Stadtplanung und Stadterneuerung im Nationalsozialismus


Seminararbeit, 2013

24 Seiten, Note: 13 Punkte


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Größenwahn des Nationalsozialismus in der Architektur

2. Stadtplanung und deren Umsetzung im Deutschen Reich
2.1. Grundlagen: Die Ideen des Nationalsozialismus.
2.1.1. Hintergrundgedanke.
2.1.2. Ideologie..
2.2. Die verschiedenen Stadtmodelle..
2.2.1. Das technokratische Prinzip
2.2.1.1. Technokratie: Erklärung
2.2.1.2. Umsetzung im Nationalsozialismus
2.2.2. Das völkisch-organisches Prinzip im Kontext.
2.3. Stadtplanungen anhand von Beispielen
2.3.1. Berlin
2.3.1.1. Die Idee der Neugestaltung Berlins.
2.3.1.2. Die Ost-West-Achse..
2.3.1.3. Die Nord-Süd-Achse.
2.3.2. München
2.3.3. Nürnberg
2.3.4. Salzgitter
2.3.4.1. Gründe für die Standortwahl.
2.3.4.2. Der Siedlungsraum um Salzgitter..
2.3.4.3. Die Stadt Salzgitter
2.4 Gründe für das Scheitern „Germanias“ anhand der „Großen Halle“.

3. Abschließendes Fazit: Zum Scheitern verurteilt? Stadtplanung in der NS-Zeit..

Abschließend folgen Anhang und Quellenteil

1. Der Größenwahn des Nationalsozialismus in der Architektur

“ Der Städtebauer1 sei kein Ideologe, der einer Laune, einer Mode, einer Kunstidee zuliebe dem Ganzen Gewalt antue” 2

Stadtplanung ist ein Thema, das in Städten und Stadtratgremien immer wieder auftaucht und auch nie ganz aus dem Aufgabenbereich eines Staates verschwindet. Solange es Städte gibt, gibt es auch jene die die Städte planen und organisieren. Dennoch soll der Städtebauer laut dem Zitat Theodor Fischers kein Ideologe sein, der alles niederreißt und von Grund auf neu errichtet, nur um seinem eigenen Wahn gerecht zu werden. Leider trifft jedoch ebendies auf das dritte Reich zu. Bevor aber die Stadterneuerung und Neuplanung näher beleuchtet wird, soll der Größenwahn und die fanatische Ideologie des NS-Regimes anhand der damaligen Architektur und Baukunst kurz erläutert werden. Im Nationalsozialismus gab es drei verschiedene, entscheidende Stilrichtungen in der Architektur. Zum einen ist der „sachliche Baustil“ zu nennen, der sich am „neuen Bauen“ (Einsatz neuer Werkstoffe zur Entwicklung einer völlig neuen Form des Bauen3 ) der 20er Jahre orientiert und vor allem Einzug in Fabriken und anderen Industriegebäuden fand. Ebenfalls hervorzuheben ist der sog. „Heimatschutzstil“, der von der Verwendung heimischer Materialien sowie von ursprünglichen und „deutschen“ Bauweisen und -Traditionen geprägt war. Dieser Stil ist meistens in Wohnungen, Jugendeinrichtungen sowie in Schulgebäuden zu finden. Besonders wichtig aber ist die „monumentalistische Staats- beziehungsweise Parteiarchitektur“4 des Nationalsozialismus. Diese Struktur im politischen Zentrum, der Mitte einer Stadt war damals sehr ausgeprägt vorhanden. Stefan Behm schreibt: „[Sie] spiegelt [den] Größenwahn und Geltungsdrang [der Nationalsozialisten] unmissverständlich wieder“5. Der Effekt, den jener Stein gewordene Größenwahn auf den Betrachter hat, ist überwältigend. Mithilfe von Baumaterialien wie Werkstein (z.B. „edler Granit“) oder Ziegelstein sowie Simplizität gepaart mit Klarheit und Formstrenge strahlen die kolossalen und monumentalen Bauten die gewünschte Erhabenheit und Größe wieder. Auch wirken auf den Betrachter die Gebäude beeindruckend und einschüchternd zugleich, was die militärischen Verhaltensweisen wie Härte, Disziplin und Wehrhaftigkeit des NS-Regimes untermauern sollen.

