"Theorie U" von Otto Scharmer in der Praxis


Masterarbeit, 2013
103 Seiten, Note: 1.5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ausgangslage
1.2 Zielsetzung
1.3 Untersuchungsgegenstand
1.4 Abgrenzungen
1.5 Aufbau der Arbeit

2 Theorie U – theoretische Grundlagen
2.1 Theorie U
2.1.1 Zusammenfassung der wesentlichen Aussagen der Theorie U
2.1.2 Anspruch und Absicht
2.1.3 Das Buches „Theorie U – Von der Zukunft her führen“
2.1.4 Verwendete Kernelemente
2.2 Kernelemente ausserhalb der Theorie U
2.2.1 Einteilung des Umfelds
2.2.2 Hauptabsicht
2.3 Zwischenfazit

3 Vorgehen und Forschungsdesign
3.1 Vorgehen Übersicht
3.2 Vorgehensphasen
3.2.1 Initialisierung
3.2.2 Recherche
3.2.3 Dialog und Erleben
3.2.4 Vorgehen, Definition Befragung
3.2.5 Analyse
3.2.6 Auswertung
3.2.7 Zusammenführung, Schlussfolgerung und Erstellen der Arbeit
3.3 Zwischenfazit

4 Auswertung
4.1 Auswertefokus
4.2 Auswertung Internet
4.2.1 Vorgehen
4.2.2 Resultate Internet
4.3 Auswertung Literatur
4.3.1 Vorgehen
4.3.2 Resultate Literatur
4.4 Befragung von Praktikern
4.4.1 Vorgehen
4.4.2 Die Befragten
4.4.3 Anwendungsfelder
4.4.4 Dauer der Intervention
4.4.5 Verwendung der Methoden im U
4.4.6 Methodenanwendung im spezifischen Umfeld (Industrie)
4.4.7 Methodenanwendung im internen Bereich
4.4.8 Ergänzende Bemerkungen der Anwender
4.5 Zwischenfazit

5 Zusammenführung und Ergebnisse
5.1 Definition der Anwendungskarten
5.2 Anwendungslandkarte
5.2.1 Die Karte
5.2.2 Benutzung der Karte
5.3 Anwendungsempfehlungen
5.3.1 Einteilung
5.3.2 Methodenwahl
5.3.3 Ort, Physikalische Umgebung
5.3.4 Elemente der Stille und Reflexion

6 Fazit
6.1 Beurteilung der Ergebnisse
6.1.1 Anwendungslandkarte
6.1.2 Kritische Erfolgsfaktoren und Voraussetzungen für die Anwendung
6.1.3 Wirksamkeit in der Praxis
6.2 Beurteilung des Vorgehens
6.3 Ausblick.

A. Anhang

A.1 Literaturverzeichnis

A.2 Methoden Kurzbeschriebe

A.3 Anwendungsfelder Detaildaten

A.4 Verwendete Methoden

A.5 Theorie U in der Anwendung

A.6 Fragebogen

A.7 Tabellenverzeichnis

A.8 Abbildungsverzeichnis

A.9 Lizenzen

1 Einleitung

„Der menschliche Geist kehrt, wenn er von einer neuen Idee gefordert wurde, nie zu seiner Ausgangsposition zurück.“ Oliver Wendell Holmes [1]

„Immer wenn zwei oder mehr Personen sich treffen und sich dem zuwenden, was aus der feinen Verbindung zwischen ihnen entsteht, öffnet sich ein Tor zu einer neuen Zukunft.“

C. Otto Scharmer

1.1 Ausgangslage

Die Theorie U von Otto Scharmer, die seit 2007 in Buchform erhältlich ist und deren Anfänge ca. in den Jahren 1999/2000 liegt, wie sein Kollege Joseph Jaworski (Jawroski, 2012, Seite 17 ff.) in seinem Buch „Source“ beschreibt, hat inzwischen eine grosse Gemeinschaft von Anwendern. Wenn man jedoch nach praktischen Beispielen sucht, bei denen die Theorie U angewandt wurde, dann findet man nicht viel. Wohl sind einige Anwendungsbeispiele im Buch (Scharmer, 2011, Seite 231 ff.) zu finden, aber eine volle Beschreibung des Durchlaufs mit den entsprechenden Umsetzungsmethoden ist darin nicht enthalten. Die unmittelbare Umsetzung, die nachhaltige Gestaltung von Veränderungsvorhaben, ist nicht gegeben.

