Im Kollektiv ist Sprache Macht

Eine Untersuchung zu Zusammenhängen zwischen Muttersprache, Spracherwerb und Drop-outs im österreichischen Schulsystem


Bachelorarbeit, 2014
33 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Macht der Muttersprachen
2.1 Sprache als Macht
2.2 Die Bedeutung der Muttersprache
2.3 Muttersprachliche Förderung in Österreich

3. Statistische Erhebungen
3.1 Förderbedarf
3.2 SchülerInnen mit anderen Erstsprachen als Deutsch
3.3 Muttersprachlicher Unterricht
3.4 Drop-Out-Raten
3.5 Resultat

4. Verhinderung frühzeitigen Bildungsabbruchs

5. Conclusio

6. Literaturverzeichnis

7. Weitere Quellen

8. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Diese Seminararbeit aus dem Bachelor-Seminar des Fachbereiches Deutsch als Zweitsprache mit dem Titel „Zweisprachigkeit und Bildung“ beschäftigt sich mit der Thematik der Muttersprache und damit einhergehende Problematiken im österreichischen Bildungssystem. Genauer erfolgt eine Untersuchung zu Zusammenhängen zwischen Muttersprache, Spracherwerb und Schulabbrüchen. Ausschlaggebend für die Wahl dieses Themas, war folgendes Zitat:

„In Österreich wiederholen SchülerInnen mit Migrationsgeschichte im Durchschnitt überproportional oft eine Klasse; sie werden vermehrt auf Schulformen wie die Sonderschule oder die Hauptschule verwiesen, deren Abschlüsse für den Anschluss angesehener und vielversprechender Berufsausbildungsgänge oftmals nicht ausreichen; nach Abschluss der Grundschule sind Kinder mit Migrationshintergrund dementsprechend überrepräsentiert in Sonder- und Hauptschulen. […]“ (Melter/Dirim/Mecheril 2011: S. 341b)

Während der Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur des Seminars, formulierte sich folgende Forschungsfrage, die in dieser Seminararbeit nun behandelt werden soll:

In wie weit hängt das Konzept von „Sprache ist/und Macht“ mit dem Spracherwerb in der Migration bzw. der Bedeutung von Muttersprache zusammen und lässt sich daraus eine Parallele zu muttersprachlichen Unterricht im österreichischen Schulsystem und in diesem Zusammenhang stehende School-Drop-Out-Raten ziehen?

Der Forschungsstand dazu ist recht eindeutig, welches im ersten Teil dieser Arbeit klar ersichtlich dargestellt werden soll. Das Konzept von „Sprache als Macht“ wird mit der Bedeutung von wirklichem Erlernen der Muttersprache in Einklang gebracht. Hierzu dienen die Ergebnisse von Mecheril und Quehl sowie von Univ.-Prof. Rudolf de Cillia.

Die Vorgehensweise wird in einer klaren Struktur dargestellt. Im erste Teil soll der Forschungsstand sowie gleichermaßen der theoretische Ansatz für diese Arbeit erläutert werden. Nach der Auseinandersetzung mit dem Konzept von „Sprache als Macht“ von Mecheril und Quehl (Kapitel 2.1), sowie dem „Spracherwerb in der Migration“ von de Cillia (Kapitel 2.2), sollen einzelne Beispiele von Schulen die im Bereich des muttersprachlichen Unterrichts eine Vorreiterrolle einnehmen (Kapitel 2.3), gegeben werden.

Der zweite Teil bezieht sich auf Statistiken der Statistik Austria im Auftrag des Österreichischen Integrationsfonds sowie des Bundeministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (BM:UKK). Dieser Teil soll einen Einblick in die tatsächlichen Gegebenheiten innerhalb des österreichischen Bildungssystems geben und zwar in den Bereichen Förderbedarf (Kapitel 3.1), Zahlen zu Schülern und Schülerinnen mit anderen Erstsprachen als Deutsch (Kapitel 3.2), Zahlen zu muttersprachlichen Unterricht in Österreich (Kapitel 3.3) sowie Drop-Out-Raten (Kapitel 3.4). Die Schlussfolgerung, was diese Zahlen im Kontext dieser Arbeit aussagen, findet sich im Bereich des Resultats (Kapitel 3.5), wo alle Grafiken in einen Kontext gestellt werden sollen.

Abschließend werden ergänzend zu den Zusammenhängen von Muttersprache und Drop-Out die Maßnahmen der nationalen Strategie zu frühzeitigen Bildungsabbrüchen erläutert, gewissermaßen als Ergänzung der Thematik und endgültigen Beleg zur Beantwortung der Forschungsfrage (Kapitel 4).

