John Bordley Rawls ist einer der einflussreichsten politischen Theoretiker der Gegenwart. Auf sein Opus Magnum „A Theory of Justice“ folgten zahlreiche andere Theorien als Reaktion auf seine „Theorie der Gerechtigkeit“. Zeit seines Lebens widmete er sich der sozialen Gerechtigkeit und entwickelte
vor dem Hintergrund und mit den Idealen einer rechtsstaatlichen westlichen Demokratie seine Ideologie. Doch reagierten nicht nur der Libertarismus und Kommunitarismus mit Kritik auf seine Ausführungen, auch von Seiten des Feminismus wurden Gegenstimmen laut. Denn so sehr sich Rawls zu bemühen schien, allen Ungerechtigkeiten und Zufälligkeiten den Einfluss auf die Lebensgestaltung der Menschen zu nehmen und sie sich nur nach ihren Entscheidungen richten zu lassen, blieb der Einfluss des Geschlechtes auf die Qualität und Entscheidungsfreiheit der Lebensführung weitestgehend unberücksichtigt.
Die Aufgabe der vorliegenden Arbeit ist es, herauszufinden, ob der Liberalismus und der Feminismus miteinander zu vereinbaren sind und ob sich bestimmte feministische Forderungen in die Rawlsianische „Theorie der Gerechtigkeit“ etablieren lassen.
Dazu wird mit den Erläuterungen von Rawls´ Theorie zu beginnen sein. Nachdem Rawls´ Ziele beschrieben wurden, wird das in „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ entwickelte Gesellschaftsvertragsargument dargestellt. Folgend wird die Rational-Choice-Theorie umrissen und Rawls´ Prinzipien vorgestellt.
Daran schließt sich der zweite Teil der Arbeit an, welcher sich mit der Kritik des Feminismus an Rawls´ Ausführungen beschäftigt. Begonnen wird mit der Erläuterung, warum es zu Zeiten vermeintlicher Gleichstellung noch feministische Kritik gibt. Daran anschließend werden knapp einige Differenzen innerhalb des Feminismus dargestellt, wobei u. a. kurz auf die Geschichte des Feminismus eingegangen wird. Anschließend wird geklärt, welcher Strömung des Feminismus in dieser Arbeit argumentativ hauptsächlich gefolgt wird. Daran schließt sich die Kritik der liberalen Feministin Susan Moller Okin an, welche sich explizit mit Rawls´ Gerechtigkeitstheorie auseinandersetzte.
Hierbei wird es um die Kritik an der klassischen Familie und um die Erweiterung von Rawls´ Prinzipien gehen. Folgend wird versucht, nicht sexistische Rawlsianische Prinzipien zu erfassen und die Voraussetzungen für ein solchen Unterfangen umrissen. Abschließend wird zu schauen sein, ob die Forderungen und Umsetzungen von Liberalismus und Feminismus einander ausschließen oder bedingen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung – die bisher vernachlässigte Thematik
2. John Rawls´ Gerechtigkeitskonzept der „Theorie der Gerechtigkeit“
2. 1 Rawls´ Gesellschaftsvertrag – Urzustand und Schleier des Nichtwissens
2. 2 Die Rational-Choice-Theorie: Wie einigen sich die Menschen im Urzustand?
2. 3 Die Grundprinzipien der Gerechtigkeit
3. Die feministische Kritik
3. 1 Differenzen innerhalb der feministischen Strömungen
3. 2 Moller Okins Kritik an Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit
4. Der liberale Feminismus - der feministische Liberalismus: Wie müsste die Theorie der Gerechtigkeit modifiziert werden?
5. Fazit: Liberalismus und Feminismus sind ohne einander defizitär
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Vereinbarkeit von Liberalismus und Feminismus und prüft, inwiefern feministische Forderungen in die Rawlsianische „Theorie der Gerechtigkeit“ integriert werden können, um eine geschlechtergerechte Gesellschaftsordnung zu erreichen.
