Erhielt Theodor Herzl durch die Dreyfus-Affäre die „Idee eines Exodus aus Europa“?


Seminararbeit, 2012
13 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Antisemitismus in Frankreich bis zur Dreyfus - Affäre

Die Anklage und Verurteilung von Alfred Dreyfus

Theodor Herzl als Korrespondent der „Neuen Freien Presse“ in Paris

Die Folgen der Dreyfus - Affäre

Schlussbetrachtung

Quellen - und Literaturverzeichnis

Einleitung

In der folgenden Proseminararbeit werde ich mich kritisch mit dem Beginn der antisemitischen Bewegung in Frankreich am Ende des 19. Jahrhunderts und der daraus resultierenden Dreyfus - Affäre, welche heutzutage als der Zünder für die Gründung des politischen Zionismus durch Theodor Herzl gilt, beschäftigen. Hierbei werde ich zunächst auf die antisemitische Presse in Frankreich eingehen und ihre Bedeutung für die Dreyfus - Affäre. Anschließend werde ich mit Hilfe eines chronologischen Verlaufes darlegen, welche Voraussetzungen nötig waren, die zur Anklage und Verurteilung des jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus führten.

Ebenso wichtig für diese zeitliche Periode erscheint es mir den Werdegang von Theodor Herzl vorzustellen, welcher zu jener Zeit als Auslandskorrespondent für die „Neue Freie Presse“ in Paris über die Ereignisse rund um die Affäre berichtete und Augenzeuge der Degradierung von Alfred Dreyfus war. Diese Degradierung war der Anstoß bei der Hinwendung Herzls zum Zionismus und Anlass sein Werk „Der Judenstaat - Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“ zu verfassen und dadurch den politischen Zionismus zu begründen.

Zum Schluss möchte ich die Folgen der Dreyfus - Affäre und die Arbeit der zionistischen Bewegung unter der Führung Theodor Herzls skizzieren.

Der 1. Zionistenkongress, welcher vom 29. bis zum 31. August in Basel stattfand, erscheint mir als das bedeutendste Ereignis in diesem Zeitabschnitt, daher werde ich mich intensiver damit befassen und anschließend die Kernpunkte vorstellen.

Ich möchte dem Leser durch meine Hausarbeit darlegen, welche Bedeutung die Dreyfus - Affäre für das jüdische Volk hatte und warum Theodor Herzl durch diese Begebenheit sich vom assimilierten jüdischen Journalisten zum Führer der zionistischen Bewegung entwickelte.

Antisemitismus in Frankreich bis zur Dreyfus - Affäre

Nachdem es am Ende des Jahres 1881 zum Bankrott der Union Generale kam, einer katholischen Bank, welche 1878 als Gegengewicht zu protestantischen und jüdischen Banken gegründet worden war, wurden jüdische Bankiers und vor allem die jüdische Familie Rothschild öffentlich in der Presse des Komplotts beschuldigt und somit an dem Bankrott schuldig zu sein. Dies hatte zur Folge, dass jüdische Bankiers und die Juden allgemein, obwohl sie unschuldig waren, für den Schaden, den dieser Bankrott verursacht hatte, sei es im öffentlichen, politischen oder wirtschaftlichen Bereich, verantwortlich gemacht wurden.1

Der als der „Papst des Antisemitismus“ bekannte Franzose Edouard Drumont2gilt als der Hauptvertreter des Antisemitismus in Frankreich. Während sich die nationalistische Bewegung in Frankreich langsam entwickelte, vor allem durch die Gründung der „La Ligue des patriotes“3, veröffentlichte Drumont 1886 sein Werk „La France Juive“4, in welchem er eine Verschwörungstheorie über die Zusammenarbeit von Juden, Freimauern und Jakobinern gegenüber dem Katholiken in Frankreich und deren Herrschaft über die Französische Republik entwickelt hatte. In dem Buch, das als Meilenstein in der modernen antisemitischen Literatur gilt5, werden rassische Theorien mit antisemitischen Vorurteilen auf religiöser, nationaler, sozialer, politischer und wirtschaftlicher Ebene vereint. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der Anstieg des rassischen Antisemitismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts eng mit den Rassentheorien dieser Zeit zusammenhing.

