Wertevermittlung im Ethikunterricht?


Essay, 2013

5 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Einleitung

„Im Mittelpunkt der Ethik steht das Verhältnis des Menschen zu sich selbst, zur Mitwelt und zur Umwelt und damit die Frage: „Was ist ein gutes Leben und wie kann man es fuhren? “ (Senatsverwaltung 2012: 9)

„Die Jugend soll im Geiste der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit erzogen werden. Dazu gehören Toleranz und Achtung anderer Überzeugungen, Verantwortung fur die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und Vermei­dung gewaltsamer Konfliktlösungen. “ (ebd.: 10)

Stellt man diese beiden Passagen des Berliner Rahmenlehrplans Ethik für die Sekundarstufe I in direkten Zusammenhang, so scheint es, als gebe dieser nicht nur die Fragestellung, welche die Reflexion im Ethikunterricht leiten soll („Was ist ein gutes Leben und wie kann man es führen?“), sondern auch die Antworten vor, die auf sie gegeben werden sollen (Menschlich­keit, Demokratie, Freiheit, Toleranz, etc.). Andererseits wird jedoch an mehreren Stellen be­merkt, dass der Ethikunterricht nicht indoktrinierend sein soll (ebd.: 10). Der Rahmenlehrplan zeigt sich damit in einem Widerspruch zwischen dem Ziel, bestimmte gesellschaftlich wichti­ge Werte zu vermitteln, und der Erkenntnis, dass ethisches Handeln nur selbstbestimmt mög­lich ist, gefangen.

Ich möchte im Folgenden einen Vorschlag machen, inwiefern Ethikunterricht Werte „vermit­teln“ kann, ohne indoktrinierend zu sein. Meiner Auffassung nach kann und sollte Ethikunter­richt einige grundlegende Vorstellungen vom guten Leben, die von sehr vielen geteilt werden, insofern vermitteln, als er sie als ethisches Angebot in ihrem möglichen Beitrag zu einem gu­ten Leben zur Diskussion stellt. Ich werde Argumente vorlegen, warum eine derartige Aus­richtung des Ethikunterrichtes gerechtfertigt ist. Im Anschluss werde ich meine Position ge­genüber zwei möglichen Einwänden verteidigen.

2. „Wertevermittlung“

Schülerinnen und Schüler sollen sich dem Rahmenlehrplan gemäß die Frage stellen, was ein gutes Leben ist, und wie man es führt (Senatsverwaltung 2012: 9). Nun sind die Antworten auf diese Frage sowohl in der Philosophie, als auch in der Gesellschaft umstritten. Jedoch gibt es einige sehr grundlegende Vorstellungen vom guten Leben, die (innerhalb unserer Gesell­schaft) von sehr Vielen geteilt werden und zu den Grundwerten liberal-demokratischer Gesell­schaften zählen, z.B. die Achtung der Menschenwürde, eine grundlegende Autonomie, oder Freiheit in der Religionsausübung. Diese grundlegenden Vorstellungen können als Wert be­zeichnet werden. Wo der Rahmenlehrplan die Vermittlung konkreter substanzieller Werte for­dert, handelt es sich meistens um solche allgemeinen Vorstellungen. Sehr viele Menschen sind der Auffassung, das Demokratie und Freiheit, Gewaltfreiheit und Toleranz, sowie die Orien­tierung an den Menschenrechten etwas Gutes sind. Das heißt nicht, dass diese nicht umstritten sind, bzw. dass es nicht unterschiedliche Auffassungen über den Gehalt dieser Begriffe gibt. Auch wenn in Deutschland die Mehrheit der Bürgerinnen die Demokratie grundsätzlich gut finden, lehnt eine nicht unwesentliche Minderheit die Demokratie ab. Andere bekennen sich zur Demokratie als Ideal, dem die gesellschaftliche Wirklichkeit jedoch nicht gerecht wird. Kulturübergreifende empirische Untersuchungen können auch dazu beitragen, zu zeigen, dass bestimmte Vorstellungen vom guten Leben unabhängig vom kulturellen Kontext geteilt wer­den, also auch außerhalb liberal-demokratischer Gesellschaften. So hat Martha Nussbaum mit ihrem Grundfähigkeiten-Ansatz eine Theorie des guten Lebens vorgeschlagen, die sie auf em­pirische Beobachtungen stützt (Nussbaum 2000). Gleichzeitig sind bestimmte Vorstellungen des guten Lebens, wie bspw. das Ideal der Gewaltfreiheit philosophisch auch wenig umstrit­ten.

Wenn es gute Gründe dafür gibt, das bestimmte Werte einen Beitrag zu einem guten und ge­lingenden Leben leisten, sollten diese Werte Gegenstand des Ethikunterrichtes werden. Im In­teresse des guten Lebens von Schülerinnen und Schülern sollten sie ihnen in ihrem möglichen Beitrag zu einem gelingenden Leben vermittelt werden. Eine derartige Vermittlung bestimm­ter Grundwerte ist im Interesse ihres guten Lebens, denn sie erhöht „die Wahrscheinlichkeit dafür, die Option (des guten Lebens, F.M.) zu finden, die den eigenen Neigungen und Fähig­keiten am ehesten entspricht" (Meyer 2011, 2: 143). Sie ist dies insbesondere für Schülerinnen und Schüler, die in ihrem familiären Umfeld von der möglichen Zuträglichkeit etwa eines au­tonomen Lebens zu einem gelingenden Leben nichts gehört haben. Eine Schülerin, die in ei­ner Familienkultur aufgewachsen ist, in der Gewalt eine große Rolle spielt, kann durch Erfah­rungen von gewaltfreier Konfliktlösung im Ethikunterricht zu der Auffassung kommen, dass der Verzicht auf Gewalt ein Leben besser macht. Ein Schüler, der von seinen Eltern eine sehr negative Sicht anderer Religionen vermittelt bekommen hat, kann durch die Erfahrung inter­religiösen Dialogs zu der Ansicht kommen, dass Respekt gegenüber anderen religiösen Prä­gungen besser ist, als deren kategorische Ablehnung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Wertevermittlung im Ethikunterricht?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Fachdidaktisches Hauptseminar - Fachdidaktik Ethik
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
5
Katalognummer
V273107
ISBN (eBook)
9783656654384
ISBN (Buch)
9783656654353
Dateigröße
383 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wertevermittlung, ethikunterricht
Arbeit zitieren
Felix Mayer (Autor), 2013, Wertevermittlung im Ethikunterricht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273107

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