- Analyse der Gerechtigkeitskonzeption von John Rawls
- Kritische Beleuchtung der Rawls’schen Theorie aus feministischer Perspektive
- Untersuchung der Rolle der Familie und des Geschlechts in liberalen Gesellschaftsmodellen
- Diskussion über die Notwendigkeit von Reformen im gesellschaftlichen Strukturgefüge
- Verhältnis zwischen dem „Schleier des Nichtwissens“ und der Geschlechtergerechtigkeit
Auszug aus dem Buch
2. 1 Rawls´ Gesellschaftsvertrag – Urzustand und Schleier des Nichtwissens
Als „Kriterium praktischer Wahrheit“ und Rechtfertigung der Gerechtigkeitsprinzipien, der gesellschaftlichen Grundordnung und der Legitimität der Güter und Rechte verteilenden Institutionen dient die allgemeine Zustimmungsfähigkeit, welche durch den Kunstgriff des hypothetischen Vertrages, welcher zwischen freien und gleichen Individuen geschlossen werden könnte, hergeleitet wird.
Rawls geht nicht davon aus, dass ein solcher Vertrag tatsächlich mal geschlossen wurde, jemals geschlossen wird oder auch nur geschlossen werden könnte: „Dieser Urzustand wird natürlich nicht als ein wirklicher geschichtlicher Zustand vorgestellt, noch weniger als primitives Stadium der Kultur. Er wird als rein theoretische Situation aufgefa[ss]t, die so beschaffen ist, da[ss] sie zu einer bestimmten Gerechtigkeitsvorstellung führt.“ Er ist lediglich ein Gedankenexperiment, ein „Probierstein“ der Moralität. Es geht ihm darum, gute Gründe und Motive, d. h. welche, die ein jeder hat, zu finden, nach welchen vernünftigerweise alle diesem Vertrag zustimmen könnten. Die Gründe sind nun abhängig von der gedachten Situation, in welcher die Übereinkunft stattfindet, der sogenannte Urzustand. Für einen konsensfähigen Kontraktualismus ist ein akzeptabler Ausgangszustand (also der Urzustand) und Prinzipien, auf die sich alle auf Grundlage des Ausgangszustandes einigen würden, vonnöten.
Wie alle klassischen kontraktualistischen Argumente ist auch Rawls´ in drei Teile gegliedert: 1. Die Ausgangssituation, 2. der vertragliche Einigungsprozess und 3. die Ergebnisse und Konsequenzen des geschlossenen Vertrages. Doch anders als bei den traditionellen Verträgen von bspw. Hobbes ist der erste Teil, die Ausgangssituation, kein rechtloser, chaotischer Raum, welcher von gegenseitigem Misstrauen geprägt ist, als Kriegszustand dargestellt wird und mittels Staatsgründung zu verlassen ist (Naturzustand). Bei Rawls´ Ausgangszustand besteht bereits ein hoher Grad gesellschaftlicher Komplexität, die vorausgesetzte Gesellschaft ist bereits eine gemeinschaftlich, kooperativ güterproduzierende, welche von Arbeitsteilung geprägt ist. Er nimmt eine moderne Gesellschaft an, welche bereits ein komplexer „Verteilungsapparat“ von vielerlei Gütern wie Freiheit, Sicherheit, Bildung, Chancen, Einkommen und Selbstachtung ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung – die bisher vernachlässigte Thematik: Die Einleitung führt in die Relevanz der feministischen Kritik an der politischen Theorie von John Rawls ein und definiert das Ziel der Arbeit, die Vereinbarkeit dieser beiden Strömungen zu prüfen.
2. John Rawls´ Gerechtigkeitskonzept der „Theorie der Gerechtigkeit“: Dieses Kapitel erläutert das Kernkonzept von Rawls, insbesondere den Urzustand und den Schleier des Nichtwissens, sowie die zugrunde liegende Rational-Choice-Theorie.
2. 1 Rawls´ Gesellschaftsvertrag – Urzustand und Schleier des Nichtwissens: Hier wird der theoretische Konstrukt des Urzustandes als Gedankenexperiment zur Findung allgemeiner Gerechtigkeitsprinzipien detailliert dargelegt.
