Stigma in der Aufnahmegesellschaft: Migrationshintergrund in Deutschland

Zur Stigma-Theorie Erving Goffmans


Referat (Ausarbeitung), 2009
22 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Erving Goffman: Biographie und Werke

2.Stigma nach Erving Goffman

2.1. Stigma des Deskreditierten und des Deskreditierbaren
2.2. Stigmatisierungsprozess

3. Stigmabewältigung nach Major und Eccleston

4. Ursachen und Funktionen von Stigmata

5. Das Stigma Migrationshintergrund

6. Benachteiligung in Bildung und Medien und beispielhafte Initiativen

1. Erving Goffman: Biographie und Werke

Erving Goffman wurde im Jahr 1922 in der Kleinstadt Manville/Kanada, als Sohn jüdischer Eltern geboren. Er studierte zunächst Soziologie an der Universität Toronto und erwarb im Jahr 1945 den „Bachelor of Arts. Danach ging er an die Universität Chicago um dort den „Master of Arts“ zu absolvieren. Seiner akademischen Ausbildung folgte ein Studienaufenthalt an der University of Edinburgh wo er 1949 bis 1951 als „Instructor of Social Anthropology“ seine erste Feldstudie auf den vor Schottland liegenden Shetland-Inseln machte. Mit der daraus entstandenen Arbeit „Communication Conduct in an Island Community“, promovierte Erving Goffman im Jahr 1953 an der Universität Chicago, dessen Ergebnisse später in eines seiner bekanntesten Werke und seinem ersten großen Erfolg[1]

The Presentation of Self in Every-day Life“ (1959, in Deutsch: W ir alle spielen Theater) einflossen. Ab dem Jahr 1958, begann Goffman an der Berkeley Universität Kalifornien, zuerst als Assistenzprofessor und ab dem Jahr 1962, als ordentlicher Professor zu lehren.

In Berkeley hat er wichtige Arbeiten wie z.B. „Asylums“ (1961), oder „Stigma“ 1963, publiziert. Hier wurde Goffman zum „Mythos“. Im Jahr 1969 nahm Erving Goffman eine Professur für Anthropologie und Psychologie (später Soziologie) an der Universität von Pennsylvania in Philadelphia an und blieb dort, auch wenn er in den 1970er Jahren mehrere Gastprofessuren, unter anderem in Harvard, inne hatte. Er erhielt eine Reihe von Auszeichnungen und wandte sich auch neuen inhaltlichen, methodischen und theoretischen Gesichtspunkten zu, so analysierte er in den 1970er Jahren Geschlechterverhältnisse, woraus die Studie „Gender Advertisments“ (1976) und der Aufsatz „The arrangement between the sexes“(1977) hervorgingen, und Gesprächsformen in seiner „Frame analysis“(1974) und seiner letzten Publikation „Forms of Talk“ (1981). 1981 wurde Erving Goffman zum Präsident der American Sociological Association (ASA) gewählt und verstarb im November 1982 in Philadelphia.

Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht sein Werk „Stigma. Notes on the management of spoiled identity” von 1963 (in Deutsch: „Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität, 1967), mit dem er einen soziologischen Beitrag zum Thema gesellschaftlicher Marginalisierung leistete. In Anlehnung an seine zuvor entwickelte Theater-Metaphorik, beschreibt Goffman den Umgang des einzelnen und der Gesellschaft mit Eigenschaften, die in negativer Weise von den sozial etablierten Erwartungen eines „normalen“ Verhaltens oder Aussehens abweichen.

2. Stigma nach Erving Goffman

Nach Goffman, gelten all diejenigen Individuen als „stigmatisiert“, die „von vollständiger sozialer Akzeptierung ausgeschlossen“ sind.[3] Unter Stigma versteht man ein Zeichen oder ein Merkmal, durch das sich ein Individuum oder eine Gruppe von den anderen Mitgliedern einer Gesellschaft unterscheidet. Der Begriff Stigma („Stich“, „Punkt“, „Wund“- oder „Brandmal“) ist griechischen Ursprungs und bezeichnet „eine gebrandmarkte, rituell für unrein erklärte Person, die gemieden werden sollte“[4]. Stigmata sind dabei nicht nur unvorteilhafte Merkmale oder unerwünschte Eigenschaften, sondern auch Zuschreibungen weiterer Eigenschaften von außen, Verallgemeinerungen, die das Individuum als Ganzes herabsetzen können. Ob ein Merkmal oder eine Eigenschaft stigmatisierend ist, hängt aber vom jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext ab: „Ein und dieselbe Eigenschaft vermag den einen Typus zu stigmatisieren, während sie die Normalität eines anderen bestätigt (…)[5]. Somit kann prinzipiell jedes Merkmal oder jede Eigenschaft ein Stigma sein, wenn es vom kontextabhängigen Idealtypus abweicht. Es geht also nicht nur um das Merkmal an sich, sondern um die negative Definition des Merkmals.[2]

Die Mehrheitsgesellschaft legt fest, welche Merkmale „normal“ sind und welche als abweichend gelten. Die Aufrechterhaltung dieser Normen geschieht nicht nur durch Kontrollinstanzen wie Polizei, Schule, Strafanstalten oder Kliniken, sondern auch durch informelle Instanzen wie Eltern, Nachbarn oder Peer-groups.

Goffman unterteilt Stigmata in sichtbare und unsichtbare und somit in Stigmata der Diskreditierten und Diskreditierbaren.

2.1 Stigma des Deskreditierten und des Deskreditierbaren

Das Stigma des Diskreditierten ist in einer sozialen Interaktion unmittelbar auffällig.[6]
Es gibt keine Möglichkeit es zu verbergen. Es ist sichtbar. Die Diskreditierten nehmen an, dass ihr Stigma bekannt und offenbar ist und verhalten sich dementsprechend.
Das Stigma des Deskreditierbaren ist in der sozialen Interaktion, nicht unmittelbar auffällig und somit zunächst unsichtbar. Die Deskreditierbaren nehmen an, dass ihr Stigma noch nicht bekannt ist. Um weiterhin als „normal“ zu gelten, müssen sie Ihre Interaktionspartner täuschen, damit ihr Stigma nicht erkannt wird. Sie versuchen Hinweise auf ihr Stigma zu steuern und zu kontrollieren und sind somit stärker mit der ständigen Angst vor Entdeckung ihres Stigmas und mit der daraus resultierenden Ausgrenzung konfrontiert.
Ob ein Stigma sichtbar oder unsichtbar ist, hängt von der Form des Stigmas ab.
Goffman unterscheidet drei Formen von Stigmata[7]:

1. Physische Deformationen: „Abscheulichkeiten des Körpers“
2. Individuelle Charakterfehler: Willensschwäche, Geistesverwirrung, Gefängnishaft, Sucht, Homosexualität, Arbeitslosigkeit, Suizidwille, radikales politisches Verhalten.
3. Phylogenetische Stigmata: Gruppenzugehörigkeit, Nationalität, Rasse, Religion.

Stigmata sind, wie bereits oben erwähnt, oft auch Verallgemeinerungen und Zuschreibungen von Eigenschaften, die nicht mit dem eigentlichen stigmatisierenden Merkmal in Zusammenhang stehen. Jedoch können durch diese Zuschreibungen „kleinere Fehler oder zufällige Fehlleistungen als direkter Ausdruck seiner stigmatisierten Andersartigkeit interpretiert werden.“[8]

Sehen wir einen Menschen zum ersten Mal, dann zählt oft der Erste Eindruck.Wir schreiben ihm eine „soziale Identität“ zu und nehmen eine Erwartungshaltung ein.Diese Zuschreibungen sind abhängig von dem, was Goffman als „virtuale soziale Identität“ und als „aktuale soziale Identität“ unterscheidet.

Bei der virtualen sozialen Identität erfolgt die Zuschreibung und Charakterisierung bezüglich einer bestimmten Personenkategorie, der ein bestimmtes Individuum zugeordnet wird, über vermutbare, im „Effekt“ erwarteter Eigenschaften und Merkmale.

Die aktuale soziale Identität besteht im Gegensatz dazu, aus den tatsächlich wahrgenom-menen Eigenschaften und Merkmalen in der sozialen Interaktion.

Stigmata entstehen aus dem Widerspruch von virtualer und aktualer sozialer Identität. Stimmt die virtuale soziale Identität, nicht mit der aktualen Identität überein, wird das Individuum umdefiniert und einer anderen Personenkategorie zugeordnet.

Im Folgenden soll dies anhand der Stufen der Stigmatisierung näher erläutert werden.

2.2. Stigmatisierungsprozess

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Schematische Darstellung des Stigmatisierungsprozesses nach Hensle (1982)[9]

Treten zwei fremde Personen miteinander in Interaktion, so machen sie sich in den ersten Sekunden der Begegnung bereits ein Bild voneinander, sie formen die virtuale soziale Identität ihres Interaktionspartners (siehe oben). Die virtuale soziale Identität entsteht durch die Wahrnehmung weniger herausstehender, oberflächlicher Merkmale, die es ermöglichen, das Gegenüber einem bestimmten Typ Menschen zu zuordnen. Durch diese Kategorisierung, schreibt man dieser Person bestimmte Attribute zu und nimmt eine bestimmte Erwartungshaltung ein (Etikettierung).

