Guter Geschmack vs. Schlechter Geschmack: Soziokulturelle Problematiken im Diskurs um das Ernährungsverhalten armer Haushalte


Essay, 2013
28 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Armut und Ernährung

2 Ernährung und Lebensstil
2.1 Habitus und Lebensstil
2.2 Der Geschmack als Mittel der Distinktion - Gegensatzstrukturen Luxus...
2.3 Die Macht des Geschmacks - der legitime Geschmack

3 Die neuen Gegensatzstrukturen in der Ernährung
3.1 Der naturgemäße Essstil als Leitlebensstil in der Ernährung und neuer..
3.2 Der Notwendigkeitsgeschmack als illegitimer Geschmack
3.3 Körperlichkeit und Geschmack - fit und schlank vs. träge und fett

4 Nachhaltige Ernährung in der Armut - Ein
4.1 Was bedeutet nachhaltige Ernährung
4.2 Nachhaltige Ernährung und arme Haushalte

Literaturverzeichnis:

1 Einleitung

1.1 Armut und Ernährung

Obwohl an den großen Querschnittsstudien wie der nationalen Verzerrstudie in Deutschland[1] arme Haushalte meist nicht teilnehmen bzw. in dieser Hinsicht auch nicht gesondert ausgewertet werden, so können dennoch aus dem hierbei gewonnenen Datenmaterial Zusammenhänge zwischen Schichtzugehörigkeit und der Verzerrhäufigkeit von Lebensmitteln gewonnen werden.[2]

So deuten die aus den großen Studien gewonnen Ergebnisse darauf hin, dass Personen mit niedrigem Einkommen und geringem Bildungsabschluss tendenziell weniger frisches Gemüse und Obst essen, einen geringeren Konsum von Milchprodukten und fettarmen Fleischerzeugnissen aufweisen. Im Vergleich zu einkommensstärkeren und bildungshöheren Haushalten haben diese Schichten einen wesentlich höheren Anteil am Verzehr von fettreichen Fleischprodukten, fertig und Halbfertigprodukten mit hohem Fettgehalt und geringem Nährstoffgehalt als auch von Konserven aller Art. Insbesondere ist der Anteil an Fertig- und Halbfertigprodukten mit geringem Nährstoffgehalt und einem hohen Fettgehalt besonders hoch. Nährstoffphysiologisch ergibt dies folglich einen relativen Mangel komplexer Kohlenhydrate und verschiedener Vitamine, wohingegen andererseits diese Bevölkerungsschichten eine Überversorgung mit Fett bzw. gesättigten Fettsäuren und Cholesterin aufweisen.[3] Im Unterschied dazu weisen die mittleren und oberen sozialen Klassen eine Ernährungsweise auf die in etwa den Empfehlungen der Ernährungswissenschaftler entsprechen. Das Nahrungssortiment dieser höheren Sozialschichten ist dahingehen eher von einer größeren Vielfalt und einer höheren Affinität zu gesunden Lebensmitteln geprägt, wohingegen die Küche der kleinen Leute weitgehend von den Vorgaben der Ernährungsexperten abweicht.[4]

Da im deutschsprachigen Raum jedoch zumeist Studien fehlen, die nach den Kriterien der Nahrungsmittelauswahl fragen und es darüber hinaus auch keine Vergleichsstudien im Sinne einer Vorher- nachher Situation und zudem auch kaum Studien vorhanden sind die Vergleiche zwischen Angehörigen verschiedener sozialer Gruppen anstellen ist es schwierig bis nahezu unmöglich festzustellen, inwieweit ungünstige Ernährungsweisen Resultat von ökonomischen Situationen oder aber Ausdruck sozialer Ungleichheit und milieuspezifischer Lebensstile sind.[5] Elfriede Feichtinger verweist bei der Betrachtung von Ernährungsstudien aus dem anglo- amerikanischen Raum die sich im Unterschied zu jenen aus dem deutschsprachigen Raum vielmehr mit den soziokulturellen Aspekten von Ernährung und Armut beschäftigen daraufhin, dass die Verhaltensweisen der Angehörigen der unteren sozialen Schichten in puncto Ernährung eine ähnliche Heterogenität aufweisen, wie dies in der Zusammensetzung der einkommensschwachen Bevölkerung insgesamt der Fall ist. Sie differenziert in dieser Hinsicht zwischen vier primären Verhaltensgruppen:

1) Eine Gruppe, die an der Ernährung im Wesentlichen uninteressiert ist.
2) Eine Gruppe die zwar an der Ernährungsweise nicht gänzlich uninteressiert ist die jedoch ihre Konsumpräferenzen stärker auf andere Aspekte ihres Lebens ausrichtet.
3) Eine Gruppe, die von ihr als soziale Esser tituliert werden, bei denen es vor allem darum geht, dass die Familie insgesamt ausreichend und gut ernährt wird.
4) Schlussendlich eine Gruppe der Ernährungsbewussten welche auch versuchen in Notlagen sich gesund zu ernähren.[6]

Insgesamt lässt sich jedoch resümieren, dass sozialwissenschaftliche Armutskonzepte nur sehr eingeschränkt dazu geeignet sind, armutsbedingte Ernährungsprobleme und Problempopulationen zu identifizieren. Sie neigen meist dazu, das „soziale Totalphänomen" Ernährung und Armut, mit deren vielfältigen Dimensionen und Funktionen zu desintegrieren und immer nur einen kleinen Teilausschnitt zu präsentieren. Ein dazu passender Bezugsrahmen, der diese Multidimensionalität abbilden kann, steht aber meist nicht zur Verfügung. Dafür notwendig wäre es, dass sich die von den unterschiedlichen wissenschaftlichen Teildisziplinen gewonnenen Ergebnisse auch ergänzend in diesen Bezugsrahmen einordnen lassen sollten. Essenzielle Faktoren eines derartigen multidimensionalen Bezugsrahmens stellen vor allem quantitative bzw. ökonomische Aspekte als auch physiologische, soziokulturelle und psychische Qualitäten der Ernährung dar.[7]

In weiterer Folge werde ich um den Rahmen meiner Arbeit nicht zu sprengen eine dieser Problematik in seiner Multidimensionalität nicht entsprechenden bzw. einer verkürzten Darstellungsweise bemächtigen, indem ich mich vorrangig mit der kulturellen bzw. soziokulturellen Dimension dieser Problematik befasse. Da wie vorhin bereits angedeutet die Forschung im deutschsprachigen Raum die soziokulturelle Dimension kaum zur Kenntnis nimmt und dadurch verhaltensrelevante Bedingungen nicht genügend beachtet werden so werden dementsprechend Verhaltensweisen auch kaum von Verhaltensresultaten unterschieden. In dieser Hinsicht bleibt der überwiegende Teil der sich primär auf Gesundheitsförderung bezogenen Studien mehr Verhaltens - als verhältnisorientiert. Letztlich führt daher eine Ursachenanalyse immer wieder nicht weit über das wohlbekannte „zu fett, zu süß, zu salzig" hinaus. Nicht unerwähnt bleiben darf dabei auch noch, dass hierbei auch kein erkennbarer Brückenschlag zwischen dem eindeutig vorhandenen schlechteren Ernährungs- und Gesundheitsstatus der unteren sozialen Klassen und ihrenjeweiligen Lebensumständen erfolgt.[8]

Meine Arbeit wird sich demgemäß damit beschäftigen einem eher vernachlässigten verhältnisorientierten Zugang zum Thema Armut und Ernährung mehr Geltung zu verschaffen, indem ich mich etwas eingängiger mit dem soziologischen Lebensstilkonzept auseinandersetze. Insbesondere wird diesbezüglich auf das Habituskonzept Bourdieus und auf sein Verständnis von Geschmack als einer Repräsentation von Lebensstilen und sozialer Distinktion direkt Bezug genommen. Somit wird gleich im Anschluss auf Bourdieus Habitus- und Lebensstilkonzept gefolgt von einer etwas intensiveren Auseinandersetzung mit dem Begriff des Geschmacks bei Bourdieu und dessen Bedeutung als Instrument sozialer Distinktion. Im Anschluss soll der naturgemäße Lebensstil, der seit einiger Zeit die Definitionsmacht über guten und schlechten bzw. legitimen und illegitimen Geschmack hat, vorgestellt werden, wobei auch auf die sich hierbei herausbildenden Gegensatzstrukturen Mäßigung versus Zügellosigkeit und deren Objektivierung in dick versus schlank eingegangen werden soll. Den Abschluss bildet sodann der Problemkomplex nachhaltige Ernährung und Armut. Hierbei sollen Problematiken der unteren sozialen Schichten mit dem Thema gesunde und nachhaltige Ernährung erörtert werden und anschließend auch einige mögliche Nachhaltigkeitsstrategien für arme Haushalte nicht unerwähnt bleiben.

2 Ernährung und Lebensstil

2.1 Habitus und Lebensstil

Der Fachterminus Habitus ist bei Bourdieu als eine zentrale Theoriekomponente zu verstehen die dabei helfen soll soziale Praxis zu erklären. Menschliche Orientierungen die zu unbewussten Handlungen führen wie Geschmack, Neigungen und Überzeugungen verfestigen sich im Habitus.[9] Der Habitus kann hierbei als das Produkt von identischen Handlungsschematas bzw. Lebensstile einer sozialen Gruppe oder einzelner Akteure angesehen werden. Diese unterscheiden sich diesbezüglich in systematischer Weise von den Praktiken bzw. Handlungen anderer Lebensstile. Demzufolge existieren daher in unterschiedlichen sozialen Klassen aber auch unterschiedliche Formen eines Habitus.[10] Ernährungsstile stehen insoweit als Bestandteil des Habitus in einer engen Beziehung zum jeweiligen Klassenhintergrund eines Menschen. Die hierbei durch den jeweiligen Habitus hervorgebrachten sozialen Praktiken können als eine systematische Konfiguration von Eigenschaften angesehen werden. Die Unterschiede, die den Existenzbedingungen in Form von systematischen Differenzen inhärent sind und die von den sozialen Akteuren durch die erforderlichen Beurteilungs- Wahrnehmungsschematas zum Integrieren, Bewerten und Erkennen als Lebensstile fungieren werden so mittels des Habitus zum Vorschein gebracht.[11] „Als System generativer Schemata von Praxis, das auf systematische Weise die einer Klassenlage inhärenten Zwänge und Freiräume wie auch die konstitutive Differenz der Position wiedergibt, erfaßt der Habitus die lagenspezifischen Differenzen in Gestalt von Unterschieden zwischen klassifizierenden und klassifizierten Praxisformen (als Produkte des Habitus), unter Zugrundelegung von Unterscheidungsprinzipien, die ihrerseits Produkte jener Differenzen, diesen objektiv angeglichen sind und sie deshalb auch tendenziell als natürlich auffassen." [zit. Bourdieu (1982) Die feinen Unterschiede; S. 279]

Gesellschaftliche Bedingungen d. h. Gruppenzugehörigkeiten wie Alter, Geschlecht oder soziale Schicht fließen somit in den Habitus mit ein, wodurch der Habitus als eine Ansammlung möglicher Handlungen die soziale Praxis des Einzelnen bestimmt, indem dieser seine jeweilige Handlung gemäß der vorgegebenen Regeln des Habitus auswählt. Der Habitus ist hierbei aber nicht als eine direkte Festlegung der sozialen Praktiken an und für sich zu verstehen, sondern vielmehr als ein Spielraum möglicher Handlungen der jeweiligen sozialen Akteure ein System von Grenzen also aufzufassen.[12] In dieser Hinsicht ist der Habitus zugleich strukturierende als auch strukturierte Struktur, indem dieser einerseits im Modus Operandi klassifizierende Handlungsweisen hervorbringt und zugleich auch ein Denk- und Wahrnehmungsschemata darstellt das zur Strukturierung der alltäglichen Wahrnehmung der Welt beitragen. Der Habitus hat hierbei die Funktion eines Mittlers zwischen der gesamtgesellschaftlichen Struktur und dessen Auswirkungen auf die Handlungen der Individuen. Bourdieu geht dabei davon aus, dass man sich den Habitus mit den Individuen derselben sozialen Lage und Klasse teilt bzw. dass dieselben Lebensbedingungen auch zu einem ähnlichen Habitus führen.[13]

Insbesondere die Unterscheidung zwischen dem Raum der sozialen Position, deren Stellung vor allem durch die ökonomische, kulturelle und soziale Bedingungslage einer Person bestimmt wird, ist die Stellung im Raum der Lebensstile primär die subjektive Wahrnehmung entscheidend. Der Habitus fungiert hierbei als vermittelndes Glied zwischen dem sozialen Raum und dem Raum der Lebensstile. Mit sozialem Raum meint Bourdieu hierbei den Raum, der von ökonomischen Bedingungen bestimmt wird. Die soziale Position eines Individuums ist jedoch von mehr bestimmt als lediglich durch deren ökonomische Lage sondern auch durch deren zur Schau getragenen symbolischen Habitusformen. Gesellschaftliche Praxis wird daher sowohl durch ökonomische Bedingungen als auch durch die zur Schau getragenen Lebensstile bestimmt und beide Räume als strukturell analog anzusehen sind. Bourdieu spricht dabei von Homologie der beiden Räume in der Hinsicht, dass beide vom Prinzip des Habitus hervorgebracht werden.[14] Der Lebensstil kann diesbezüglich als ein Ausdruck bzw. Ergebnis der Praxis einer sozialen Klasse sowie deren Bewertungen durch ihre Mitglieder verstanden werden, wobei eine jede Klasse wiederum über ihre jeweiligen Präferenzen verfügt. Der dabei zum Vorschein kommende Klassengeschmack ist als ein Ausdrucks- und Unterscheidungsmerkmal zu anderen sozialen Klassen zu verstehen.[15]

2.2 Der Geschmack als Mittel der Distinktion: Gegensatzstrukturen Luxus kontra Notwendigkeitsgeschmack

Da in dieser Hinsicht auch das Verhalten der sozialen Akteure bei der Nahrungswahl als eine Repräsentation von Lebensstilen verstanden werden kann, verorten sich so die Menschen mittels des Geschmacks im sozialen Raum.[16] Im Konsum von Nahrungsmitteln spiegeln sich hierdurch soziale Unterschiede in Form des Geschlechts, der finanziellen Lage usw. wieder. Der Ernährungsstil eines gesellschaftlichen Milieus erweist sich hierbei als ein äußerst plakatives Konsummuster. Bourdieu unterscheidet dabei primär anhand von drei Geschmacksdimensionen die eine Distinktion gegenüber den anderen sozialen Klassen ermöglichen. Einerseits einem legitimen Geschmack der oberen Klassen der dem Bildungs- und Großbürgertum entstammt. Hierbei distanziert sich vor allem die herrschende Klasse von den übrigen sozialen Klassen. Mittels der Nachahmung des Geschmacks der oberen Klassen legitimiert die mittlere Klasse diesen letztlich. Der Geschmack der anderen Klassen existiert dadurch immer in Relation zu dem legitimen Geschmack der oberen Klassen. Aufgrund dessen verliert der legitime Geschmack auch immer dann seinen distinguierten Charakter, wenn die anderen Klassen sich diesen zu eigen machen. Folglich wird auch die Distinktion im legitimen Geschmack zu einem ständigen Prozess mit wechselnden Mitteln und Symbolen der Unterscheidung.[17]

In der Zusammensetzung und Menge des Konsums so Bourdieu würden vor allem die sozialen Differenzen überwiegen, wobei er dazu bemerkt, dass sich trotz einer vorhandenen Vielfalt eine gewisse Homogenität feststellen lässt. Eine derartige Homogenität würde dabei, dass Verhältnis zwischen den Gegensätzen der sozialen Klassen und deren jeweiligen Praxen beschreiben. Im Geschmack als der entscheidenden vermittelnden Instanz würden sich folglich Gegensatzstruktur herausbilden. Pierre Bourdieu bezeichnet dabei den Geburtsort des Geschmacks vor allem als eine Wahl des Schicksals und schreibt dazu:[18] „Die wirkliche Ursache der in Konsum wie darüber hinaus zu beobachtenden Unterschiede beruht im Gegensatz zwischen dem aus Luxus (und Freizügigkeit) und dem aus Not (-wendigkeit) geborenen Geschmack(...)." [zit. Bourdieu (1982) Die feinen Unterschiede; S. 289)

Dadurch lässt sich der Geschmack klassenspezifisch in zwei gegensätzliche Geschmacksstrukturen unterteilen. Einerseits in einen ökonomisch abgesicherten und daher freien Geschmack, welcher von Bourdieu als Luxusgeschmack bezeichnet wird und einem an die finanzielle Notlage angepassten Notwendigkeitsgeschmack. Der Unterschied im Geschmack mit Verweis auf das ökonomische Kapital ergibt sich Bourdieu zufolge aus der sozialen Klassenzugehörigkeit. In dieser Hinsicht entsteht das Bild eines sozialen Gefüges, in dem das klassen- bzw. erwerbsbedingte Körperbild den jeweiligen Geschmack der Person bestimmt.[19] „Der Geschmack: als Natur gewordene, d. h. inkorporierte Kultur, Körper gewordene Klasse, trägt er bei zur Erstellung des „Klassenkörpers"; als inkorporiertes, jedwede Form der Inkorporation bestimmendes Klassifikationsprinzip wählt er aus und modifiziert er, was der Körper physiologisch wie psychologisch aufnimmt, verdaut und assimiliert, woraus folgt, dass der Körper die unwiderlegbarste Objektivierung des Klassengeschmacks darstellt, diesen vielfältig zum Ausdruck bringt(...)" [zit. Bourdieu (1982) Die feinen Unterschiede; S.307]

Diese gegensätzlichen Geschmacksstrukturen lassen sich andererseits aber auch in allgemeiner Weise durch die Gegenüberstellung von Form und Substanz unterscheiden. Der Schwerpunkt der Ernährung verlagert sich im Luxusgeschmack somit auf die Manier des Vorzeigens, Auftischens und Essens. Die Grundintention einer solchen Stilisierung des Essens ist eine Verleugnung der Funktion, wohingegen der Notwendigkeitsgeschmack welcher ja aus der Not und dem Zwang geboren ist, den Schwerpunkt eher auf die Substanz verlegt. Die beiden gegensätzlichen Konsummuster sind dahin gehend charakterisiert durch eine Gegenüberstellung von Quantität und Qualität von Materie und Manier von Substanz und Form.[20] Die Intention der Stilisierung der Manier im Luxusgeschmack betont die Freiheit und Freizügigkeit des Essens. Eine solche Stilisierung verlangt demgemäß eine Verleugnung der Funktion und daher eine Überbetonung der Form bzw. des Essens, wohingegen der Notwendigkeitsgeschmack eine Angepasstheit an Notlagen und Zwänge widerspiegelt. Dieser betont im Gegensatz zum Luxusgeschmack die Präferenz für die Substanz bzw. die Funktion des Essens. Im Fokus der Ernährung steht hierbei die Befriedigung elementarer Bedürfnisse besonders der Reproduktion der Arbeitskraft.[21] Die Vorstellungen eines freimütigen Essens prägen die Ernährungspraktiken des Notwendigkeitsgeschmacks in dem elastische und reichlich vorhandene Speisen wie Nudeln, Kartoffeln, Soßen und Suppen auf den Tisch kommen.[22] Anders sieht es beim Luxusgeschmack der oberen sozialen Schichten aus. Dort wird ein Essstil zelebriert, der sich ausschließlich durch ein Bemühen um ein formvollendetes stillsicheres Essen auszeichnet.[23] „Warten, Zögern, Zurückhalten sind die sozialisatorischen vermittelten Verhaltensweisen bei Tisch. Die Disziplinierung und Triebunterdrückung des eigenen Eß- und Trinkgenusses soll die Natürlichkeit der Primärbedürfnisse negieren und deren Befriedigung in eine gesellschaftliche Zeremonie überführen. Die stilisierende Gestaltung verschiebt den Akzent von der Substanz und Funktion der Ernährung hin zur Form und Manier." [zit. Barlösius (1999) Soziologie des Essens; S. 113]

Solche Gegensatzstrukturen generieren nun auch unterschiedliche Konsummuster. Einerseits eines, dass als fein und exquisit und eines das als schwer und nahrhaft bezeichnet werden kann. Edmond Goblot bezeichnet diese beiden sich distinktiv gegenüberstehende Konsummuster als proletarisch und bourgeois welche bei Bourdieu als der Gegensatz zwischen Substanz und Form in Erscheinung treten.[24] Je näher man dem Idealtypus eines Luxuskonsums kommt desto mehr reduziert sich auch der Anteil schwer verdaulicher, fetthaltiger und zugleich auch billiger Nahrungsmittel während umgekehrt die Ausgaben für magere und leicht verdauliche Speisen und Nahrungsmittel immer mehr steigen je näher man dem Luxuskonsum kommt.[25] Aber auch die Art der Zubereitung der Nahrungsmittel verändert sich diametral zu den beiden Konsummustern. So besteht in den oberen sozialen Schichten welche den Luxusgeschmack zelebrieren eher der Hang zu leichteren kalorienarmen Speisen, für deren Zubereitung wenig Arbeit- und Zeit benötigt wird. In den unteren sozialen Klassen ist die Zubereitung der nahrhaften und günstigen Nahrungsmitteln dahingegen mit einem hohen Zeitaufwand verbunden. [26] Angesichts der Essgewohnheiten der unteren Schichten

[...]


[1] Die nationale Verzerrstudie ist eine Erbung bezüglich der Ernährungssituation der Bürger in Deutschland. Die ersten Erhebungen fanden zwischen 1985 und 1989 statt. Im Zentrum der Erhebungen stehen dabei vor allem die Ernährungsgewohnheiten der Bundesbürger und das Lebensmittelangebot.

[2] Siehe Feichtinger (1996)

[3] Vgl. Feichtinger (1996); S. 1

[4] Vgl. Prahl/Setzwein (1999); S. 68.

[5] Vgl. Feichtinger (1996); S. 1

[6] Vgl. Feichtinger (1996); S. 2

[7] Vgl. Feichtinger (1996); S. 7

[8] Vgl. Feichtinger (2000); S. 84f

[9] Vgl. Krais, Beate (1989); S. 68

[10] Vgl. Bourdieu (1982); S. 278

[11] Vgl. Bourdieu (1982); S. 279

[12] Vgl. Bourdieu/Steinrücke (1992); S. 33

[13] Vgl. Bourdieu (1982); S. 281f

[14] Vgl. Bourdieu (1982); S. 286f

[15] Vgl. Frerichs (1997); S. 233f

[16] Vgl. Setzwein (2004); S. 181

[17] Vgl. Barlösius (1999); S. 118f

[18] Vgl. Bourdieu (1982); S. 286

[19] Vgl. Bourdieu (1982); S. 285f

[20] Vgl. Bourdieu (1982); S. 288

[21] Vgl. Bourdieu (1982); S. 289f

[22] Vgl. Bourdieu (1982); S. 313

[23] Vgl. Bourdieu (1982); S. 315

[24] Vgl. Barlösius (1999); S. 110

[25] Vgl. Bourdieu (1982); S. 289 und S. 304

[26] Vgl. Bourdieu (1982); S. 304

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Guter Geschmack vs. Schlechter Geschmack: Soziokulturelle Problematiken im Diskurs um das Ernährungsverhalten armer Haushalte
Hochschule
Wirtschaftsuniversität Wien
Veranstaltung
Sozioökonomie
Note
1
Autor
Jahr
2013
Seiten
28
Katalognummer
V267442
ISBN (eBook)
9783656582106
ISBN (Buch)
9783656580225
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Thema der Seminararbeit sind die soziokulturellen Aspekte von Ernährung und Armut. Theoretische Hintergrundfolie ist das Habitus- und Lebensstilkonzept Bourdieu und der Bedeutung des Geschmacks als Instrument sozialer Distinktion. Im Fokus steht hierbei die Definitionsmacht des naturgemäßen Lebensstils, der aktuell über legitimen und illegitimen Geschmack entscheidet. Die sich hierbei herausbildenden Gegensatzstrukturen Mäßigung und Zügellosigkeit und deren Objektivierungen in schlank vs. dick bestimmen wesentlich die Diskurse über das Ernährungsverhalten armer Haushalte.
Schlagworte
Bourdieu, Habituskonzep, Lebensstilkonzept, Geschmack, Mäßigung, Zügellosigkeit, Definitionsmacht, Gegensatzstrukturen, Ernährungsverhalten, arme Haushalte, Ernährung und Armut, guter Geschmack, schlechter Geschmack, naturgemäßer Lebensstil
Arbeit zitieren
Mag. phil. Christian Dallinger (Autor), 2013, Guter Geschmack vs. Schlechter Geschmack: Soziokulturelle Problematiken im Diskurs um das Ernährungsverhalten armer Haushalte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267442

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