2. 2 Die Rational-Choice-Theorie: Wie einigen sich die Menschen im Urzustand?: Dieser Abschnitt analysiert das Entscheidungsverhalten der Individuen im Urzustand unter Berücksichtigung der Maximin-Strategie.
2. 3 Die Grundprinzipien der Gerechtigkeit: In diesem Kapitel werden die aus dem Urzustand abgeleiteten zwei Gerechtigkeitsgrundsätze von Rawls vorgestellt.
3. Die feministische Kritik: Der Autor beleuchtet die feministische Resonanz auf die Rawls’sche Theorie und kritisiert deren anfängliche Blindheit gegenüber Geschlechtergerechtigkeit.
3. 1 Differenzen innerhalb der feministischen Strömungen: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über verschiedene feministische Wellen und Debatten, etwa zur „Sameness-versus-difference“-Frage.
3. 2 Moller Okins Kritik an Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit: Hier wird die spezifische Kritik von Susan Moller Okin an der vermeintlichen Geschlechtsneutralität bei Rawls und an dessen Familienkonzept diskutiert.
4. Der liberale Feminismus - der feministische Liberalismus: Wie müsste die Theorie der Gerechtigkeit modifiziert werden?: Dieses Kapitel untersucht, wie eine Theorie der Gerechtigkeit angepasst werden müsste, um echte Geschlechtergerechtigkeit als Strukturproblem zu adressieren.
5. Fazit: Liberalismus und Feminismus sind ohne einander defizitär: Das Fazit fasst zusammen, dass Liberalismus und Feminismus gegenseitig voneinander profitieren und keine gegensätzlichen Entwürfe darstellen sollten.
Schlüsselwörter
John Rawls, Gerechtigkeitstheorie, Liberalismus, Feminismus, Urzustand, Schleier des Nichtwissens, Geschlechtergerechtigkeit, Susan Moller Okin, Differenzprinzip, Familie, soziale Institutionen, Chancengleichheit, rationale Wahl, gesellschaftliche Struktur, politische Philosophie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die Spannungen zwischen der politischen Philosophie von John Rawls und feministischen Forderungen, mit dem Ziel, eine mögliche Integration für eine gerechtere Gesellschaft zu finden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Theorie der Gerechtigkeit nach Rawls, die Kritik des Feminismus an dieser Theorie, die Rolle der Familie als soziale Institution und der liberale Feminismus.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Forschungsfrage lautet, ob Liberalismus und Feminismus miteinander vereinbar sind und ob sich feministische Forderungen sinnvoll in die Rawlsianische „Theorie der Gerechtigkeit“ etablieren lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-argumentative Analyse, indem sie die Theorie von Rawls mit den kritischen Ansätzen von Feministinnen wie Susan Moller Okin konfrontiert und vergleicht.
Welche zentralen Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Rawls’schen Konzepte des Urzustands und der Gerechtigkeitsprinzipien, die feministische Kritik an der Geschlechterblindheit dieser Konzepte und die notwendigen Anpassungen für eine gerechte Struktur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind unter anderem John Rawls, Gerechtigkeitstheorie, Feminismus, Urzustand, Schleier des Nichtwissens und Geschlechtergerechtigkeit.
Warum kritisiert Susan Moller Okin das Rawls’sche Familienbild?
Moller Okin kritisiert, dass Rawls die Familie fälschlicherweise als gerechte Institution voraussetzt und übersieht, dass traditionelle Geschlechterrollen innerhalb der Familie Ungleichheiten zementieren.
Was bedeutet der „Schleier des Nichtwissens“ im Kontext der feministischen Kritik?
Obwohl der Schleier theoretisch dazu dient, faire Bedingungen zu schaffen, wird kritisiert, dass er die spezifische gesellschaftliche Realität der Frauen und deren Unterdrückung ausblendet, anstatt sie strukturell zu lösen.
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- Victoria Flägel (Autor), 2012, Lässt sich der Feminismus in den Rawlsianischen Liberalismus integrieren?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269262