Weil Drumont mit Hilfe seines Buches viele Anhänger gewinnen konnte, gründete er im Jahr 1889 zusammen mit dem Marquis Antoine Amedee de Mores6und Jaques de Biez7die „Ligue nationale antisemitique de France“8. Das Ziel dieser Vereinigung war es vor allem „[…] den schändlichen Einfluss der finanziellen Machthabe der Juden zu bekämpfen, deren verborgene und gnadenlose Verschwörung den Wohlstand, die Ehre und die Sicherheit Frankreichs gefährdet“.9

Mit der Publizierung der Zeitung „La Libre Parole“10durch Edouard Drumont im April 1892 begann das nächste Kapitel des Antisemitismus in Frankreich. Die Zeitung vertrat nicht nur extreme Ansichten mit dem Ziel, vor der Gefahr eines jüdischen Einflusses in Frankreich und der ganzen Welt zu warnen, sondern wählte auch gezielt prominente jüdische Bürger aus, um diese öffentlich zu verleumden.11Im Mai 1892 startete die „La Libre Parole“ eine Hetzkampagne gegen 300 jüdische Offiziere. Diese wurden der Staatsgefährdung und des Verrats bezichtigt und beschuldigt die Karriere von katholischen Offizieren zu behindern. Um sich zu verteidigen forderten einige der Beschuldigten Drumont und seine Anhänger zum Duell auf. Nachdem jedoch der jüdische Hauptmann Armand Mayer in einem Duell mit dem Marquis de Mores getötet worden war, verabschiedete die französische Regierung ein Gesetz, in dem religiöse Diskriminierung in der Armee verboten wurde.12

Einige Zeit nach diesen Ereignissen, im September 1892, brachte die „La Libre Parole“ einige Artikel über den Betrug und die Korruption heraus, die 1889 zum Zusammenbruch der Panama Company geführt und Tausende Anleger ruiniert hatten. Drumont nutzte den Skandal in der Presse als Waffe, um drei jüdische Bankiers, Baron Jaques de Reinach, Emile Leopold Arton und Cornelius Herz zu beschuldigen und die grundsätzliche Beteiligung der Juden in der Finanzwelt anzuprangern. Durch die Aufdeckung von Korruption in der französischen Regierung stiegen antiparlamentarische, antikapitalistische und antisemitische Gefühle im Land.13

Die Anklage und Verurteilung von Alfred Dreyfus

Im Oktober 1894 wurde der Hauptmann Alfred Dreyfus, Sohn eines reichen jüdischen Kaufmanns und erster Jude im französischen Generalstab, plötzlich wegen Spionageverdacht zugunsten Deutschlands verhaftet. Aufgrund eines gefälschten Schreibens wurde Dreyfus im Dezember nach geheimer Verhandlung schuldig gesprochen und zur Degradierung und lebenslänglichen Verbannung auf der Teufelsinsel verurteilt.14Sofort berichtete die „La Libre Parole“ über den Vorfall mit folgender Schlagzeile: „Hochverrat - Verhaftung des jüdischen Offiziers A. Dreyfus.“ Das Echo in der Öffentlichkeit und in Regierungskreisen war beträchtlich, ein Beweis für die Wirksamkeit einer Zeitung mit einer Auflage von nur 200 000 Exemplaren.15

Als am 19. Dezember in Paris vor dem Obersten Kriegsgericht der Prozess gegen Dreyfus eröffnet wurde, war das Urteil bereits gefällt. Trotz nicht eindeutiger Anklage und fehlender Motive, bestand über das Urteil kein Zweifel, da die nationalistische und antisemitische Presse auf eine exemplarische Verurteilung bestanden hatte. Einstimmig wurde Dreyfus zu Verbannung und militärischer Degradierung verurteilt.

