Die Arbeit nimmt die in der empirischen Kommunikations- und Journalismusforschung bislang wenig beachtete Gruppe der EU-Journalisten bei transnational ausgerichteten Medien wie der Financial Times oder European Voice in den Blick. Anhand von standardisierten Leitfadengesprächen sowie eines Fragebogens werden das Selbstverständnis und die Arbeitsweise dieser Journalisten untersucht. Diese Fragestellung ist relevant, weil diese Journalisten anders als die Korrespondenten nationaler Blätter eine nicht von Staatsgrenzen definierte Leserschaft bedienen. Dies hat Auswirkungen auf das Framing von EU-Nachrichten, auf die Nachrichtenauswahl und, wie sich zeigt, auch auf das Rollenbild dieser Journalisten.
Die Arbeit fasst zunächst den Stand der transnationalen Journalismusforschung zusammen, nennt mögliche Einflüsse auf Selbstverständnis und Arbeitsweise der zu befragenden Journalisten und verortet sich selbst im Feld der journalistischen Kulturforschung. Anschließend wird eine Typologie der transnationalen EU-Medien erstellt, mit der auch die Auswahl der befragten Journalisten begründet wird.
Anhand der Leitfadengespräche und Fragebögen wird im empirischen Teil umfassend beschrieben, wie transnational ausgerichtete Journalisten arbeiten, was ihr Selbstverständnis ist, welche Einflüsse auf ihre Arbeit sie als relevant beschreiben und was den "Eurojournalismus" ausmacht. Hierbei wird ausführlich aus den Leitfadengesprächen zitiert. Darauf aufbauend werden Realtypen der transnational tätigen EU-Journalisten kondensiert. Die Arbeit schließt mit einem Vergleich von transnationalen und herkömmlichen, im nationalen Raum angesiedelten Studien und gibt einen Ausblick auf Ansätze für weitere Forschungen etwa im Feld der journalistischen Kultur oder der politischen Kommunikationskultur.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Transnationale Journalismusforschung: Forschungsstand
II.1 Ansätze zur Beschreibung und Erklärung von Journalismus
II.1.1 Journalistenstudien
II.1.2 Journalistische Kultur
II.2 Europäische Öffentlichkeit
II.3 Transnationaler Journalismus
II.3.1 Transnationaler Journalismus – eine Forschungslücke
II.3.2 Relevanz des Eurojournalismus
III. Erkenntnisinteresse
IV. Analysedimensionen
IV.1 Die „transnationale Medienlandschaft“ in Brüssel
IV.1.1 Ausrichtung des Nachrichtenprodukts
IV.1.2 Publikum
IV.1.3 Konkurrenzorientierungen
IV.2 Selbstverständnis
IV.2.1 Rollenbild
IV.2.2 Rolle der Medien
IV.2.3 Aktivität und Advokatismus
IV.2.4 Einstellungen zur EU
IV.3 Arbeitsweise
IV.3.1 Recherche
IV.3.2 Zugang zu Quellen
IV.3.3 Nachrichtenauswahl
IV.3.4 Perspektive
IV.3.5 Vermittlungstechniken
IV.3.6 Stil und Sprache
IV.3.7 Legitimations- und Kontrollfunktion
IV.4 Mögliche Kontext- und Einflussfaktoren
IV.4.1 Constraints und redaktioneller Freiheitsgrad
IV.4.2 Ressourcen
IV.4.3 Komplexität europäischer Entscheidungsfindung
IV.4.4 Der Einfluss nationaler Kultur
V. Zur Methodik transnationaler Journalistenstudien
V.1 Design der vorliegenden Untersuchung
V.1.1 Vorzüge und Einschränkungen
V.1.2 Reliablität und Validität
V.1.3 Theoriesättigung
V.2 Zusammensetzung des Samples
V.2.1 Transnationale Medien
V.2.2 Auswahl und Vorstellung der Untersuchungsobjekte
V.3 Erhebung und Auswertung
VI. Ergebnisse
VI.1 Die „transnationale Medienlandschaft“
VI.1.1 Nachrichtenanbieter in Selbst- und Fremdbeschreibungen