Alles in allem ist zu sagen, dass diese nationalsozialistischen Prachtbauten dem Größenwahn Hitlers zuzuschreiben sind. Das Regime hatte sämtliche Vernunft, was Größe und Kosten derartiger Bauten anbelangt, verloren und wollte nur noch den wahnsinnigen und ideologisch geprägten Maßstäben, die es sich selbst setzte, gerecht werden. Ähnlich wie in der Architektur war die Besessenheit, etwas zu schaffen, das die Zeit überdauert und die „Großartigkeit“ und „Herrlichkeit“ des Nationalsozialismus widerspiegelt, auch in der Stadtplanung und -Erneuerung vorhanden.

In den folgenden Teilen soll behandelt werden, wie Stadtplanung im dritten Reich in der Theorie aussah und danach an konkreten Beispielen wie Berlin und München verdeutlicht werden. Zum Schluss werden einige architektonische Vorhaben Albert Speers exemplarisch näher betrachtet und hervorgehoben. Anhand dieser Beispiele wird erörtert, weshalb die geplanten baulichen Vorhaben des NS-Regimes zum Scheitern verurteilt waren.

2. Stadtplanung und deren Umsetzung im Deutschen Reich

2.1. Grundlagen: Die Ideen des Nationalsozialismus

2.1.1. Hintergrundgedanke

Der Gedanke 1 hinter der „Neuordnung des deutschen Lebensraumes“2 ist, wie Joachim Petsch schreibt, „die “neue innere Struktur“ der sozialen Gemeinschaft zum Ausdruck [zu] bringen […]“3. Der Städtebau war laut den NS-Städteplanern „durch „Bodenspekulationen“ und „Profitgier“ als Ergebnis der im Liberalismus herrschenden Baufreiheit […] dem Verfall preisgegeben“4. Gemeint ist hier, dass die deutsche Stadt der Ideologie (siehe 2.1.2) des NS-Regimes angepasst werden müsse, da die herrschenden Umstände nicht annähernd annehmbar seien. Der gesamte Städtebau wurde daraufhin auf eine zentrale Stelle konzentriert, also zentralisiert. Somit wurde

also nicht, wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre, die Ursache, nämlich der Kapitalismus und die kapitalistische Wirtschaftsordnung, die versuchte den Boden gewinnbringend zu verkaufen, beseitigt. Der Widerspruch daran allerdings ist, dass die „Neue Stadt“ möglichst die „Volksgemeinschaft“ repräsentieren sollte und damit der pluralistischen Demokratie sowie auch der kommunistischen Gesellschaftsordnung entgegen wirken sollte. Dennoch wird aber (nach marxistischem Vorbild) alles in einer zentralen Leitstelle vereint. Auch wird der Großstadt schwer zu Leibe gerückt, sie gilt als dekadent, chaotisch eng und anrüchig, weshalb sie in drei klare Abschnitte aufgegliedert werden soll. Diese Aufgliederung setzt sich zusammen aus einem politischen Zentrum und darauf folgenden Wohn- sowie kommerziell genutzten Zonen.

2.1.2. Ideologie

Die Teile der 1 nationalsozialistischen Ideologie die für die Stadtentwicklung wichtig sind beruhten auf zwei grundlegenden Ansätzen. Zum einen gab es das Bestreben, den sog. „Lebensraum“ zu vergrößern, da dieser für die „arische Rasse“ (=Indogermanen2 ) angeblich zu klein sei. Dieser Ansatz wird auch als „Blut-und-Boden Gedanke“, also der Bildung einer neuen „Herrenrasse“ bezeichnet. Zum anderen war für das Regime die „Volksgemeinschaft“ von grundlegender Bedeutung. Diese neue Gesellschaft war der direkte Gegenentwurf zur marxistischen Klassengesellschaft und zählte alle deutschen „Arier“ zu ihren Mitgliedern. Außerdem sollte es keine sozialen Unterschiede innerhalb der Gesellschaft geben. Nicht in dieser „Volksgemeinschaft“ enthalten waren allerdings der Großteil der Ausländer, insbesondere alle Juden, Sinti und Roma. Hintergründe zu dieser Ideologie finden sich vor allem in Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Der „Volksgemeinschafts“-Gedanke erlangte im Städtebau später große Wichtigkeit, wie in den folgenden Punkten (2.2.: Die verschiedenen Stadtmodelle) näher beschrieben wird.