Die Degradierung von Alfred Dreyfus fand am 5. Januar 1895 im Hof der Ecole Militaire, der Kriegsschule in Paris, statt. Hinter den Absperrungen rief die Menge Dreyfus antisemitische Beleidigungen entgegen. Dreyfus trug bei seiner Hinführung vor dem General seine Hauptmannsuniform.16Dieser sprach: „Alfred Dreyfus, Sie sind unwürdig, die Waffen zu tragen. Im Namen des französischen Volkes degradiere ich Sie. Man vollziehe das Urteil.“ Darauf entgegnete Dreyfus: „Ich schwöre und erkläre, dass Sie einen Unschuldigen degradieren. Es lebe Frankreich!“ Nach der Verkündung des Urteils wurden dem Verurteilten die Knöpfe und Schnüre von der Uniform gerissen. Einige der Offiziere riefen ihm dabei zu: „Judas, Verräter!“17Dieses Urteil wurde von den meisten Menschen begrüßt, da es bis dahin noch keine Dreyfus - Anhänger gab und die Juden es vermieden Stellung zu beziehen, aus Furcht, den Antisemitismus zu schüren oder, weil sie von seiner Schuld überzeugt waren.

Um das überraschende Urteil erklären zu können, muss man zeitlich einen Schritt zurück gehen. Entdecken wird man, wie die Sektion für Statistik durch den Gebrauch illegaler Mittel und gefälschter Beweise Dreyfus‘ Schuld fabrizierte und wie der Generalstab diese Ungesetzlichkeiten duldete und deckte.

Das einzige Dokument der Anklage wird in der modernen Literatur das „Bordereau“ genannt. Ein vor - und rückseitig adressierter Brief an Maximilian von Schwartzkoppen, dem damaligen deutschen Militärattaché in Paris, der eine Sendung von mehreren die französische Armee betreffenden Dokumenten ankündigt. Der Brief war zerrissen und wurde am 26. September 1894 in die Sektion für Statistik gebracht wo er von Major Henry zusammengesetzt wurde. Sogleich wurde die Leitung des Generalsstabs darüber informiert, dass ein französischer Offizier durch Übergabe geheimer Dokumente an Deutschland Landesverrat begangen habe. Beim Überprüfen der Offiziere im Zentralbüro des Generalsstabs, stieß man auf einen „sehr intelligenten und begabten, aber anmaßenden Offizier“, sodass der Schluss gezogen wurde, dass die Handschrift auf dem „Bordereau“, die des Hauptmannes Dreyfus entspräche. Von nun an stand er unter Verdacht. Nach einigen zweifelhaften Untersuchungen waren sich viele im Generalstab einig, dass nur Dreyfus der Verräter sein konnte.

Am 15. Oktober wurde der zur Inspektion gerufene Dreyfus im Büro des Generalstabchefs verhaftet. Dreyfus wurde gebeten einen Brief zu schreiben, in welchem einige Worte aus dem „Bordereau“ auftauchten. Dieses Ereignis wird in der heutigen Literatur als „Das Diktat“18bezeichnet. Da seine Hände zitterten, sahen die anwesenden Offiziere darin ein Geständnis. Daraufhin wurde er ins Militärgefängnis gebracht.

In einem geheimen und illegalen Prozess, welchen die Sektion für Statistik leitete, wurde Dreyfus verurteilt. In diesem Prozess wurden gefälschte Dokumente, die in einer „Geheimakte“ zusammengefasst waren, dem Richter, jedoch nicht der Anklage und Verteidigung vorgelegt. Keiner der Richter hatte gegen diese Ungesetzlichkeit protestiert, die einen Verstoß gegen jegliche Prozessordnung darstellte.19

Erst im Jahr 1898 wurde herausgefunden, dass die Dokumente, welche Dreyfus belastet hatten, gefälscht worden waren.20Am 3. September 1898 wurde von Dreyfus‘ Frau Lucie ein Revisionsantrag eingereicht. Nach Ermittlungen innerhalb aller Kreise der Regierung und großen Protesten der Bevölkerung wurde am 3. Juni 1899 das Urteil des Kriegsgerichts von 1894 aufgehoben und Dreyfus an das Kriegsgericht in Rennes verwiesen. Das Gericht erklärte den Prozess von 1894 für nichtig. Am 7. August wurde der Prozess in Rennes eröffnet.21Obwohl es für alle offensichtlich zu sein schien, dass die Leidenszeit von Alfred Dreyfus am Ende sei, wurde Dreyfus erneut für schuldig befunden. Man erkannte mildernde Umstände an, sodass er zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde, seine Degradierung wurde bestätigt. Die Nationalisten jubelten, für die Dreyfus - Anhänger war dies ein harter Schlag. Dieses absurde Urteil hatte jedoch eine Logik. Das Kriegsgericht gab implizit Dreyfus‘ Unschuld zu, denn wie könnte man Landesverrat unter mildernden Umständen begehen? Damit bewahrte das Kriegsgericht aber auch die unerlässliche Ehre der Armee.22Das Urteil hielt für Dreyfus eine Lösung bereit: die Begnadigung. Am 19. September wurde im Ministerrat das Gnadengesuch unterzeichnet, sodass Alfred Dreyfus zwei Tage später frei kam.

