoretikers zum Ursprung der griechischen Kunst. So heißt es in den „Gedancken über die Nachahmung“: „Alle Erfindungen fremder Völcker kamen gleichsam nur als der erste Saame nach Griechenland, und nahmen eine andere Natur und Gestalt an in diesem Lande, welches Minerva, sagt man, vor allen Ländern, wegen der gemässigten Jahres-Zeiten, die sie hier angetroffen, den Griechen zur Wohnung angewiesen, als ein Land, welches kluge Köpfe hervorbringen würde.“19 Und wie die Pflanzen und alle Lebewesen hängen also bei dem Theoretiker auch die Künste (und die Erfindungen) von klimatischen Bedingungen ab20. So zeigt sich die Bedeutung der Umwelteinflüsse auf die Kunst beispielsweise wie folgt in der Arbeit Winckelmanns: „Durch den Einfluss des Himmels bedeuten wir die Wirkung der verschiedenen Lage der Länder, der besonderen Witterung und Nahrung in denselben, in die Bildung der Einwohner, wie nicht weniger in ihrer Denkungsart. Das Klima, sagt Polybius, bildet die Sitten der Völker, ihre Gestalt und Farbe“.21 Und: „Ebenso sinnlich und begreiflich als der Einfluß des Himmels in die Bildung ist zum zweiten der Einfluß desselben in die Art zu denken, in welche die äußeren Umstände, sonderlich die Erziehung, Verfassung und Regierung eines Volkes mitwirken.“22 Demzufolge heißt es dann auch: „Der Einfluß des Himmels muß den Samen beleben, aus welchem die Kunst soll getrieben werden, und zu diesem Samen war Griechenland der auserwählte Boden“23. Und auch die, sich bei Winckelmann direkt anschließenden sukzessiven (nationalen) Entwicklungen von Kunst und Kultur werden den Entwicklungen von Pflanzen oder Menschen angegliedert. So spricht der Autor beispielsweise davon, dass „die schönsten Künste […] ihre Jugend [haben] so wohl, wie die Menschen“24 und dass „die erste Erfindung einer Kunst […] sich mehrentheils zu dem Geschmacke in derselben [verhält], wie das Saamenkorn zu der Frucht“25. Hier eröffnet sich dem Bearbeiter also erstmals die Vorstellung Winckelmanns von der Entwicklung der Kunst als einem Weg des Wachstums vom Samen über die Blüte zum Verfall26:

In den wissenschaftlichen Arbeiten Winckelmanns sind dabei stets die Momente der Entstehung, des Aufstiegs, der Stagnation und des Niedergangs zu beobachten27, die nach einer temporären, historischen Periodisierung zu verlangen scheinen. So führt der Theoretiker ein Beispiel zum besseren Verständnis an, welches mit der optischen Bestimmung der Zeit an Hand von Merkmalen antiker Statuen arbeitet: „Pythagoras, einer der berühmtesten Künstler der Zeit des griechisch- hohen Stils“ - denn die griechische Antike unterteilte sich nach Winckelmann in den Älteren, den hohen, den schönen und den Stil des Niedergangs - „war nach Plinius der erste, welcher die Haare mit mehrerem Fleiße ausarbeitete“.28 Die Naturnähe ist in Winckelmanns Schriften also der entscheidende Bezugspunkt, mit dem die Kunst identifiziert und an dem sie gemessen wird. Die, nunmehr herausgestellten, aufeinander folgenden Phasen der Kunst bilden anschließend auf der Grundlage der Natur die Geschichte aus, in der auch der Zeitbegriff eine maßgebliche, wenn auch lediglich indirekt erkennbare Rolle spielt. So ist die Zeit bekanntlich ein Bestandteil aller natürlichen Prozesse und wirkt als dessen Katalysator -als Triebfeder der natürlichen Entwicklung alles Vergänglichen. Und da in den Thesen des Kunsttheoretikers die Natur und die Entwicklung in der Gesellschaft, der Kultur und auch der Kunst ihre Entsprechungen finden, ist die Zeit also ein überaus zentraler Bestandteil der winckelmannschen Arbeiten.

