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Weibliche Grenzgänge

Geschlechtsspezifisches Trinkverhalten im Urteil der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Erziehungsliteratur

Title: Weibliche Grenzgänge

Seminar Paper , 2012 , 26 Pages , Grade: 5.5

Autor:in: Master of Arts UZH Roman Weber (Author)

History of Europe - Middle Ages, Early Modern Age
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Trinken und Trunkenheit sind kulturelle Merkmale, die Einblicke in gesellschaftliche Wertvorstellungen ermöglichen. In der Beurteilung des Trinkens und der Bewertung von Trunkenheit widerspiegeln sich allgemeine gesellschaftliche Normen, die Handlungsformen in zeitgenössischen Geschlechterrollen definieren. Infolgedessen werden im Umgang mit Alkohol asymmetrische Geschlechterverhältnisse und traditionelle Rollenzuschreibungen sichtbar. Wie Zeitgenossen weibliches und männliches Trinkverhalten bewerten und wahrnehmen, hängt von den tradierten geschlechtstypischen Verhaltensmustern ab. Insofern offenbaren Akzeptanz oder Ablehnung einem bestimmten Verhalten gegenüber unterschiedliche Bewertungskonzepte, die auf geschlechtsspezifischen Kategorisierungen beruhen. D.h., dass die Geschlechterrolle als Summe von Verhaltenserwartungen verstanden werden kann, die kulturell geprägt sind. Weil sich in den Beurteilungen von Trinken und Trunkenheit allgemeingültige gesellschaftliche und soziale Wertmassstäbe reflektieren, können wir, um die Worte Martins zu bemühen, durch das Prisma eines Weinglases eine Menge über gesellschaftliche Wertordnungen und Verhaltensnormen erfahren. Zeitgenössische Vorstellungen des Zusammenlebens und des sozialen Gefüges wirken demnach auf das Trinkverhalten ein, auch wenn man, wie Simmel treffend sinnierte, nur als Einzelner trinken und essen könne. In Simmels Betrachtung trennen Essen und Trinken eher, als dass sie soziale Elemente darstellten. Dennoch sind Tischsitten und Trinkrituale, Vorlieben und Schamschwellen sowie Formen des geselligen Trinkens Ausdruck sozialer Übereinkommen. Sie zeigen zudem die Angewiesenheit des Menschen auf soziale Steuerung und Anerkennung an. In der Ordnung des Trinkens spiegeln sich demnach komplexe soziale Bindungen. So gesehen handelt es sich bei der Ungleichheit beim Essen und Trinken um eine ganz spezifische Form paternalistischer Herrschaftsordnung, wie sie sich im zeitgenössischen System der Stände- und Feudalgesellschaft des Mittelalters und der Frühen Neuzeit ausbilden konnte. Blieb beispielsweise einer Ehefrau der Besuch einer Gaststätte verwehrt, hatte dies alleine mit den zeitgenössischen Moral- und Sittenauffassungen zu tun, die jedem Individuum der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaft einen bestimmten Platz und einen bestimmten Rang in der Ständepyramide zuwies. Diesbezüglich wurden die Handlungen der Frau stets mit Misstrauen verfolgt.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Fragestellung

1.2. Forschungsstand

1.3. Disposition

2. Hauptteil

2.1. Von der Natur des Körpers

2.2. Trinken und Trunkenheit in zeitgenössischer Bewertung

2.3. Weibliche Grenzgänge

2.4. Orte männlicher und weiblicher Sozialisation

3. Schlussteil

4. Bibliographie

4.1. Gedruckte Quellen

4.2. Darstellungen

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht das geschlechtsspezifische Trinkverhalten im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit sowie dessen Bewertung durch die damalige Erziehungsliteratur, um Einblicke in gesellschaftliche Normen, Geschlechterhierarchien und Identitätsbildung zu gewinnen.

  • Analyse geschlechtsspezifischer Rollenbilder im Kontext von Alkoholkonsum
  • Untersuchung von Diskursen über Mässigkeit und Sittenverfall
  • Diskursanalyse von Sprichwörtern, Traktat- und Anstandsliteratur
  • Betrachtung des Wirtshauses als Ort der Sozialisation und Konfliktzone
  • Erforschung der Verbindung zwischen Körperkonzepten und moralischer Bewertung

Auszug aus dem Buch

2.3. Weibliche Grenzgänge

Wurde einer Frau ungebührliches Benehmen vorgeworfen, forderte sie nicht nur die Autorität ihres Ehemannes heraus, sondern darüber hinaus die natürliche Ordnung der Dinge in einer patriarchalen Herrschafts- und Gesellschaftsstruktur. Das Motiv der aufwieglerischen Frau könnte einerseits dazu benutzt worden sein, die Autorität des Mannes über das Aufzeigen von Verhaltensalternativen zu untergaben. Andererseits liessen sich über das Bild Sanktionsmöglichkeiten, die das Disziplinieren des ungebührlichen Verhaltens zum Ziel hatten, konzipieren. Der Affront einer Rollenüberschreitung der trunkenen Frau greift also in gewisser Weise die festgeschriebene Identität und das bis anhin gefestigte Selbstbild des Mannes an: Die Trunkene überschreitet die klar definierten Rollengrenzen im frühneuzeitlichen Geschlechterkonzept und stört die ausbalancierte Geschlechterordnung.

