Mit der Bezeichnung als „Tonbild-Reportage über die letzten Kämpfe in Frankreich“ erstellte die Filmillustrierte LichtBildBühne am 04.04.1930 eine so kurze wie präzise Inhaltsangabe des ersten Tonfilms von Georg Wilhelm Pabst . Der von Seymour Nebenzahl bei der Nero-Film AG Berlin produzierte, 1930 erschienene Schwarzweißfilm Westfront 1918 – Vier von der Infanterie stellt auf einer Länge von 98 Minuten das Schicksal von vier Infanteriesoldaten während der letzten Monate des ersten Weltkriegs dar. Die Produktion erfolgte im Bavaria Filmstudio Grünwald, wo Pabst den ungarischen Filmarchitekten und -regisseur Ernö Metzner, mit dem er bereits seit 1926 an mehreren Filmen zusammengearbeitet hatte, das Szenenbild erstellen ließ. Das Drehbuch von Ladislaus Vajda verläuft frei nach Ernst Johannsens Roman „Vier von der Infanterie“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Filmdaten und Inhalt
1.2. Weimarer Autorenkino und Neue Sachlichkeit
2. Die Fremde
2.1. Der Schützengraben
2.2. Das französische Grenzdorf
2.3. Yvettes Haus
3. Die Heimat
3.1. Karls Heimatstadt
3.2. Karls Wohnung
4. Gegenüberstellung und Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die szenographische Gestaltung der Gegensätze von „Fremde“ und „Heimat“ im Film „Westfront 1918“ von G.W. Pabst. Dabei wird analysiert, wie architektonische Anordnungen, Ausstattung und Kameraführung die emotionale und soziale Distanz sowie die Entfremdung der Protagonisten im Kontext des Ersten Weltkriegs verdeutlichen.
- Die ästhetische Repräsentation von Fremdheit durch das Szenenbild der Schützengräben.
- Die Rolle privater Räume und das häusliche Umfeld als Kontrast zur Kriegsrealität.
- Die Darstellung von Geschlechterrollen und sozialen Machtstrukturen in Zeiten des Krieges.
- Das Thema der Schuld und die Unmöglichkeit der Versöhnung innerhalb der Filmwelt.
- Die Funktion von Details in der Ausstattung als symbolische Verweise auf Krieg und Untergang.
Auszug aus dem Buch
2.1. Der Schützengraben
Der Schützengraben, Hauptschauplatz des Stellungskrieges, ist in Metzners Szenenbild eine eigene Welt ohne räumliche Orientierung oder erkennbare Ausmaße. Der Betrachter kann zu keinem Moment erkennen, ob es sich um eine unendliche Weite oder begrenzte Fläche handelt, auf der die Kampfhandlungen stattfinden, der stets gleiche Aufbau der Gräben gibt ihm zudem keine wiedererkennbaren Fixpunkte zum Abschätzen von Entfernungen.
Die Soldaten irren zwischen Erde, zerfetzten Baumstümpfen und Stacheldraht umher (Abb.1), hasten nach Deckung in unterirdische Unterstände (Abb.2), behelfsmäßige Schlafkammern oder die Kommandozentrale, wobei das Gewirr aus Höhlen und Gräben keine Zuordnung zu festen Orten zulässt. Die unterirdischen Schutzräume sind niedrig, überfüllt und bedrückend in ihrer Enge (Abb.3). Sie sind so zweckmäßig und frei von allem Privaten wie die Holzsärge und -kreuze, in denen ein Großteil der sich hier aufhaltenden Männer später enden wird. Wenn einzelne Personen oder Gruppen während der Gefechte das Labyrinth aus zerwühlter, aufgeworfener Erde durcheilen (Abb.4), ist es schwer, Ziel oder Richtung zu erkennen, da die Kamera entweder ein Standbild eines Ortes liefert [55:57] oder bestimmten Personen folgt [56:04], nie jedoch aus weiter Ferne einen Überblick der Wege liefert. Die kontinuierlichen Einstellungen, beispielsweise während der letzten Schlacht, erschaffen einen von der Wirklichkeit losgelösten, allumfassenden, gestaltlosen Bildraum, von dem am Ende nur noch schwarze Erde übrig bleibt.24
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel stellt die grundlegenden Filmdaten vor und ordnet das Werk filmhistorisch in den Kontext der Neuen Sachlichkeit und des Weimarer Autorenkinos ein.
2. Die Fremde: Hier wird analysiert, wie der Schützengraben, das französische Grenzdorf und Yvettes Haus szenographisch als Räume der Fremdheit und sozialen Destabilisierung inszeniert werden.
3. Die Heimat: Dieses Kapitel beleuchtet Karls Heimatstadt und seine Wohnung als Orte, die trotz ihrer vermeintlichen Vertrautheit durch Krieg, Entbehrung und zwischenmenschliche Entfremdung geprägt sind.
4. Gegenüberstellung und Fazit: Das abschließende Kapitel führt die Erkenntnisse zusammen und stellt fest, dass die Grenze zwischen Heimat und Fremde zugunsten einer doppelbödigen Realität voller Polaritäten verschwimmt.
Schlüsselwörter
Westfront 1918, Szenographie, G.W. Pabst, Neue Sachlichkeit, Krieg, Heimat, Fremde, Raumdarstellung, Erstweltkrieg, Filmarchitektur, Soldatenschicksal, soziale Realität, Bildsprache, Identität, Entfremdung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die filmische und szenographische Umsetzung der Begriffe „Fremde“ und „Heimat“ im Film „Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Kontrastierung von Front und zivilem Leben, die Analyse von Raumstrukturen sowie die Darstellung von zwischenmenschlichen Beziehungen unter Kriegsbedingungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Szenenbild dazu beiträgt, soziale Entfremdung und die Desorientierung der Protagonisten in Kriegssituationen bildnerisch zu kommunizieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Analyse basiert auf einer filmwissenschaftlichen Untersuchung der Szenographie, kombiniert mit bildanalytischen Verfahren der Kameraeinstellungen und der Ausstattung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Betrachtung der Frontszenarien (die Fremde) und der häuslichen Umgebungen des Infanteristen Karl (die Heimat).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Szenographie, Neue Sachlichkeit, Entfremdung, Kriegsopfer, Raumdarstellung und soziale Realität.
Welche Rolle spielt die Wohnung in der Analyse?
Die Wohnung dient als Symbol der bürgerlichen Ordnung, die durch den Krieg und die soziale Not des Ehepaares erodiert und ihre Funktion als Schutzraum verliert.
Warum wird das Ende des Films als problematisch oder offen bezeichnet?
Das Schlussbild „Ende?!“ wird als Verweis darauf interpretiert, dass eine echte Versöhnung zwischen den verfeindeten Nationen über das Individuelle hinaus kaum möglich erscheint.
- Citation du texte
- Vivien Lindner (Auteur), 2012, Fremde und Heimat in 'Westfront 1918 – Vier von der Infanterie', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271215