Bei subjektiver Betrachtung erweckt das Konzept Davutoğlus für die türkische Außenpolitik den Anschein, dass das türkische Engagement in ihrem unmittelbarem Umfeld, wie auch Überregional, neo-osmanische Tendenzen aufweist und dies eine Abkehr von der traditionell kemalistischen Westpolitik darstellt. Aus objektiv Sicht stellt heraus, dass die türkische Regierung einen Neo-Osmanismus basierend auf Diplomatie und wirtschaftlicher Kooperationen, anstrebt und keine Abkehr von ihrer Westpolitik annimmt..
Aus diesem Konzept erfolgt eine Veränderung der außenpolitischen Zielsetzungen. Während die türkische Außenpolitik unter der kemalistischen Elite sich auf den Westen ausrichtete, konzentrierte sich die neue türkische Außenpolitik unter der AKP-Regierung, aus einer stabilen wirtschaftlichen und innenpolitischen Lage heraus, auf ihre unmittelbare Region aus. Ziel der türkischen Regierung liegt in der Festigung der türkischen Position als friedliche Regionalmacht. Dies erfolgte parallel im Rahmen der Kopenhagener Kriterien, im welchen festgehalten wurde, dass die Türkei für eine Mitgliedschaft in der EU ihre Beziehungen zu ihren Nachbarn verbessern und festigen müsse. Gemäß der „Strategischen Tiefe“ erfolgt eine Degradierung der Westpolitik in der türkischen Außenpolitik, ohne sich von ihr abzuwenden. Die AKP-Regierung bekennt sich als Brücke zwischen Orient und Okzident. Um dies festigen zu können ist sie bemüht ihre Stellung als Brücke und als regionaler Machtfaktor zu etablieren.
Das außenpolitische Konzept Davutoğlus stellt kein Novum in der türkischen Außenpolitik dar. Das Konzept ist eine Weiterführung der aktiven, multidimensionalen und multilateralen özalschen Außenpolitik der 1990´er. Unter der AKP-Regierung erfolgte die Weiterentwicklung der türkischen Außenpolitik. Sie wird dynamischer, systematischer und kontinuierlich weitergeführt. Beide Konzepte (özalsche Außenpolitik und das Konzept der „Strategischen Tiefe“) verfolgen gemeinsame Ziele und Interessen. In beiden Fällen soll aufgrund der nationalen Interessen die Türkei „...zu einem wichtigen strategischen und unverzichtbaren Akteur in der regionalen und internationalen Politik werden...“ und ihre Stellung als Wirtschafts- und Energiezentrum stärken, sowie etablieren. Als Werkzeuge zur Erreichung ihrer Ziele bedarf es politischer, wirtschaftlicher, diplomatischer und kultureller Mittel und Methoden (Soft Power), die in den jeweiligen Regionen ihren Zweck erfüllen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Bestimmungsfaktoren der türkischen Außenpolitik seit der Gründung der türkischen Republik bis zur Ära Turgut Özal und Necmettin Erbakan
2.1. Die Ära Turgut Özal
2.2. Die Ära Necmettin Erbakan
3. Die türkische Außenpolitik unter der Ära Tayyib Erdoğan und die „Strategische Tiefe“
3.1. Stabile Innenpolitik als Voraussetzung für erfolgreiche Außenpolitik
3.2. Fallbeispiele
3.3. Der Nahe Osten
3.4. Israel
3.5. Die Maghreb – Staaten
4. Die Türkei als „Global – Player“
4.1. Kaukasus
4.2. Zentralasien und Russland
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das außenpolitische Konzept der "Strategischen Tiefe" unter der Ära Erdoğan. Dabei liegt der Fokus auf der Frage, ob die türkische Außenpolitik ein elementares Novum darstellt oder eine systematische Weiterführung der traditionell kemalistischen Außenpolitik ist, sowie ob eine Abkehr von der Westpolitik zugunsten einer stärkeren Orientierung an den arabischen Nachbarn stattfindet.
- Analyse der Bestimmungsfaktoren türkischer Außenpolitik von der Republikgründung bis heute.
- Untersuchung des Konzepts der "Strategischen Tiefe" und der Rolle des Neo-Osmanismus.
- Fallstudien zur regionalen Außenpolitik (Naher Osten, Kaukasus, Zentralasien).
- Bewertung des türkisch-israelischen Verhältnisses und dessen diplomatischer Entwicklung.
- Einordnung der Türkei als "Global Player" im Kontext wirtschaftlicher und politischer Interessen.
Auszug aus dem Buch
3.3. Der Nahe Osten
Im Rahmen der Kopenhagener Kriterien erfolgten die ersten türkischen Annäherungsversuche zu ihren arabischen Nachbarn. Die Türkei versuchte mit diplomatischem Dialog auf höchster Ebene die zerrütteten Beziehungen zu ihren islamischen Nachbarn (Iran, Irak, Syrien und Libanon) wieder herzustellen. Mit dem Grundsatz der Null-Problem-Politik wurden die Beziehungen zu den arabischen Nachbarn systematischer und konsequenter durchgeführt. Die AKP-Regierung trug zur Entspannung der stark belasteten Beziehungen zu Syrien bei. Bis dato waren die türkisch-syrischen Beziehungen aufgrund der Hatay-Frage, der syrischen Unterstützung der PKK und des türkischen Staudammprojekts (GAP) stark belastet. Beide Staaten hoben die gegenseitige Visumpflicht für ihre Bürger auf. Die türkische Regierung übernahm die Rolle des friedlichen Vermittlers ein und vermittelte zwischen Israel und Syrien.