Peter Senge schreibt dazu im Vorwort des Theorie U Buches: „Unser praktisches Wissen bezüglich der Umsetzung von Theorie U ist sicherlich noch in den Anfängen, trotzdem demonstrieren vielerlei Projekte, dass und wie die Prinzipien des U-Prozesses in die Praxis übersetzt werden, und weisen nachdrücklich darauf hin, welche enormen Kapazitäten die Methodologie hat, soziale Systeme, die für viele unveränderbar erscheinen, nachhaltig zu verändern.“ (Scharmer, 2011: 18 ff.) Auf Seite 20 schreibt er weiter: „Also hier meine Warnung: Um von diesem Buch wirklich zu profitieren, müssen die Leser und Leserinnen bereit sein, den inneren Entwicklungsweg des Hinsehens, Presencings und des In-die-Welt-Bringens zu erforschen und zu erkunden.“

Obwohl dies 2007 geschrieben wurde, ist dieses Zitat nach Auffassung des Autors auch heute noch gültig. Das Wissen über die Anwendung, bzw. die Umsetzung der Theorie U mittels konkreter, leicht anzuwendenden Methoden und konkreter Drehbücher ist noch dünn gesät. Dennoch hat die Methodologie ein grosses Potenzial als Orientierungshilfe und Anleitung zur Gestaltung von Veränderungsvorhaben. Dies äussert sich auch im Titel und der Beschreibung des Nachfolgebuchs von Otto Scharmer: "Leading from the Emerging Future: From Ego-System to Eco-System Economies", das voraussichtlich ab Juli 2013[2] erhältlich sein wird.

Was also fehlt, ist ein Wissensaustausch auf einem höheren Detaillevel zwischen Praktikern über die praktische Anwendung. Diese Praktiker sind meistens Berater und lassen sich nicht gerne in die Karten schauen. Das heisst, die Brücke vom tieferen Kern des Veränderungsprozesses – dargestellt in der Theorie U – zu der praktischen Umsetzungsarbeit mit den entsprechenden Personen und Gruppen ist nicht sichtbar. Um aber eine Veränderung nachhaltig zu gestalten, ist sowohl das Verständnis des tieferen Kerns von Veränderungsprozessen, als auch die sich daraus ergebende Umsetzung durch einen guten Ablauf von erprobten Methoden wichtig.

Zur Theorie U existieren im Internet verschiedene Berichte und Erfahrungen, sowie mehrere Online-Communities. Die Theorie U, im Speziellen das Buch, wird von vielen Seiten sehr gelobt. Insidern ist dieses Werk bekannt und es wird viel darüber gesprochen.

Praktische Beispiele der Anwendung sind rar und beschreiben die Umsetzung sowie den Nutzen nicht genügend detailliert und sind somit als Leitfaden wenig brauchbar. Es fehlt daher eine Orientierungshilfe für das praktische Vorgehen, ein Fieldbook zur Anwendung der Theorie U.

1.2 Zielsetzung

Das Ziel dieser Masterarbeit ist es, folgende Frage zu beantworten:

Welche Werkzeuge und Vorgehensweisen werden bei der Anwendung der

Theorie U in welchen Situationen verwendet und welche Wirkung zeigt diese Methodologie aus der Sicht der Anwender?

Diese Masterarbeit soll

- eine Übersicht erstellen, die als Anwendungs-Landkarte dienen kann,
- die kritischen Erfolgsfaktoren aus der Praxis zusammentragen,
- die Wirksamkeit der Theorie U in der Praxis aus Sicht der Anwender untersuchen,
- die möglichen Voraussetzungen für die Anwendung der Theorie U zu ermitteln und
- eine erste Grundlage für einen Abschnitt Erfahrungen aus der Praxis eines Fieldbooks zur Theorie U liefern.

1.3 Untersuchungsgegenstand

Diese Arbeit fokussiert sich auf die Arbeitsweise der Theorie U Anwender, im Speziellen auf diejenigen, die die Personen oder Gruppen in Veränderungs- oder Innovationsprozessen begleiten. Diese Untersuchung basiert eher auf einem qualitativ-interpretativen Forschungsansatz (Lamnek, S. ,2005), da der Fragebogen und die Interviews grosse Offenheit und Flexibilität zulassen.

