Die Zeit um 1760 war durch kunsttheoretische Zerrissenheit in den Reihen der Gelehrten geprägt. So meinte schon Wilhelm Senff in seinen Anmerkungen zur „Geschichte der Kunst des Altertums“ des Jahres 1764, dass in jener Zeit die weltlichen und kirchlichen Obrigkeiten Anschauungen begünstigten, die das Kunstschaffen auf die ‚unwissenschaftliche’ Wirksamkeit transzendentaler Kräfte und nicht auf Zusammenhänge zu der gesellschaftlichen Wirklichkeit zurückführten. Dieser Lehre wurden vor allem in Frankreich und England wissenschaftliche Betrachtungen entgegengesetzt, deren theoretischen Höhepunkt wahrscheinlich der Franzose Jean Baptiste Du Bos mit seinen Schriften bildete. Jener bezog in seine Abhandlungen vor allem die gesellschaftlichen Faktoren in die Kunstbetrachtung mit ein – die „les causes morales“. Diesem Ansatz folgte später auch Johann Joachim Winckelmann - der Mann, der bis heute als Begründer der archäologischen Kunstwissenschaft gilt. Jener hatte die Zeit und die Geschichte als zentrale Fixpunkte der rückwärtigen Kunstbetrachtung und Kunsttheorie herausgearbeitet.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Betrachtung der Kunst.
2. Johann Joachim Winckelmanns Studium der antiken Kunst.
2.1. Voraussetzungen und Grundlagen.
2.2. Die altertumsbezogene historische Kunstbetrachtung.
2.2.1. Erste Schritte zur Untersuchung antiker Kunst und Geschichte
2.2.1.1. Entstehung antiker (griechischer) Kunst.
2.2.1.2. Die Größe der griechischen Kunst.
2.2.2. Die Statuenbeschreibungen.
2.2.2.1. Winckelmanns Laokoon.
2.2.2.2. Die Beschreibung des Herkules- Torsos.
2.2.3. Die ‚alte’ und die ‚neue’ Kunst.
2.2.3.1. Der ‚Ausdruck’ und die ‚Schönheit’.
2.2.3.2. Differenzierung und Beurteilung.
2.2.3.3. Die Nachahmung der ‚Alten’.
2.2.3.3.1. Die Natur und die Nachahmung.
2.2.3.3.2. Die Wurzeln der Nachahmung.
2.2.3.3.3. Die innere Aporie.
2.3. Die Rezeption der Theorien Johann Joachim Winckelmanns.
2.3.1. Johann Gottfried Herder.
2.3.2. Karl Philipp Moritz.
2.3.3. Friedrich Schlegel.
2.3.4. Die literarischen Rezipienten.
2.3.5. Architekten und Plastische Künstler.
3. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verständnis von Zeit und Historie in der Kunsttheorie von Johann Joachim Winckelmann. Dabei wird insbesondere analysiert, wie Winckelmann durch seine Kunstbeschreibung die Distanz zwischen Antike und Moderne überbrückt und inwiefern sein Postulat der Nachahmung antiker Vorbilder im Widerspruch zu seiner konzeptionellen Sicht auf die geschichtliche Entwicklung von Kulturen steht.
- Winckelmanns Begrifflichkeit von Zeit und Geschichte als zentrale Fixpunkte der Kunstbetrachtung.
- Die Analyse der Statuenbeschreibungen als Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
- Die Differenzierung zwischen der ‚alten’ und ‚neuen’ Kunst und das Postulat der Nachahmung.
- Die kritische Rezeption von Winckelmanns Theorien durch Herder, Moritz und Schlegel.