VI.1.2 Relevanz und Rezeption
VI.1.3 Publikum
VI.1.4 Konkurrenzorientierungen
VI.2 Selbstverständnis
VI.2.1 Rollenbild
VI.2.2 Rolle der Medien
VI.2.3 Aktivität und Advokatismus
VI.2.4 Einstellungen zur EU
VI.3 Arbeitsweise
VI.3.1 Recherche
VI.3.2 Zugang zu Quellen
VI.3.3 Nachrichtenauswahl: Themen
VI.3.4 Nachrichtenauswahl: Relevanzzuschreibung
VI.3.5 Nachrichtenauswahl: Nachrichtenfaktoren
VI.3.6 Perspektive
VI.3.7 Vermittlungstechniken
VI.3.8 Stil und Sprache
VI.3.9 Legitimations- und Kontrollfunktion
VI.4 Kontext- und Einflussfaktoren
VI.4.1 Constraints und redaktioneller Freiheitsgrad
VI.4.2 Ressourcen
VI.4.3 Komplexität europäischer Entscheidungsfindung
VI.4.4 Der Einfluss nationaler Kultur
VI.5 Vergleich mit national orientierten Korrespondentenstudien
VI.5.1 Publikum
VI.5.2 Selbstverständnis
VI.5.3 Arbeitsweise
VI.6 Charakteristika des Eurojournalismus
VI.6.1 Das publizistische Subsystem Eurojournalismus
VI.6.2 Selbstverständnis: Realtypen der Eurojournalisten
VI.6.3 Arbeitsweise: Der „global style“ der Eurojournalisten
VI.7 Ein Journalismus für die europäische Öffentlichkeit?
VII. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Selbstverständnis und die Arbeitsweisen von Journalisten in transnationalen Nachrichtenorganisationen mit dem Ziel, die Existenz eines distinkten "Eurojournalismus" zu identifizieren und dessen Funktion in einem europäischen oder transnationalen Kontext zu beschreiben.
- Transnationale Journalismusforschung und europäische Öffentlichkeit
- Strukturen der transnationalen Medienlandschaft in Brüssel
- Selbstverständnis und Rollenbilder von Eurojournalisten
- Arbeitsweisen, Recherchemethoden und Nachrichtenauswahl im transnationalen Kontext
- Einflussfaktoren wie Ressourcen, redaktionelle Freiheit und nationale Sozialisation
Auszug aus dem Buch
II.1 Ansätze zur Beschreibung und Erklärung von Journalismus
Journalismusforschung umfasst eine Sphäre des journalistischen Subjekts, eine Sphäre der Institution, eine Sphäre der Medienstrukturen sowie eine Gesellschaftssphäre (Kübler 2005: 184). Diese Sphären beschreiben die Berufsrollen von Journalisten, ihren Platz in der redaktionellen Nachrichtenproduktion, berufliche Standards sowie politische, kulturelle, rechtliche, ökonomische und technische Kontextfaktoren. Aufbauend auf den Studien von Gans (1979) und Gitlin (1980) haben Autoren versucht, Journalismus in verschiedene Dimensionen und Ebenen aufzuschlüsseln und so das Zustandekommen von Nachrichten und Journalismus selbst umfassend zu erklären (Preston 2009a). Einflussreich ist dabei das Hierarchy-of-Influences-Modell (Shoemaker / Reese 1996, vgl. Weischenberg 1995). Reese (2007a) benennt folgende Einflussfaktoren auf Nachrichteninhalte:
Individuum: z.B. Sozialisation und Einstellungen
Routinen: z.B. Nachrichtenselektion
Medienorganisationen, z.B. redaktionelle Hierarchien
Soziale Kräfte und Institutionen, z.B. Publikumserwartungen
Ideologie der Gesamtgesellschaft und Status-quo-Orientierung.
Aus dieser Aufschlüsselung von Einflüssen auf den Journalismus ergeben sich auf verschiedenen Ebenen Ansätze zur Erforschung von Journalismus.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Relevanz eines transnationalen Journalismus angesichts der zunehmenden Europäisierung der Politik und formuliert das Forschungsdesiderat sowie das Ziel der Untersuchung.
II. Transnationale Journalismusforschung: Forschungsstand: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über bestehende Ansätze zur Erforschung transnationaler Journalismen, journalistischer Kulturen und der europäischen Öffentlichkeit.
III. Erkenntnisinteresse: Hier wird das Erkenntnisinteresse präzisiert, das auf die Identifizierung gemeinsamer Selbstverständnisse und Arbeitsweisen von EU-Journalisten in transnationalen Nachrichtenorganisationen abzielt.
IV. Analysedimensionen: Dieses Kapitel definiert die Dimensionen zur Operationalisierung des Selbstverständnisses und der Arbeitsweise sowie die zu berücksichtigenden Kontextfaktoren.
V. Zur Methodik transnationaler Journalistenstudien: Hier wird das methodische Design der Untersuchung erläutert, das qualitative Interviews mit Journalisten und eine ergänzende Fragebogenerhebung kombiniert.
VI. Ergebnisse: Der Hauptteil präsentiert die empirischen Befunde zu Medienlandschaft, Selbstverständnis, Arbeitsweise sowie den Kontextfaktoren der befragten Journalisten.
VII. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und reflektiert die Rolle des Eurojournalismus in einer (derzeit segmentierten) europäischen Öffentlichkeit.
Schlüsselwörter
Eurojournalismus, Transnationaler Journalismus, EU-Berichterstattung, Journalistische Kultur, Selbstverständnis, Arbeitsweise, Nachrichtenorganisationen, Europäische Öffentlichkeit, Medienlandschaft, Rollenbild, Nachrichtenselektion, Elitenmedien, Brüssel-Korrespondenten, Professioneller Journalismus, Transnationale Kommunikation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Selbstverständnis und die Arbeitsweisen von Journalisten, die in transnationalen Nachrichtenorganisationen über die Europäische Union berichten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die transnationale Medienlandschaft in Brüssel, das professionelle Selbstverständnis der Journalisten, ihre täglichen Arbeitsroutinen sowie die Einflussfaktoren, die ihre Arbeit bestimmen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es, zu ermitteln, ob es einen eigenständigen "Eurojournalismus" gibt, der sich durch gemeinsame Praktiken und Selbstverständnisse auszeichnet, und wie sich dieser in ein transnationales Mediensystem einfügt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Studie nutzt einen qualitativen Ansatz, bestehend aus leitfadengestützten Interviews mit zwölf Journalisten und einer ergänzenden quantitativen Befragung via Fragebogen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Medienlandschaft, die Untersuchung von Rollenbildern und Arbeitsroutinen sowie die Identifizierung spezifischer Realtypen des Eurojournalisten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Eurojournalismus, Transnationaler Journalismus, EU-Berichterstattung, journalistische Kultur und Rollenbilder sind zentrale Begriffe der Studie.
Gibt es einen gemeinsamen "global style" bei den befragten Journalisten?
Ja, die Studie identifiziert einen faktenzentrierten, professionell-distanzierten Stil, der stark am angelsächsischen Ideal der Objektivität orientiert ist und als "global style" bezeichnet wird.
Wie unterscheidet sich der "Eurojournalist" vom nationalen EU-Korrespondenten?
Im Gegensatz zu nationalen Korrespondenten, die oft eine "nationale Brille" tragen und ihre Leserschaft im Heimatland haben, berichten Eurojournalisten für ein transnationales Publikum und abstrahieren von spezifisch nationalen Perspektiven.
Welche Rolle spielt das Publikum für die Arbeit der Journalisten?
Das Publikum ist ein maßgeblicher Einflussfaktor. Journalisten in transnationalen Organisationen richten sich primär an eine akademisch gebildete Elite und passen ihre Berichterstattung an deren professionelle Informationsbedürfnisse an.
Ist der Eurojournalismus eine "Blaupause" für eine europäische Öffentlichkeit?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass der derzeitige Eurojournalismus eher für eine segmentierte Elitenöffentlichkeit funktioniert und noch nicht die demokratischen Funktionen einer umfassenden europäischen Öffentlichkeit erfüllt.
- Citar trabajo
- Jan Georg Plavec (Autor), 2010, Eurojournalismus. Selbstverständnis und Arbeitsweise von EU-Journalisten in transnationalen Nachrichtenorganisationen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268102