Sowohl aus Sicht der Entwicklungsländer als auch aus der Perspektive europäischer und anderer Geberländer bestehen Zusammenhänge zwischen Migrations- und Entwicklungspolitik. In der von Ulrich Beck beschriebenen Weltrisikogemeinschaft (vgl. Beck 2007) sind alle mit allen in einem gemeinsamen Szenario globaler Probleme wie Klimawandel, Terrorismus, Armut und damit verknüpft auch regulärer und irregulärer Migration miteinander verbunden. „Mit der ‚Einen Welt‘ rückte nicht so sehr die romantische Vision einen heilen Einen Welt, sondern eher eine Welt voller Gefahren näher, auch in Gestalt von Elends- und Umweltflüchtlingen“ (Nuscheler 2012, S. 25). Angesichts der Globalisierung von Konflikten braucht es eine Global Governance, die auch die weltweite Anerkennung von Menschenrechten und die Befolgung völkerrechtlicher Standards beinhaltet (vgl. Nuscheler 2012, S. 57). In diesem Kontext sind globale Wanderungsbewegungen und als Teil davon individuelle Migrationsentscheidungen in Zusammenhang zu bringen mit internationalen Beziehungen, die wiederum auch entwicklungspolitische Aspekte beinhalten.
Diese Arbeit will diese Zusammenhänge für Deutschland betrachten und dabei insbesondere den Blick auf die Rolle der Zugewanderten für die Entwicklungsvorhaben Deutschlands richten. Dazu soll im ersten Kapitel umrissen werden, welche Formen von Migration hier relevant sind und wie sich Einwanderung in den letzten Jahrzehnten dargestellt hat. Im Anschluss daran wird auf Entwicklungspolitik in globaler Hinsicht und in Bezug auf deutsche Aktivitäten eingegangen und auf die Relevanz der Ziele der Vereinten Nationen. Kapitel 4 will dann konkret die Frage beleuchten, inwieweit für Deutschland Migration und Entwicklung miteinander in Bezug stehen. Dazu werden die Aspekte Braindrain/Braingain, Diasporagemeinschaften und Rücküberweisungen herausgegriffen. Das Fazit fasst die Erkenntnisse abschließend zusammen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Migrantinnen und Migranten in Deutschland
3. Entwicklungspolitik
3.1 Grundlagen und Begriffe
3.2 Millennium-Entwicklungsziele
3.3 Deutschland: Bund und Länder
3.3.1 Migration und Entwicklungspolitik auf Bundesebene
3.3.2 Migration und Entwicklungspolitik am Beispiel Berlin
4. Deutschland und die Herkunftsländer: Entwicklung durch Migration?
4.1 Selbstorganisationen und Unternehmen
4.2 Braindrain / Braingain
4.3 Rücküberweisungen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die komplexen Wechselwirkungen zwischen Migration und Entwicklungspolitik in Deutschland. Das zentrale Ziel ist es zu analysieren, welche Rolle Migrantinnen und Migranten als Akteure in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit einnehmen und wie ihr Wissen sowie ihre finanziellen Ressourcen für eine nachhaltige Entwicklung der Herkunftsländer genutzt werden können.
- Die Rolle von Migranten als entwicklungspolitische Akteure
- Analyse der Millennium-Entwicklungsziele im deutschen Kontext
- Untersuchung der Phänomene Braindrain und Braingain
- Die Bedeutung von Rücküberweisungen für die Entwicklungsfinanzierung
- Synergien durch Diasporagemeinschaften und Selbstorganisationen
Auszug aus dem Buch
4. Deutschland und die Herkunftsländer: Entwicklung durch Migration?
Es gibt eine Reihe von Schnittstellen, an denen sich entwicklungs- und migrationspolitische Gesichtspunkte treffen. Hierzu gehören die Koppelung von Entwicklungshilfe an Auswanderungskontrolle, Bildungs- und Fachkräftethemen, Austauschprogramme und viele andere. An dieser Stelle sollen drei Punkte herausgehoben und näher beleuchtet werden, da sie für die aktuelle Situation und für Deutschland wichtig sind. Ressourcen im Bereich Wissen spielen in der (deutschen) „Wissensgesellschaft“ (u.a.: Frühwald 1996) eine zunehmende Rolle, Migrantenselbstorgansationen und –wirtschaftsunternehmen wird wachsende Bedeutung zugesprochen (vgl. Pries/Sezgin 2010 und Franken 2006). Remittances, auf Deutsch Rücküberweisungen, haben in kurzer Zeit derart zugenommen, dass sie zu einem weltwirtschaftlich relevanten Faktor geworden sind.