Auszug aus dem Buch
2.2.2.1. Winckelmanns Laokoon
Als eines dieser Kunstwerke, die aus antiker Zeit erhalten sind, stellt Winckelmann den Laokoon der berühmten hellenistischen Gruppe heraus: „Das gütige Schicksal aber, welches auch über die Künste bei ihrer Vertilgung noch gewacht, hat aller Welt zum Wunder ein Werk aus dieser Zeit der Kunst erhalten, zum Beweis von der Wahrheit der Geschichte von der Herrlichkeit so vieler vernichteter Meisterstücke.“
Wie oben erwähnt, wird auch hier die Plastik als Zeuge ihrer Entstehungszeit begriffen. Auch die Natur, welche den Künsten inbegriffen zu sein scheint und die Statue damit unausweichlich der Zeit zuordnet, wird in dem marmornen Laokoon gefunden und durch die Beschreibung zu fleischlichem, menschen- und naturähnlichem Leben erweckt. Diese wird im Zuge dieser literarischen Darstellung für den Leser sinnlich erfahrbar. So meint Winckelmann: „Laokoon ist eine Natur im höchsten Schmerze, nach dem Bilde eines Mannes gemacht, der die bewusste Stärke des Geistes gegen denselben zu sammeln sucht; und indem sein Leiden die Muskeln aufschwellt und die Nerven anzieht, tritt der mit Stärke bewaffnete Geist in der aufgetriebenen Stirn hervor, und die Brust erhebt sich durch den beklemmten Atem und durch Zurückhaltung des Ausbruchs der Empfindung, um den Schmerz in sich zu fassen und zu verschließen.“ Winckelmann geht damit weit über die objektive Kunstbeschreibung hinaus- die Plastik wird nicht nur in ihrer Lebendigkeit begriffen und mit Winckelmanns individueller Interpretation körperlicher Leiden, sondern auch mit einem eigenen Geist versehen. Die reine Kunstbeschreibung wird hierdurch - am Beispiel des Laokoon- zur „Beschreibung im erhabenen Style“. Indem die Beschreibung dabei die Wirkung, die die Plastik auf den Betrachter ausübt, ihrem Leser vermittelt, so Peter Szondi, nimmt sie einen mit dem originalen Kunstwerk vergleichbaren Status an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Betrachtung der Kunst.: Das Kapitel skizziert die kunsttheoretische Zerrissenheit der Zeit um 1760 und führt Winckelmann als Begründer der archäologischen Kunstwissenschaft ein, der Zeit und Geschichte als zentrale Fixpunkte etabliert.
2. Johann Joachim Winckelmanns Studium der antiken Kunst.: Dieses Kapitel dient als umfassende Einführung in die geistigen Grundlagen Winckelmanns, insbesondere seine intensive Beschäftigung mit der antiken Kunst als Voraussetzung für seine Zeit- und Geschichtstheorie.
3. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart.: Das Fazit resümiert, dass Winckelmanns Thesen trotz innerer Widersprüche aufgrund ihres geschichtsphilosophischen Potentials das Fundament der modernen Kunstgeschichte und des epochalen Verständnisses vergangener Werke bilden.
Schlüsselwörter
Johann Joachim Winckelmann, Antike, Kunstgeschichte, Zeitbegriff, Historie, Nachahmung, Statuenbeschreibung, Laokoon, Herkules-Torso, Klassizismus, Ästhetik, Kunsttheorie, Rezeption, Johann Gottfried Herder, Karl Philipp Moritz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Kunsttheorie Johann Joachim Winckelmanns und analysiert, wie er Begriffe wie Zeit und Historie in seinen Untersuchungen antiker Kunst verwendet hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Bedeutung der Antike für die Kunstbetrachtung, die Rolle von Natur und Klima bei der Entstehung von Kunst sowie die Theorie der Nachahmung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Winckelmann die Distanz zwischen der modernen Gegenwart und der vergangenen Antike durch seine spezifische Kunstbeschreibung zu überwinden suchte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden textanalytischen Auseinandersetzung mit Winckelmanns eigenen Schriften sowie einer kritischen Einordnung durch namhafte Rezipienten und Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in das Studium der antiken Kunst, detaillierte Analysen von Statuenbeschreibungen (wie Laokoon und Herkules-Torso) und die Untersuchung der Nachahmungstheorie sowie deren Rezeption.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Klassizismus, Nachahmung, Zeitlosigkeit, historische Einzigartigkeit und die ästhetische Wirkung der Kunstbeschreibung charakterisieren.
Warum spielt die Natur bei Winckelmann eine so entscheidende Rolle?
Winckelmann versteht Kunst als ein Produkt der Natur und der Umwelt; Klimatische Bedingungen sind für ihn der Ursprung für die Entwicklung künstlerischer Stile.
Was ist die „innere Aporie“ im Zusammenhang mit der Nachahmung?
Die Aporie beschreibt den Widerspruch, dass Winckelmann einerseits die Einzigartigkeit historischer Kulturen erkennt, andererseits jedoch ein allgemeines Nachahmungspostulat für die Moderne fordert.
- Citation du texte
- M.A. Luise Schendel (Auteur), 2008, Vom Entstehen und Vergehen der Kunst. Zeit und Historie bei Johann Joachim Winckelmann, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266593