Theodor Herzl als Korrespondent der „Neuen Freien Presse“ in Paris

Theodor Herzl trat seinen neuen Posten in Paris im Oktober 1891 an. Hier begann für ihn ein neuer Abschnitt seines Lebens, nachdem die Phase der Bühnenschriftstellerei beendet war. Herzl widmete sich ganz seinem neuen Beruf. Seine Meldungen aus Paris waren sowohl stilistisch als auch inhaltlich eine Meisterleistung der Berichterstattung.23 Er begann sich mehr für die politischen und sozialen Probleme der französischen Republik zu interessieren. Herzls erste Korrespondenz „Frankreich im Jahre 1891“ zeigt, dass er sich schnell in die französischen Verhältnisse einzuarbeiten verstand. Darin kam er auch auf die soziale Frage zu sprechen, die damals die Menschen mit großer Sorge beschäftigte. Der Grund für sein Interesse war die allgemeine Unruhe, welche die breiten Schichten der Bevölkerung in Europa zu dieser Zeit erfasst hatte. Nicht nur die Demonstrationen der Arbeitslosen in Wien und Berlin, sondern auch die Streiks in Frankreich wiesen auf den Unmut der Bevölkerung hin.24Herzl fasste seine Eindrücke in dieser Korrespondenz folgendermaßen zusammen: „Man liebt es sozialistische Endstimmung des Jahrhunderts mit der politisch revolutionären des vorigen zu vergleichen, und sieht den Zusammenbruch einer Gesellschaft kommen, die sich theoretisch schon aufgegeben hat.“25 Zwar konnte auch er keine Lösung für die sozialen und wirtschaftlichen Probleme anbieten, jedoch äußerte er die Hoffnung, die auch später im „Judenstaat“ eine Rolle spielen sollte, dass „einst die Technik Arbeit und Kapital versöhnen werde“.26

Herzl berichtete in der „Neuen Freien Presse“ auch von der Panamaaffäre. Seine Berichte lieferten ein deutliches Bild von den Geschehnissen. Sein Engagement in dieser Frage war unverkennbar, nicht nur durch die teilweise mehrseitigen Meldungen. So schrieb er in seiner Korrespondenz „Skandale in Frankreich“ vom November 1892 über die Frage, ob die juristische Behandlung der Panamaenthüllungen nicht der parlamentarischen Republik geschadet habe.27

Während seiner Pariser Korrespondenzzeit kam Herzl erstmals bewusst mit dem Antisemitismus in Berührung, der wie in anderen europäischen Ländern, auch in Frankreich einen fruchtbaren Nährboden gefunden hatte. Es waren vor allem pseudo - wissenschaftliche Behauptungen, die den Versuch unternahmen, den Hass gegen die Juden „biologisch“ zu begründen. Die Juden boten sich als „volksfremde“ Minderheit als Musterbeispiel. Die meisten der judenfeindlichen Behauptungen waren auf den Antisemiten Arthur de Gobineau zurückzuführen, der in seinem „Essay sur L’inégalité des races humaines“ aus dem Jahr 1854, die These aufgestellt hatte, dass die Juden eine Rasse darstellen würden, die von minderwertiger menschlicher Natur sei. Eine echte Wirkung zeigte seine Rassenlehre aber erst, als sie von Edouard Drumont, dem eigentlichen Begründer des französischen Antisemitismus, aufgenommen wurde. Dessen zweibändiges Buch „La France Juive“ von 1886 war einer der größten literarischen Erfolge des 19. Jahrhunderts. Das Buch hatte bei seinem Erscheinen in Frankreich einen wütenden Antisemitismus entfesselt, den Herzl bei seinen täglichen Arbeiten und persönlichen Begegnungen erleben konnte.