Zusammenschlüsse von Migranten aus gleichen Regionen, zum Beispiel Vereine, werden Diasporagemeinschaften genannt. Viele von ihnen bauen im Aufnahmeland oder in ihren Herkunftsländern wirtschaftliche Unternehmungen auf oder regen wohltätige Aktionen in der Heimat an. „Damit stärken sie die dortige lokale Infrastruktur und die Wirtschaft im Allgemeinen. In der Fremde gewonnenes Kapital und Know-how kommen so ihren Herkunftsländern wieder zu Gute“ (BMZ 2011, S. 9). Der Begriff der Diaspora muss dabei sehr differenziert gebraucht werden, denn diese Gemeinschaften sind vielfältig und heterogen. Zudem agieren sie in einem Rahmen von Beziehungen und auch Konflikten, die in den Herkunftsländern virulent sind, die aber von außen, also aus deutscher Sicht, häufig nicht ausreichend verstanden werden. Dennoch hat die Bundesregierung für sich erkannt, dass die Ziele diasporischer Organisationen sich mit denen der Entwicklungsarbeit häufig decken. Daher hat sich auch Berlin im Rahmen eines breiten Dialoges vorgenommen, neue Synergien und bereichsübergreifende Kooperationen verschiedener Akteure zu ermöglichen, damit „das Wissen und die Erfahrung von Menschen mit migrantischem und diasporischem Hintergrund besonders einbezogen werden“ können (LEZ 2012, S. 4).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet das Thema im Kontext der globalen Risikogesellschaft und legt den Fokus auf die Rolle von Zugewanderten für deutsche Entwicklungsvorhaben.
2. Migrantinnen und Migranten in Deutschland: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung von Zuwanderung seit Mitte des 20. Jahrhunderts nach und beleuchtet aktuelle Debatten um Asyl und EU-Mobilität.
3. Entwicklungspolitik: Hier werden grundlegende Begriffe definiert, die UN-Millennium-Entwicklungsziele vorgestellt und die entwicklungspolitischen Strukturen in Deutschland auf Bundes- und Landesebene analysiert.
4. Deutschland und die Herkunftsländer: Entwicklung durch Migration?: Das Kapitel untersucht zentrale Schnittstellen wie Diasporagemeinschaften, den Wissensabfluss (Braindrain) bzw. -gewinn (Braingain) und die ökonomische Relevanz von Rücküberweisungen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und konstatiert, dass das Potenzial der Migranten für die Entwicklungszusammenarbeit noch unzureichend genutzt wird.
Schlüsselwörter
Migration, Entwicklungspolitik, Entwicklungszusammenarbeit, Deutschland, Diaspora, Braindrain, Braingain, Rücküberweisungen, Millennium-Entwicklungsziele, Wissensgesellschaft, Globalisierung, Integrationspolitik, Migrantenselbstorganisationen, Nachhaltigkeit, Nord-Süd-Konflikt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen Migration und der deutschen Entwicklungspolitik, insbesondere der Rolle von Migranten als Akteure in diesem Prozess.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Bedeutung von Diasporagemeinschaften, die Auswirkungen von Braindrain und Braingain sowie die ökonomische Funktion privater Rücküberweisungen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Untersuchung?
Das Ziel ist die Analyse der entwicklungspolitischen Bedeutung von Migration für Deutschland und wie das Wissen und Kapital von Zugewanderten für die Herkunftsländer genutzt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf Literaturrecherche und der Auswertung von entwicklungspolitischen Leitlinien sowie Regierungsdokumenten basiert.
Welche Schwerpunkte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der deutschen Migrationsgeschichte, die Grundlagen der Entwicklungspolitik und eine vertiefte Analyse spezifischer Transfermechanismen zwischen Herkunfts- und Aufnahmeländern.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Rücküberweisungen, Diaspora, Braindrain, Entwicklungszusammenarbeit und zirkuläre Migration stehen im Zentrum der begrifflichen Untersuchung.
Wie bewertet der Autor die Rolle Berlins bei der Umsetzung entwicklungspolitischer Ziele?
Der Autor stellt fest, dass es kaum Schnittmengen zwischen den spezifischen Leitlinien des Landes Berlin und den UN-Millenniumszielen gibt, da Berlin kaum als eigenständiger Akteur in der Außenpolitik auftritt.
Warum wird die Diskussion über Rücküberweisungen als einseitig kritisiert?
Der Autor kritisiert, dass westliche Staaten Rücküberweisungen zwar als Entwicklungshilfe deklarieren, dabei aber die Tatsache ignorieren, dass es sich um hart erarbeitetes privates Kapital der Migranten handelt.
- Citar trabajo
- Gökcen Medik (Autor), 2013, Migranten und Migrantinnen als Akteure deutscher Entwicklungspolitik, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268513