2.2.1.2. Die Größe der griechischen Kunst

Nun hatte Winckelmann, obwohl er viele Kulturen des mediterranen Raumes behandelte, eine besonders favorisiert- die griechische29. So heißt es vergleichend in der „Geschichte der Kunst“: „Die Kunst der Zeichnung unter den Ägyptern ist einem wohlgezogenen Baume zu vergleichen, dessen Wachstum durch den Wurm oder durch andere Zufälle unterbrochen worden: denn es blieb dieselbe ohne Änderung, aber ohne ihre Vollkommenheit zu erreichen, eben dieselbe bis an die Zeit der griechischen Könige daselbst, und ein ähnliches Verhältnis scheint es mit der Kunst der Perser zu haben. Die Kunst der Hetrurier kann in ihrer Blüte mit einem reissenden Gewässer, welches mit Ungestüm zwischen Klippen und Steinen hinschießt, verglichen werden: denn die Eigenschaft ihrer Zeichnung ist hart und übertrieben; die Kunst der Zeichnung unter den Griechen aber gleicht einem Flusse, dessen klares Wasser in öfteren Krümmungen ein weites fruchtbares Tal durchströmt und anwächst, ohne Überschwemmungen zu verursachen.“30 Und auch die Entwicklung der griechischen Kunst im Speziellen, in ihrem Beginnen, Wachsen, vollem Erblühen und wieder vergehen, behandelt Winckelmann ausführlich: „Von der Einfalt der Gestalt ging man zur Untersuchung der Verhältnisse, welche Richtigkeit lehrte, und diese machte sicher, sich in das Große zu wagen, wodurch die Kunst zur Großheit und endlich unter den Griechen stufenweise zur höchsten Schönheit gelangte. Nachdem alle Teile derselben vereinigt waren und Ausschmückung gesucht wurde, geriet man in das Überflüssige, wodurch sich die Großheit der Kunst verlor, und endlich erfolgte der völlige Untergang derselben.“31 Daneben wird die Kunst unter den Griechen auch noch spezieller behandelt. Hierbei wird einmal mehr die Nähe des Künstlerischen zur Natur und Umwelt - und damit auch (eher indirekt) zur Zeit als entscheidendem Auslöser- unterstrichen. So heißt es: „Wo die Natur weniger in Nebeln und in schweren Dünsten eingehüllt ist, gibt sie dem Körper zeitiger eine reifere Form; sie erhebt sich in mächtigen, sonderlich weiblichen Gewächsen, und in Griechenland wird sie ihre Menschen auf das feinste vollendet haben.“32 Auf die körperliche Wohlgeformtheit und letztlich auch die Schönheit (der Griechen) ist hierbei also der besondere Fokus gelegt, wobei der Autor beides als ein Produkt der Natur versteht, welche wiederum ihre Ausbildung der Zeit verdankt. So heißt es bei ihm: „unter keinem Volke ist die Schönheit so hoch als bei ihnen geachtet worden; deswegen blieb nichts verborgen, was dieselbe erheben konnte, und die Künstler sahen die Schönheit täglich vor Augen.“33 Winckelmann spannt hierbei nicht nur den Bogen von der Natur zu der Schönheit, sondern schließt jener sogleich die Kunst an, die ohne das eine oder das andere nicht möglich gewesen wäre.

2.2.2. Die Statuenbeschreibungen

Die angesprochene Schönheit als Umweltwirkung manifestiert sich beispielsweise für den heutigen Betrachter greifbar in antiken Statuen. In den Plastiken wird der Rezipient dabei der Natur eines anderen Landes gewahr. Gleichsam sind sie auch Ausdruck vergangener Zeit, Gesellschaft und Geschichte. So heißt es dann auch bei Winckelmann: „Der Gebrauch und die Anwendung der Kunst erhielt dieselben [Nation] in ihrer Großheit“. Die Kunstwerke sind daher für den modernen (belesenen) Betrachter/Leser das Tor zur Vergangenheit: Die Kunstbetrachtung und - Beschreibung lässt den heutigen Menschen also die Distanz zwischen Moderne und Antike überwinden und ihn unmittelbar die Zeitlichkeit erfahren, die die ‚Natur’ der Plastiken umgibt. Letztendlich erscheint die Kunstbeschreibung heute als, durch historisches und naturelles Wissen modifizierter Mittler zwischen ‚Gestern’ und ‚Heute’. Doch die Statuen stellen noch mehr dar: Die Kunst ist zwar das Produkt einer bestimmten Natur und Gesellschaft und dadurch bestimmten Zeiten und Orten zuzuordnen, doch „überlebte“ sie auch den Niedergang ihrer antiken Wurzeln und ist dadurch der Zeitlichkeit enthoben34. Sie ist -auch durch ihr, zumeist steinernes Material- ‚unsterbliche Natur’ und bricht damit den Geschichtsbegriff Winckelmanns auf, der alle künstlerischen und kulturellen Dinge sich entwickeln und wieder vergangen gesehen sieht. Im Ganzen erscheinen die Statuen also als stumme Zeitzeugen, die durch die Winckelmannsche Kunstbeschreibung (beinahe) zum Leben erweckt35 und der Moderne zugänglich gemacht werden. So wird aus dem Marmor Gestik, Mimik und pulsierender, beseelter Körper.