Im Jahr 1892 veröffentlichte Herzl seine erste Korrespondenz, die sich mit der Judenfrage beschäftigte. In „Französische Antisemiten“ wies er darauf hin, dass das Zunehmen antisemitischer Vorkommnisse auf die radikalen Boulangisten zurückzuführen sei, die eine neue Idee brauchten, welche sich „glücklicherweise zur rechten Zeit im Antisemitismus fand“28. In diesem Bericht lässt sich erkennen, dass die Judenfrage Herzl zu interessieren begann. In einem Punkt war Herzl mit seinen Zeitgenossen einig und zwar, dass es sich beim Antisemitismus nur um eine vorübergehende Erscheinung handele. In einem Feuilleton für die „Palais Bourbon“ schrieb er: „Es geht den Fabrikarbeitern ähnlich wie den Juden, die zufällig in einer antisemitischen Zeit ihr Leben verbringen müssen. Spätere Juden werden lichtere Tage sehen, die jetzigen sind einfach übel dran.“29

Nach einem Gespräch während eines Ferienaufenthaltes in Österreich im Jahr 1894 mit einem Kollegen der „ Neuen Freien Presse“ zog Herzl den Schluss, dass der Antisemitismus die Folge der Emanzipation sei. In diesem Augenblick fasste er den Zionismus noch nicht ins Auge, obwohl er schon die Meinung vertrat, dass „die Spuren des einen Druckes nur durch einen anderen Druck vertilgt werden können.“30

Seit diesem Treffen war er von dem Thema gefesselt. Kurz vor dem Beginn der Dreyfus - Affäre verfasste er in wenigen Tagen ein Schauspiel mit dem Titel „Das Ghetto“. Darin versuchte er nachzuweisen, dass die Emanzipation zwar die äußeren Ghettomauern habe fallen lassen, während diesem Prozess seien jedoch neue unsichtbare entstanden, die von den Juden nur durch eigene Anstrengungen abgetragen werden können. Mit diesem Stück begann die Phase seiner Judenpolitik noch nicht, wenngleich es ein Anfang war, die Judenfrage zur öffentlichen Diskussion zu stellen.

Herzls Berichte über die Dreyfus - Affäre, lassen deutlich erkennen, dass er die Verurteilung des Offiziers, missbilligte. Er war überzeugt davon, dass Alfred Dreyfus unschuldig war, bestärkt wurde seine Anschauung durch die Hetze, die sich nicht nur gegen Dreyfus richtete, sondern gegen alle Juden in Frankreich. Er war geschockt von den antijüdischen Karikaturen und Pamphleten, die auf den Straßen verteilt wurden. Nicht zuletzt durch den Ruf aus der Menge „ A mort! á mort les juifs“ wurde ihm klar, dass Dreyfus nicht mehr als Verbrecher, sondern als Jude verfolgt wurde. Vier Jahre später schrieb er nieder: „Der Fall Dreyfus enthält mehr als einen Justizirrtum, er enthält den Wunsch der ungeheuren Menge in Frankreich, einen Juden und in diesem einen alle Juden zu verdammen.“31

Der Fall wäre wohl zu den Akten gelegt worden, wenn nicht die Öffentlichkeit sich des Falles angenommen hätte. Als der Verdacht sich zur Gewissheit verdichtete, dass von oben her versucht wurde, die Wiederaufnahme des Prozesses zu verhindern, wurde aus dem „Fall Dreyfus“ die „Affäre Dreyfus“. Herzl hat dies gemerkt, wenn er in dem Artikel mit dem Titel „Französische Zustände“ bemerkte: „Das Volk von Frankreich, das großmütige, in die Gerechtigkeit verliebte, das Volk der Menschenrechte, das alle Prozesse revidiert, nie eine Sache für endgültig abgeurteilt haben mag - es will nicht, dass man die Schuld des jüdischen Hauptmannes überhaupt noch in Frage stelle.“32