Frauen, die sich dem Wein- und Bierkonsum hingaben, drangen für die zeitgenössischen Moralauffassungen demnach gleich in zwei tabuisierte Bereiche ein. Die Aufweichung der reinen Männerdomäne einerseits und das Anzeigen einer starken weiblichen Persönlichkeit andererseits, die sich im weiblichen Trinkverhalten vermeintlich zu spiegeln schienen, beklagt auch Franck: "die mann seind nit herr im hauß" und fügt an: "kain fraw keins mans mer achtet."

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Dieses Kapitel erläutert die kulturelle Bedeutung von Trinken und Trunkenheit als Spiegelbild gesellschaftlicher Normen und Geschlechterrollen.

2. Hauptteil: Dieser Teil analysiert die geschlechtsspezifische Bewertung des Alkoholkonsums, ausgehend von antiken Körperkonzepten bis hin zur symbolischen Bedeutung des Wirtshauses als Ort der Sozialisation.

3. Schlussteil: Das Fazit fasst zusammen, wie das Trinken dazu diente, Geschlechterhierarchien zu festigen und abweichendes weibliches Verhalten als Gefährdung der sozialen Ordnung zu markieren.

4. Bibliographie: Dieses Kapitel listet die verwendeten gedruckten Quellentexte sowie die wissenschaftlichen Darstellungen auf.

Schlüsselwörter

Trinkverhalten, Trunkenheit, Geschlechterrollen, Spätmittelalter, Frühe Neuzeit, Erziehungsliteratur, Wirtshaus, Mässigkeitsdiskurs, Sozialisation, Patriarchat, Sprichwörter, Anstandsliteratur, Geschlechterhierarchie, Alkoholkonsum, Sittenlehre

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht das Trinkverhalten von Männern und Frauen im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit und wie dieses durch die zeitgenössische Literatur bewertet wurde.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themen sind die geschlechtsspezifische Konstruktion von Identität, soziale Normen bezüglich des Alkoholkonsums und die Rolle des Wirtshauses.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch die Bewertung des Trinkens gesellschaftliche Geschlechterordnungen und paternalistische Strukturen aufrechterhalten wurden.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt primär die Diskursanalyse, um Werthorizonte in Traktat- und Anstandsliteratur sowie in Sprichwörtern zu untersuchen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden körperliche Konzepte (Humoralpathologie), die zeitgenössische Bewertung der Trunkenheit, spezifisch weibliche Grenzgänge und die Sozialisationsfunktion des Wirtshauses detailliert analysiert.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zu den wichtigsten Begriffen gehören Trunkenheit, Geschlechterrollen, Sozialisation, Wirtshaus und Mässigkeitsdiskurs.

Wie wurde weibliche Trunkenheit in der Erziehungsliteratur gedeutet?

Weibliche Trunkenheit wurde als gefährlicher Affront gegen die patriarchale Ordnung und als Ausdruck moralischer Verkommenheit oder sexueller Zügellosigkeit stigmatisiert.

Warum spielt das Wirtshaus eine so wichtige Rolle in der Analyse?

Das Wirtshaus fungierte als zentrale Institution der männlichen Identitätsbildung und Sozialisation, während es für Frauen als verrufener Ort galt, der bei Besuch moralische Risiken barg.

Welche Rolle spielten die antiken Humoraltheorien bei der Bewertung der Frau?

Die Humoralpathologie diente dazu, die Frau als von Natur aus "kalt und feucht" und damit als schwächer und unbeständiger einzustufen, was ihre Unterordnung unter den Mann medizinisch begründete.

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Details

Title
Weibliche Grenzgänge
Subtitle
Geschlechtsspezifisches Trinkverhalten im Urteil der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Erziehungsliteratur
College
University of Zurich  (Philosophische Fakultät Historisches Seminar)
Course
Forschungsseminar Geschichte des Mittelalters: Kulturgeschichte der Ernährung im Mittelalter
Grade
5.5
Author
Master of Arts UZH Roman Weber (Author)
Publication Year
2012
Pages
26
Catalog Number
V273628
ISBN (eBook)
9783656658368
ISBN (Book)
9783656658337
Language
German
Tags
Gender Queer Feminismus Misogynie Frauenfeindlichkeit Mittelalter Frühe Neuzeit Spätmittelalter Phallus Patriarchat Sex Gewalt ebrietas Trunkenheit Alkohol Essen Trinken Sünde Masslosigkeit Christentum Teufel 666 Kirche Frauen Frau Geschlecht Rollen Todsünde Frevel Verhalten Konsum Geschichte
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Master of Arts UZH Roman Weber (Author), 2012, Weibliche Grenzgänge, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273628
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