Im Rahmen der Null-Problem-Politik erfolgte eine wirtschaftliche Annäherung der laizistischen Türkei an die islamische Republik Iran. Trotz unterschiedlicher politischer und religiöser Ideologie, unterstützt die AKP-Regierung die iranische Atompolitik und sprach sich vehement gegen stärkere internationale Sanktionen gegen den Iran aus. Die türkische Republik und Brasilien ergriffen die Initiative zur Überwachung des iranischen Atomprogramms. Mit dieser türkisch-lateinamerikanischen Kooperation wollten beide Staaten im Streit um das iranische Atomprogramm Mitspracherecht haben. Dieses Vorhaben wurde lediglich seitens der USA abgelehnt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Begriff des Neo-Osmanismus und das Konzept der „Strategischen Tiefe“ unter Ahmet Davutoğlu.
2. Die Bestimmungsfaktoren der türkischen Außenpolitik seit der Gründung der türkischen Republik bis zur Ära Turgut Özal und Necmettin Erbakan: Historische Analyse der Außenpolitik von der Ära Atatürk bis zu den Ansätzen von Özal und Erbakan.
2.1. Die Ära Turgut Özal: Untersuchung der außenpolitischen Ostorientierung Richtung Zentralasien nach dem Ende des Ost-West-Konflikts.
2.2. Die Ära Necmettin Erbakan: Betrachtung der islamisch-konservativen Ausrichtung unter Erbakan und den ersten Anzeichen einer anti-westlichen Politik.
3. Die türkische Außenpolitik unter der Ära Tayyib Erdoğan und die „Strategische Tiefe“: Darstellung der Visionen der Erdoğan-Administration und der Rolle des Neo-Osmanismus und Pantürkismus.
3.1. Stabile Innenpolitik als Voraussetzung für erfolgreiche Außenpolitik: Erläuterung des Zusammenhangs zwischen Demokratisierung, wirtschaftlichem Wachstum und außenpolitischem Erfolg.
3.2. Fallbeispiele: Analyse der historischen Zerrüttung und der Herausforderungen in den Beziehungen zu arabischen Nachbarn.
3.3. Der Nahe Osten: Untersuchung der "Null-Problem-Politik" und deren Anwendung in den Beziehungen zu Syrien, Iran und Irak.
3.4. Israel: Analyse des Wandels von einer strategischen Partnerschaft hin zum diplomatischen Bruch nach dem Vorfall mit der Gazahilfsflotte.
3.5. Die Maghreb – Staaten: Reflexion über die Auswirkungen des arabischen Frühlings auf die türkische Nahost-Politik.
4. Die Türkei als „Global – Player“: Untersuchung der türkischen Ambitionen außerhalb des unmittelbaren Nahen Ostens.
4.1. Kaukasus: Analyse der Bemühungen um ein diplomatisches Gleichgewicht zwischen Aserbaidschan und Armenien.
4.2. Zentralasien und Russland: Darstellung der wirtschaftlichen Kooperationen und der Energiepolitik als Instrumente türkischen Einflusses.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der türkischen Außenpolitik als Weiterführung einer aktiven, multidimensionalen Strategie.
Schlüsselwörter
Neo-Osmanismus, Strategische Tiefe, AKP-Regierung, türkische Außenpolitik, Ahmet Davutoğlu, Null-Problem-Politik, Regionalmacht, Westbindung, Kaukasus, Zentralasien, Energiepolitik, Israel, Naher Osten, Demokratisierung, Soft Power.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit analysiert das außenpolitische Konzept der "Strategischen Tiefe" unter der AKP-Regierung und untersucht, wie die Türkei versucht, ihre Rolle als regionale Ordnungsmacht zu etablieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die historische Einordnung der türkischen Außenpolitik, die Strategien in Zentralasien und dem Nahen Osten, sowie das sich wandelnde Verhältnis zu den westlichen Bündnispartnern und Israel.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, ob die aktuelle Außenpolitik eine Abkehr von der kemalistischen Tradition und dem Westen bedeutet oder eine konsequente Weiterentwicklung aktiver, multidimensionaler Ansätze darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die historische Bestimmungsfaktoren mit aktuellen Entwicklungen verknüpft und durch Fallbeispiele untermauert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historischen Grundlagen, die spezifischen Entwicklungen unter den Regierungen Özal, Erbakan und Erdoğan sowie eine detaillierte Untersuchung regionaler Schwerpunkte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Neo-Osmanismus, Null-Problem-Politik, Strategische Tiefe, geopolitischer Schlüsselstaat und regionale Ordnungsmacht geprägt.
Wie wird das Verhältnis der Türkei zu Israel in der Arbeit bewertet?
Die Arbeit zeichnet den Weg von einer engen sicherheitspolitischen Partnerschaft mit Israel bis zum diplomatischen Bruch nach, insbesondere unter dem Einfluss der Entwicklungen in Palästina und dem Vorfall mit der Gazahilfsflotte.
Welche Rolle spielt der "arabische Frühling" für die türkische Strategie?
Der arabische Frühling zwang die Türkei dazu, ihre "Null-Problem-Politik" und ihre diplomatischen Taktiken zu überdenken und sich an veränderte Gegebenheiten in der Region anzupassen.
- Quote paper
- Master of Arts Tezer Güc (Author), 2014, Die Rolle des Neo-Osmanismus in der AKP-Regierung und seine Auswirkungen auf die türkische Außenpolitik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272437