Achtsamkeit und Non-Profit-Organisationen scheinen Systeme zu repräsentieren, die in einem Spannungsfeld stehen, ja sogar Gegensätze darstellen. Während „Achtsamkeit“ aufgrund ihrer Rolle als zentraler Bestandteil des Buddhismus grundsätzlich im Bereich der Spiritualität zu verorten ist, kann „Non-Profit-Organisation“ als ein Ausdruck verstanden werden, der eng mit Managementlehre und Betriebswirtschaftslehre und damit einer rational geprägten Denkweise verbunden ist. Somit scheint in einer Non-Profit-Organisation (NPO) eher der „Homo Oeconomicus“ (vgl. Wöhe & Döring, 1996) als der achtsam agierende Mensch geeignet zu sein, gesetzte Ziele effizient zu erreichen. Daher wurde bei der Betrachtung von Achtsamkeit im Kontext von NPOs und Managementlehre üblicherweise davon ausgegangen, dass sich der Nutzen eines achtsamen Managements auf eine ethische Dimension beschränkt. (vgl. Tietze, 2011).
Während das Konzept der Achtsamkeit somit scheinbar spurlos an der Managementlehre vorbeiging, hat die Beschäftigung mit dem Thema Achtsamkeit in anderen Bereichen so weit zugenommen, dass bereits von einer Achtsamkeits-Revolution gesprochen wird (vgl. Wallace, 2008). Doch bezieht sich die Literatur vorwiegend auf die Bereiche Psychotherapie (vgl. Heidenreich & Michalak 2009) und Lebensbewältigung (vgl. Weiss, Harrer & Dietz, 2010). Das Potenzial eines achtsamen Managements wurde bisher nur im geringen Umfang beleuchtet (vgl. Weick & Sutcliffe ). Mit dieser Hausarbeit soll ein Beitrag zum Schließen dieser Lücke geleistet werden.
Folgende zentrale Fragen sollen in dieser Hausarbeit geklärt werden.
Kann Achtsamkeit helfen, das Management von NPOs zu verbessern?
Lässt sich der Begriff Achtsamkeit im Kontext NPOs operationalisieren und sich damit Achtsamkeit auch als Managementleitmotiv nutzbar machen?
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Management und NPOs
2.1 Definition von NPOs
2.2 Organisationstheoretische Ansätze
2.3.1 Der Bürokratieansatz
„Diese Bürokratien sind bei Weber durch 4 Merkmale gekennzeichnet:
2.3.2 Taylorismus
2.3.3 Administrations- bzw. Managementlehre
2.3.4 Merkmale systemtheoretischer Ansätze
2.3. Merkmale der Leistungen von NPOs
3 Das Konzept der Achtsamkeit
3.1 Definitionen von Achtsamkeit
3.2 Komponenten von Achtsamkeit
4 Achtsamkeit als ethischer Handlungsrahmen von NPOs
5 Achtsamkeit – mehr als ein ethischer Handlungsrahmen von NPOs
5.1 Der Handlungsrahmen des ASD
5.2 Der Fall Kevin – ein Überblick
5.3 Die Bewältigung des Unbekannten durch achtsames Management – Prinzipien einer achtsamen Infrastruktur
5.3.1 Prinzip eins: Konzentration auf Fehler
5.3.2 Prinzip zwei: Abneigung gegen Vereinfachungen
5.3.3 Prinzip drei: Sensibilität für betriebliche Abläufe
5.3.4 Prinzip vier: Streben nach Flexibilisierung
5.3.5 Prinzip fünf: Respekt vor fachlichem Wissen und Können
5.4 Bewertung des achtsamen Managements aus der Perspektive des Falles Kevin
5.4.1 Erfolgsfaktor achtsames Management
5.4.2 Erfolgsfaktor Erfolgsstandards
5.4.3 Erfolgsfaktor personelle Kapazitäten
5.4.4 Erfolgsfaktor Organisationsstruktur
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potenzial von Achtsamkeit als Managementkonzept in Non-Profit-Organisationen (NPOs). Ziel ist es, zu prüfen, ob Achtsamkeit über eine rein ethische Komponente hinaus als operationalisierbares Managementleitmotiv dienen kann, um die Leistungsfähigkeit und den Umgang mit komplexen Krisensituationen in sozialen Organisationen zu verbessern.
- Analyse organisationstheoretischer Ansätze im NPO-Sektor.
- Definition und Operationalisierung des Achtsamkeitsbegriffs für das Management.
- Anwendung des Fünf-Prinzipien-Modells achtsamer Infrastrukturen nach Weick & Sutcliffe.
- Kritische Fallstudie zum Fall Kevin zur Überprüfung des achtsamen Managements.
- Bewertung von Erfolgsfaktoren für achtsame Managementstrukturen in sozialen Diensten.
