Der Roman Die Arbeit der Nacht gilt als die bis dahin erfolgreichste Veröffentlichung des österreichischen Schriftstellers Thomas Glavinic. Die im Jahr 2006 erschienene Erzählung beinhaltet den Zeitraum vom 4. Juli bis zum 20. August eines nicht näher genannten Jahres, während dessen sich der Protagonist Jonas allein durch eine ansonsten von Menschen und Tieren verlassene, äußerlich jedoch nicht in Mitleidenschaft gezogene Welt schlagen muss. Die Tatsache dieser Isolation von Mitmenschen und der nicht beantworteten Frage nach dem ‚Warum‘ treiben Jonas an, seine Umwelt zu untersuchen und letztlich seine Tage auf irgendeine sinnige Weise zu verbringen, bis er schließlich seinem Leben durch einen Sturz vom Wiener Stephansdom ein Ende setzt.
Glavinic greift mit diesem Roman das Robinson-Schema auf, welches durch Daniel Defoes Roman The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner einer breiten Leserschaft bekannt gemacht wurde. Der Held muss lernen, völlig auf sich allein gestellt in einer seltsam anmutenden Umgebung zurechtzukommen. Der Roman steht somit in der Tradition von genanntem Roman von Defoe, aber auch in der Tradition neuerer Robinsonaden, wie beispielsweise Die Wand von Marlene Haushofer. Erstaunliche Parallelen zeigen sich auch zu den im gleichen Jahr erschienenen Filmen I AM LEGEND (USA 2007) und PARANORMAL ACTIVITY (USA 2007), wobei im Ersten ebenfalls das Überleben in einer von Menschen unbewohnten Stadt im Vordergrund steht, im Zweitem das Motiv der nächtlichen Kameraaufzeichnungen und das unwissentliche Handeln der Menschen bei Nacht zentrale Ereignisse darstellen. Beides sind Elemente, die für Die Arbeit der Nacht eine zentrale Rolle spielen, und die daher auch in der vorliegenden Arbeit thematisiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Romantyp „Robinsonade“
2.1. Grundsätzliches: Die Isolation des Protagonisten
2.2. Merkmale der modernen Robinsonade nach Mara Stuhlfauth
2.3. Kritische Betrachtung dieser Konzeption der modernen Robinsonade
3. Die Begleiter des Protagonisten
3.1. Die Ausgangssituation: Isolation und Überlebenskampf
3.2. Das Doppelgänger-Motiv
3.3. Die Erinnerung an Marie
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert Thomas Glavinics Roman "Die Arbeit der Nacht" unter Berücksichtigung des Romantypus der Robinsonade. Dabei steht die Untersuchung der verschiedenen "Begleiter" des Protagonisten Jonas – insbesondere seines schlafwandelnden Alter Egos sowie seiner Erinnerungen an seine verstorbene Geliebte Marie – im Zentrum, um aufzuzeigen, wie Jonas seiner vollkommenen Isolation entgegenzuwirken versucht.
- Die Robinsonade als literarischer Romantypus und deren Grundmuster
- Die psychische Bewältigung der absoluten Isolation durch den Protagonisten
- Das Doppelgänger-Motiv als Ausdruck der Identitätsaufspaltung
- Die Funktion von Erinnerungen und imaginierten Gefährten
- Der Zusammenhang zwischen Isolation und dem Suizid des Protagonisten
Auszug aus dem Buch
3.2. Das Doppelgänger-Motiv
Da das physische Überleben für die Handlung als gesichert angesehen werden kann, dreht sich in Glavinics Roman hauptsächlich um den psychischen Überlebenskampf von Jonas. Jonas ist ab dem 4. Juli vollkommen auf sich allein gestellt. Er hat keine Menschen, mit denen er sich austauschen kann, er hat kein Gegenüber, mit dem er interagieren kann. Er ist auch nicht auf die Erledigung bestimmter Aufgaben angewiesen, die sein Überleben sichern müssten. Angesichts des Fehlens dieser äußeren Antriebe, verliert er recht bald schon seinen natürlich Wach-Schlaf-Rhythmus: „Dennoch wollte er nicht ins Bett gehen, er war zu neugierig. Er konnte ja am nächsten Tag ausschlafen.“ Er verbringt seine Tage vermehrt damit, seinen Schlaf aufzuzeichnen und sich anschließend, entweder im Schnelldurchlauf oder in normaler Geschwindigkeit, die Bänder seines Schlafs anzuschauen. Seine Tage verlieren in diesen Fällen den nötigen Inhalt, die Struktur seines Tagesablaufs verliert sich nach und nach.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in den Roman "Die Arbeit der Nacht" ein, verortet ihn in der Tradition der Robinsonade und benennt die Forschungsfrage bezüglich der Begleiter des Protagonisten Jonas.
2. Der Romantyp „Robinsonade“: Das Kapitel definiert den Begriff der Robinsonade anhand klassischer Vorbilder und der wissenschaftlichen Konzeption von Mara Stuhlfauth, wobei besonders das Motiv der Isolation hervorgehoben wird.