2.2. Die verschiedenen Stadtmodelle

2.2.1. Das technokratische Prinzip

2.2.1.1. Technokratie: Erklärung

Der Begriff 3 Technokratie leitet sich aus dem altgriechischen ab und ist bedeutungsgleich mit „Herrschaft der Sachverständigen“ oder „Herrschaft der Technik“. Das Konzept sieht sich als Zwischenweg zu Kapitalismus und Kommunismus und verlangt, dass die Entscheidungshoheit in einem Staat bei den Wissenschaftlern, Ingenieuren und anderen technisch bzw. naturwissenschaftlich begabten Personen liegt. Die Zielsetzung versteht sich in konsequentem, rationalem Durchführen und Erledigen von Aufgaben. Es wird hierbei kein großer Wert auf Demokratie, also Mitsprache des Volkes gelegt.

2.2.1.2. Umsetzung im Nationalsozialismus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 2

Abb 1: Das technokratische Prinzip und das technokratische Stadtbild als Grafik3

Das technokratische Prinzip baut auf den Vorteilen der Stadt sowie des Dorfes auf. Das technokratische Städtebaukonzept der 20er Jahre deklariert den Ortskern als City, also als den wirtschaftlichen Kernbereich. An diesen schließen sich Wohnungen sowie Schrebergärten als Abrundung an. Diese Ideen wurden größtenteils in das technokratische Modell des dritten Reichs übernommen. Hauptvertreter und Entwickler des NS-Modells war Gottfried Feder. Laut Feder sind die Nachteile der Großstadt einerseits die große Kinderarmut, die er auf die mangelnde Bodenverbundenheit, die damit verknüpfte fehlende Sesshaftigkeit und die Vergnügungssucht der Städter als auch auf die hohe Zahl der Verkehrstoten zurück zu führt. Deshalb sieht er Einwohnerzahlen über 600.000 als Gefahr an. Die Nachteile des Dorfes hingegen seien die fehlenden zivilisatorischen und kulturellen Voraussetzungen, wie beispielsweise Strom, fließendes Wasser und Kulturgebäude (Theater, Museen). Außerdem fehlten viele Geschäfts-, Gewerbe-, Verwaltungs- und Bildungsgebäude. Würde man nun aber Großstadt und Dorf kombinieren, so dachte Feder, erhielte man die ideale (Klein-) Stadt. Die hohe Nachfrage der Stadt nach Arbeitskräften wurde durch die Dörfler gedeckt, welche ihrerseits dann über zivilisatorische und kulturelle Einrichtungen verfügen könnten. Außerdem sollte die wirtschaftliche Unabhängigkeit und die hohe Verbundenheit zu Boden und Natur aus dem Dorf übernommen werden. Diese Unabhängigkeit würde zwangsläufig auch zu kürzeren Einkaufswegen sowie zu geringeren Entfernungen zwischen Unterbringung und Arbeitsplatz führen. Die ideale Größe beziffert Gottfried Feder auf ca. 20.000 Einwohner (in etwa mit Landsberg zu vergleichen). Der Aufbau der Stadt sollte in drei Bereiche unterteilt werden. Die Mitte würden die öffentlichen Einrichtungen, der Sitz der Partei sowie die sog. „Volkshalle“ bilden. Nach außen hin sollten Geschäftszonen und Wohnbereiche anschließen. Die Stadt wäre durch zwei große Hauptachsen in vier Bereiche aufgeteilt. Ringförmige Straßen schnitten die Achsen in kleinere Viertel. Im Westen wären Hitlerjugend-Heime sowie Freizeiteinrichtungen geplant gewesen, der Osten sollte aufgrund der vorherrschenden Windrichtung als Hauptstandort der Industrie fungieren. Die Bebauungsdichte sowie die Bevölkerungzahl pro Wohnung sollte zum Stadtrand hin abnehmen. Auch gibt Feder genaue Zahlen über die Einwohner, die in Mietwohnhäusern leben sollten an. Er setzt sie auf 20-30% der Stadtbevölkerung fest. Der Rest der Bevölkerung wohnt in Eigenheimen, deren Gärten nicht größer als 800 m² sein sollten, „[damit] die Geschlossenheit des Ortsbildes [gewahrt wird]“1. Auch legt er großen Wert auf die Unterscheidung in verschiedene Wohnhaustypen. Reihenhäuser und Einzelwohnhäuser bis hin zu den noblen Landhäusern sollen den Stand und den Einfluss in der Gesellschaft wiederspiegeln. Neben der Planung zum Aufbau der Stadt umfasste das technokratische Modell auch Pläne zur Strukturierung des „Stadtorganismus“. Diese basierte auf „Zellen“ von je 3500 Einwohnern, die sich als Verbände um die Stadtmitte ansiedeln sollten und jeweils über eigenständige, öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder Geschäfte verfügen. Diese Zellen werden dann erneut in Untergruppen unterteilt, deren Grundlagen Familien und Hausgemeinschaften sind. Angeführt werden diese von hochrangigen Mitgliedern der NSDAP. Hierbei fällt auf, dass Feder die Partei bereits fest in die Gesellschaftsstruktur verzahnt hatte. Die NSDAP sollte den Kern jeder Zelle und auch den Mittelpunkt der gesamten Stadtbevölkerung bilden. Somit wäre das „Führerprinzip“ und die „Einheit [der] politsche[n] und räumliche[n] Gestaltung“2 zur Vereinfachung der Kontrolle und Gleichschaltung der Bevölkerung in das Modell integriert.