Als der Fall Dreyfus im September 1898 zur Revision kam, wurde er zum Tagesgespräch nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa. Herzl ergriff jedoch erst 1899 öffentlich Partei für Dreyfus und zwar in einem Artikel, den er in der „North American Review“ unter dem Titel „Zionismus“ veröffentlichte: „Zum Zionisten“ schrieb er dort, „hat mich der Prozess Dreyfus gemacht.“ Insbesondere die antisemitischen Begleiterscheinungen, die Pöbeleien der Massen, hätten ihn bestimmt, die Lösung der „Judenfrage“ nicht im Prozess der Integration und Assimilation, sondern in der Rückkehr zur eigenen Nation und in der Sesshaftigkeit auf eigenem Grund und Boden zu suchen.33

Beim zweiten Dreyfus - Prozess am 9. September 1899 wurde jedem Beobachter klar, dass Dreyfus zu Unrecht angeklagt worden war. Alle Welt erwartete einen Freispruch, dennoch wurde Dreyfus erneut verurteilt - und zwar mit fünf gegen zwei Stimmen. Einige Tage später kommentierte Herzl den Ausgang des Prozesses in seinem Artikel „Fünf gegen zwei“ für „Die Welt“34: „ […] Es wurde nämlich entdeckt, dass einem Juden die Gerechtigkeit verweigert werden kann, aus keinem anderen Grunde, als weil er Jude ist. Es wurde entdeckt, dass man einen Menschen quälen kann, als ob er kein Mensch wäre. Es wurde entdeckt, dass man einen Juden zu infamer Strafe verurteilen kann, obwohl er unschuldig ist.“35

Nach dieser Verurteilung war Herzl sowohl von Dreyfus‘ Unschuld überzeugt, als auch davon, dass Dreyfus nicht als Offizier, sondern als Jude angeklagt worden war. Als Führer der Zionisten bezweifelte er, dass in Zukunft ein Zusammenleben zwischen Juden und NichtJuden auf der Basis der gegenseitigen Verständnisses und Duldung möglich sein würde. In seinem bereits erwähnten Aufsatz „Zionismus“ heißt es: „Für die Juden gibt es keine andere Hilfe und Rettung, als die Rückkehr zur eigenen Nation […].“36

Die Folgen der Dreyfus - Affäre

Für Theodor Herzl war das entscheidende Erlebnis im Zuge seiner Entwicklung hin zum Zionismus zweifellos die Zeremonie der Degradierung, an der er, wie schon aufgeführt, als Korrespondent der Neuen Freien Presse teilgenommen hatte. Sie wirkte auf ihn nicht nur wie ein Schock, wie er selbst berichtet, sondern muss geradezu eine kathartische Wirkung bei ihm ausgelöst haben. Für ihn war die Degradierung eines jüdischen Offiziers vor einer pöbelnden Menge gleichbedeutend mit einer Absage an die jüdischen Bemühungen um Assimilation. Herzl verstand die Zeremonie als Hinweis darauf, dass die herrschenden Schichten nicht bereit waren, die Juden gesellschaftlich als gleichwertig anzuerkennen. Die Umstände der Degradierung wurden von vielen als Ablehnung an das Ideal des jüdisch - französischen Offiziers empfunden. Viele Juden hatten mit diesem Ideal einen Traum verbunden und sich von dessen Verwirklichung die Anerkennung der Juden als gleichberechtigte Bürger erhofft. Für Herzl war die Judenfrage nicht zuletzt durch den Dreyfus - Prozess und dessen Begleitumstände zu einer politischen Frage geworden, von der er meinte, sie könne nur mit den Mitteln der Politik gelöst werden. Diese Erkenntnis wurde Ausgangspunkt für alle weiteren Überlegungen.