Die Methode in dieser Arbeit umfasst die Ausarbeitung der hier genannten und im Literaturverzeichnis aufgelisteten Forschungsliteratur und Quellen. Diese sollen in einen Diskurs mit den empirischen Daten gestellt werden. Die Daten werden in Form von Diagrammen und Tabellen dargestellt und einzeln analysiert, sowie im Resultat zusammengeführt. Die Zusammenfassung aller ausgearbeiteten Texte sowie aller ausgewerteten Daten erfolgt im Conclusio (Kapitel 5). Gefolgt von den obligatorischen Verzeichnissen.

Da dieses Thema bzw. dieser ganze Themenkomplex das geforderte Ausmaß dieser Seminararbeit überstiegen würde, wird in dieser Arbeit nur auf ein paar einzelne Aspekte eingegangen, die am effektivsten zu einer dem Ausmaß entsprechender Beantwortung der Forschungsfrage führen.

2. Die Macht der Muttersprachen

„Jede sprachliche Äußerung ist verknüpft mit sozialen Normen und mit Verhaltenserwartungen an den Einzelnen in seiner sozialen Rolle. Die soziale Rolle findet ihren Ausdruck nicht nur in äußeren Gestaltungsmerkmalen wie Kleidung oder Frisur, sondern auch in der Wahl eines ganz bestimmten sprachlichen Registers.“ (Krehut/Dirim 2010: S. 409)

Auch wenn der Mensch in seiner sozialen Rolle als Individuum gilt, so bewegt er sich vom Anfang bis zum Ende seines Lebens in einem Kollektiv. Man könnte natürlich auch von mehreren Kollektiven sprechen, angesichts religiöser, sozialer, gesellschaftlicher, kultureller und vor allem sprachlicher Unterschiede. Nach Assmann hat das Kollektiv oder auch differenzierter, jedes Kollektiv sein jeweiliges Gedächtnis. In diesem Gedächtnis speichern Informationen zu Kultur, Religion, zu Umgangsformen, gemeinsamer Geschichte, gemeinsamer Sprache. Es ist sehr tief im Kollektiv verhaftet, dass bestimmte Menschen, von bestimmten Orten eine bestimmte Sprache sprechen. Wenn nun vermeidlich Außenstehende in dieses Kollektiv dazu kommen, ändert sich auch der Wissensstand des kollektiven Gedächtnisses. Dies geschieht allerdings erst im Laufe der Zeit. In sämtlichen Aspekten geht dieser Prozess relativ schnell von statten. Allerdings im Bereich der Sprache scheint es immer wieder zu Barrieren, Unverständnis und vermehrt zu Fremdenhass zu kommen, da dass Kollektiv darauf angewiesen ist, dass mit den jeweils bekannten Codes oder viel mehr derselben Sprache kommuniziert werden. Dabei ist Sprache nicht nur ein Mittel zur Identitätsbildung, sondern auch ein Instrument mit dem man umgehen muss. Ein sehr mächtiges Instrument, wenn man diesen Aspekt, näher betrachtet.

2.1 Sprache als Macht

Sprache und Macht sowie Sprache als Macht ist in gewisser Weise als das Selber zu betrachten. Jemand der in ein Land emigriert, mit einer anderen Sprache, wird gewissermaßen dazu gedrängt sich seiner Muttersprache zu entledigen und fortan die Sprache der „aufnehmenden“ Gesellschaft, sprich dem neuen Kollektiv, zu übernehmen. Dies ist der aktuelle politische Diskurs (Mecheril, Quehl 2006: S. 355), aber auch die generelle Einstellung des Kollektivs. Der politische Diskurs ergibt sich ebenfalls aus der Annahme, der gängigen Assimilationspolitik. Sprich Migranten sollen durch Sprache möglichst schnell in das vorhandene Kollektiv integriert werden, eben auch sprachlich. Der Vorteil einer Bi- oder gar Multilingualen Gesellschaft wird kaum Beachtung geschenkt, wobei die Mehrsprachigkeit an sich, auch im Sinne von mehreren Fremdsprachen, die man beherrscht im beruflichen und wirtschaftlichen Sinn als förderlich erachtet. Dieser Aspekt geht bei der oft eingeschränkten Sichtweise der Assimilationspolitik verloren. Viel mehr herrscht eine einstimmige Meinung dazu, dass ein Kind nicht mit mehr als einer Sprache am Anfang konfrontiert werden sollte, da dies zu Überforderungen führen könnte. Die Förderung von Zweisprachigkeit hat aber eine sehr hohe Relevanz und ist durchaus förderlich und von positiver Wirkung auf alle weiteren Lernprozesse.