1.4 Abgrenzungen

Das Untersuchungsgebiet wird auf die Theorie U und ihre Anwendung beschränkt, obwohl dem Autor bewusst ist, das es einige Schnittstellen von und Ergänzungen durch andere Methodologien gibt. Die wichtigsten, mit dem Anspruch auf Unvollständigkeit, seien hier kurz erwähnt:

- Integrale Theorie von Ken Wilber (AQAL: "All Quadrants All Levels") (Wilber, K. 2010)
- Spiral Dynamics von Don Beck (Beck, D. 2008)
- Sämtliche Ansätze des systemischen Coachings
- Big Mind, Big Heart Ansatz von Dennis Genpo Merzel Roshi

1.5 Aufbau der Arbeit

Die folgende Graphik zeigt einen Überblick über den Aufbau der Arbeit.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Aufbau der Arbeit

2 Theorie U – theoretische Grundlagen

In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen so dargestellt, dass sie eine Grundlage bilden, um die Zusammenhänge in dieser Arbeit zu verstehen. Diese Grundlagen erheben nicht den Anspruch, das Buch von Otto Scharmer wiederzugeben.

2.1 Theorie U

In diesem Anschnitt werden die Elemente der Theorie U so zusammengestellt, wie sie von den Anwendern verwendet werden und wie sie im Kontext dieser Arbeit zu verstehen sind. Die Methodologie als solches wird nicht nochmals detailliert dargestellt, sondern nur eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Aussagen gemacht.

2.1.1 Zusammenfassung der wesentlichen Aussagen der Theorie U

Die wesentlichen Aussagen aus dem Buch hat die Zusammenfassung von getabstract (getabstract, 2009) wie folgt auf den Punkt gebracht:

„Wo entstehen unsere Handlungen, unser Lachen und Weinen, unser Zuschlagen oder Zurückweichen? Für die meisten Menschen ist dieser innere Ort ein blinder Fleck. Doch er lässt sich erkunden. Der Prozess kann an einem U veranschaulicht werden: Auf der linken Seite steht das Innehalten, das Infragestellen des Bekannten, das Erspüren eines möglichen Neuen und das Loslassen. Am Scheitelpunkt des U vollzieht sich das ‘Presencing‘:

Neues Wissen entsteht. Und auf der rechten Seite des U ermöglicht das neue Wissen Handlungsfelder, die ausprobiert und schliesslich umgesetzt werden. Um einen solchen Prozess zu ermöglichen, muss sich das Denken öffnen – obwohl die inneren Widerstände dagegen sprechen. Auch das Fühlen muss sich öffnen – obwohl Zynismus viel leichter fällt. Und der Wille muss sich öffnen – trotz der damit verbundenen Angst. Wem all das zu abstrakt klingt, der sollte einen Blick darauf werfen, wie mit Wissensmanagement in Unternehmen umgegangen wird. Früher wurden Informationen in Datenspeichern abgelagert, wo sie ungenutzt herumlagen. Was fehlte, war die Verbindung von explizitem und implizitem Wissen. Diese lässt sich am leichtesten im persönlichen Austausch erreichen. Doch das ist noch nicht alles: Beim Austausch ergibt sich mitunter etwas Neues, etwas zwar Gewusstes, was aber bislang nicht abgerufen wurde. Diese Art des Wissens sorgt für den kreativen Schub. Es ist das wichtigste Wissen, über das Unternehmen verfügen können – wenn sie willens und bereit sind, dafür Möglichkeitsräume zu schaffen. Wer sich an die Erfahrungen der Vergangenheit klammert, verliert die Offenheit für Neues. - Wer dagegen im Heute schon das Morgen entdecken will, muss neue Formen von Offenheit und Austausch zulassen.“

Die Take-Aways, also die wichtigsten Punkte, die man sich merken sollte, in dieser Zusammenfassung sind (getabstract, 2009):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit diesen kurzen Ausschnitten aus der Zusammenfassung ist klar, dass hier wirklich ein neuer Ansatz vorliegt und einige Paradigmen der herkömmlichen Managementlehre in Frage gestellt werden.