2.1. Grundsätzliches: Die Isolation des Protagonisten: Dieses Kapitel erläutert das Kernmerkmal der Robinsonade als unfreiwillige Isolation und grenzt unterschiedliche Ausprägungen dieses Motivs in verschiedenen Werken voneinander ab.
2.2. Merkmale der modernen Robinsonade nach Mara Stuhlfauth: Hier werden die fünf thematischen Grundmuster der Robinsonade nach Stuhlfauth – Isolation, Überleben, Inneres der Robinsonfigur, Gefährten und fiktionale Autobiografie – vorgestellt.
2.3. Kritische Betrachtung dieser Konzeption der modernen Robinsonade: Der Autor hinterfragt Stuhlfauths Merkmalskatalog kritisch und konstatiert, dass die Isolation das dominante Hauptmerkmal ist, dem alle anderen Motive untergeordnet sind.
3. Die Begleiter des Protagonisten: Dieses Hauptkapitel widmet sich der konkreten Analyse der verschiedenen Mechanismen, mit denen Jonas versucht, seine Einsamkeit in der Welt von Glavinics Roman zu überwinden.
3.1. Die Ausgangssituation: Isolation und Überlebenskampf: Das Kapitel beschreibt den plötzlichen Beginn der Isolation für Jonas, das Fehlen von sozialen Kontakten und seinen Versuch, mittels Kameraufzeichnungen nach anderen Menschen zu suchen.
3.2. Das Doppelgänger-Motiv: Hier wird analysiert, wie Jonas durch seinen nächtlichen Schlafwandler – "den Schläfer" – ein zweites Ego erschafft, um sein Bedürfnis nach Kommunikation und Interaktion innerhalb der Einsamkeit zu stillen.
3.3. Die Erinnerung an Marie: Dieses Kapitel untersucht die Funktion der Erinnerung an die verstorbene Geliebte Marie, die für Jonas als psychische Stütze und konstruierter Begleiter fungiert, bis er schließlich ihrem Schicksal folgt.
4. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und bekräftigt die zentrale These, dass Jonas durch die Konstruktion von Gefährten wie dem "Schläfer" und der imaginierten Marie seinen psychischen Überlebenskampf führt.
Schlüsselwörter
Thomas Glavinic, Die Arbeit der Nacht, Robinsonade, Isolation, Jonas, Der Schläfer, Doppelgänger-Motiv, Einsamkeit, Überlebenskampf, Marie, Identitätsaufspaltung, Fiktionale Autobiografie, Psychologie, Literaturwissenschaft, Suizid
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Thomas Glavinics Roman "Die Arbeit der Nacht" als eine Form der modernen Robinsonade und untersucht, wie der Protagonist Jonas in seiner vollkommenen Isolation soziale Interaktion und psychisches Überleben durch die Konstruktion imaginärer Gefährten sichert.
Welche sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören das Motiv der Isolation, das Konzept der Robinsonade, Identitätsaufspaltung durch Doppelgänger-Motive, die Funktion von Erinnerungen sowie die psychologische Verarbeitung von Einsamkeit.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Arbeit fragt danach, wie Jonas trotz der absoluten Abwesenheit von Mitmenschen in Kontakt mit "anderen" tritt und welche Folgen diese Interaktionen für seine psychische Stabilität und seinen weiteren Lebensweg haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Roman auf Basis gattungstypologischer Merkmale der Robinsonade (nach Mara Stuhlfauth) untersucht und durch psychologische Ansätze, wie die Traumdeutung nach Freud, ergänzt.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zur Robinsonade, eine Analyse von Jonas' Isolation, die Untersuchung seines Alter Egos ("der Schläfer") und die Bedeutung seiner Erinnerungen an seine verstorbene Geliebte Marie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Publikation am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Robinsonade, Isolation, Identitätsaufspaltung, psychischer Überlebenskampf, Thomas Glavinic und literarische Begleiter-Motive charakterisieren.
Warum spielt der "Schläfer" für Jonas eine so wichtige Rolle?
Der "Schläfer" fungiert als schlafwandelndes Alter Ego, das Jonas ermöglicht, das Bedürfnis nach einem Gegenüber zu befriedigen. Er wird zu einem dominanten Gegenspieler, der Jonas' Identität aufspaltet und ihm die Illusion von Interaktion gibt.
Inwieweit dienen die Erinnerungen an Marie Jonas als Lebenshilfe?
Die Erinnerungen an Marie fungieren als emotionaler Hort, der Jonas in seiner Isolation tröstet und motiviert. Jonas steigert sich derart in diese Erinnerungen hinein, dass sie für ihn eine reale Qualität annehmen, was ihm hilft, sein Ziel – die Reise nach England – zu verfolgen.
- Citation du texte
- Patrik Grün (Auteur), 2013, Gefährten in der Einsamkeit. Die Begleiter des Protagonisten Jonas in 'Die Arbeit der Nacht' von Thomas Glavinic., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268683