Der Krieg und die Philosophie


Essay, 2013
3 Seiten

Leseprobe

Essay: Der Krieg und die Philosophie

In diesem Essay geht es um die Frage, welcher Zusammenhang zwischen den Kriegserfahrungen und dem Werk eines Philosophen besteht. Ob der Ausspruch Heraklits vom Krieg als Vater aller Dinge[1] gewissermaßen zwischen den Zeilen der Denker gilt, wird zunächst an der Biographie und den Schriften Platons untersucht. Sein Geburtsjahr 428/27 v. Chr. fällt in die Zeit des Peloponnesischen Krieges zwischen Athen und Sparta, ein Konflikt mit damals weltweiten Ausmaßen. Er war ein Sohn von Ariston und Periktione, die wiederum von dem athenischen Adeligen Solon abstammte. Als 404 v. Chr. Sparta den seit 431 v. Chr. tobenden Krieg siegreich beendete, zwang es das vormals demokratische Athen unter die oligarchische Herrschaft von dreißig Tyrannen. Zu diesem Herrscherzirkel gehörten auch der Vetter von Periktione, Kritias, und ihr Bruder Charmides. Platon, obzwar ein gebürtiger Vertreter der Aristokratie, war doch in die demokratische Ordnung hineingewachsen. Dahingehend ist anzunehmen, dass er in dem spartanischen Nachkrieg gegen tausende potenzielle Oppositionelle

zwischen beiden Ordnungen hin- und hergerissen war. Nach der Beseitigung des Regimes der Sieger hatte Platon 403 v. Chr. seine Verwandten Kritias und Charmides als gefallene Soldaten zu betrauern, obschon Athen zur Demokratie zurückkehrte. Doch diese verurteilte wiederum Sokrates, Platons Lehrer und Vorbild, wegen Gottlosigkeit zum Tod durch den Schierlingsbecher. Aufgrund der Enttäuschung durch Oligarchie und Demokratie wandte sich Platon vom politischen Tagesgeschehen ab und unternahm insgesamt drei Reisen nach Sizilien, bevor er sich ab 360 v. Chr. als Lehrer in der von ihm geschaffenen Akademie niederließ.

In deren Gründungszeit war von 385 bis 370 v. Chr. der Dialog „Phaidon“ entstanden, das deutlichste Zeugnis des platonischen Dualismus von Körper und Seele. Über der Idee einer Philosophenherrschaft brütend, geht Platon von folgenden Annahmen aus: Der Mensch ist mit einer unsterblichen Seele ausgezeichnet, die göttliche Wahrheit liegt im Jenseits, und der Tod als Trennung von Körper und Seele führt in die Schau der jenseitigen Wahrheit. Der Opponent dieses Projekts ist der Körper, „denn solange wir mit dem Körper behaftet sind und unsere Seele mit diesem Übel verwachsen ist, werden wir niemals in vollem Maße erreichen, wonach wir streben; es ist dies aber, wie wir behaupten, die Wahrheit. Denn tausenderlei Unruhe verursacht uns der Körper schon durch die notwendige Sorge für seine Ernährung; stellen sich aber außerdem noch Krankheiten ein, so hindern sie uns in der Jagd nach dem Seienden. Ferner erfüllt uns der Körper mit allerlei Liebesverlangen, mit Begierden und Ängsten und allerhand Einbildungen und vielerlei Tand, kurz er versetzt uns in einen Zustand, in dem man sozusagen gar nicht recht zur Besinnung kommt. Denn auch Kriege, Aufruhr und Schlachten sind allein eine Folge des Körpers und seiner Begierden. Denn um den Erwerb von Geld und Gut handelt es sich bei der Entstehung aller Kriege, Hab und Gut aber sehen wir uns gezwungen zu erwerben um des Körpers willen, dessen Ansprüche befriedigt sein wollen. Aus allen diesen Gründen haben wir keine Muße zur Philosophie.“[2] Hier provoziert das Körperliche mit seiner materiellen Bedürftigkeit den Konflikt und entsetzt die Seele mit Hunger, Krankheit, Raffgier und Furcht als den Begleiterscheinungen des Krieges. Es zeugt von großer Zerrissenheit, Erschöpfung und Resignation Platons, dass er im Blick auf den Peloponnesischen Krieg sowie die demokratisch-oligarchischen Wirren sogar den eigenen Körper anklagt und in seiner Seele den Tod als Erlösung antizipiert. Dabei dürfen wir uns diesen Denker nicht als gebrechlichen Schöngeist vorstellen: Sein Name bedeutet „der Breitschultrige“[3], und in die Geschichte Olympias ging er als zweimaliger Sieger im brutalen Pankration ein.[4]

[...]


[1] „Polemos pater panton“ (πολεμός πατήρ παντῶν) Diels, Hermann / Kranz, Walther (Hrsg.): Die Fragmente der Vorsokratiker, Bd.1, Hildesheim 1992, S. 162, Fr. 53. Im Original: Πόλεμος πάντων μὲν πατήρ ἐστι […]

[2] Platon: Phaidon, übers. von Otto Apelt (= Platon. Sämtliche Dialoge, Bd.2), Hamburg 1993, S. 42.

[3] Internetquelle: http://www.pankra-gym.de/angebot/kampfsport/pankration, letzter Zugriff: 26.06.2013, 13:48 Uhr.

[4] „Platys“ (πλατύς) heißt „breit“ und „breitschultrig“.

Ende der Leseprobe aus 3 Seiten

Details

Titel
Der Krieg und die Philosophie
Hochschule
Technische Universität Dresden
Autor
Jahr
2013
Seiten
3
Katalognummer
V271809
ISBN (eBook)
9783656629511
ISBN (Buch)
9783656629504
Dateigröße
377 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vor seiner Veröffentlichung bei GRIN ist der Essay bisher nirgendwo anders erschienen. Das Abgabejahr ist also das Entstehungsjahr und die Technische Universität Dresden lediglich der Ort meiner Immatrikulation.
Schlagworte
krieg, philosophie
Arbeit zitieren
M.A. Johannes Preusker (Autor), 2013, Der Krieg und die Philosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271809

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