Mecheril und Quehl verweisen auf drei Aspekte der Verhältnisse von Sprache und Macht: Sprache ermächtigt, sie ermächtigt in unterschiedlicher Weise und das Vermögen der Sprachen. Sprache und Sprechen stehen dabei eng beieinander, wenn es um Macht oder auch Machtverhältnissen geht. Ein etwas aus dem Kontext gerissenes Beispiel wäre in der Geschichte zu finden: Es gab bisher noch keinen Führer, Diktator oder Despoten, der sich sprachlich nicht auszudrücken gewusst hätte, im Gegenteil, solche Menschen hatten einen hohen Grad an rhetorischen Fähigkeiten und ein feines Gespür für Sprachgebrauch. Auch wenn dies aus dem Kontext gerissen ist, so ermächtigt Sprache dazu sozial zu handeln, sich zu artikulieren, sich zu präsentieren aber auch sich zu verändern. Ohne dieses Vermögen wird die eigene Handlungsfähigkeit in Frage gestellt, wenn nicht überhaupt bedroht oder verunsichert. Sprache ermächtigt mit den Kontexten sprachlicher-kommunikativer Prozesse umzugehen, sie einerseits zu reproduzieren als auch zu modifizieren. Sprache verschafft dadurch eine Orientierung durch die kollektive Einbindung des gemeinschaftlichen Kontextes. Sprache vergemeinschaftet, Sprache handelt. D.h. in einem Kollektiv zu leben und sich zu bewegen, ist nicht ausreichend, erst durch Sprache wird man ein Teil des Kollektivs, ein Teil der Gemeinschaft, da man mit dieser interagieren kann. Das befähigt wiederrum zum Handeln. Man kann selbstständig in einem Kollektiv agieren, was ohne Sprache nicht möglich wäre, da das eine das andere einschließt und damit einhergeht.

Dass Sprache in unterschiedlicher Weise ermächtigt, zeigt sich durch Sprachpraxis und Sprachkompetenz. Es geht nicht nur darum, grammatisch korrekte Äußerungen zu produzieren, sondern auch die Fähigkeit, sich Gehör, aber auch Glauben und Gehorsam zu verschaffen. Zuhörer müssen der Ansicht sein, dass es der Sprecher die Aufmerksamkeit verdient. Diese Formen von Macht und Autorität finden auf allen Ebenen statt. Selbst wenn nun ein Migrant die Sprache des Kollektivs beherrscht und mit den Kontexten dementsprechend umgehen kann, kommt immer noch das veraltete Bild des Kollektivs zu tragen, wenn ein auffälliges Äußeres dazu kommt. Ein extremes Beispiel dazu: wenn ein afrikanisches Mädchen, sprich mit dunkler Hautfarbe in Österreich zum ersten Mal in eine Klasse kommt, versucht man automatisch mit ihr in einfachen Sätzen zu sprechen. Sie spricht allerdings perfekt Deutsch. Dieser Umstand hat nur entfernt etwas mit Rassismus zu tun, sondern viel mehr dass im kollektiven Gedächtnis so ein Umstand einfach noch nicht gespeichert wurde. Dies soll nun keine Relativierung sein für all jene Menschen die in diesem Kontext rassistisch agieren, aber es gibt auch einen Teil im Kollektiv, der mit solchen und ähnlichen Situationen, noch gar nicht oder sehr selten konfrontiert wurde und dementsprechend versuchen, nach Stand des kollektiven Gedächtnisses zu agieren.

Zu dem kommt schließlich noch der Aspekt der dominanten und nachrangigen Sprachen oder auch das Vermögen der Sprachen. Ja nach Kollektiv werden verschiedene Sprachen als dominant oder nachrangig betrachtet. Im Beispiel Österreich sind dominante Sprachen, nach Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch. In zwischen geht der Trend auch zu osteuropäischen Sprachen wie Russisch und Tschechisch oder Ungarisch, in manchen Fällen auch noch Mandarin. Man könnte für de europäischen Raum auch pauschal sagen, dass die UN-Sprachen die dominanten Sprachen sind, alles andere ist nachrangig angesiedelt. Oft wird aber auch einfach nur die vorherrschende Sprache in einem Land als die dominante angesehen. In gewisser Weise liegt hierbei der Handlungsbedarf bei den Schulen bzw. dem Bildungssystems selbst. Bisher gibt es noch keine Schule, die auf wahrliche Heterogenität achten würde. Genau an dieser Stelle müssen aber Veränderungen in einer wachsenden Migrationsgesellschaft erfolgen um überhaupt gewährleisten zu können, dass Sprachen als gleichwertig und vor allem auch als gleich wichtig anerkannt werden. Mecheril und Quehl verweisen hier auch eindeutig auf die vorherrschende Homogenität in den Klassen, die dem Konzept einer gut durchmischten und mehrsprachigen Gesellschaft zu wider handelt.