2.2.2.1. Winckelmanns Laokoon

Als eines dieser Kunstwerke, die aus antiker Zeit erhalten sind, stellt Winckelmann den Laokoon der berühmten hellenistischen Gruppe36

[...]


1 Vgl. Szondi, P.: Poetik und Geschichtsphilosophie. I. Antike und Moderne in der Ästhetik der Goehezeit, Frankfurt a.M. 1991, S.25; Winckelmann, J.J.: Geschichte der Kunst des Alterthums, Köln 1972, S. 420-421.

2 Winckelmann (1972), S.342.

3 Winckelmann (1972), S.342. Die Dresdner Gelehrten kannten jedoch „nichts als Titel und Indexe der Bücher“ und genügten daher nicht dem Anspruch Winckelmanns. Vergleich und Zitat: Winckelmann (1972), S.418.

4 Vgl. Winckelmann (1972), S.336-338. Zwar wurden die vorliegenden Werke antiquiert, doch meist wurden sie nicht ausreichend miteinander verglichen und durch die Wandlung der Formen in ein ausreichendes zeitliches und lokalisierendes Raster eingeordnet. Die einzelnen Erkenntnisse standen also für sich und jedes von den untersuchten Werken wurde im Geiste seiner Zeit oder zumindest sehr individuell in die Historie- wenn überhaupt- eingeordnet.

5 Winckelmann (1972), S.12.

6 Winckelmann (1972), S.13.

7 Winckelmann (1972), S.11.

8 Winckelmann (1972), S.422.

9 Winckelmann (1972), S.381.

10 Winckelmann (1972), S.33-34.

11 So heißt es zum Beispiel: „Die Erfindung der Kunst ist verschieden nach dem Alter der Völker und in Absicht der früheren oder späteren Einführung des Götterdienstes, so dass sich die Chaldäer oder die Ägypter ihre eingebildeten höheren Kräfte zur Verehrung, zeitiger als die Griechen, werden sinnlich vorgestellt haben.“ Winckelmann (1972), S.22.

12 Vgl. Winckelmann (1972), S.39. So schreibt Winckelmann über ein Beispiel der Wanderung der Kunst: „Die Kunst der Zeichnung scheint von den Griechen zu den Tyrrheniern oder den Hetruriern gebracht zu sein, und dieses kann man schließen aus den griechischen Kolonien, die sich in Hetrurien niedergelassen haben, sonderlich aber aus den Bildern, die, aus der griechischen Fabel und Geschichte genommen, auf allerlei Art Werken von den hetrurischen Künstlern vorgestellt sind. Es müssen jedoch diese Erzählungen, die so sehr von ihrem Ursprung entfernt waren und in einem entlegenen Lande, einer fremden Nation bekannt gemacht wurden, von ihrer Wahrheit verlieren und ihre Gestalt in etwas verändern. Es finden sich daher auf hetrurischen Denkmalen einige Bilder des Homerus in etwas verschieden von der Beschreibung dieses Dichters vorgestellt.“ Winckelmann (1972), S.356.

13 Der Begriff des ‚Stils’ war vor Winckelmann meist nur auf die Schaffensmethoden einzelner Künstlerpersönlichkeiten bezogen, beschrieb aber seit ihm die Zusammenhänge zwischen Kultur und Kunst in bestimmten Gebieten und geschichtlichen Epochen. So wird der Stil als Ausdruck des Standes der Kultur und der Kunst verstanden und erscheint als ästhetisches Mittel zur Kategorisierung der zeitlichen Abfolge. Er bildete in Winckelmanns Theorie nunmehr bildlich- ästhetische Pendants der zeitlichen Einheiten. Vgl. Winckelmann (1972), S.450-451.