Im Mai 1895 bat Herzl Baron Moritz Hirsch, einen jüdischen Philanthropen und einer der reichsten Männer seiner Zeit, um ein „jüdischpolitisches Gespräch“. Kurz vor dem Treffen fasste Herzl seine Gedanken schriftlich zusammen. Darin kritisierte er Hirsch, dass dieser bisher zwar viel Geld für die Juden ausgegeben habe, jedoch seine Bemühungen zwecklos gewesen seien. Die Kolonisationsversuche seiner Organisation „Jewish Colonization Association“ in Argentinien seien auf große Schwierigkeiten gestoßen und darum wolle Herzl Hirsch helfen, mehr aus seinem Geld zu machen. Am 2. Juni 1895 kam es zur Unterredung zwischen den beiden Männern. Herzl versuchte Hirsch zu überzeugen, mit dem Prinzip der Wohltätigkeit zu brechen und stattdessen sein Geld in die Politik zu investieren, um eine einheitliche politische Leitung für die Juden zu schaffen. Zu erst müssten jedoch die Juden im Land „kriegsstark, arbeitsfroh und tugendhaft“ gemacht werden. Der nächste Schritt wäre die Auswanderung. Herzl maß dem Treffen große Wichtigkeit zu, obwohl sich die Männer am Ende ihres Gesprächs auf keine Zusammenarbeit einigen konnten. Am nächsten Tag schrieb Herzl in einem Brief an Hirsch: „Sie sind der große Geldjude, ich bin der Geistesjude. Daher kommen die Verschiedenheiten unserer Wege und Mittel.“ Auch wenn dieses Gespräch noch kein konkretes Ergebnis brachte, so kann man diese Unterhaltung als einen ersten realpolitischen Schritt zu einer Judenpolitik werten.37

Unmittelbar nach diesem Brief begann Herzl mit den Vorarbeiten, aus denen seine programmatische Schrift „ Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“ entstehen sollte.38In seinem Tagebuch, welches er bis zu seinem Tod führte, notierte er: „Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Werk, das von unendlicher Größe ist. Ich weiß heute nicht, ob ich es ausführen werde. Es sieht aus wie ein mächtiger Traum. Aber seit Tagen und Wochen füllt es mich aus bis in die Bewusstlosigkeit hinein…Was daraus wird, ist jetzt noch nicht zu ahnen.“39

In dieser Phase unermüdlicher Arbeit entstand ebenfalls die „Rede an die Rothschilds“, ein erster Entwurf zur späteren Schrift „Der Judenstaat“. Die Rede enthält bereits alle wesentlichen Gedanken für den Judenstaatsplan. Von der öffentlichen Unterstützung dieser einflussreichen Familie versprach sich Herzl Einiges. In einem Brief vom 16. Juni an den Moritz Güdemann, dem Oberrabbiner von Wien, schrieb Herzl: „Ich habe die Lösung der Judenfrage…Ich habe die Lösung gefunden und sie gehört nicht mehr mir. Sie gehört der Welt.“40

Seinen Plan wollte er aber der Öffentlichkeit noch nicht übergeben, da er diesen nicht gefährden wollte. Herzl verließ Paris und reiste zunächst nach München und später nach Wien wo er Gespräche mit dem Philanthropen Heinrich Meyer-Cohn und einigen Rabbinern führte. Zwar offenbarten sich die Männer als „Anhänger der Zionsidee“, jedoch wurde ihm handfeste Unterstützung versagt. Nur Max Nordau, ebenfalls als Korrespondent in Paris tätig, konnte er für seinen Plan gewinnen. Dieser ermöglichte Herzl seinen Plan vor dem Klub der „Makkabäer“ in London vorzutragen. Bei diesem Treffen lernte Herzl wichtige Persönlichkeiten kennen, wie den Bankier Montagu oder den Rabbiner Adler, die für die Verwirklichung seiner Pläne von großem Gewinn sein sollten.41

Nach Wien zurückgekehrt und bestärkt durch den vielfachen Zuspruch, begann Herzl seinen Plan zu veröffentlichen. In Auflage von 3000 Exemplaren erschien seine Schrift am 14. Februar 1896. Darin verdeutlichte Herzl, dass eine Lösung der Judenfrage nur in der Wiedergewinnung der inneren und äußeren Freiheit für die Juden bestehen könne. Herzl war der Meinung, dass die Judenfeindschaft eine direkte Folge der Emanzipation sei und somit das Streben der Juden nach Assimilation an ihre nichtjüdische Welt ein zum Scheitern verurteilter Weg sei. Daher müsse ein eigenes Land geschaffen werden, in dem der Anteil der Juden möglichst groß sei.42

Zunächst war in Herzls Werk kein religiöser Zionsgedanken vorhanden. Für ihn war es vorrangig einen Staat vorzubereiten und diesen durch die Bildung von politischen Organen und deren Sicherung durch Erwerb von Land und die Zustimmung der Großmächte zu sichern.