2.1.2 Anspruch und Absicht

„Wir leben in einer Zeit brodelnder Konflikte und massiven institutionellen Versagens. Einer Zeit des schmerzhaften Verfalls und des hoffnungsvollen Neubeginns. Es ist eine Zeit, die sich anfühlt, als würde sich etwas Grundsätzliches verlagern und sterben, während gleichzeitig etwas anderes geboren werden möchte. [...] Wir leben auf einer dünnen Kruste aus Ordnung und Stabilität, die jederzeit auseinanderbrechen kann. Wir haben einen Augenblick erreicht, wo es gilt, innezuhalten und hinzuschauen, was da eigentlich beginnt, sich aus den Trümmern zu erheben. Die Krise unserer Zeit ist nicht einfach die Krise einer einzelnen Führungskraft, eines Landes oder einer Weltregion. Die Krise unserer Zeit offenbart das Sterben einer veralteten sozialen Struktur und einer bestimmten Art des Denkens, einer überkommenen Art der Institutionalisierung und des gemeinsam Hervorbringens von sozialen Formen“ (Scharmer 2011, S. 26).

So beginnt C. Otto Scharmer sein umfangreiches Buch über eine neue, von ihm entwickelte Theorie und Praxis sozialer Veränderungsprozesse. Der Anspruch des Werkes ist gross: Es geht tatsächlich darum zu konstatieren, dass unsere klassischen Vorgehensweisen, Veränderungsprozesse zu gestalten, inadäquat geworden sind. Sie werden der heutigen sozialen Komplexität nicht gerecht und es kommt darauf an, diesbezüglich neue, passendere Denkweisen und Strategien zu entwickeln. Otto Scharmer legt mit seiner Theorie U ein Konzept vor, das genau eine solche neue Denkweise und Strategie vermittelt. Dieses Konzept ist nicht nur im begrenzten Kontext von Managementprozessen relevant, sondern überall dort, wo in sozialen und gesellschaftlich relevanten Systemen Prozesse des Wandels initiiert, gestaltet und moderiert werden. Also nahezu überall – sowohl in unseren persönlichen Lebenswelten als auch in den Organisationen, die unser Leben täglich begleiten.

Gemäss Duden ist eine Theorie ein System wissenschaftlich begründeter Aussagen zur Erklärung bestimmter Tatsachen oder Erscheinungen und der ihnen zugrunde liegenden Gesetzlichkeiten. Die Theorie U liefert daher ein System, basierend auf den wissenschaftlichen Untersuchungen von Otto Scharmer und führt dies über in eine Methodologie, eine Sammlung von Methoden, also ein Methodenbündel und eine Folge von Schritten.

2.1.3 Das Buches „Theorie U – Von der Zukunft her führen“

Das Buch ist in 3 Teile unterteilt, die folgenden Inhalt haben.

2.1.3.1 Teil I eine „Begegnung mit dem blinden Fleck“

Unsere traditionellen Theorien und Methoden, Veränderungsprozesse durchzuführen und zu begleiten, sind an ihre Grenzen gestossen. Otto Scharmer beschreibt in diesem Abschnitt den blinden Fleck, der uns daran hindert, weiter zu gehen. Er betont, dass die Haltung der Moderatoren, bzw. Veränderungsagenten zentral ist und den Erfolg massgeblich beeinflusst. Die innere Haltung dieser Person bestimmt letztlich den Erfolg einer Intervention[3].

2.1.3.2 Teil II: „Eintreten in das U-Feld“

Hier wird man durch die Phasen des U geführt und taucht in die verschiedenen Ebenen der Aufmerksamkeit ein. Der zentrale Punkt dieser Methodologie ist das „Presencing“[4], das Veränderungsprozesse von einer im Entstehen begriffenen Zukunft her gestaltet. Der Fokus der Aufmerksamkeit wird dabei umgelenkt: von der Vergangenheit in Richtung Zukunft, von der Problemwahrnehmung in Richtung Wahrnehmung von Möglichkeiten, Chancen und zukünftigen Stärken und Fähigkeiten. Durch die Sorgfältigkeit und Achtsamkeit bei Durchlaufen der linken Seite des Us erreicht man im tiefsten Punkt die maximale „Bewegungsenergie“. Diese Energie ist auf die Zukunft gerichtet und bewirkt, dass man nachhaltigere und länger bestehende Umgebungen und Systeme erschaffen kann, bzw. dass man der heutigen Komplexität von Veränderungsprozessen besser gerecht wird, weil man schneller und kompetenter mit Veränderungen umzugehen lernt.