[...]


1 Absatz nach „Architektur und Stadtplanung im Nationalsozialismus“ 2008, S.3

2 Vgl. http://stadtstudium.wordpress.com/tag/theodor-fischer/

3 http://de.wikipedia.org/wiki/Neues_Bauen

4 „Architektur und Stadtplanung im Nationalsozialismus“ 2008, S.3

5 „Architektur und Stadtplanung im Nationalsozialismus“ 2008, S.3 3

1 Absatz nach „Baukunst und Stadtplanung im dritten Reich“ 1976, S.185 und „Architektur und Stadtplanung im Nationalsozialismus“ 2008, S.2

2 „Baukunst und Stadtplanung im dritten Reich“ 1976, S.185

3 „Baukunst und Stadtplanung im dritten Reich“ 1976, S.185

4 „Baukunst und Stadtplanung im dritten Reich“ 1976, S.185 4

1 Absatz nach Architektur im Nationalsozialismus 2008, S.9

2 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Arier

3 Absatz nach http://de.wikipedia.org/wiki/Technokratie 5

1 Absatz nach „Baukunst und Stadtplanung im dritten Reich“ 1976, S.186 und

2 Absatz nach „Die Stadtneugründungen Salzgitter und Wolfsburg im Dritten Reich im Spiegel städtebaulicher nationalsozialistischer Konzepte“ 2006, S.5f

3 Eigens erstellte Grafik

1 „Baukunst und Stadtplanung im dritten Reich“ 1976, S.186

2 „Die Stadtneugründungen Salzgitter und Wolfsburg im Dritten Reich im Spiegel städtebaulicher nationalsozialistischer Konzepte“ 2006, S.6

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Stadtplanung und Stadterneuerung im Nationalsozialismus
Note
13 Punkte
Autor
Jahr
2013
Seiten
24
Katalognummer
V268887
ISBN (eBook)
9783656599067
ISBN (Buch)
9783656599043
Dateigröße
3641 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine größere Abhandlung über Baustile und Stadtmodelle im Nationalsozialismus. Die genannten Beispiele sind Berlin, Salzgitter, München und Nürnberg. Beschrieben sind das technokratische und das völkisch-organische Stadtmodell.
Schlagworte
stadtplanung, stadterneuerung, nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Alexander Epple (Autor), 2013, Stadtplanung und Stadterneuerung im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268887

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