[...]


1George R., Whyte, Die Dreyfus - Affäre. Die Macht des Vorurteils, Frankfurt am Main 2010. S. 10.

2Vgl. Whyte, „Dreyfus - Affäre“, S. 11.

3„Die Liga der Patrioten“

4„Das verjudete Frankreich“

5In den ersten beiden Monaten wurden 100.000 Exemplare verkauft. Bis 1941 gab es 200 Auflagen.

6Armeeoffizier, nach Begegnung mit Drumont unterstützte er zahlreiche antisemitische Aktivitäten.

7Einer der ersten Schüler Drumonts. Verfasste mehrere antijüdische Pamphlete.

8Nationale Antisemitismusliga Frankreichs

9Whyte, „Dreyfus - Affäre“, S. 12.

10„Die freie Rede“, wird zur führenden antisemitischen Zeitung in Frankreich. Höhepunkt um 1900.

11Der jüdische Offizier Maurice Weil wird beschuldigt ein Spieler und deutscher Spion zu sein.

12Vgl. Whyte, S. 15 - 16.

13Ebd. S. 16.

14Blumenthal, Ernst P., Diener am Licht . Eine Biographie Theodor Herzls, Frankfurt 1977, S.131.

15Duclert, Vincent, Die Dreyfus - Affäre, Berlin 1994, S. 15.

16Ebd. S.132.

17Ebd. S.133.

18Duclert, Vincent, Die Dreyfus - Affäre, Berlin 1994, S.28.

19Ebd. S.31.

20Ebd. S.66.

21Ebd. S.73.

22Ebd. S.80.

23Schoeps, Julius H., Theodor Herzl. Wegbereiter des politischen Zionismus, Persönlichkeit und Geschichte, Bd. 86, Zürich / Frankfurt 1975. S.28.

24Vgl. ebd.

25Schoeps, „Theodor Herzl“, S.29.

26Ebd. S.29.

27Ebd. S. 31.

28Theodor Herzl, „Französische Antisemiten“, in: Neue Freie Presse, Nr. 10064, 31. August 1892.

29Ebd.

30Bein, Alex, Theodor Herzl, Briefe und Tagebücher, Bd. 1, Berlin 1983, S.48.

31Vgl. Schoeps, „Theodor Herzl“, S. 32 - 40.

32Theodor Herzl, Französische Zustände, in: Die Welt, Nr. 30, 24. Dezember 1897.

33Schoeps, Julius H. / Simon, Hermann (Hrsg.), Dreyfus und die Folgen, Berlin 1995. S. 23 -24.

34Vgl. Ebd. S. 25.

35Benjamin Seff [ Theodor Herzl ], Fünf gegen Zwei, in: Die Welt Nr. 37, 15. September 1899.

36Herzl, Theodor, „Zionismus“, in: Zionistische Schriften, Bd. 1, Tel Aviv 1934, S. 376.

37Vgl. Schoeps, Julius H., Theodor Herzl - Wegbereiter des politischen Zionismus, Göttingen 1975, S. 40 - 44.

38Vgl. Schoeps / Simon, Dreyfus und die Folgen. S.26 -27.

39Schoeps, „Theodor Herzl“, S. 44.

40Ebd. S. 45.

41Ebd. S. 47.

42Ebd. S. 48.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Erhielt Theodor Herzl durch die Dreyfus-Affäre die „Idee eines Exodus aus Europa“?
Hochschule
Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V270692
ISBN (eBook)
9783656631552
ISBN (Buch)
9783656631521
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dreyfus, Herzl, Antisemitismus, Frankreich, Affäre
Arbeit zitieren
Eduard Steinberg (Autor), 2012, Erhielt Theodor Herzl durch die Dreyfus-Affäre die „Idee eines Exodus aus Europa“?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270692

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Erhielt Theodor Herzl durch die Dreyfus-Affäre die „Idee eines Exodus aus Europa“?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden