Widerständigkeit in der Erwachsenenbildung

Tocotronics ,Wie wir leben wollen’ als didaktisches Material


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und Fragestellung

2. Widerständigkeit in der Erwachsenenbildung – Auf der Suche nach einer Bedeutung für die Erwachsenenbildung

3. Tocotronics „Wir wir leben wollen“ als Beispiel für die

pädagogische Praxis

4. Zusammenfassung und Diskussion

5. Literatur

1. Einleitung und Fragestellung

„Ich will Steine schmeißen, mich zerreißen, Ich will täglich anders heißen, Alle Preise sollen winken, Ich will im Swimming Pool ertrinken, Der Teufel sagt, der Teufel sagt, der Teufel sagt, du musst es tun […].“ (von Lowtzow 2013). So singen Tocotronic in ihrer neuen Single Anfang 2013. Tocotronic belegen mit ihrem neuen Album „Wie wir leben wollen“ im Februar 2013 etwas über zwei Jahre nach ihrem direkten Nummer eins - Einstieg „Schall und Wahn“ Platz drei der deutschen Albumcharts. Für eine Band, die seit ihrem Erstlingswerk 1995 als Independent-Künstler per se gelten, ist das eine Entwicklung, die niemand erahnen konnte. Gleichzeit sind die Cover und Titelgeschichten der deutschen Musikmagazine im Januar fest in „tocotronischer“ Hand. Die Faszination dieser Musikgruppe und Tocotronics Stellenwert in Deutschland lassen sich vielleicht nur mit den amerikanischen Underground-Heroen Sonic Youth vergleichen. Dieser breite Stellenwert führte die deutsche Independent-Szene in Form von zwei Mitgliedern von Tocotronic so bis in die tagesschau (20. Januar 2013). Erwachsenenbildung und Tocotronic wurden bisher noch nicht zusammen gedacht. Dabei finden sich auf den Alben der Musikgruppe viele Anknüpfungspunkte für eine pädagogische Beschäftigung. Eine befreundete Lehrerin hat es vor einem halben Jahr ganz passend formuliert: „Ich muss in meinem Job, in meiner Arbeit so funktionieren. Wenn ich dann nach dem Unterricht Tocotronic im Auto höre, dann ist das wie weggeblasen. Sie singen so schön davon, sich von all den beruflichen oder sozialen Zwängen zu befreien und das in einer so leichten Art und Weise.“ Im Zuge der Subjektivierung und Deinstitutionalisierung von Arbeit sind für die deutschen Arbeitnehmer neue auch unterbewusste Zwänge aufgetreten. Mehr Verantwortung und mehr Freiheiten wurden mit einer Entgrenzung von Arbeit und Leben erkauft. Trotz neu gewonnener Freiheit müssen die Arbeitnehmer ihre Kompetenz und Performance jederzeit abrufen können. Von ihrem Außenbild wird Stimmigkeit verlangt. „Ich will Steine schmeißen, mich zerreißen […]“ (von Lowtzow 2013) singen Tocotronic. Damit spiegeln sie das immer noch währende Bedürfnis nach wirklicher Freiheit, wirklicher Möglichkeit, auch einmal gewalttätig sein zu dürfen, ohne dabei sozial zu funktionieren. Trotz Flexibilisierung der Arbeit, besteht das Bedürfnis nach immerwährender Veränderung, sprich auch einmal anders heißen zu dürfen. Die Leistungsgesellschaft belohnt uns auch materiell in Form von Preisen, die einem eine gewisse Genugtuung verschaffen. Trotzdem ist der Selbstmord in einer Gesellschaft, die sich jeden Tag narzisstisch neu inszeniert, vielleicht die größte Inszenierung seiner selbst. Gleichzeitig sorgen Leistungsorientierung und Flexibilisierung oder auch globale Medialisierung zu einer Dynamik des Sozialen, die immer häufiger in Form psychischer Symptomatik oder sog. Burn-Outs endet. „Ich will Steine schmeißen, mich zerreißen, Ich will täglich anders heißen, Alle Preise sollen winken, Ich will im Swimming Pool ertrinken, Der Teufel sagt, der Teufel sagt, der Teufel sagt, du musst es tun[…]“ (von Lowtzow 2013). Tocotronic singen hier von genau diesen neuen (?) Zwängen. Seid widerständig! Die Lösung aus diesen Dilemmata kann eine kritische Erwachsenenbildung sein: Kritische Erwachsenenbildung in Form einer Bildungsform, die Widerständigkeit lehrt. Der Versuch dieser Arbeit besteht in der Formulierung einer widerständigen Bildung. Widerständige Bildung versteht sich als pädagogische Lösung neusozialer Dilemmata. Den Abschluss bildet eine praktische Anleitung der widerständigen Bildung durch die Beschäftigung mit Tocotronics „Wie wir leben wollen“.

2. „Widerständigkeit“ – widerständige Bildung – Auf der Suche nach einer Bedeutung für die Erwachsenenbildung

Pongratz betont in seiner Arbeit die Aktualität kritischer Erwachsenenbildung (u.a. 2002). Was aber kann kritische Erwachsenenbildung in diesen Jahren bedeuten? Wenn kritische Erwachsenenbildung eine Form der widerständigen Bildung meint, als was begreift sich dann widerständige Bildung? Dabei sei an Adornos Mahnung erinnert, „Erziehung nach Auschwitz“ kann nur eine Erziehung zu einer Kritikfähigkeit bleiben. Zeuner versteht diese Mahnung als „Aufforderung, die Menschen als Gesellschaftsmitglieder so zu erziehen, daß sie nie wieder bei der befohlenen Ermordung von zu Minderwertigen deklarierten Menschen aktiv oder passiv, billigend oder wegsehend mitwirken.“ (Zeuner 2002, S. 75). Zeuner sieht also eine Erziehung zum potenziellen Widerstand als soziale Pflicht. Gemeint ist eine reflektierende, die Interessen hinterfragende Erziehung. Auch Zeuner glaubt hier an eine besondere Schwierigkeit und Aktualität dieser Bildung im Zuge von Ökonomisierung und Subjektivierung von Arbeit. Neue soziale Entwicklungen und dadurch entstehende subjektive Herausforderungen machen die Form der widerständigen Bildung so wichtig. Götz spricht in ihrer Beschreibung neuer Biografieformen von dem „Punk-Milieu“ (2007, S. 22) als Rückzugsmöglichkeit gegen diese neuen subjektivierten Lebensformen. In diesen speziellen Milieus sind die Möglichkeiten der Widerständigkeiten in Form eines sozialen Rückzugs noch erhalten geblieben. Sie bieten Identifikationsflächen abseits des hegemonialen Arbeitsleitbildes. Auch der zunehmende Zuspruch für nationales Gedankengut und losgelöst von der Institution Kirche auch „religiöse[r] Mythen“ (2007, S. 27) ist für Götz hier anzusiedeln. Der bereits 1998 von Voß/Pongratz geprägte Begriff des „Arbeitskraftunternehmers“ steht im Widerspruch zu diesen Lebensentwürfen. Diese Entwürfe wehren sich gegen die proklamierte „,Verarbeitlichung’“ (Voß 1998, S. 482) des gesamten Lebens.