„Mehrsprachigkeit ist ein Faktum gegenwärtiger gesellschaftlicher Kontexte, die von transnationaler Wanderung und damit verbundenem Beitritt einer Vielzahl von Sprachen geprägt sind.“ (Mecheril, Quehl 2006: S. 375)

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Sprache notwendig ist um bestimmte Kompetenzen überhaupt anzuwenden und handeln zu können sowie sich innerhalb eines Kollektivs bewegen zu können. Aber es muss auch festgehalten werden, dass der Handlungsbedarf und die Verantwortung auf Seiten des Bildungssystems liegt, um die entstehende mehrsprachige Gesellschaft zu fördern. Die Politik ist in der Hinsicht gefragt, die Assimilationspolitik aufzugeben und neue liberale Wege zu finden, um eine förderliche Migrationspolitik zu verfolgen.

2.2 Die Bedeutung der Muttersprache

Spracherwerb in der Migration oder aber auch Erlernen einer Zweitsprache. Die Grundlage dafür ist die eigene Muttersprache. Eine Tatsache, die bis heute im österreichischen Schulsystem größtenteils ignoriert wird. Rudolf de Cillia bringt es mit vier Aussagen auf den Punkt:

„Ich will nicht, dass mein Kind Türkisch (Kroatisch, Serbisch, Bosnisch, …) etc. lernt. Es soll so schnell wie möglich Deutsch lernen. Da schadet es nur, wenn es den muttersprachlichen Unterricht auch noch besucht.“ (BM:UKK 2013c: S. 3)

„Seine Muttersprache kann das Kind ohnehin, die braucht es nicht zu lernen. Die sprechen wir ohnehin in der Familie.“ (BM:UKK 2013c: S. 3)

„Man muss den fremdsprachigen Kindern verbieten, sich untereinander in ihrer Sprache zu unterhalten. Das hindert sie am Erlernen der deutschen Sprache.“ (BM:UKK 2013c: S. 3)

„Kroatisch- (Türkisch-, Serbisch-, Bosnisch-, …)kenntnisse bringen den Kindern ja nichts, sie sollen lieber ordentlich Deutsch und Englisch lernen. Das können sie später brauchen.“ (BM:UKK 2013c: S. 3)

Aussagen, die man wohl des Öfteren bereits gehört hat, jedoch kommen diese nicht aus dem Umfeld des Bildungsministeriums, das meist keine Meinung zu der Causa hat, sondern aus dem Bereich der Eltern. Eltern von Kindern mit einer anderen Muttersprache als Deutsch, wollen keinen muttersprachlichen Unterricht, weil, wie man oben sieht, diese Sprache ohnehin zuhause spricht oder weil man der Meinung ist, dass es das Kind darin hindert Deutsch so rasch wie möglich zu erlernen. Wiederrum haben Eltern von Kindern mit Muttersprache Deutsch Hemmungen, ihre Kinder in Klassen zu wissen, wo es Schüler und Schülerinnen gibt, die eine andere Muttersprache als Deutsch haben und sich nun mal in ihrer Muttersprache, gleiche oder verwandte sei dahingestellt, unterhalten. Dieses Argument kommt sogar von Lehrern und Lehrerinnen, die es eigentlich besser wissen sollten, wie wichtig die Muttersprache für den Lernerfolg, im sprachlichen Bereich aber auch in allen anderen Fächern, ist.

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Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Im Kollektiv ist Sprache Macht
Untertitel
Eine Untersuchung zu Zusammenhängen zwischen Muttersprache, Spracherwerb und Drop-outs im österreichischen Schulsystem
Hochschule
Universität Wien  (Germanistik)
Veranstaltung
Zweisprachigkeit und Bildung
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
33
Katalognummer
V273304
ISBN (eBook)
9783656650249
ISBN (Buch)
9783656650201
Dateigröße
837 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Drop-Out-Rate, Schulsystem, Österreich, Bildung, Migration, Sprachförderung, Muttersprache
Arbeit zitieren
Daniela Ammann (Autor), 2014, Im Kollektiv ist Sprache Macht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273304

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