Kognitive Steigerung durch Zweisprachigkeit


Forschungsarbeit, 2013

19 Seiten, Note: 1,7

Peter Weishaupt (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Begriffserklärung: Zweisprachigkeit / Mehrsprachigkeit / Arbeitsgedächtnis
1.2 Theorie: Kognitive Steigerung durch zweisprachige Mehrsprachigkeit
1.3 Zweisprachige Kinder haben eine höhere kognitive Leistungsfähigkeit
1.4 Arbeitsgedächtnis und Schulerfolg

2 Versuchsbeschreibung
2.1 Die Testmethode
2.2 Testablauf 1. Tag
2.3 Testablauf 2. Tag

3 Ergebnisse des Experiments „Worterwerb“
3.1 Einsprachige Einrichtung
3.2 Zweisprachige Einrichtung
3.3 Gesamtauswertung

4 Zusammenstellung der Interpretation und Diskussion
4.1 Diskussion widersprüchlicher Ergebnisse und Fehlerquellen
4.2 Einordnen der Ergebnisse in den theoretischen Hintergrund
4.3 Ausblick auf mögliche Weiterentwicklung

5 Zusammenfassung

Literatur

1 Einleitung

Seit Jahren wird über die Vor- und Nachteile der Mehrsprachigkeit kontrovers diskutiert. Dies führt zu einem scheinbar ewigen Konflikt zwischen Eltern, Pädagogen und Wissenschaftlern bezüglich einer zweisprachigen Erziehung. Wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Wissenschaftlern noch mehrheitlich kritische Argumente, dass eine zweite Sprache ein großes Hindernis in der sprachlichen und akademischen Entwicklung des Kindes sei und langfristig die kognitiven Fähigkeiten beeinflussen, vertreten, hat sich das wesentlich verändert (vgl. Triarchi-Herrmarn 2012, S. 104).

Den Einfluss von Sprache auf die kognitiven Fähigkeiten, wie unter anderem die Aufmerksamkeit, Merkfähigkeit oder Konzentration, versucht die Forschung in wissenschaftlichen Disziplinen, wie Soziolinguistik, Psycho-/Neurolinguistik und der angewandten Linguistik zu untersuchen. Ein für jedermann gut sichtbares Argument für den Zusammenhang zwischen sprachlicher und allgemein kognitiver Leistung wurde mit Pisa erbracht, denn Kinder, die nicht ordentlich zusammenhängend und sinnentnehmend lesen konnten, lösten auch die in Textaufgaben formulierten mathematischen Aufgaben nicht (vgl. Hufeisen 2014, S. 1, online).

Auch durch die verstärkte Forschung in der Neurobiologie, die sich dem Sprachenlernen im mehrsprachigen Kontext zugewandt hat, konnten in letzter Zeit interessante Befunde aufgezeigt werden, wonach Annahmen, dass das Lernen von zwei Sprachen Kinder in der frühkindlichen Phase überfordert, korrigiert werden müssen. Zu einer der bekanntesten Studien zur neuronalen Sprachverarbeitung zählt wohl die von Rita Franceschini von der Universität Bozen. Die Studie zeigt, dass im Gehirn von frühen Mehrsprachigen, die eine Zweitsprache vor dem 3. Lebensjahr gelernt haben, alle Sprachen in einem Zentrum verarbeitet, wobei bei der späteren Mehrsprachigkeit, die bis zum 9. Lebensjahr eine Zweitsprache gelernt haben, verschiedene Bereiche zur Sprachverarbeitung benutzt werden (vgl. Engin 2013, S. 1-2 ; vgl. Franceschini 2007, S. 8-13).

Durch Längsschnittstudien in Kindergärten konnten Untersuchungen aus der linguistisch-spracherwerbstheoretischen Forschung mit migrationsbedingten Kindern empirisch begründete Ergebnisse liefern, dass der Zweitsprachen-Erwerb (Deutsch) bei bilingualen Kindern analog den Stufen des Spracherwerbs bei einsprachig deutschen Kindern folgt (vgl. Engin 2013, S.1-2 online).

Hatte man in früheren Studien sozioökonomische und familiäre Merkmale als Einflussfaktoren auf den Spracherwerb nicht ausreichend berücksichtigt, bescheinigen neuere Studien unter Berücksichtigung der Einflussfaktoren einer Mehrsprachigkeit metasprachliche Fähigkeiten und kognitive Kontrollprozesse, die es erlauben, eine neue Sprache einfacher zu lernen (vgl. Gogolin/Neumann 2009, S. 282).

Aufgrund der Tatsache, dass wir Kommilitonen haben, die in einer zweisprachigen Kindertageseinrichtung arbeiten und dies die Möglichkeit in sich birgt zu untersuchen, ob Kinder, die in einem mehrsprachigen Kindergarten betreut werden, sich neue Wörter besser merken können, als Kinder in einer einsprachigen Einrichtung, wird der Anlass dieser Forschungsarbeit sein zu belegen, dass Zweisprachigkeit einen positiven Einfluss auf die kognitive Leistungsfähigkeit sowie positive Auswirkungen auf das Arbeitsgedächtnis hat. Im ersten Kapitel werden wir den Begriff der Zweisprachigkeit/Mehrsprachigkeit definieren und durch neuere Studien belegen, dass Zweisprachigkeit im Gegensatz zur Einsprachigkeit kognitive Vorteile bringt und zu einer Steigerung des Arbeitsgedächtnisses, was schließlich Auswirkungen auf den späteren Schulerfolg hat, führt. Im nächsten Kapitel werden wir einen Versuch durchführen, der die Merkfähigkeit von Kindern in einer einsprachigen mit der Merkfähigkeit von Kindern in einer zweisprachigen Einrichtung untersucht, um zu beweisen, dass Kinder einer zweisprachigen Einrichtung eine höhere Merkfähigkeit besitzen, als Kinder, die in einer einsprachigen Einrichtung betreut werden. Zum Schluss werden wir die Daten auswerten, interpretieren und einordnen.

1.1  Begriffserklärung: Zweisprachigkeit / Mehrsprachigkeit / Arbeitsgedächtnis

Wenn man versucht, in der Fachliteratur eine klare Definition von Zweisprachigkeit oder Mehrsprachigkeit zu finden, wird man feststellen, dass die Wissenschaftler sich diesbezüglich nicht einig sind und es mitunter auch Definitionen gibt, die sich widersprechen (vgl. Triarchi-Herrmann 2012, S. 14).

In unsere Arbeit werden wir uns an folgende Definition halten:

Somit ist zweisprachig, wer in seinem alltäglichen Leben mindestens zwei Sprachen verwendet oder wie Weinreich formuliert: „Die Praxis, abwechselnd zwei Sprachen zu gebrauchen, soll Zweisprachigkeit heissen, die an solcher Praxis beteiligten Personen werden zweisprachig genannt.“ Mehrsprachigkeit ist jeweils mitgedacht, da bis jetzt keine grundsätzlichen Unterschiede festgestellt werden konnten zwischen dem Lernen und dem Gebrauch zweier oder mehrerer Sprachen. (Frigerio Sayilir 2007, S. 17)

Der Arbeitsspeicher eines Computers lässt sich gut mit dem Arbeitsgedächtnis des Menschen vergleichen. Im Arbeitsgedächtnis, das für die exekutiven Funktionen mitverantwortlich ist, werden Informationen und Prozesse, die zur Problemlösung oder zur Entscheidungsfindung dienen, verarbeitet. In erster Linie dient es nicht nur der Speicherung von Informationen, sondern der Verarbeitung. Die Intensität der Informationsverarbeitung im Arbeitsgedächtnis ist entscheidend für die Weitergabe in das Langzeitgedächtnis (vgl. Nitzsch 2006, S. 5).

Die exekutiven Funktionen gehören zu den höheren kognitiven Fähigkeiten, die uns einfach gesagt dazu befähigen, unsere Gedanken aufeinander abzustimmen und zu überwachen (vgl. Kubesch 2007, S. 13).

1.2  Theorie: Kognitive Steigerung durch zweisprachige Mehrsprachigkeit

Im Gegensatz zur Mitte des 20. Jahrhunderts, in der Ergebnisse von Untersuchungen des Einflusses von Zweisprachigkeit auf die Entwicklung des Kindes eher mit negativen Ergebnissen aufwarteten (vgl. Tracy/Gawlitzek-Maiwald 2000, S. 498), zeigen neuere Untersuchungsergebnisse ein positives Bild für das frühe Erlernen von Sprachen. So wurde unter anderem herausgefunden, dass das Erlernen einer Zweitsprache in der Regel auch zu einer Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit führt. Den Psychologen Ellen Bialystok und Michelle Martin-Rhee gelang es, als einer der ersten Wissenschaftler in ihrer Studie ‚Bilingualism: Language and Cognition’, Vorteile vom zweisprachigen Aufwachsen in Bezug auf gesteigerte kognitive Fähigkeiten zweisprachiger Kinder wissenschaftlich zu belegen.

In ihrem Versuch, den die beiden Wissenschaftler mit zwei unterschiedlichen Gruppen von Vorschülern ausführten, konnten die unterschiedlichen kognitiven Leistungen, die zwischen einsprachigen und zweisprachigen Kindern bestehen, belegt werden. Der Versuch bestand darin, dass eine Gruppe, bestehend aus einsprachig aufwachsenden Kindern und eine zweite Gruppe, bestehend aus zweisprachig auswachsenden Kindern, eine Art ‚mentales Puzzle’ zu lösen hatten, das ein Sortieren von blauen Kreisen und roten Vierecken in zwei digitalen Eimern, die jeweils mit den Symbolen ‚blaues Viereck’ und ‚roter Kreis’ gekennzeichnet waren, beinhaltete.

In der ersten Aufgabe sollten die Kinder die verschiedenen Formen nach Farben sortieren (blau zu blau, rot zu rot), was keiner Gruppe besonders schwer fiel. Im zweiten Schritt wurden die Kinder gebeten, diese nach geometrischen Formen zu sortieren, was sich schon etwas schwieriger gestaltete, da jetzt der blaue Kreis in den Eimer roter Kreis und das rote Viereck in den Eimer blaues Viereck gelangen sollte und dies durch die Farben widersprüchlich wirkte.

Die zweisprachig aufwachsenden Kinder meisterten diese schwierigere Aufgabe wesentlich schneller, als die einsprachig aufwachsenden Kinder (vgl. Kirscher 2013, S. 1, online).

1.3  Zweisprachige Kinder haben eine höhere kognitive Leistungsfähigkeit

Eine im Jahr 2012 im Journal of Education and Practice veröffentlichte Studie der Universität Utkal (Indien) mit dem Titel „Role of Medium of Instruction on the Development of Cognitive Processes“ wurde unter der Leitung von den Wissenschaftlern Pritimayee Senapati, Nirlipta Patnaik und Manaswini Dash die kognitive Entwicklung unter zweisprachigen Schulkindern untersucht, die in der Hauptsprache Englisch unterrichtet wurden, im Gegensatz zu einsprachigen Kindern, die in der Landessprache unterrichtet wurden.

Bei der Studie wurden die Effekte der Unterrichtssprache auf die kognitive Entwicklung von 80 Kindern untersucht. 40 Kinder kamen aus der 4. Klasse (8-9 Jahre) und 40 Kinder aus der 6. Klasse (10-11 Jahre). Jeweils 20 Kinder der unterschiedlichen Gruppen wurden in der Muttersprache (Odia Medium School) und in der Hauptsprache Englisch unterrichtet (Medium School). Alle Kinder durchliefen verschiedene Testreihen, bei denen die kognitiven Leistungen geprüft wurden. Die Daten wurden ausgewertet und die Resultate zeigten einen signifikanten Effekt der Unterrichtssprache auf die kognitive Leistungsfähigkeit. Die Kinder, die in der Hauptunterrichtssprache Englisch an der Medium School unterrichtet wurden, zeigten in fast allen Tests eine signifikant höhere kognitive Leistungsfähigkeit, als die Kinder, die in der Hauptsprache muttersprachlich unterrichtet wurden. Weiter konnte durch die Studie nachgewiesen werden, dass die kognitive Leistungsfähigkeit mit steigenden Klassen zunimmt (vgl. Senapati, Patnaik, Dash 2012, S. 60).

Zusammenfassend interpretieren die Wissenschaftler die Ergebnisse, wie folgt:

Erzogen werden über eine andere Sprache als die Muttersprache, im konkreten Fall in Englisch, beinhaltet einen anderen Lerndruck und kognitive Forderungen seitens der Lernenden. Der Lernende muss die auf Englisch dargestellten Anweisungen verstehen, die nicht in seiner Muttersprache sind, um sprachliche Kompetenz darin zu entwickeln und zeitgleich den Lehrinhalt bewältigen. Für Kinder der Odia Medium Schule ist die Aufgabe viel einfacher, da sie den Lehrinhalt in der Muttersprache bewältigen, die sie von klein auf  im Elternhaus erworben haben. Die schwierigere Aufgabe jedoch stellt der Unterricht in Englisch dar und dieser verhilft zu einer schnelleren Entwicklung der kognitiven Prozesse bei Kindern (vgl. Senapati, Patnaik, Dash 2012, S. 64).

Zweisprachige Kinder haben ein besseres Arbeitsgedächtnis als einsprachige.

2013 wurden die Ergebnisse einer neuen Studie von den Wissenschaftlern Julia Morales, Alejandra Calvo und Ellen Bialystok von der Universität Granada und der University of York in Toronto, Kanada unter dem Namen Working memory development in monolingual and bilingual children im Journal of Experimental Child Psychology veröffentlicht, welches die Auswirkung der Zweisprachigkeit auf das Arbeitsgedächtnis untersuchte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Kognitive Steigerung durch Zweisprachigkeit
Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V270754
ISBN (eBook)
9783656624813
ISBN (Buch)
9783656624806
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kognitive, steigerung, zweisprachigkeit
Arbeit zitieren
Peter Weishaupt (Autor), 2013, Kognitive Steigerung durch Zweisprachigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270754

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