2.1.3.3 Teil III „Presencing – Eine soziale Technik für die Führung“

In diesem Abschnitt des Buches werden die einzelnen Elemente der Methodologie detaillierter ausgeführt und anhand von Beispielen auf verschiedenen Handlungsgebieten weiter erläutert. Das U und speziell die vier Felder der Aufmerksamkeit werden durch die Umsetzung dem Leser verständlicher und näher gebracht.

2.1.4 Verwendete Kernelemente

Die verwendeten Kernelemente aus der Theorie U werden hier aufgelistet.

2.1.4.1 7 Kernfähigkeiten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die sieben Kernfähigkeiten, wie sie Otto Scharmer 2008 bei einem Vortrag in Wien für die ExpertInnenkommission Zukunft der Schule und das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur genannt hat, verteilen sich auf dem U wie auf der Abbildung 2 dargestellt (Scharmer 2008). Diese Struktur ist die Grundlage zur Orientierung der Praktiker in ihrem Vorgehen und wurde auch im Fragebogen dieser Masterarbeit so verwendet.

Scharmer beschreibt in seinem Buch die sieben Kernfähigkeiten, die die Haltung beeinflussen und damit auch soziale Kommunikationsprozesse strukturieren, wie folgt:

1. “Runterladen [Downloading]: Muster der Vergangenheit wiederholen sich – die Welt wird mit den Augen gewohnheitsmässigen Denkens betrachtet.
2. Hinschauen [Seeing]: Ein mitgebrachtes Urteil loslassen und die Realität mit frischem Blick betrachten – das beobachtete System wird also vom Beobachter getrennt wahrgenommen.
3. Hinspüren [Sensing]: Sich mit dem Feld verbinden, eintauchen und die Situation aus dem Ganzen heraus betrachten – die Grenze zwischen Beobachter und Beobachteten verschwimmt, das System nimmt sich selber wahr.
4. Anwesend werden [Gegenwärtigung bzw. Presencing]: sich mit dem Quellort – dem inneren Ort der Stille – verbinden, von dem aus die im Entstehen begriffene Zukunft wahrnehmbar werden kann.
5. Verdichten [Crystallising] der Vision und Intention – Kristallisieren und Bewusstmachen der Intention und Vision, die aus der Verbindung zu diesem tieferen Quellort entsteht.
6. Erproben [Prototyping] des Neuen in Prototypen, in denen die Zukunft durch praktisches Tun gemeinsam erkundet und entwickelt wird.
7. Das Neue praktisch anwenden und institutionell verkörpern [in die Welt bringen bzw. Performing]: das Neue durch beispielsweise durch Infrastrukturen und Alltagspraktiken in eine Form bringen“ (Scharmer 2011, Seite 66,67)[5].

Das Füllen dieser Struktur der Phasen mit Methoden aus den Anwendungsfällen zeigt die Umsetzungsmöglichkeiten der U Methodologie auf.

2.1.4.2 Hauptbereiche in der Organisation

Zur Einteilung der Hauptbereiche innerhalb einer Organisation wurde das Rad des Management (Scharmer 2011, Seite 95) verwendet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese zwölf Bereiche des Managements, von denen die obere Hälfte die klassischen Funktionsbereiche (Produktion, F&E, Buchhaltung, Finanzen, Personal, Strategie, Marketing & Verkauf) benennt und die untere Hälfte die eher prozessorientierten Bereiche repräsentiert, wird als allgemeines Abbild einer Organisation verwendet. Mit dieser Einteilung kann der Anwendungsbereich innerhalb einer Organisation zugeordnet werden.

2.1.4.3 Anwendungsebene

Scharmer unterscheidet die Mikro-, Meso-, Makro-, und Mundoebene (Scharmer 2011, Seite 239) beim Betrachten der Feldstruktur der Aufmerksamkeit und damit beim Durchlaufen des Us. Er zeigt auf, dass die verschiedenen Ebenen in den vier Feldern der Aufmerksamkeit aufgrund ihrer Charakteristik andere Ausprägungen haben, sich jedoch im grundsätzlichen Verhalten gleich sind. Die vier Ebenen sind im Glossar des Buches (Scharmer 2011, Seite 466 ff.) wie folgt definiert und entsprechend im Fragebogen verarbeitet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Definition der Ebene sozialer Systeme

2.2 Kernelemente ausserhalb der Theorie U

2.2.1 Einteilung des Umfelds

Die Einteilung des Umfelds (Betätigungsfeld, Industrie) erlaubt es, die Industrie oder Organisation zu charakterisieren. Diese Einteilung ist aus der International Classification for Standards (ICS) abgeleitet, die alle ökonomische Sektoren und Tätigkeiten erfassen soll, bei denen technische Standards angewendet werden (ICS 2005). Bei der Definition der Liste für den Fragebogen wurde darauf geachtet, dass eine vernünftige Liste von Industrien entsteht, die genügend vollständig und gleichzeitig ausreichend ist. Das Resultat ist folgende Liste:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Einteilung des Betätigungsumfeldes

2.2.2 Hauptabsicht

Bei jeder Intervention wird eine Hauptabsicht verfolgt. Folgende Hauptabsichten wurden für den Fragebogen ausgewählt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Einteilung der Hauptabsicht

Die Auswahl erfolgte durch eine Grobanalyse der Anwendungsfälle im Buch „Theorie U“ und aus dem Dialog mit einigen Teilnehmern des 2nd Presencing Global Forum in Berlin.

2.3 Zwischenfazit

Diese Definition der Umgebungsvariablen erstellt ein Klassifikationsschema zur weiteren Analyse. Dieser Grundlage kann auch in weiteren Untersuchungen als Orientierungshilfe dienen und bildet die Grundlage für den Fragebogen.

3 Vorgehen und Forschungsdesign

Das folgende Kapitel zeigt den Aufbau des Vorgehens auf. Anhand der im Forschungsdesign definierten Methodik werden die nötigen Daten erhoben, analysiert und ausgewertet.

3.1 Vorgehen Übersicht

Das Vorgehen wird in verschiedene Phasen aufgeteilt, die selber nach der Struktur des U aufgeteilt sind. Diese Phasen sind:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: Vorgehensphasen

Der Forschungsaufbau dieser Arbeit basiert auf der Theorie U. Dies bewirkt, dass während der Entstehung gleichzeitig praktische Erfahrung mit dieser Struktur gesammelt werden kann.

3.2 Vorgehensphasen

3.2.1 Initialisierung

In der Initialisierungsphase stehen zwei Aktivitäten im Vordergrund. Zum einen das Sammeln von möglichen Informationsquellen (Personen und schriftliche Informationen) um die Recherche und die Befragung zu ermöglichen. Zum andern wird die Basis der Theorie U, das Buch (Scharmer, 2011), nochmals durchgesehen und die Schwerpunkte identifiziert. Gleichzeitig wird die endgültige Version der Disposition erarbeitet.

3.2.2 Recherche

Um genügend Quellen über die Anwendung der Theorie U zu haben wird eine Suche nach Artikeln im Internet und Zeitschriften, sowie nach Büchern und weiteren Arbeiten über dieses Thema gemacht. Dabei werden zwei Wege eingeschlagen: erstens Internetsuche mittels einer Suchmaschine und zweitens der Dialog mit bereits bekannten praktischen Anwendern.

3.2.3 Dialog und Erleben

Um die Theorie U in der Praxis von erfahrenen Personen zu erleben und auch den Kontakt zu einigen von Ihnen herzustellen, wurde der Besuch des 2ten Presencing Global Forum in Berlin (18./19. Juni 2012) eingeplant. Anlässlich dieser Tagung soll auch die persönliche Stellung zu diesem Thema reflektiert und persönliche Gespräche mit Anwendern geführt werden.

3.2.4 Vorgehen, Definition Befragung

Nach allen Eindrücken und Ergebnissen aus den vorherigen Phasen findet hier eine Zeit Reflexion statt. Gleichzeitig sollen aus dieser Reflexion die Ergebnisse der Befragung visionär entstehen und in der Form eines Fragebogens so umgesetzt werden, dass die gewünschten Orientierungshilfen für Praktiker entstehen können. Dieser Fragebogen wird so gestaltet, dass sich die Befragten selbst einbringen können, aber dennoch geführt werden, um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten. Die Befragten kennen alle die Theorie U und haben sie in der Praxis eingesetzt. Daher wird eine Mischung von offenen – deren Auswertung eher schwieriger ist - und geschlossenen Fragen angestrebt.

Der Fragebogen wird durch die Co-Referentin (Frau Ute Thumm) durchgesehen und auf Praxistauglichkeit überprüft. Eine weitere Überprüfung erfolgt durch eine Definition der möglichen Auswertelandschaft.

3.2.5 Analyse

Die Analyse beinhaltet die Auswahl der Befragten, also der Praktiker in diesem Gebiet. Diese Auswahl wird aus den Informationsquellen, die in der Initialisierungsphase identifiziert worden sind, getroffen. Da der Fragebogen eher umfangreich ist, wird ein Beispiel erstellt und beigelegt.

Die einzelnen Befragten werden persönlich per E-Mail angeschrieben, wobei darin klar ersichtlich ist, woher der Autor ihre Adresse erhalten hat.

Durch ein kontinuierliches Verfolgen der Antworten und ein geeignetes Nachfassen wird sichergestellt, dass eine genügende Anzahl von Antworten und Praxisbeispielen gesammelt werden kann. Die Antworten werden laufend gesichtet, damit der Befragte bei Unklarheiten kontaktiert werden kann.

Aus diesem Rücklauf wird eine kleine Gruppe von Praktikern ausgewählt, mit denen zusätzlich ein persönliches Gespräch geführt wird, um den Fragebogen – ihre Antwort - zu ergänzen.

3.2.6 Auswertung

Die Auswertung erfolgt auf der Basis einer möglichen Auswertelandschaft, wie sie in der vierten Phase (Vorgehen, Definition Befragung) definiert wurde. Dabei wird beachtet, dass für jede der sieben Phasen in der Theorie U eine Aussage mit praktischem Nutzen gemacht werden kann. Aufgrund des offenen Frageteils hat diese Auswertung mit Interpretation, weiteren Einteilungen und Zuordnungen zu erfolgen. Die Zielsetzung ist, aussagekräftige Diagramme zu erzeugen.

Der Fokus der Auswertung wird so gesetzt, dass die Forschungsfrage beantwortet werden kann und die Praktiker mit den Ergebnissen ihre Anwendung der Theorie U verbessern können.

Die Bereiche Literatur, Internet und Befragung werden separat ausgewertet.

3.2.7 Zusammenführung, Schlussfolgerung und Erstellen der Arbeit

Schlussendlich werden die Resultate zusammengeführt und in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht, so dass der Leser durch die Auswertung geführt wird. Die Teile Theorie und Praxis werden so verbunden, dass die Resultate leicht im Alltag durch die Praktiker verwendet werden können.

3.3 Zwischenfazit

Der Fokus der Arbeit liegt sehr stark auf der Erhebung und der Art der individuellen Anwendung der Theorie U. Eine Strukturierung nach den sieben Kernfähigkeiten bzw. Phasen ist sinnvoll, weil es immer wieder hilft sich im Ablauf zu orientieren und den Fokus richtig zu setzen. Schon das erarbeitete Klassifikationsschema ist ein Zwischenergebnis, das als generische Einteilung für andere Untersuchungen verwendet werden kann.

4 Auswertung

In diesem Kapitel wird anhand des Klassifikationsschemas aus Kapitel 2 eine Auswertung der erhobenen Daten gemacht. Dabei werden verschiedene Sichten auf die Daten vorgestellt und analysiert.

4.1 Auswertefokus

Die Auswertung fokussiert sich auf die Art der Anwendung, bzw. der Umsetzung der einzelnen Schritte der Theorie U, die aus den verschiedenen Quellen herausgearbeitet werden. Diese Anwendungsarten werden dann zusammengeführt, um eine Methodenlandkarte zu erstellen. Dabei werden die Auswertebereiche Internet, Literatur und Befragung zuerst separat betrachtet und dann zusammengeführt.

4.2 Auswertung Internet

4.2.1 Vorgehen

Diese Auswertung beinhaltet alle anderen Quellen des Internets, wie Foren, Soziale Netzwerke, Online Communities und Websites. Darin nicht enthalten sind in sich geschlossene Artikel die unter 4.3 Auswertung Literatur zusammengefasst werden.