Hat das Gegenüber ein sichtbares Stigma, so wird diese Person hauptsächlich von diesem negativen Merkmal aus wahrgenommen und es werden ihm weitere Merkmale und Eigenschaften zugeschrieben, die objektiv nichts mit dem ursprünglichen Merkmal zu tun haben (Generalisierung). Ist das Stigma unsichtbar, so wird der „Normale“ Interaktionspartner, dem Stigmaträger zunächst eine positivere virtuale soziale Identität zuschreiben. Im Verlauf der Interaktion, kann es jedoch passieren, dass eine unerwünschte Eigenschaft und damit der Widerspruch zwischen der virtualen und aktualen sozialen Identität entdeckt wird. Dieser Widerspruch ist ein Stigma und führt zu Abwertung der gesamten Person. Je nach Stigma-Management kann daraus resultieren, dass ein Stigmaträger selbst von sich denkt, die normativen Erwartungen nicht erfüllen und keinen vollwertigen Status beanspruchen zu können. Die Wahrnehmung der mangelnden Akzeptanz kann zu Schamgefühlen und einer Spaltung zwischen Ich-Ideal und Ich führen. Der Stigmatisierte übernimmt die negativen Bewertungen die er im täglichen Kontakt mit Anderen erfährt, in sein Selbstkonzept. Daraus entsteht eine neue „beschädigte“ Identität (Akzeptierung). Weitere Reaktionsmöglichkeiten des Stigma-Trägers sind Versuche der direkten oder indirekten Korrektur seines Stigmas. Direkte Korrektur z.B. in Form von Schönheitsoperationen oder indirekte Korrektur „indem es (das stigmatisierte Individuum) viel private Anstrengung der Meisterung von Tätigkeitsbereichen widmet, von denen man gewöhnlich annimmt, dass sie für jemanden mit seiner Unzugänglichkeit aus akzidentiellen und physischen Gründen verschlossen sind.“[10] Wie z.B. Gelähmte Schwimmer oder Blinde Skiläufer.

3. Stigma-Bewältigung nach Major und Eccleston:

Major und Eccleston[11] unterscheiden fünf Bewältigungsstrategien, die Stigmaträger befolgen, um eine Verschlechterung ihres Selbstkonzeptes zu verhindern:

1.Steigerung der Attraktivität als Interaktionspartner

Beseitigung des Stigmas durch Diät, Überschminken, Schönheitschirurgie etc. oder Verheimlichung des Stigmas.

2.Vermeidung stigmatisierender sozialer Kontakte:

Vermeidung von Situationen, in denen Zurückweisung und Ausgrenzung aufgrund des Stigmas erwartet wird.

3.Zurücknahme des persönlichen Engagements:

Innerlicher Rückzug bei Bedrohung des Selbstkonzeptes, Aufgabe von Zielen und Erwartungen.

4.Pflege alternativer Beziehungen :

Identifizierung mit der eigenen Gruppe als Schutz vor Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls, Unterstützung innerhalb der Gruppe gegen Diskriminierung und Stigmatisierung, Alternative Sichtweisen zur negativen Stereotypisierung.

5.Externale Attribution (Umweltfaktoren) :

Schutz des Selbstwertgefühls durch Zurückführung der Stigmatisierung auf Faktoren wie Vorurteile und Unwissenheit der Mehrheitsgesellschaft und nicht auf persönliche Eigenschaften.

[...]


[1] Vgl. Hettlage/Lenz: Erving Goffman-einsoziologischer Klassiker der zweiten Generation, 1991 Bern,Basel,

S.7-15

[2] Goffman, Erving: Stigma -über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität, Frankfurt/Main, 1967

[3] Vgl. ebd. S.7

[4] Vgl. ebd. S.9

[5] Vgl. ebd. S.11

[6] www.duden.de: diskreditieren: abwerten, herabsetzen, abqualifizieren, durch den Schmutz ziehen

[7] Goffman,Erving: Stigma. S.12f

[8] Vgl. ebd. S.25

[9] Hensle,Ulrich: Einführung in die Arbeit mit Behinderten: psychologische, pädagogische und
medizinische Aspekte, Heidelberg 1982, S.214

[10] Goffman,Erving: Stigma. S.19

[11] Major, B. & Eccleston, C.P. (2005). Stigma and social exclusion.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Stigma in der Aufnahmegesellschaft: Migrationshintergrund in Deutschland
Untertitel
Zur Stigma-Theorie Erving Goffmans
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Transnationale Migration im Zeitalter der Globalisierung
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V272483
ISBN (eBook)
9783656647171
ISBN (Buch)
9783656647140
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Referatsausarbeitung
Schlagworte
Transnationalismus, Migrationshintergrund, Erving Goffman, Stigma, Stigmatheorie, Marginalisierung, Türken, Migrationsgesellschaft, Medien, Diskreditiert, aktuale soziale Identität, virtuale soziale Identität, Identität, Major und Eccleston, Stigma-Bewältigung, Stigmata, Einwanderungsgesellschaft, Teilhabe, Partizipation, Kopftuchdebatte, Ethnie, Nationalität, Arbeitsmigranten, Flüchtlinge, Aussiedler, soziale Ungleichheit, PISA Studie, PISA-Schock, Benachteiligung, Diskriminierung, Hauptschule, Rütli-Schule, Forum der Brückenbauer, Bild-Zeitung, U-Bahn Prügler, Neue Deutsche Medienmacher, Problemmigranten, Rückwanderung, qualifizierte Migranten, Chancenungleichheit
Arbeit zitieren
M.A. Pinar Kehribar Yorulmaz (Autor), 2009, Stigma in der Aufnahmegesellschaft: Migrationshintergrund in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272483

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