Wie lässt sich aber jetzt ein Wirken gegen diese Entgrenzung unterstützen. Wie lassen sich Möglichkeiten zur Reflexion bieten? Zunächst einmal bedeutet widerständige Reflexion ein Hinterfragen der bestehenden Ordnung und der bestehenden Interessen. Dinge, die bisher für selbstverständlich gehalten werden, unterziehen die Lernenden näherer Betrachtung. Konstruierte Deutungsmuster erfahren eine Irritation. Dazu müssen persönliche Vorannahmen, welcher thematischer Natur auch immer, hinterfragt werden. Thompson und Weiss sehen hier einen grundsätzlichen Widerspruch zu modernen pädagogischen Kompetenzansätzen, weil Widerständigkeit als „Kompetenzdimension […] neutralisiert“ (2008, S. 12) ist. Benner betont die grundsätzliche Bedeutung von Negation in der persönlichen Lebensbiografie (2005). Nur über die Verneinung von vorgegebenen Mustern oder Verhaltensweisen, wird Widerständigkeit und so Eigenständigkeit gelernt. Die Folge davon ist interessanterweise widerständige Bildung als dynamische, interaktive, situationsbedingte und/oder diskursive Bildung ohne genaue Festlegung. Thompson/Weiss folgern: „Die Verfasstheit der Menschen, weder sich selbst noch Anderen gegenüber souverän sein zu können, aber dennoch handeln zu müssen, bedeutet eine prinzipielle Inkompetenz, welche als Ermöglichungsbedingung von Freiheit verstanden wird.“ (2008, S. 14). Diese Inkompetenz führt so nicht nur zu einer wirklichen Freiheit, sondern auch zu einer wahren Subjektivierung des Persönlichen. Folge müsste sein, widerständige Bildung als wahrste subjektorientierende Bildung zu verstehen. Wahres Subjekt bleibt so der, der es versucht, sein Leben „inkompetent“ zu führen. Das ist unbequem, aber spannend. Somit führt widerständige Bildung zu einem wahren Subjekt. Sie führt aber auch zu dem persönlichsten Subjekt, d.h. sie führt zu einem Subjekt, das sich selbst am Nahesten ist. Widerständige Bildung endet also ebenfalls in Selbsterkenntnis. Sattler schreibt allerdings, dass widerständige Bildung genauso zu „Ent-Subjektivierung“ (2008, S. 26) führen und so ein schmerzhafter Prozess sein kann. Das Hinterfragen bezieht sich ebenso auf die eigenen biografischen Vordeutungen. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass die Entsubjektivierung hier zu einer wahren Subjektivierung führen kann. Treffend formuliert Butler: „Wie sowohl Adorno als auch Foucault verdeutlichen, muss man nicht souverän sein, um moralisch zu handeln; vielmehr muss man seine Souveränität einbüßen, um menschlich zu werden.“ (2003, S. 11). So führt menschliche Schwäche zu wahrer Souveränität. Diese dynamische Sichtweise auf Bildung erinnert an das transformative Lernen Mezirows (u.a. 1997). Die Angewiesenheit auf den Anderen und die Sichtweise eines Anderen in der Gruppe wiederum bewegt widerständige Bildung in die Nähe der Soziologie. Butler erkennt ebenso die Konstituierung des Subjekts durch die sozialen Machtverhältnisse um das Subjekt (Vgl. Butler 2001, S. 18). Die sozialen und ökonomischen Bedingungen konstituieren die subjektiven Momente. Somit stünde die widerständige Bildung auch in einer besonderen Tradition von Meuelers „Subjekt-Objekt-Dialektik“ (u.a. 2009), da es um eine Vermittlung mit den objektiven sozialen Bedingungen geht. Butler sieht das Subjekt gezwungenermaßen unter diese Bedingungen unterworfen und fragt nun nach Möglichkeiten des Widerständigen. Diese gleichzeitige Subjektivierung und Entsubjektivierung nennt Butler „Subjektivation“ (Butler 2001, S. 187). Nach einer befreienden Entsubjektivierung ist dann auch eine persönliche Emanzipation möglich. Das lässt sich als prozessuale Suche sehen, auch seine Möglichkeiten in Form anderer Identitäten auszuschöpfen. Als zentrales Movens hin zu einem befreienden Zustand des Widerspruchs sieht Butler den Zorn über die verpassten „Lebensmöglichkeiten“ (Meißner 2010, S. 67) und als Folge eine gesunde Reflexion (Vgl. Butler 2001, S. 22). Über dieses Eingestehen von persönlicher Schwäche konstituiere sich dann das neue Subjekt und so entstünde wahres Menschliches.

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Details

Titel
Widerständigkeit in der Erwachsenenbildung
Untertitel
Tocotronics ,Wie wir leben wollen’ als didaktisches Material
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V272986
ISBN (eBook)
9783656653509
ISBN (Buch)
9783656653479
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
widerständigkeit, erwachsenenbildung, tocotronics, material
Arbeit zitieren
Diplom-Soziologe David Klanke (Autor:in), 2013, Widerständigkeit in der Erwachsenenbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272986

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