14 Vgl. Winckelmann (1972), S.344. Die Vorstellung der geschichtlichen Einordnung der Dinge hatte auch noch einen anderen Ideengeber: Immanuel Kant. Jener ging in seinem Buch von 1755 auf das Universum ein und beschrieb die Erde als einen Stern- ein „Gewordenes“. Kant konzipierte auf dieser Grundlage die Idee, dass alles in dessen Kern und auf seiner Oberfläche seine Geschichte habe und nicht nur im Raum nebeneinander sondern auch in der Zeit nacheinander einzuordnen sei. So auch die Kunst. Vgl. Winckelmann (1972), S.451.

15 Winckelmann (1972), S.254.

16 Vgl. Winckelmann (1972), S.121, 383, 388.

17 So scheint zusammenfassend gesagt werden zu können, dass sich in Winckelmanns Schriften Geschichte und Kunst gegenseitig bedingen und die Geschichte selbst als Unterpfand der Zeit in das Bewusstsein des Lesers seiner Werke zu treten vermag.

18 Die Geschichte wird somit mit der Natur gleichgesetzt. Diesem besonderen Augenmerk Winckelmanns sind deshalb die folgenden Ausführungen zu Klima und Natur geschuldet.

19 Winckelmann, J.J.: Kleine Schriften, Vorreden, Entwürfe, Berlin 1968, S.29.

20 Damit folgt Winckelmann der so genannten „Klimatheorie“, die im 18. Jahrhundert in Europa sehr weit verbreitet war. Vgl. Fridrich, R.M.: „Sehnsucht nach dem Verlorenen“. Winckelmanns Ästhetik und ihre frühe Rezeption, Bern 2003, S.20.

21 Winckelmann (1972), S.32. Speziell auf Griechenland als die „Wiege des Geschmackes“ bezog sich dabei folgender Satz Winckelmanns: „Der gute Geschmack, welcher sich mehr und mehr durch die Welt ausbreitet, hat sich angefangen zuerst unter dem Griechischen Himmel zu bilden.“ Winckelmann (1968), S.29. Die Inspiration am „gute[n] Geschmack“ der Griechen ist für Winckelmann, gemäß P. Szondi, ein kulturpolitisches Postulat, das Deutschlands Rückständigkeit in Kulturbelangen beenden soll und besonders gegen die künstlerische Prädominanz Frankreichs gerichtet ist. Die deutsche Rezeption bezeugte Winckelmann dafür bis ins 20. Jahrhundert hinein größte Dankbarkeit. Vgl. Fridrich (2003), S.20.

22 Winckelmann (1972), S.37.

23 Winckelmann (1972), S.115. Diese Sonderstellung Griechenlands für die Kunst in den Werken des Theoretikers wird später noch näher zu betrachten sein.

24 Winckelmann (1968), S.44. In der Verbindung von Mensch und Kunst wird bei Winckelmann dem Prinzip des Humanismus gefolgt. Hier eruiert der Autor:“… Es hat sich die Kunst vornehmlich mit dem Menschen beschäftigt und konnte also mit mehrerer Richtigkeit als Pytagoras von dem Menschen sagen, dass derselbe aller Dinge Maß und Regel ist, welches in der Kunst gelten kann …“. Winckelmann (1972), S.401.

25 Winckelmann (1968), S. 63.

26 Konstatiert wird durch Winckelmann, dass „die Werke der Kunst in ihrem Ursprunge, wie die schönsten Menschen bei ihrer Geburt, ungestalt gewesen sind; und in ihrer Blüte und Abnahme gleichen sie denjenigen großen Flüssen, die wo sie am breitesten sein sollten, sich in kleine Bäche oder auch ganz und gar verlieren.“ Winckelmann (1972), S.349.

27 Die Entwicklung der Künste wird in diesem Sinne aus der der gesellschaftlichen Zustände heraus erklärt: Die Stagnation aus der Erstarrung der Gesetzgebung, der religiösen Orthodoxie und der allgemeinen Sitten und Gebräuche; der Niedergang aus verhängnisvollen Kriegen; der Aufschwung aus Errungenschaften in den Gebieten der Politik, der Arbeit und des Denkens. Im Allgemeinen erscheint hier das Vorangegangene als die Wurzel der Kunst.

28 Winckelmann (1972), S.387.

29 Diese Favorisierung begründet Winckelmann damit, dass „die Griechen den glücklichen Himmel erkannten und priesen, unter welchem sie lebten, welcher ihnen nicht einen immerwährenden Frühling genießen ließ, sondern der vorzügliche Himmel bestand in einer gemäßigten Witterung, welche als eine von den entfernteren Ursachen des Vorzugs der Kunst unter den Griechen anzusehen ist. Dieser Himmel war der Quell der Fröhlichkeit in diesem Lande […] und beide gaben der Kunst Nahrung“. Winckelmann (1972), S. 361-362. Und Winckelmann geht noch weiter - er schreibt den Griechen einen derartigen Genius in der Kunst zu, dass er in der Geschichte der Kunst meint, dass „die Kunst bei den Griechen, obgleich viel später als in den Morgenländern, mit einer Einfalt ihren Anfang genommen, dass sie, aus dem, was sie selbst berichten, von keinem anderen Volke den ersten Samen zu ihrer Kunst geholt, sondern die ersten Erfinder scheinen können.“ Winckelmann (1972), S.23.

30 Winckelmann (1972), S.349.

31 Winckelmann (1972), S.21. Diese Einteilungen werden noch genauer gefasst: „Die Kunst unter den Griechen hat wie ihre Dichtkunst, nach Scaligers Angeben, vier Hauptzeiten, und wir könnten deren fünf setzen. Denn so wie eine jede Handlung und Begebenheit fünf Teile und gleichsam Stufen hat, den Anfang, den Fortgang, den Stand, die Abnahme und das Ende, worin der Grund liegt von den fünf Auftritten oder Handlungen in theatralischen Stücken, ebenso verhält es sich mit der Zeitfolge derselben: da aber das Ende derselben außer die Grenzen der Kunst geht, so sind hier eigentlich nur vier Zeiten derselben zu betrachten. Der ältere Stil hat bis auf den Phidias gedauert; durch ihn und durch die Künstler seiner Zeit erreichte die Kunst ihre Größe, und man kann diesen Stil den großen und hohen nennen; von dem Praxiteles an bis auf den Lysippus und Apelles erlangte die Kunst mehr Grazie und Gefälligkeit, und dieser Stil würde der schöne zu benennen sein. Einige Zeit nach diesen Künstlern und ihrer Schule fing die Kunst an zu sinken in den Nachahmern derselben, und wir könnten einen dritten Stil der Nachahmer setzen, bis sie sich endlich nach und nach gegen ihren Fall neigte.“ Winckelmann (1972), S180.

32 Winckelmann (1972), S.115.

33 Winckelmann (1972), S.115.

34 In den Statuen vereinen sich damit also Zeit und Zeitlosigkeit.

35 Es ist bekannt, dass Winkelmann pflegte, abends im Fackelschein um die Statuen herumzugehen. Dieser Fackelschein mag zudem rein optisch die Wirkung gehabt haben, die Plastiken durch den Wechsel von Licht und Schatten auch physisch zu beleben.

36 Die Beschreibung der hellenistischen Statuengruppe der rhodischen Bildhauer Hagesander, Polydoros und Athanodoros, die den trojanischen Priester Laokoon und dessen zwei Söhne im Kampf mit Riesenschlangen darstellt, hat in der frühen Rezeption von Winckelmanns Schriften großen Wiederhall gefunden. Vgl. Friedrich (2003), S. 107.

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Details

Titel
Vom Entstehen und Vergehen der Kunst. Zeit und Historie bei Johann Joachim Winckelmann
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Kunsthistorisches Seminar und Kustodie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
38
Katalognummer
V266593
ISBN (eBook)
9783656569114
ISBN (Buch)
9783656569077
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entstehen, vergehen, kunst, zeit, historie, johann, joachim, winckelmann
Arbeit zitieren
M.A. Luise Schendel (Autor), 2008, Vom Entstehen und Vergehen der Kunst. Zeit und Historie bei Johann Joachim Winckelmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266593

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