Auszug aus dem Buch
5.3.1 Prinzip eins: Konzentration auf Fehler
„HROs motivieren ihre Mitarbeiter dazu, Fehler zu melden. Sie analysieren sehr gründliche alle Erfahrungen, bei denen man noch einmal mit einem blaugen Auge davongekommen ist, um daraus zu lernen, und sie achten auf die potentiellen Gefahren des Erfolgs wie Selbstzufriedenheit, Nachlässigkeit bei den Sicherheitsstandards und Abgleiten in gedankenlose Routine. Außerdem unternehmen sie fortgesetzte Anstrengungen, um Fehler, die sie vermeiden wollen, zu artikulieren, und um zu bewerten, ob bestimmte Strategien das Risiko zur Auslösung dieser Fehler erhöhen.“ (Weick & Sutcliffe, 2010, S.10)
Dieses Prinzip hat somit das Ziel, Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit zu minimieren. Dies geschieht durch Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment, man schaltet den „Autopiloten“ (Bewältigen von Situation mittels quasi automatisierter Abläufe) aus und handelt bewusst. Dabei hilft der Anfängergeist (man tritt in jede Situation, als ob man sie zum ersten Mal erleben würde, frei von Vorurteilen) und der Beobachter – man nimmt das eigene Handeln aus Distanz wahr (vgl. Weiss et. al, 2010).
Bemerkenswerte Abweichungen, die einer genaueren Analyse bedürfen, müssen – als Erweiterung des Modells von Weick & Sutcliffe - nicht nur Fehler sein , sondern es kann sich auch um Situationen handeln, die unerwartet gut verliefen, z.B. durch die Nutzung neuer Lösungsansätze. Konzentration auf Abweichungen wäre somit der unmissverständlichere Begriff für dieses Prinzip.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung etabliert das Spannungsfeld zwischen der rational geprägten Managementlehre und dem spirituellen Konzept der Achtsamkeit, wobei das Ziel der Operationalisierung für NPOs formuliert wird.
2 Management und NPOs: Dieses Kapitel definiert NPOs als "Dritten Sektor" und setzt sich mit klassischen Organisationstheorien sowie den spezifischen Merkmalen sozialer Dienstleistungen auseinander.
3 Das Konzept der Achtsamkeit: Hier wird der Begriff Achtsamkeit aus buddhistischer und psychologischer Perspektive definiert und in vier wesentliche Komponenten für das Individuum zergliedert.
4 Achtsamkeit als ethischer Handlungsrahmen von NPOs: Dieses Kapitel hinterfragt die bisherige Verkürzung der Achtsamkeit auf eine bloße ethische Grundhaltung im Bereich der sozialen Arbeit.
5 Achtsamkeit – mehr als ein ethischer Handlungsrahmen von NPOs: Der Hauptteil operationalisiert Achtsamkeit mittels des Modells nach Weick & Sutcliffe und prüft die Anwendung anhand des Fallbeispiels "Fall Kevin".
6 Fazit: Die Arbeit resümiert, dass Achtsamkeit ein operationalisierbares Konzept für NPOs ist, jedoch spezifische Rahmenbedingungen und eine Abkehr von starren bürokratischen Hierarchien erfordert.
Schlüsselwörter
Achtsamkeit, Non-Profit-Organisationen, NPO, Management, HRO, Weick & Sutcliffe, Fall Kevin, Soziale Arbeit, Organisationstheorie, Antizipation, Resilienz, Qualitätsmanagement, Systemanalyse, Sozialmanagement, Fallsteuerung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob das Konzept der Achtsamkeit über seine ethische Herkunft hinaus als Managementinstrument für Non-Profit-Organisationen (NPOs) dienen kann, um deren Steuerung und Resilienz in komplexen Umfeldern zu verbessern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen klassische Organisationstheorien, die Besonderheiten von Dienstleistungen in NPOs, das Fünf-Prinzipien-Modell einer achtsamen Infrastruktur sowie ethische Standards in der sozialen Arbeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, zu klären, ob Achtsamkeit operationalisierbar ist und wie sie als Managementleitmotiv genutzt werden kann, um Fehlerkultur und Handlungsfähigkeit in Organisationen der sozialen Arbeit zu erhöhen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Auseinandersetzung mit Managementmodellen sowie eine qualitative Fallstudienanalyse anhand des dokumentierten "Falls Kevin" als Anschauungsbeispiel.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Operationalisierung des Achtsamkeitskonzepts durch das Modell von Weick & Sutcliffe und prüft dessen Eignung anhand des ASD und der Aufarbeitung des Falles Kevin unter dem Aspekt der "High Reliability Organizations" (HROs).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Achtsamkeit, Management, NPO, HRO, Fall Kevin, Soziale Arbeit und Organisationsstruktur sind die prägenden Begriffe.
Warum wurde der Fall Kevin als Beispiel gewählt?
Der Fall Kevin bietet eine hinreichend dokumentierte und öffentlich zugängliche Faktenlage, um die theoretischen Prinzipien einer achtsamen Infrastruktur auf ein reales, hochkomplexes Arbeitsfeld der sozialen Arbeit anzuwenden.
Welche Rolle spielt die Organisationsform im Kontext achtsamen Managements?
Die Arbeit zeigt, dass traditionelle bürokratische Strukturen und der Taylorismus der Implementierung von Achtsamkeit oft entgegenstehen, da sie Flexibilität einschränken und den Fokus von detaillierter Wahrnehmung auf starre Standardprozesse verschieben.
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- Stephan Müller (Autor), 2013, Achtsamkeit als Managementleitmotiv in Non-Profit-Organisationen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267227