Folgende Quellen wurden untersucht:

- Xing Gruppe: Theorie U - Von der Zukunft her führen mit 671 Mitglieder, 213 Beiträge
- Presencing Institut Community: German Community, 234 members
- Presencing Institute Website, hier im speziellen den U-Browser[6]

In diesen Quellen wurde nach Hinweisen auf praktische Umsetzung der Theorie U gesucht und Informationen (Kontaktdaten) über Personen gesammelt, die diese Methodik praktisch angewendet haben.

4.2.2 Resultate Internet

Das Ergebnis dieser Auswertung ist ernüchternd. Trotz der grossen Anzahl von registrierten Teilnehmern in den Online-Communities sind wenig detaillierte Angaben über das Vorgehen vorhanden.

In der Xing Gruppe unter dem Bereich Praxis: Der Einsatz der Theorie U im Führungs- und Beratungsalltag (Erfahrungsberichte, Praktikerdiskussionen, Fragen zum konkreten Vorgehen,) sind nur 20 Themen vorhanden. Diese Themen haben total 19 Antworten. Die letzten Beiträge sind mehr als 9 Monate alt[7]. Dies lässt den Schluss zu, dass der Austausch hier nicht stattfindet.

In der Presencing Institute Community: German Community ist die Situation nicht besser. Meistens werden kleine Themen angesprochen oder es wird Werbung für lokale Anlässe gemacht. Die letzten Beiträge sind ca. 2 Monate alt.[8]

Das der Austausch hier nicht stattfindet hat verschiedene Gründe. Aus dem Wissensmanagement weiss man, das Online Communities Voraussetzungen brauchen, damit sie wirklich funktionieren. Dies sind unter anderem:

- Die Teilnehmer kennen sich und vertrauen einander.
- Das Forum wird moderiert.
- Es werden regelmässig Neuigkeiten platziert, die von allgemein akzeptierten Personen in diesem Fachgebiet gemacht werden.
- Diese Voraussetzungen sind in beiden Instanzen nicht gegeben. Ausserdem haben wir es hier mit dem Typus Berater zu tun, der eher dazu geneigt ist seine Vorgehensweise für sich zu behalten.

Die Presencing Institute Website liefert nebst Artikeln von Otto Scharmer, konkrete Werkzeuge für die einzelnen Phasen des U, wie aus der nachfolgenden Abbildung zu sehen ist:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: U-Browser der Presencing Website mit Methoden

Die einzelnen Methoden lassen sich wie folgt den sieben Phasen zuordnen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 5: U-Browser: Methoden zu Phasen

Diese Methoden Landkarte wurde von Otto Scharmer entwickelt und zur Verfügung gestellt. Die Methoden sind in einem Theorie U Toolbook (deutsch: Trobisch, N. 2013) detailliert beschrieben und so auch anwendbar.

[...]


[1] Oliver Wendell Holmes (1809-1894), US-amerikanischer Mediziner, Schriftsteller und 1. Dekan der Harvard Medical School, Boston

[2] Gemäss amazon.de: http://www.amazon.de/gp/product/1605099260/ref=oh_details_o00_s00_i00 (Online 26.1.2013)

[3] Intervention (lat. intervenire = dazwischenkommen; dazwischentreten, sich einschalten) bezeichnet das Eingreifen einer bis dahin unbeteiligten Partei/Person in eine Situation. Meist sind dabei externe Berater gemeint, die einer Organisation oder einem sozialen Gefüge helfen Veränderungen zu gestalten

[4] Presencing ist ein Wortspiel aus „Presence“ (Anwesenheit) und „Sensing“ (Spüren)

[5] die Zusätze in [ ] stammen von Autor und sollen die Verbindung zur Abbildung erleichtern.

[6] URL: http://www.presencing.com/tools/u-browser

[7] Stand 30.1.2013

[8] Stand 30.1.2013

Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
"Theorie U" von Otto Scharmer in der Praxis
Hochschule
ZHAW - Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften  (School of Management and Law)
Veranstaltung
MAS Human Systems Engineering
Note
1.5
Autor
Jahr
2013
Seiten
103
Katalognummer
V267786
ISBN (eBook)
9783656577522
ISBN (Buch)
9783656577515
Dateigröße
3545 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Note auf deutsches System konvertiert
Schlagworte
Theorie U, Human Change Management, Moderation, Methoden, Praxisbeispiele, Anwendung
Arbeit zitieren
Michael Wyrsch (Autor), 2013, "Theorie U" von Otto Scharmer in der Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267786

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